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Ausgabe:

1909 Nr. 3

Spalte:

91-92

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Paulsen, Friedrich

Titel/Untertitel:

Philosophia militans. Gegen Klerikalismus und Naturalismus. Dritte und vierte durchgesehene und vermehrte Auflage 1909

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 3.

92

Erbin und als die Inhaberin der Zukunft kündigt fich
abermals die Geiftesphilofophie an.

Die intereffanteften Kapitel find die beiden letzten.
Entfprechend dem Umftand, daß das Streben nach
Wahrheit, das in Spinoza, und das Streben nach Glück,
das in Auguftin einen befonders beredten und konfe-
quenten Repräfentanten gefunden hat, gewöhnlich als
fich fordernde Gegenfätze auftreten, handeln fie, das
erfte von dem Wahrheitsproblem, das zweite von dem
Glücksproblem. Die verfchiedenen Begriffe und Auf-
faffungen der Wahrheit und des Glücks werden darge-
ftellt und beleuchtet, und fchließlich in einer geiftreichen
Wendung darauf hingedeutet, daß das Wahrheitsftreben
und das Glücksftreben fich nicht ausfchließen, fondern
in einander übergehen, fobald man mit der Geiftesphilofophie
von der Vorausfetzung ausgeht, daß das erfte
in dem Trachten nach einem zeit- und weltüberlegenen
Geiftesleben befteht.

Die Bedeutung diefes Eucken'fchen Buchs beruht
weniger auf den fyftematifchen Ausführungen als auf den
hiftorifchen Partien. Zwar fehlt es innerhalb jener nicht
an Eigenartigem, was bisher fo vom Verf. noch nicht
gefagt worden war, wie beifpielsweife die eingeftreuten
Notizen zur Erkenntnistheorie und die kerngefunden
Bemerkungen über den Eudämonismus beweifen; doch
liegt das Schwergewicht im Gefchichtlichen. Da entfaltet
der Autor die bekannte Virtuofität im Gruppieren
des Stoffs, in der Konftruktion großzügiger Bilder, in
der Eröffnung weiter Durchblicke. Freilich wird man
den gefällten Urteilen und getroffenen Wertungen nur
dann mit dem richtigen Verftändnis begegnen, wenn man
fich gegenwärtig hält, daß in der Darftellung als einer
fummarifchen das Individuelle vielfach hinter dem Ty-
pifchen zurücktritt und zurücktreten foll.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Paulfen, Friedrich, Philosophia militans. Gegen Klerikalismus
und Naturalismus. Dritte und vierte durchgefehene
und vermehrte Auflage. Berlin, Reuther & Reichard
1908. (IX, 233 S.) gr. 80 M. 2—; geb. M. 3 —

Nicht ohne Wehmut wird der Lefer diefe fchöne
Sammlung von Auffätzen des vor kurzem verftorbenen
geiftvollen Schriftftellers und Gelehrten aus der Hand
legen. Sind fie doch ganz befonders geeignet, die Vorzüge
feiner Darfteilung, die edle Harmonie feiner Per-
fönlichkeit und insbefondere die Bedeutung feines Wirkens
für die geiftigen Kämpfe unfererZeit zu vergegenwärtigen.

Die fcheinbar recht verfchiedenen Themen find in der
Ausführung durch einen gemeinfamen Gedanken zufam-
mengehalten, nämlich durch den Zweck einer Verteidigung
der modernen idealiftifchen Philofophie gegen die beiden
ihr feindfeligen Richtungen des Klerikalismus und Naturalismus
.

Der erfte Auffatz ,das jüngfte Ketzergericht über die
moderne Philofophie', hervorgerufen durch O. Willmanns
,Gefchichte des Idealismus' und zuerft in der ,deutfchen
Rundfchau'(Aug. 1898) erfchienen, kennzeichnet befonders
das engherzige und ungefchichtliche Urteil diefes Buches
über Kant als den .Prädikanten des Umfturzes von Glaube,
Sitte und Wiffenfchaft'. Auch der zweite Auffatz ,Kant,
der Philofoph des Proteftantismus' fetzt fich mit dem
Neuthomismus auseinander. Er kommt zu dem Ergebnis,
daß in Kants Stellungnahme zu den Hauptftrömungen
feiner Zeit nur in voller Klarheit zu Ende gedacht iß,
was im urfprünglichen Proteftantismus in feinen Grundtendenzenangelegt
war. Es handelt fich hauptfächlich um
drei Punkte: die Lehre von der Autonomie der Vernunft
als der felbftherrlichen Richterin in allen Fragen über wahr
und unwahr, gut und böfe, den anti-intellektualiftifchen
Verzicht auf fpekulative Metaphyfik und den Voluntarismus
, weloher Kant zum entfchiedenften Verteidiger

