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Ausgabe:

1909 Nr. 2

Spalte:

57-59

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baur, Chr.

Titel/Untertitel:

S. Jean Chrysostome et ses Oeuvres dans l‘Histoire littéraire. Essai présenté à l‘occasion du XVe centenaire de Saint Jean Chrysostome 1909

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 2.



nicht erfchöpft. Von der eingehenden Heranziehung
platonifchen Schrifttums war fchon oben die Rede. Pf.
nimmt ftarke direkte Beeinfluffung des Redners durch die |
platonifche Gedankenwelt an, ftellt aber dabei den ftoifchen j
Einfchlag m. E. zu fehr zurück, rechnet auch viel zu wenig
mit der Wahrfcheinlichkeit der indirekten Benutzung
klaffifchen Schrifttums. Übrigens hat er auf diefeui
Wege manches Material zum Heikel'fchen Apparat
herbeifchaffen können. Auch der Text profitiert einmal
davon: die Konjektur Wendland's zu Orat. 168,11 (jcgovota i
Matt jtQOvoia) wird durch Tim. 53D gefichert. Von In-
tereffe ift der Nachweis, daß auch Heikel noch die In-
ftitutionen Laktanzens zu fehr als Quelle herangezogen
habe; befonders der Hinweis aufTheophilus von Antiochien
(S. 75 f.) verdient Beachtung. Ob Pf. feinerfeits nicht in
der Abfchwächung jener Thefe zu weit geht? Auch die
Benutzung von de mortibus zieht er S. 77 in Zweifel;
m. E. ohne genügenden Grund. Der fibyllinifchen Überlieferung
hat Pf. befondere Aufmerkfamkeit gefchenkt,
auch noch nach Abfchluß feiner Arbeit (f. den Nachtrag
S. H2ff., der mehrere Ergänzungen bringt). Auch von
hier aus gewinnt der Text: denn Pf.s Verbefferung des
Orat. 186,13 zitierten Verfes durch: ei&e uc yrjQaXtov j
öiaowon vrjövfioq loxvg ift einleuchtend. Gar nicht ein- I
verilanden bin ich mit dem Verfuch einer Dispofition der
Rede nach 5 Teilen. Will man überhaupt .Teile' finden,
fo eignet fich dazu — abgefehen von dem Abfchnitt nach
der Einleitung (vor Kap. 3) — wohl nur die Paufe vor
Kap. 16. Pf. überfchätzt die Bedeutung des von ihm als
Thema der Rede hervorgehobenen Satzes 154,12: xööpoq
<pv6tcoq ?) xcträ cpvoiv ^orf), den er mit: ,In der Ordnung
der Natur befteht das Leben nach der Natur' fchwerlich
richtig — umgekehrt fcheint's mir wenigftens richtiger —
überfetzt und von dem aus er die Überfchriften gewinnt: !
1) die erfte Ordnung durch den Weltordner; 2) die erfte
Unordnung durch die Menfchen; 3) die Wiederherftellung
der Ordnung durch Chriftus; 4) das Wirken der Propheten
und die Vorherfagung Chrifti durch die Heiden (hier
vertagt natürlich die Dispofition); 5) der neuen Unordnung
begegnet Konftantin durch eine dritte(?) Ordnung. Für
feine Hauptthefe ift es vollends nicht günftig, wenn er
die Sache felbft fo darftellen muß, daß jener theoretifche
Satz licher nicht von Konftantin flammt, fondern vom
Griechen. Gar nicht einverftanden bin ich endlich mit
der frühen Datierung der Predigt. Sie ift gewiß nicht
vornicänifch.

Gießen. G. Krüger.

Baur, Dr. Dom Chr., O. S. B., S. Jean Chrysostome et ses
Oeuvres dans l'Histoire litteraire. Essai presente a l'occa-
sion du XVe centenaire de Saint Jean Chrysostome.
(Universite de Louvain. Recueil de Travaux publies
par les membres des Conferences d'histoire et de phi-
lologie. i8e fascicule.) Louvain, Bureaux du Recueil.
— Paris, A. Fontemoing 1907. (XII, 312 p.) gr. 8° fr. 5 —

Wenn man dies Buch als Zeugnis eines unermüdlichen
Sammeleifers anfleht, fo wird man ihm feine Bewunderung
nicht vertagen können. Es ift in der Tat
ftaunenswert, mit welchem Fleiße die Bibliotheken und
Kataloge durchforfcht worden find nach den Ausgaben
von Schriften des Chryfoftomus und nach den Arbeiten
über ihn. Einen fo vollftändigen Katalog befaßen wir
bisher noch nicht, und es ift gewiß richtig, daß er als
befonderes Buch erfcheint und nicht, wie es urfprünglich
gedacht war, als Einleitung zu einer deutfchen Biographie
des Chryfoftomus; denn an diefer Stelle wäre er ficher
nicht genügend beachtet worden.

