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Ausgabe:

1909 Nr. 3

Spalte:

85-87

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tareev, M. M.

Titel/Untertitel:

Die Grundprinzipien des Christentums. Ein System der religiösen Idee 1909

Rezensent:

Bonwetsch, Gottlieb Nathanael

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S5 Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 3. 86

lieh haltbare Kenntnis vom Wefen der katholifchen
Kirche gewonnen. Nachdem er 26 Jahre lang im Orden
gelebt und gewirkt hatte, vollzog fich innerhalb der letzten
3 Jahre die Krifis, in deren Folge er nicht bloß aus
dem Orden, fondern auch aus der Kirche gedrängt
wurde. Er felbft ift freilich weit entfernt davon, letztere
Tatfache anzuerkennen oder fich gar zu den Proteftan-
ten zu rechnen. Er ift und bleibt Katholik (S. 187: nicht
20 Päpfte und nicht IOO Exkommunikationen follen es
ihm verwehren), freilich in einem Sinne, zu welchem
der im Kardinal Mercier bekämpfte Medievalismus den
reinen Gegenfatz bildet. Damit ift der Inhalt des den
Faftenbrief Satz für Satz kommentierenden Buches gegeben
. Es find, von Einleitung und Schluß (englifcher
und franzöfifcher Text des Briefes) abgefehen, 21 Betrachtungen
, die in allgemein verftändlicher, lichtvoller
und trotz zahlreicher Wiederholungen feffelnder, vom Eindruck
der ehrlichfter Überzeugung begleiteter Sprache
die Kluft fchildern, die fich zwifchen mittelalterlichem
und modernem Denken auch auf dem Gebiete der Religion
aufgetan hat. Wirklichkeitsfinn und ein demokra-
fcher Zug charakterifieren hier die Neuzeit. Demunge-
achtet begreift man, wie Loify den Verfaffer zu den
Myftikern, fchwerer wie Laberthonniere ihn zu den Scho-
laftikern rechnen konnte. Immer wieder betont er den
Unterfchied von urfprünglich empfundener und von reflexionsmäßig
vermittelter Religiofität, gleich dem Unterfchied
von Offenbarung und Theologie. Jene fällt für
ihn wefentlich zufammen mit der religiöfen Erfahrung,
die er aber als Katholik nicht im Sinne des Subjektivismus
gefaßt haben will; diefe verfügt nur über wech-
felnde und ihr letztes Ziel niemals ganz erreichende
Verbuche, einen unendlichen Inhalt in Begriffsnetze
menfehlichen Denkens zu faffen; übernatürliche Meta-
phyfik gibt es nicht, dafür aber naturüberlegenes Leben.

Baden. H. Holtzmann.

TapteBX, npojieccojn.M. M., Ochobi.i xpiieriaiiCTna. Ciictcmii
pejinrio3noH KUCIS (M. M. Tareev, Die Grundprinzipien
des Chriftentums. Ein Syftem der religiöfen Idee).
Vier Bände: Chriftus, Evangelium, die chriftliche Welt-
anfehauung, die chriftliche Freiheit. Zweite (von Bd.
III dritte) Auflage. Sergiev Posad 1908. (369, 367,
319 u. 422 S.) gr. 8° R. 8.25

In vier Bänden: Chriftus, Evangelium, die chriftliche
Weltanfchauung, die chriftliche Freiheit, hat Tareev feine
zunächft vereinzelt erfchienenen Auffätze zufammengefaßt,
da fie das Eine Syftem der religiöfen Idee darzulegen
fuchen. Er hat dabei Wiederholungen und alles
Schulmäßige und Nebenfächliche ausgefchieden, fo daß
diefe Sammlung nur das für die Darfteilung des religiöfen
Gedankens Wefentliche bieten foll. Sein perfönliches
Verftändnis des Chriftentums will er hier entwickeln, vorführen
, was nach feiner Überzeugung der kirchlichen
Formel zugrunde liegt, was zugleich den Inhalt feines
perfönlichen religiöfen Lebens bildet.

