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Ausgabe:

1909 Nr. 4

Spalte:

101-102

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tobac, Edouard

Titel/Untertitel:

Le Problème de la Justification dans Saint Paul. Étude de Théologie biblique 1909

Rezensent:

Lobstein, Paul

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IOI

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 4.

102

heitsliebende Arbeit wie diejenige Sandays im heutigen
England eine wichtige Miffion, wäre es auch nur die
der Vorbereitung und langfamen Überleitung zu einem
fchärferen und von der Überlieferung freieren kritifchen
Denken. Für die mit diefem Buch gegebene reichhaltige,
verftändnisvolle und vornehme Vermittlung deutfcher
Evangelienarbeit an die englifchen Lefer kann er jedenfalls
unfrer warmen Anerkennung ficher fein.

Bafel. Wer nie.

Tobac, Prof. Lic. Edouard, Le Probleme de la Juftification

dans Saint Paul. Etüde de Theologie biblique. (Uni-
versitas catholica Lovaniensis Dissertationes ad gra-
dum doctoris in facultate theologica consequendum
conscriptae. Serie II, tomus tertius.) Lovanii, J. van
Linthout 1908. (XXIII, 276 p.) gr. 8° fr. 5 —

Diefe mit dem Imprimatur desErzb'tfchofs vonMecheln
verfehene, der katholifchen Univerfität von Loewen vorgelegte
Unterfuchung zerfällt, nach einem einleitenden
Kapitel über das Problem der Rechtfertigung bei den
Juden und Judenchriften (S. 1—28), in zwei Hauptteile.
Der erfte handelt von der Sünde (S. 29—114), der zweite
gilt der Rechtfertigung (S. 115—261).

Im erften Teil unterfucht Tobac den paulinifchen
Begriff der Sünde, ihrWefen, ihr Verhältnis zu den über-
irdifchen Mächten und zum Gefetz, ihre F'olgen, endlich
die Ohnmacht des natürlichen Menfchen unter der Herrfchaft
der Sünde. Im zweiten Teile behandelt er die
göttliche Gerechtigkeit, das Heilswerk Chrifti, die durch
diefesWerk erzielten Wirkungen, die Mittel zur Aneignung
der durch den Tod und die Auferflehung Chrifti bewirkten
Erlöfung.

T.s Schrift zeichnet fich durch Gründlichkeit der
Unterfuchung und Klarheit der Darfteilung in hohem
Mal.le aus. Die Lektüre des Buches wird dadurch wefent-
lich erleichtert, daß der Verf. im Texte den von ihm in
Angriff genommenen Gegenftand allfeitig beleuchtet und
zufammenhängend entwickelt; in den zahlreichen und gehaltvollen
Anmerkungen fetzt er fich mit den verfchie-
denen Erklärungsverfuchen auseinander. Die am Anfang
angeführten 173 Schriften, umfangreichere Werke oder
Dilfertationen, find nicht einfach Paradeftücke; vielmehr
verdient die reiche Belefenheit, zumal auch die genaue
Kenntnis der proteftantifchen Arbeiten, die bei T. zu
finden ift, alle Anerkennung. Er verlieht es vorzüglich,
über den Stand der zur Diskuffion flehenden Fragen zu
orientieren, die wichtigften Probleme in ihre Elemente
zu zerlegen, auf dem von ihm bebauten Felde nach allen
Seiten Ümfchau zu halten.

Sein Beftreben geht vor allem dahin, den Nachweis
zu führen, daß das Syftem des Paulus keine Widerfprüche
in fich fchließt, fondern ein vollkommen einheitliches und
harmonifches Ganze bildet. ,Nous rejetons ce ptijugi
eleve a la hauteur d'uit axiomc par ccrtains thcolo-
giens, d^apris lequel il n'y anrait pas d'unite organtquc
dans la pensee de Vapbtre1 (XI. S. 260—261). Wie er
gegen die Annahme eines Dualismus des jüdifchen und
des helleniftifchen Faktors in der Lehre von der Sünde
polemifiert, fo weift er die Unterfcheidung einer juridi-
fchen und einer myftifchen Strömung in der Auffaffung
vom Werke Chrifti zurück. In diefem Kampfe gegen
die modernen Löfungsverfuche und Hypothefen findet
T. unter den proteftantifchen Erklärern eine Reihe hervorragender
Bundesgenoffen, deren Hilfe er dankbar annimmt
und gefchickt verwertet. Indeffcn ift für den
gläubigen Katholiken in letzter Inftanz doch nicht der
Spruch der Wiffenfchaft. fondern eine für ihn höhere
Autorität Ausfchlag gebend. Über aller exegetifchen
und kritifchen Arbeit fchwebt das unerbittliche Fatum
des Dekrets Lamentabili sane cxitu famt allen feinen
Vorausfetzungen und F'olgen. Den Eindruck, daß zuweilen
das Refultat fich nicht aus dem Gang der Unter-
fuchungen ergibt, fondern durch eine fremde Macht herbeigeführt
wird, beftätigen manche Auslagen des Verf.s,
unter denen eine der charakteriftifchfte die folgende fein
dürfte. Sie wird das Mißtrauen, das der proteftantifche
Lefer auch den gelehrteften und fcharffinnigften Ausführungen
des Verf.s entgegen zu bringen geneigt ift,
leicht erklären. Nous tenons a faire a propos de ces for-
mules trinitaires wie remarquc qui a sa valeur pour tous
les autres textes dogmatiqnes qne nous avons interpretis:
si la critique avec les seales ressources quc lui fournit
Vexamen du texte ne parvient pas toujours a en fixer le
sens avec certitude, eile trouvc souvent un adjuvant puis-
sant et un surcroit de lumiere dans la tradition ecclesiastique
et dans lusage qua fait de ces textes le mogistere de t
l'Eglisc. C'est ainsi qu'eclaire par la doctrine de VP.gltse,
nous admettons pleinement que S. Paul 2 Cor. 13, 13
formulk le dogme de la Sainte Trinife' (S. 165).

