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Ausgabe:

1909 Nr. 26

Spalte:

715-717

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Staab, Karl

Titel/Untertitel:

Die Lehre von der stellvertretenden Genugtuung Christi 1909

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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715 Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 26. 716

anlaßt werden, eine Form zu fchaffen, die den von ihnen
fchon gekannten und verftandenen Offenbarungsgehalt in
einer abfchließenden und dauernden Gefcalt aufnimmt
(88—89. 94). Diefe ganze Beweisführung bewegt fich in
Bahnen, die uns aus der alten Orthodoxie zur Genüge
bekannt find: an Stelle des dem wirklichen Charakter
und dem Selbftzeugnis der neuteftamentlichen Verfaffer
entlehnten Bildes, werden aus der Betrachtung des göttlichen
,Zweckes', aus den , Forderungen des religiöfen
Providenzglaubens' (100—101) apriorifche Beftimmungen
gewonnen, welche ,die Haltbarkeit des Kanonbegriffs' in
unwiderleglicher Weife begründen follen. Die Kette von
Poftulaten, die Gr. in gefchickter Weife zufammenfügt,
wird aber durch den einfachen Tatbeftand gefprengt, daß
fein Infpirationsbegriff etwas toto coelo von dem verfchie-
denes ift, was Paulus oder auch der johanneifche Chriftus
von dem Infpiriertfein ausfagen. Daran ändert auch der
Hinweis auf 1 Joh. 1,1 oder 1 Petrus 1, 10 (95. 99) nicht
das geringfte.

Das letzte Kapitel der Schrift Gr.s (104—132) befpricht
zwei ,Probleme in der modernen Theologie'. Nach einer
wichtigen uud lehrreichen Orientierung über die Schriften
für und wider die Forderung einer modern-pofitiven
Theologie, bemüht fich Gr. um eine .Inhaltsbeftimmung
des Modernen', und erörtert dann das ,Verhältnis von j
theologifchem und religiöfem Erkennen'. In letzterer
Beziehung vertritt Gr. den Satz: ,es gibt kein religiöfes j
Erkennen, mag es auch noch fo praktifch und fubjektiv !
bedingt fein, das nicht Anlage und Antriebe zum theore-
tifchen Erkennen in fich fchlöffe, und zwar zum theore-
tifchen Erkennen überhaupt und fpeziell zu dem der
Theologie' (129). Der in diefer Allgemeinheit gehaltene
Ausfpruch ift wohl nicht anfechtbar; es kommt nur auf
die Durchführung und Begründung desfelben an, in die
der Verf. leider nicht eingetreten ift.

Trotz der geäußerten Ausstellungen ift Gr.s Schrift
ein intereffanter Beitrag zur .modern positiven Theologie'.
Ob diefelbe die Verheißungen verwirklichen wird, mit
welchen fie auftritt, wird eine wahrfcheinlich nicht fehr
ferne Zukunft entfcheiden.

Straßburg i. E. P. Lobstein.

Staab, Affift. D. Karl, Die Lehre von der stellvertretenden

Genugtuung Chrilti hiftorifch-kritifch dargestellt. Paderborn
, F. Schönings! 1908. (XII, 286 S.) gr. 8° M. 5.40