Aber nicht bloß die Ausgaben der Schriften des
Chryfoftomus und die Arbeiten über ihn verzeichnet diefes
Buch. Es wird in einem erften Teile gezeigt, welche
Rolle Chryfoftomus als Autorität für den Glauben und

als Exeget in der griechifchen Kirche gefpielt hat. Mit
großer Sorgfalt ift hier gefammelt, was über den Gebrauch
feiner Schriften auf den Konzilien bekannt ift. Daran
reiht fich ein Abfchnitt über ihre große Verbreitung, wie
fie noch jetzt fich an den Sammlungen griechifcher Manu-
fkripte erfehen läßt. Die Manufkripte werden nicht einzeln
aufgezählt; es werden aber intereffante Angaben
allgemeinerer Art gemacht. In den 65—70 Bibliotheken,
deren Kataloge der Verfaffer durchmuftert hat, befinden
fich nicht weniger als 1917 Chryfoftomushandfchriften, die
älter find als das 16. Jahrhundert. Die meiften diefer
Handfchriften enthalten nichts anderes als Werke des
Chryfoftomus. Allerdings flammt nur eine einzige diefer
Handfchriften aus dem 8-/9. Jh.; 20 aus dem 9., 115 aus
dem 10. Jahrhundert ufw. Der Kommentar zur Genefis ift
in 180, der zum Matthäusevangelium in 174 Handfchriften
erhalten. Der Verfaffer vergißt nicht darauf hinzuweifen,
daß es keinen griechifchen Autor gibt, deffen Schriften
häufiger abgefchrieben wurden. Man möchte wünfchen,
daß es anders wäre. Auch der Katenen, Florilegien und
der Apokryphen wird mit einem Worte gedacht.

Der dritte Abfchnitt ift überfchrieben: S. Chrysostome
dans 1'Historiographie grecque. Der Verfaffer unterfchei-
det: Sources d. h. Originalberichte, wie der Dialog des
Palladius, Travaux litteraires, wie die Biographie des
Symeon Metaphraftes, Chroniqueurs, Panegyristes, Poesies.
Hier finden fich auch alphabetifch geordnete Initienver-
zeichniffe der Biographien und Lobreden. Ein erfter
Anhang fammelt die Notizen über das Nachleben des
Chryfoftomus in den übrigen orientalifchen Kirchen, ein
zweiter unterfucht die Frage, wann der Beiname aufgekommen
ift, mit dem Refultate, daß er erft im 8. Jahrhundert
zu allgemeiner Aufnahme gelangte.

Analog zu diefem erflen Hauptteile handelt der
zweite Hauptteil von dem Nachleben des Chryfoftomus
in der lateinifchen Kirche, über die Überfetzungen feiner
Werke, über ihre Handfchriften, über den Gebrauch, den
man von ihnen im Mittelalter machte, über die Notizen,
die fich über den Autor bei den Gefchichtsfchreibern
finden, über den liturgifchen Kult des Heiligen in der
abendländifchen Kirche.

Hierauf folgt der Grundftock des Buches: 5. Chrysostome
dans les temps modernes. Nach den guten kri-
tifchen Bemerkungen über den Wert der drei großen
Gefamtausgaben (Savile, Fronton du Duc, B. de Mont-
faucon) werden die Kataloge der Ausgaben und Überfetzungen
gedruckt, chronologifch geordnet; die Ausgaben
ohne Jahr flehen voran; die bibliographifchen Angaben
find möglichft genau; wo ich fie kontrolliert habe, habe
ich fie im ganzen forgfältig gefunden. Der Katalog der
griechifchen oder griechifch-lateinifchen Ausgaben (vom
Jahre 1514 bis 1906) umfaßt 367 Nummern, der der lateinifchen
(vom Jahre 1466 bis 1896) 297, der der deutfchen
Überfetzungen (vom Jahre 1509 bis 1890) 46, der der
englifchen (vom Jahre 1542 bis 1889/90) 50, der der fran-
zöfifchen (vom Jahre 1542 bis 1887) 94, der der italienifchen
(vom Jahre 1523 bis 1874) 46 ufw. Es find auch die
andern Überfetzungen, man kann wohl mit gutem Ge-
wiffen fagen, fämtliche Überfetzungen verzeichnet: ara-
bifche, armenifche, koptifche, böhmifche, bulgarifche ufw.
(In dem Katalog der Kieler Univerfitätsbibliothek finde
ich die äthiopifche Überfetzung einer Homilie de nativitate
Jesu Christi, die von Chryfoftomus fein foll, notiert, herausgegeben
von Theodorus Petraeus, Lugduni Batavorinu
1660, und von Chr. Schlichting, Hamburg 1691; von Baur
j ift eine äthiopifche Überfetzung nicht aufgeführt.) Baur
: fagt felbft, daß in feinem Katalog wahrfcheinlich noch
I ,une bonne centaine d'editions1 fehle; das glaube ich auch;
1 denn felbft unfere nicht befonders gut verfehene Univerfitätsbibliothek
ermöglicht Nachträge (lat.-griech. Ausgabe
des Erasmus, Antwerpen in aedibus I. Steelsii 1536; eine
| andere griech.-deutfche Ausgabe Jena 1725 u. a.). Warum
I hat er denn, der doch fo viele Bibliotheken befucht hat,