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Ausgabe:

1909 Nr. 3

Spalte:

84-85

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tyrrell, George

Titel/Untertitel:

Medievalism. A reply to Cardinal Mercier 1909

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 3.

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im praktifchen lebenskräftig nachwirkten'. Aber dem
Biographen wäre etwas fchärfere Kritik da und dort
zu wünfchen. Die Gefahr, welche in Dätrius' Anfchau-
ung lag, daß das Heil der Zukunft vom Sieg der Fürften-
macht abhänge, die von den Helmftedtern ausgehende
Uberfchätzung des landesfürftlichen Epifkopats müßte
fchärfer gezeichnet fein.

Der Überblick über die kirchlichen und fittlichen
Zuftände in den lutherifchen Gemeinden Niederfachfens
im Reformationsjahrhundert', den Julius Bauer auf Grund
der Vifitationsakten und Kirchenordnungen gibt, ift fehr
dankenswert. Aber es wäre gut gewefen, wenn er auf
den Zufammenhang der niederfächfifchen mit den früheren
Kirchenordnungen und der Zuftände des 16. Jahrhunderts
mit den früheren mehr Rückficht genommen hätte. Die
Forderung der Tauf- und Trauregifter durch die Kalenberger
Kirchenordnung weift auf Einfluß der Branden-
burg-Nürnbergifchen K.-O. Das Urteil über die katholi-
fche Kirche S. 58 u. wäre viel beftimmter geworden,
wenn er die Stellung des M.A. zu den Frauenhäufern
und die Verkommenheit der Geiftlichen und des Volks
fchärfer hervorgehoben hätte. Vgl. z. B. Württb. Kirchen-
gefchichte (Stuttgart und Calw 1893) S. 218, 227 ff. Über
die Berufung von Handwerkern zum Pfarramt S. 32 läßt
fleh erft dann billig urteilen, wenn man nicht nur den
Theologenmangel, fondern den mannigfach nachweisbaren
Bildungsgrad folcher Leute, z. B. des Sattlers Jofr
Keßler, eines Wittenberger Studenten, Verfaffers der
überaus wertvollen Sabbata und fpäteren Leiters der
S. Galler Landeskirche, aber auch die Forderungen des
Papfttums an die Qualifikation eines Pfarrers berückfich-
tigt. Gregor XI. fordert 1371 vom Pfarrer von Laichingen
,bene legere et bene construere ac bene cantare et congrue
loqui latinis verbis'. Rieder, Monumenta Vaticana histo-
riam episcopatus Constanticnsis illustrantia (Innsbruck 1908)
S. 532. Vgl. Württb. K.G. S. 214. Die ultramontanen
Nachfchreiber Janffens hätten ficher kein folches Ge-
fchrei über dieWittenberger Ordinationen und Vokationen
erhoben, wenn fie ihre eigene Kirche beffer gekannt
hätten. Ein flarkes Mißverftändnis ift es, wenn S. 69
getagt ift: ,Hier und da fcheint die Unfitte geherrfcht
zu haben, die Wiederaufnahme (Ausgefchloffener) in die
Kirche mit einem Gelage zu feiern', und dafür der Ab-
fchied von Hardegfen 1542 angeführt wird: ,Soll das
Saufen und ander Unkoft, fo neben dem außbaden bisher
gefchehen, . . . ganz und gar verboten fein'. Bauer
erklärt hier ,ausbaden' mit .abbüßen', und allerdings wird
es im Sinn von ,auseffen' gebraucht, aber in den Zufammenhang
(Kayfer, die ref. Kirchenvifitationen in den
welfifchen Landen S. 284) paßt diefe Bedeutung nicht.
Gemeint ift die Sitte, die Badekur mit Schmäufen und
Gaftereien abzufchließen, die fogar arme Bürgerföhne
nachahmten. Vgl. Henifch, Thesaurus S. 170: Er hat
auß gebadet, er ift fertig von kuchen und keller, ,pro-
terviam fecit, ,everti fortunis'. Hartmann, Wildbadberichte
aus fechs Jahrhunderten S. 25 ff. Ernft,
Briefwechfel des Herzogs Chriftoph IV., Nr. 171, n. 2.
Nr. 323, n. 5.

Heidkämper gibt einen frifch gefchriebenen, gehaltvollen
Überblick über die Schaumburg-Lippifche
Kirchengefchichte vom dreißigjährigen Krieg bis zur
Gegenwart, aus dem die Abfchnitte über Jofua Stegmann
und den Einflnß der Univerfität Rinteln, die Zeit
des Pietismus mit dem Schwaben Eberh. Dav. Hauber
und der Gräfin Johanna Sophie aus dem Haufe Hohenlohe
Langenburg, die Wirkfamkeit Herders in Bückeburg
, aber auch das fcharfe Urteil über den Rationaliften
Froriep S. 113 hervorzuheben find. Die Form ,Altarleute
' für Älterleute, Olderleute S. 35. 85 beruht auf
einem Mißverftändnis. Vgl. S. 183, 188, 204. Das kirchliche
Amt ift eine Nachbildung des weltlichen der
Ältermänner. — Die .Mitteilungen zur Reformation des
Klofters EbftorP von Sup. D. Kayfer zeigen die

