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Ausgabe:

1909 Nr. 4

Spalte:

109-110

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Murko, M.

Titel/Untertitel:

Geschichte der älteren südslawischen Litteraturen 1909

Rezensent:

Bonwetsch, Gottlieb Nathanael

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109

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 4.

110

Menfch im Sinne von Menfchheit brauchte (S. 88); auch
ovvaqzsia fteht nicht im Gegenfatz zur Einheit, fondern
zur Vermifchung (S. 90), und von der ,Perfon' der Gottheit
oder der Menfchheit redet er fo, daß er fagt: die
Menfchheit ift die Perfon der Gottheit und die Gottheit
ift die Perfon der Menfchheit (S. 94f.). Das Subjekt der
Gottheit und der Menfchheit ift dasielbe, aber eineFleifch-
werdung, die eine menfchliche ovoia aufhebt, ift keine
wirkliche (S. 96 f.).

Auf eine Verwertung der 52 Reden, die Batiffol 1900

ziehen können. Es handelt fich in diefer Literatur wefent-
lich um von Byzanz Entlehntes, haben doch die Slawen
überhaupt ihre ,Kultur von Byzanz übernommen und in
diefes Erbe nur wenig Neues und Beachtenswertes hineingetragen
' (S. 110). Sie holten fich dabei ,nur Stücke
einer ausfchheßlich kirchlichen, fpeziell mönchifchen Bildung
' (ebd.). Dennoch war es bedeutungsvoll, daß die
Südflawen fo frühzeitig umfangreiche Aufzeichnungen in
ihrer Sprache erhielten, wenngleich es vornehmlich
Überfetzungen waren, und die kirchenflawifche Sprache

(Revue biblique IX) dem Neftorius zuzuweifen gefucht j fpäter zu einem Hemmnis der Entwicklung wurde,
hat, verzichtet B. Aber er reproduziert (S. 105 ff.) den M. fchildert zunächft die Begründung der kirchen-

Gedankengang einer Rede über das Hohepneftertum J flawifchen Literatur durch das Brüderpaar Cyrill und
Chrifti. die durch ficher dem Neftorius angehörende Be- j Methodius (die Vita Cyrills ift er geneigt dem Letzteren
ftandteile fich als deffen Eigentum bewährt. An der | zuzufchreiben), gedenkt dann der älteften literarifchen
Hand des ,Bazars' entwickelt er die Bedeutung, welche I Denkmäler der Slovenen (die fog. Freifinger Denkmäler,
die wirkliche Menfchheit Chrifti und ihre Unterfcheidung I in lateinifcher Schrift) und charakterfiert hierauf die alt-
von feiner Gottheit für Neftorius dadurch hat, daß fo j kirchenflawifche Literatur bei den Bulgaren. Sie umfaßt
Chriftus durch Bewährung feines Gehorfams und Über- j weit überwiegend Theologifches, doch auch Chroniken
Windung des Satans die Verfchuldung des Menfchen und den Phyfiologus, fowie Profadichtungen z. B. den
aufhebt und die Erlöfung wirkt. Dazu ward Gott j Alexanderroman und Barlaam undjoafaph; zur bogumi-
in einem Menfchen inkarniert und machte deffen Perfon i lifchen Literatur gehören vermutlich auch die zahlreichen
zu feiner eigenen (S. 131). B. möchte diefe Schrift Überfetzungen apokrypher Schriften,
des Neftorius Anfelms Cur Deus homo an die Seite ; Im zweiten bulgarifchen Reich (1186—1396) trat die
ftellen (S. 138). Entfprechend der Chriftologie des Netto- größte geiftige Blüte erft in der Zeit politifchen Niederaus
gehaltet fich deffen Abendmahlslehre. Der Leib gangs ein. Die Vertreter des Hefychasmus find die
des Gottesfohnes ift nicht Eins mit dem Gott Logos, und literarifch hervorragendften Männer Bulgariens in diefer
das Brot wird nicht der Leib Chrifti durch einen Wechfel i Periode, Schüler des Begründers des Hefychasmus, Gre-
der ovoia. j gorios Sinaites: fo Theodofij, deffen Schüler Euthymij,