der Möglichkeit und Notwendigkeit eines praktifchen
Vernunftglaubens macht. Es ift Paulfens ,innerfte Überzeugung
, daß alles dies im wefentlichen (mit einigen Ein-
fchränkungen bezüglich des zweiten Punktes) für uns
unaufgebbare Wahrheit ift' (S. 51). Zwei Nachfchriften zu
dem Auffatz berühren den Fall Schell und fetzen fich
mit von Noftitz-Rinecks S. J. Gegenbemerkungen in den
,Stimmen aus Maria-Laach' (Jahrgang 1899) auseinander.
Die dritte Abhandlung ,Katholizismus und Wiffenfchaft'
(zuerft in den ,deutfchen Stimmen'Septbr. 1899 erfchienen)
befpricht die Schrift von Hertlings ,das Prinzip des Katholizismus
und die Wiffenfchaft' und vertritt allen folchen
Vermittlungsverfuchen gegenüber die Anficht, daß zwi-
fchen dem Prinzip der freien Forfchung und dem Prinzip
der abfoluten Lehrautorität eine unüberbrückbare Kluft
befteht. . . ,die Sache fleht auf entweder — oder. Wer den
Ruhm der Unfehlbarkeit und der alleinfeligmachenden
Lehre haben will, kann nicht zugleich den Ruhm der
Wiffenfchaft und der freien Forfchung haben' (S. 97). Aus
der folgenden, bisher nicht gedruckten (gefchrieben im
Januar 1908), befonders lefenswerten Abhandlung ,der
Modernismus und die Enzyklika Pius X. vom 8. Septbr.
1907', welche den religiöfen, den wiffenfchaftlichen, den
nationalen und politifchen Motiven des Modernismus
nachgeht, fei unter anderem auf Paulfens Meinung hin-
gewiefen, die profkribierten ,Moderniften' follten nicht
mit ihrem Austritt aus der Kirche antworten, fondern
ruhig darin bleiben und fortarbeiten, um innerhalb der-
felben als ein Sauerteig zu wirken (S. 117). Es folgen
noch: ein Gedenkblatt zu Füchtes Atheismusftreit: ,Füchte
im Kampf um die Freiheit des Denkens' (zuerft in der
deutfchen Rundfchau April 1899 erfchienen), das über
Fichtes Gottesbegriff fehr beachtenswerte Ausführungen
und am Schluß Göthes Äußerungen zum Atheismusftreit
bringt; dann eine Abhandlung gegen Haeckel: ,Ernft
Haeckel als Philofoph' (zuerft in den ,Preußifchen Jahrbüchern
' Juli 19CO erfchienen), die durch gerechte Würdigung
des Naturforfchers und fchlagende, oft fein
ironifche Abfertigung des Philofophen Haeckel fich auszeichnet
. Die beiden letzten Auffätze ,Häckels Welt-
rätfel als Volksbuch' (aus den Preußifchen Jahrbüchern,
Mai 1903), und die .Entdeckung des Menfchen im 19. Jahrhundert
' (anknüpfend an W. Bölfches Büchlein die .Eroberung
des Menfchen' 3. Aufl. Berlin 1903) wollen die
Richtung andeuten, in der die Selbftüberwindung der
naturaliftifchen Weltanfchauung fich vollziehen wird, —
ein würdiger Abfchluß der Auffätze, die aufs neue
zeigen, daß der Verf. wie kaum ein anderer es verftand,
Probleme der Gegenwart mit philofophifchem Geifte zu
durchleuchten.

Heidelberg. Th. Elfenhans.

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von Lic. theol. Paul Pape in Berlin
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