Hoffnungen der Altgläubigen infolge der ungünftigen
Wendung des Schmalkaldifchen Kriegs und geben er-
wünfehte Nachrichten über die Ereigniffe in Nieder-
fachfen. — Senator Dr. Engelke zeigt am Beifpiel von
Diepholz, die Schwierigkeiten, mit denen die Gründung
und das Wachstum des Schulwefens zu ringen hatten.
Zum Rechenunterricht vgl. S. 160, 179, 213, zur Einfuhrung
hochdeutfeher ftatt plattdeutfcher Sprache und
Schulbücher S. 150, 161. Bei dem ungünftigen Bericht
über den einftigen Propft zu Triefenftein, Joh. Val. Ben-
kard, der 1711 —1743 Paftor in Eimbeck war, aus
einer katholifchen Chronik von 1784 ift wohl zu beachten,
daß die Rache der Kirche an Konvertiten leicht fich in
Verdächtigungen und Schmähungen äußerte, wofür ja
Luther felbft ein typifches Beifpiel ift. Hier könnten
nur unparteiifche Gerichtsakten gehört werden. Der
Mann, der 32 Jahre im evangelifchen Pfarramt ftand,
kann nicht der in jener Chronik gezeichnete fchlechte
Kerl fein. — Auf die weiteren kleineren Arbeiten näher
einzugehen, fehlt Zeit und Raum. Es fei nur auf die
Preife für eine Orgel S. 183, für eine Turmuhr mit doppeltem
Schlagwerk und Mondphafen, S. 188 u. S. 244,
und für Glocken S. 192, auf den Verfuch des Propfts
von Zütphen, die Reformation in Oftfriesland zu hindern,
und die zwei zum Erfatz von Gynderich und Untermark
dorthin gefandfen Theologen hingewiefen. Sehr der Beachtung
wert ift die im Regifter überfehene kleine Arbeit
von W. v. Iffendorf über die ,Entwicklung des politi-
fchen Armenwefens in der Gemeinde Krummendeich'
von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis heute, die von
der Inftruktion des Paftors Stahl (1756—1787) für den
Armenvogt ausgeht und die allmähliche Hebung des
Armenwefens nachweift. Das einft dicht befetzte Armenhaus
hat jetzt nur noch wenige Infaffen, die teilweife
noch etwas für ihren Unterhalt leiften. Ein Beifpiel für
die Unhaltbarkeit der Verelendungstheorie der Sozialdemokratie
, die Hebung des Wohlftands und die Wohltat
der Alters-, Invaliden- und Unfallverficherung Die kleine
Arbeit follte auch von der Tagespreffe dankbar begrüßt
und ihren Lefern kurz mitgeteilt werden. Dann und
wann wäre eine Erklärung plattdeutfcher Ausdrücke, wie
z. B. S. 142 Z. 5 hoichfehrepfen, erwünfeht.

Stuttgart. G. Boffert.

Tyrrell, George, Medievalism. A reply to Cardinal Mer-
cier. London, Longmans, Green & Co. 1908. (VIII,
210 p.). 8° s. 4 —

Im Anfchluß an das im Jahrgang 1907 diefer
Zeitfchrift (Sp. 20 f. 695 f.) über die bisherigen Veröffentlichungen
des Führers der englifchen Reformkatholiken
Gefagte fei hier auf deffen neuefte Kundgebung auf-
merkfam gemacht, die veranlaßt war durch einen zu
Anfang des Jahres erfchienenen Faftenbrief des Kardinals
Erzbifchofs Mercier von Mecheln. Bisher bekannt als
ein verhältnismäßig fortfehrittlich gefinnter Theolog, der
in Löwen den Fühlung mit der Wiffenfchaft fuchenden
Neuthomismus gefördert hatte, fah fich diefer Kirchen-
fürft infolge der päpftlichen Mobilmachung des Epi-
fkopates gegen den Modernismus in der Lage, feinem
Diözefanklerus einen Begriff vom Wefen diefer neueften
Ketzerei zu geben, obwohl diefelbe, wie wir hier hören
und gern glauben, in Belgien bisher nur dem Namen
nach bekannt geworden war. Tyrrell war darin als ein
Seitenftück zu dem ,Apoftaten Döllinger' und zugleich
als eine Art Prachtexemplar von Modernismus gekennzeichnet
, deffen Abfall vom Glauben fchon durch feine
proteftantifche Geburt vorbereitet gewefen fei. In der
Tat erfahren wir hier, daß diefer in einem eminenten
[ Grade ernfthaft zu nehmende Menfch fchon vom 15. Jahre
an fich mit religiöfen Fragen abgegeben hat, um mit
18 Jahren Katholik und fchon ein Jahr darauf gleich
Jefuit zu werden; erft als folcher habe er eine gefchicht-