Die Erniedrigung Chrifti und eine Philofophie der
evangelifchen Gefchichte bildet den Inhalt des erften
Bandes. Von der Selbfterniedrigung Chrifti geht T. aus.
Nur fcheinbar die fchlichte evangelifche Wahrheit verdeckend
, hat die Chriftologie der Kirchenväter in Wirklichkeit
vielmehr die Bedeutung, zum lebendigen Chriftus
zu führen. Dies zu zeigen, gibt T. zunächft eine Dar-
ftellungder Chriftologie der Väter bis auf Johannes Damas-
cenus: die der erften drei Jahrhunderte, dann die des
4- Jahrhunderts, hierauf die Cyrills von Alexandrien im Gegenfatz
zu der Theodors von Mopsvefte, die Theodorets,
des Briefs Leos, des Sophronius von Jerufalem, des Briefs
Agathos und des Johannes von Damaskus, — alles unter
dem Gefichtspunkt, daß das Wefen der Perfon Chrifti
fleh erfchließt in feiner Selbfterniedrigung und Entäußerung
, feiner willigen Untergebung unter die Gefetze
und Bedingungen des menfehlichen Lebens. Sodann fucht
er an der evangelifchen Gefchichte zu zeigen, wie in
Chrifto das göttliche Leben offenbar geworden. Drei
Perioden unterfcheidet er dabei in dem öffentlichen
Wirken Chrifti: das angenehme Jahr des Herrn, die Krifis
und drittens die Verftockung der Juden und die fonderliche
Unterweifung der Jünger. An der gefchichtlichen Per-
fönlichkeit Jefu will fomit T. das Verftändnis der kirchlichen
Chriftologie gewinnen und bewähren. — Der Band
,Evangelium' fchildert zunächft die altteftamentlichen
Grundlagen des Evangeliums (Monotheismus, Bund
Jehovahs mit Israel, Prieftertum, Theokratie, Prophetie),
dann das gefetzliche Judentum: die Propheten hatten das
Leben verfittlicht und den äußerlichen Ritualismus bekämpft
, aber doch die entfeheidende Richtung nicht
geändert, daher aus der Wirkfamkeit der Propheten die
gefetzliche Disziplin erwuchs. Hierauf entwickelt T. die
neuteftamentliche Lehre vom Vater im Himmel, von der
geiftlichen Gerechtigkeit, dem ewigen Leben, dem Erlöfer
und dem Reich Gottes. Was dies Letztere anlangt, fo
fieht T. — ich gehe hier beifpielsweife auf feine Ausführungen
näher ein — es mit feinem König gegeben
und in feinem Wefen durch ihn beftimmt. Zunächft nur
eine Form, was T. betont, empfängt es fein charakteri-
ftifches Wefen durch den fonftigen Inhalt der evangelifchen
Predigt: Gotteskindfchaft, Gerechtigkeit, ewiges Leben
(S. 336). Es ift das Reich des himmlifchen Vaters, die
Zugehörigkeit zu ihm ift bedingt durch das Tun des
Willens Gottes, indem es fucht, wer nach Gerechtigkeit
trachtet; es ift daher nicht Gegenftand paffiver phantafie-
voller Betrachtung, fondern aktiver Entfcheidung für die
Gerechtigkeit. Aber wie Aufgabe, fo ift es auch göttliche
Gabe, das Heilsgut des ewigen Lebens, das der
himmlifche Vater den Seinen gibt, in menfehlichen Schranken
die Erfahrung der göttlichen Abfolutheit: Chrifti
Wunder das Symbol feiner geiftlichen Güter, konzentriert
im heiligen Geift, der das göttliche Leben zu eigen fchenkt.
Auch ein kirchliches Element gehört zum Reiche Gottes
(S. 343 ff.). Der Gedanke der Kirche entfpricht tatfächlich
der altteftamentlichen Vorftellung vom Reiche Gottes,
aber doch nur im Sinne einer Analogie, und er hat in
der evangelifchen Lehre fekundäre Bedeutung. Sie ift
die geiftliche Gemeinfchaft der an den himmlifchen Vater
Glaubenden. Daher eignet das neuteftamentliche Heilsgut
der wiedergeborenen Perfönlichkeit, die Kirche ift
die naturnotwendige Vereinigung der Glaubenden zur
Gemeinfchaft. Charakteriflifch find für fie Univerfalität
und der Geift des Dienftes und der Sanftmut.

Unter dem Titel ,Die chriftliche Weltanfchauung' gibt
T. im 3. Band zunächft eine Kritik des Eudämonismus,
der Lehren von Nietzfche, Tolftoj, Solovjev. Alsdann
behandelt er die Fragen nach dem Lebensziel und über
unverfchuldetes Leiden, die natürliche Entwicklung in
Kultur und Zivilifation. Hierauf fchildert er das geiftliche
Leben, Chrifti Bedeutung dafür, fpricht über Buße, Gebet,
Fallen, Torheit um Chrifti willen, Liebe, Glaube, Hoffnung,
ferner über die Kirche, über Natur und Welt, fchließlich
über die Auferftehung der Toten, die Seligkeit, das
himmlifche Reich. So hat er das Ziel des Lebens
darzulegen geflieht, — wie es gewollt ift im Schöpferwillen
Gottes, wie es kulminiert in der geiftlichen Vollkommenheit
und in den eschatologifchen Erwartungen.
Darauf (S. 157«".) entwickelt er, auf welche Weife dies
Ziel erftrebt wurde in der vorchriftlichen Welt, wie es
in Chriftus verwirklicht ward und vor allem in der Gefchichte
der Verfuchung Jefu als einem speeimen totius
Status exinanitionis vors Auge tritt. Denn wie die Perfon
Chrifti den Mittelpunkt der Gefchichte bildet, fo zeigt
fleh das Wefen der evangelifchen Gefchichte in der Verfuchung
Chrifti und von ihr fällt ein Licht auf die Ge-
fchicke der Menfchheit und die an diefe herangetretenen
,religiöfen' Verfuchungen. In der ungefchwächten Energie