Nur als ein Opfer des Mißverftandenwerdens kann ■ feit etwa 1375 Patriarch von Trnovo, der bedeutendfte
daher B. den Neftorius bezeichnen. Es handelte fich Schriftffeller der mittelbulgarifchen Zeit ift. Die litera-
für diefen — vgl. S. 149 ff. die Wiedergabe von deffen : rifche Führung ging aber jetzt auf Serbien über, das
Darlegungen im ,Bazar' — um die wirkliche Annahme ! feit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die politifche
einer vollftändigen Menfchennatur, fo daß der Gottmenfch Vormacht unter den Balkanflawen bildete; auch hier blieb
leidensfahig wird feiner Menfchheit nach. ,1 say . ., that der byzantinifche Einfluß der herrfchende, und beftanden
two natures werc unitcd. When 1 mcntion ,God thc Word'', Beziehungen zu dem das Hefychaftentum pflegenden
tliis is in regard 0/ nature, but when I speak of Hirn as 1 Athos. Es handelt fleh übrigens jetzt meift um Über-
,Son', tlds is in regard of the person: but Be is one a?id tragungen aus dem Altkirchenflawifchen. Bedeutfam ift
the samc God the Word . . . For the natures remain i die Überfetzung byzantinifcher Rechtsbücher; ganz fehlt
witkout confasion even m the Union. And the natures are > es nicht an, namentlich hiftorifchen, Originalleiftungen.
not witkout person (fo B. für persons), nor was the person Bosnien hat eigene literarifche Denkmäler nicht hinter-
without ousia' (S. 167). Charakteriftifch ift für Neftorius I laffen; dagegen erlebte die kirchenflawifche Literatur im
die Unterfcheidung der Subftanzen der Gottheit und ' 13. bis 15. Jahrhundert eine Blütezeit bei jenen Kroaten,
Menfchheit mit verfchiedenen Eigenfchaften. Hypoftafe die 1248 die Anerkennung ihrer von Anbeginn hier heftig
ift ihm Subftanz. Er lehnt daher ab eine hypoftatifche ; umftrittenen flawifchen Liturgie, nach römifchem Ritus,
Union in dem Sinn, daß aus zwei gemifchten ovoiai eine j erlangten. Unter der Türkenherrfchaft wandten fich am
dritte geworden fei (S. 172 f.). Der Hineintragung von ftärkften die Bogumilen, im übrigen befonders der bos-
Heidnifchem in das Chriftentum durch die gegnerifche nifche Adel dem Islam zu. Die hervorragendften geiftigen
Lehre will er wehren: that Ckristianity may not confess, Kräfte wanderten jetzt aus, vornehmlich nach den Donau-
afterthemannerof Aeat&en ungodiiness, eitker äny ckange of aber auch nach Rußland, wo fie der

God or any change of man (5.196), . . so that Christ may be ' ruffifchen Literatur neue Bahnen wiefen. Auch die Buch-
confessed tobe in truth and in nature God and man, being by , druckertätigkeit, die fchon 1483 begonnen, geht 1566 zu
nature immortal and impassible as God, and mortal and I Ende. Dagegen ift die Türkenzeit das epifche Zeitalter
passible by nature as man — not God in botli natures, der Südflawen.

nor again man in both natures. Anmerkungen und eine Orientierung über die wich-

Das Mitgeteilte dürfte genügen, um B.s Schrift als i tigften bibliographifchen Hilfsmittel hat der Verf. am
höchft wertvollen Beitrag zur Kenntnis des Neftorius er- Schluß angefügt. Die erfteren wünfehte ich bei einer
kennen zu laffen. — In einem Appendix gibt B. eine Er- neuen Auflage etwas erweitert, namentlich durch Angaben
läuterung der den griechifchen Worten ovoia, qjvOiq,, ' darüber, ob und wie die erwähnten Literaturdenkmäler
jtgöocojiop und vjiöoraOiQ entfprechenden (ynichen termim. | veröffentlicht find. Dem Verf. wäre bei feiner Beherr-
Göttingen N Bonwetfch. fchung des Gebietes eine folche Ergänzung ein Leichtes,

_ den Lefern, die doch nicht bloß Fachleute find, aber

damit ein großer Dienft erwiefen. — Sehr anzuerkennen
Murko, Prof. Dr. M., Gelchichte der älteren [üdtlawifchen ift das unbefangene Urteil des Verfaffers in Fragen, wo
Litteraturen. (Die Litteraturen des Oftens in Einzeldar- for,d nationale oder konfeffionelle Vorurteile leicht den
Heilungen. Fünfter Band.) Leipzig, C. F. Amelangs Bück trüben. - Seite 67 Z 13 muß es heißen: ,gegen
Verlag 1908. (X, 248 S.) gr. 8« M. 5 -; geb. M. 6- de" Anfan§ des 3- [™cht: des ^ Jahrhunderts'.

Der ,Gefchichte der älteren füdflawifchen Literaturen'
gebührt auch ein Platz in der ,Theologifchen Literaturzeitung
', denn bei dem vorwiegend theologifchen Charakter
jener Literaturen wird gerade die kirchengefchichtliche
Forfchung Gewinn aus diefer Darfteilung ihrer Gefchichte

Göttingen. Bonwetfch.