Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1909 Nr. 2

Spalte:

54-55

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Feder, Alfred Leonhard

Titel/Untertitel:

Justins des Märtyrers Lehre von Jesus Christus, dem Messias und dem menschgewordenen Sohne Gottes 1909

Rezensent:

Knopf, Rudolf

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

53

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 2.

54

daß aber der Proteftantismus ,peut bien pretendrc a etre
une Ideologie moderne, mais il n'a en son essence rien de
commun avec lEglise naissante' — darf man das gefchicht-
liche Urteil entgegenfttzen: der Katholizismus vom J.
250, um vom Katholizismus des Jahres 1908 zu fchweigen,
hat mit dem Urchnftentum eine Reihe von Elementen
gemeinfam, die dem Proteftantismus fämtlich fehlen; aber
diefe Elemente haben in dem Katholizismus allmählich
einen ganz anderen Wert, Spielraum und Ordnung erhalten
, als fie fie einft befaßen, und fie haben das eigentliche
Wefen der Frömmigkeit und das Leben der Religion
fo modifiziert, que le catliolicisme Romain peut bien prc-
tendre a etre un Jital antique avec une Ideologie antique,
mais il y a en son essence peu de commun avec la religion
chreiienne naissante. Dennoch möchte ich den proteftan-
tifchen Kirchenhiftorikern dringend empfehlen, an dem
Werke nicht vorüber zu gehen, fondern es aufs gründ-
lichfte zu ftudieren, aus ihm zu lernen, was zu lernen ift,
und Blatt für Blatt die Stellen nachzuweifen, wo Batiffol
die kleinen Brechungen in der Entwicklungslinie
überfehen hat. Es ift z. B. nicht fchwer und zugleich
fehr wichtig, nachzuweifen, daß bereits im erften
Clemensbrief ein recht großes Stück römifchen Katholizismus
fleckt; aber es ift mindeftens ebenfo wichtig,
ans Licht zu ftellen, worin fich das Chriftentum, wie es
Clemens vorausfetzt und zeichnet, von dem Katholizismus
des Cyprian noch unterfcheidet. Die Kluft ift eine faft
unermeßliche, und doch erfährt man von Batiffol nichts
davon, während er die Übereinftimmung fo pünktlich nachweift
. Die Augen diefes Forfchers, der Mut und Ehrlichkeit
reichlich bewährt hat, find eben ,gehalten', fo daß
er nicht fieht, was zu fehen ift. Wünfcht er uns, daß
uns das gefchichtliche Studium ,das Heimweh nach der
Einheit und die Intuition des wahren Glaubens' bringen
möge, fo dürfen wir ihm mit mehr Recht und vielleicht
mit mehr Hoffnung wünfchen, daß er die Nuancen zu fehen
und die Differentiale zu bemerken und zu fummieren lerne.

Die Unterfuchungen des Verfaffers verlaufen z. T.
in der Form eines Zwiegefpräches mit mir, da ich ihm
in vielen Betrachtungen näher flehe als die meiften pro-
teftantifchen Hiftoriker, in anderen wiederum befonders
unbequem bin. Für die Würdigung meiner Ausführungen
bin ich ihm dankbar und brauche nicht erft zu ver-
fprechen, daß ich alles Einzelne prüfen werde. Lebhaft
bedaure ich, daß die neue Auflage meines Lehrbuchs
der Dogmengefchichte bereits im Druck ift, fo daß ich
mich dort nicht mehr mit ihm auseinanderzufetzen vermag.

Berlin. A. Harnack.

Grützmacher, Prof. Dr. Georg, Der Sieg des Chriltentums
über die Welt der Antike. Berlin, Trowitzfch & Sohn
1908. (44 S.) gr. 8° M. — 70

Diefe, dem Andenken des verstorbenen Großherzogs
Friedrich I. von Baden gewidmeten 2 Vorträge find gehalten
worden im Febr. 1907 in Karlsruhe vor der
großherzoglichen Familie. Sie geben in der fchlichten
und anfprechenden Form, die wir an dem Verfaffer gewohnt
find, einen lehrreichen und, foweit es für folche populäre
Arbeiten möglich ift, wohl auch vollfländigen Überblick
über die Kräfte, die dem Chriftentum zum Siege verhalfen
, und über den äußeren Verlauf diefes Sieges. Dabei
wird keineswegs verkannt, daß die alte Kirche ein Erzeugnis
der antiken Welt ift, und daß das Chriftentum auf
feinem Wege, fich als Univerfalreligion durchzufetzen
oder diefe Religion zu werden, öfter in Gefahr geftanden
hat, von konkurrierenden Tendenzen erftickt zu werden,
und daß die Kirche nur fiegen konnte, indem fie an
einigen Punkten Kompromiffe fchloß. Doch ,der Glaube,
der durch Chriftus in Gott lebt, erklärt im letzten Grund
den Sieg des Chriftentums über die Antike'.