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Seeberg, Prof. D. Alfred, Die beiden Wege und das Apoltel-

dekret. Leipzig, A. Deichcrt Nachf. 1906. (III, 105 S.i

gr. 8° M. 2.50

Das Buch ift eine Fortfetzung der Unterfuchungen,
die S. bereits in feinen beiden Schriften: Der Katechismus
der Urchriftenheit (1903) und: Das Evangelium Chrifti
(1905) begonnen hat. Was dort über die ,Wege' in der
apoftolifchen Zeit ausgeführt wurde, wird hier vervoll-
ftändigt. Schon dort hat S. den Nachweis unternommen,
daß die ältefte Chriftenheit vom Judentum mit der Taufe
felber auch die jüdifche Tauf lehre übernommen hat, einen
Traditionsftoff, der auf atl. Grundlage, nämlich Lev. 18
und 19 zurückgeht, und der in der Form der .beiden
Wege', mit vielen Abweichungen im einzelnen, weitergegeben
und infonderheit den Katechumenen vor der
Taufe gelehrt wurde. Didache 1—6 ift ein Niederfchlag
diefes Überlieferungsftoffes. In den angeführten beiden
Schriften hat S. die Geftalt und den Inhalt der .beiden Wege'
genauer zu ermitteln gefucht und herausgefunden, daß die
Ünterfcheidung zwifchen leichten und fchweren Sünden
(Did. 3), die Haustafel (Did. 4), der Lafterkatalog (Did. 51
zur urfprünglichen Geftalt der Wege in der jüdifchen
und älteften chriftlichen Überlieferung gehört. Ift fo
der Stoff von Did. 3—5 für die älteften Wege bereits
gewonnen, fo fragt es fich, wie es mit dem Anfang
(1,2. 2,1—6) und dem Schluß (6,3) des erften Didache-teiles
fleht: flammen auch fie aus den Wegen? Hier fetzt die
Unterfuchung ein, die in den erften drei Kapiteln der
vorliegenden Schrift geführt wird.

Kap. I: Der Anfang der Wege. Charakteriftifch
für die Geftalt des Anfangs der Wege im 2. Jahrb.
ift, daß hier Sünden verboten werden, von denen
eine Reihe im Dekalog vorkommt, und daß dazu
die goldene Regel gefügt wird; weiter, daß die Ehrung
der Eltern nicht vor, fondern nach den Geboten der
zweiten Tafel genannt wird; drittens die Reihenfolge
Töten: Ehebrechen und nicht Ehebrechen: Töten. Diefe
charakteriftifchen Formen weift S. an einer Reihe von
Stellen in der Literatur des 2. Jahrh. nach und zeigt fie
weiter an einigen Stellen fchon des I. Jahrh. auf: in den
Synoptikern will er Kenntnis des Wegeanfangs finden,
ebenfo bei Paulus; infonderheit Mt. 7,13h 7,12. 5,21—48
ruhen auf einer Grundlage, in der die zwei Wege mit
der goldenen Regel und die Gebote des Dekalogs fowie
andere Gebote des Traditionsftoffs nebeneinander genannt
wurden.

Die Frage nach der Benützung der Wege in der
Bergpredigt führt hinüber zu der nach der Benützung
der Wege durch Jefus (Kap. II). Da S. bereits gezeigt
haben will, daß fchon das vorchriftliche Judentum die
Tauf lehre gekannt habe (.Evangelium Chrifti'), fo fleht
der Vertrautheit Jefu mit den .Wegen' von vornherein