Kiel. G. Ficker.

eder, Alfred Leonhard, S.J., Jultins des Märtyrers Lehre
von JelllS Chriftus, dem Meffias und dem menfchge-
wordenen Sohne Gottes. Freiburg i. B., Herder 1906.
(XIV, 303 S.) gr. 8" M. 8 —

Die Frage nach dem Chriftentum Juftin's, nach dem
Verhältnis der griechifch-philofophifchen und der chrift-
lichen Elemente in feiner Frömmigkeit und Weltanfchau-
ung ift ein fchon oft behandeltes Problem. Proteftanten
und Katholiken haben fich um feine Löfung bemüht.
Daß auch katholifche Gelehrte dem Chriftentum Juftin's
fehr kritifch gegenüber flehen können, beweifen New-
man's, Funk's und vor allen Leblanc's (Annales de Philosophie
chretienne 3. serie, t. 4, 191 ff.) Urteile über den
Märtyrerphilofophen. Einen Ausfchnitt aus dem Problem
, aber den wichtigften, behandelt die vorliegende
Monographie. Die Quellen, die F. feiner Darfteilung
zugrunde legt, find die beiden Apologien und der Dialog
, weiter die Fragmente aus IIeqI dvaarddemg — aber
mit Vorficht, in Klammer — und die Fragmente 1—4
fowie — mit Fragezeichen — 6—12, 15—20 (ed. Otto).

Den Stoff der umfangreichen Darfteilung bringt F.
in drei Teile gegliedert. Der erfte kurze handelt von
Chriftus als Meffias (S. 44—78). F. (teilt zunächft die
Ausfagen Juftin's über Chriftus als den Stifter der neuen
Religion des Chriftentums zufammen, das einerfeits als
eine neue Philofophie, andrerfeits als die Vollendung
der uralten Profetie und Offenbarung des A. T. erfcheint.
Er fuhrt weiter die Beweife Juftin's für die Meffianität Jefu
vor: denWeisfagungsbeweis,den Wunderbeweis,dasSelbft-
zeugnis Jefu und die innere Bezeugung des Chriftentums.
Der zweite Teil (S. 79—154) (teilt die juftinifche Lehre vom
Logos-Chriftus als diefer zweiten Perfon in der Dreifaltigkeit
dar. Der Logos-Chriftus ift in fich abgefchloffene Per-
fönlichkeit, er ift wahrer Gott, vom Vater ausgegangen,
und zwar nicht von Ewigkeit her, ihm untergeordnet.
Über das Verhältnis des Sohnes zum Geifte fpekuliert
Juftin wenig, der Geift ift ihm indeffen eine befondere
göttliche Perfon und nicht identifch mit dem Sohn.
Der Logos ift der Träger der Offenbarung Gottes, der
Mittler zwifchen Gott und Welt, der Bildner der Welt.
Die Quellen der juftinifchen Logoslehre find wefentlich
biblifch: aus der Offenbarung des A. und des N. T. und
nicht aus griechifcher Philofophie oder jüdifchem Alex-
andrinismus hat Juftin feine Anfchauung vom Logos und
deffen Bedeutung gefchöpft. Von Jefus Chriftus, dem
menfchgewordenen Logos-Chriftus handelt der dritte Teil
(155—247). Jefus Chriftus ift nach Jüdin wahrer Gott
und wahrer Menfch, die menfchliche und die göttliche
Natur find in ihm vereint. Seine heilfchaffende Tätigkeit
ift die, Mittler zwifchen Gott und Menfchheit zu fein.
Er erlöft von der Sünde, befreit von den Sündenftrafen,
er ift, auf die pofitive Seite des Erlöfungswerkes gefehen,
: der Lehrer, der Heiligmacher und Hohepriefter, der Gefetzgeber
, König und Richter. Den Abfchluß des Teiles
bildet eine Zufammendellung der Angaben, die Juftin
: über das Leben Jefu (auch feine Ausfprüche) macht und
eine Unterfuchung über das chriftologifche Symbol Juftin's.
Der Stoff, den F. darbietet, ift forgfältig gefammelt
' und verarbeitet, alles Nötige ift herangezogen und an
der Vollftändigkeit des dargebotenen Materials habe ich
nichts auszufetzen gefunden. Auch für den, der viel
I von den dargebotenen Tatfachen anders auslegen wird,
' behält das Buch einen großen Wert als Materialien-
fammlung. Die gefamten chriftologifchen Ausfagen Juftin's
findet man hier bequem zufammengeftellt. Und dafür
gebürt dem Verf. warmer Dank.

Nicht zuftimmen aber werden mit mir viele der vorgetragenen
Deutung des Stoffes. Zwar finden fich in
dem Buche weite Strecken, wo das Tatfachenmaterial
richtig gedeutet ift. Aber von Einzelheiten abgefehen
kann ich im Hinblick auf das Ganze zwei große Einwände
nicht verhehlen. Der eine ift der: F. verfucht Juftin wo-