Der Verf. hat fich die Aufgabe gefleht, ,die Lehre
von der ftellvertretenden Genugtuung Christi darzulegen
in ihrem übernatürlichen Urfprung und ihrem homogenen .
Ausbau in der katholifchen Kirche mit befonderer Berücksichtigung
ihrer modernen Gegner' (S. V). Zuerft
wendet er fich gegen die Anficht, daß das chriftliche
Erlöfungsdogma aus antik-heidnifchen Elmpfindungen und
Vorstellungen, Sühn- und Opfergebräuchen herstamme.
Ein Überblick über die Vorstellungen von Sühne und
Erlöfung bei den Indogermanen, Hamiten und Semiten
(ausgen. das Volk Israel) führt zu dem Ergebnis, daß in
der antiken heidnifchen Welt die Sühne vor allem Aufhebung
des kosmifchen Übels, der gestörten kosmifchen
Harmonie bezweckt. Wenn fich dabei doch auch ein
gewiffes Bewußtfein von ethifcher Schuld und Sühnebedürftigkeit
zeige, befonders bei den blutigen Sühnopfern
mit stellvertretender Bedeutung, fo könne diefes
Bewußtfein doch nicht als fpezififch heidnifch gelten. Es
fei eine getrübte Ahnung großer Wahrheiten, .getragen
von uralter heiliger Überlieferung und von der rückwirkenden
Gnade der Erlöfung' (S. 27). Das positive Urteil,
daß die chriftliche Erlöfungslehre ihren Urfprung aus
göttlicher Offenbarung herleite, begründet der Verf. zunächst
mit Bezug auf das AT. Gegenüber A. Ritfehl
führt er aus, daß die blutigen Opfer des AT.s immer
den Sinn einer ftellvertretenden Sühne hatten und daß
das Blut bei ihnen als fymbolifche Vertretung des Lebens

galt. Da nach dem Zeugnis des Hebräerbriefes der alt-
teftamentliche Opferkult einen typifchen Charakter hatte,
fo laffe fich fchon aus diefer Tatfache der Schluß ziehen:
,wenn dem Typus die Idee der Stellvertretung und Genugtuung
zugrunde liegt, fo kann dem Antitypus diefe
Idee nicht fremd fein' (S. 71). Damit aber hierüber kein
Zweifel bestehe, habe auch die Verbalprophetie im Alten
Bunde in unzweideutigen Ausdrücken in Jef. 53 erklärt,
was die blutigen Opfer realprophetifch verkündigen.

Was die neuteftamentliche Offenbarung anlangt, fo
wendet fich der Verf. gegen die Anficht folcher Männer
wie O. Pfleiderer, H. Holtzmann und A. Loify, daß erst
Paulus, und zwar in Anknüpfung an rabbinifch-jüdifche
Spekulation, die Sühnopfervorstellung in das Evangelium
gebracht habe. In Wirklichkeit habe Jefus felbft den
Sühnopfergedanken ausgefprochen, weil er feine Hauptaufgabe
in der Verhöhnung der Menfchen mit Gott durch
feinen Opfertod fah. Paulus und die übrigen neuteftamentlichen
Männer haben die Gedanken Jefu nur näher erläutert
. Das NT. gebe zwar keine eigentliche Erlöfungs-
theorie, wohl aber alle Elemente und Gedanken, worauf
fich die fpäteren Erlöfungstheorien aufbauten, befonders
ausgeprägt gerade die zwei Momente der Sühne und
der mittlerifchen Stellvertretung. Bei der Befprechung
der patrittifchen Entwicklung der Lehre fucht der Verf.
Harnack gegenüber darzutun, daß nach konstanter theo-
logifcher Tradition fowohl bei den griechifchen wie bei
den lateinifchen Vätern die Erlöfung der Welt durch den
Kreuzestod Christi vollbracht fei, der unter dem Gesichtspunkte
der Substitution und des Sühnopfers betrachtet
werde. Sodann stellt er die Anfelmifche Satisfaktionstheorie
dar und verteidigt fie gegen die proteftantifch-
rationaliftifche Kritik, befonders gegen diejenige Harnacks.
Freilich findet auch der Verf. felbft an der Anfelmifchen
Theorie noch gewiffe Mängel, erftens infofern, als bei
ihr nicht die Konvenienz, fondern die Notwendigkeit der
Erlöfung durch stellvertretende Genugtuung behauptet
werde, und zweitens infofern, als es nach ihr zur Zuwendung
des Erlöferverdienftes Christi an die einzelnen
Menfchen noch eines befonderen neuen Willensaktes der
Güte Gottes bedürfe, während auf die durch die Sakramente
vermittelte Inkorporierung der Christen in
Christus und die hierdurch vermittelte Zuwendung der
Erlöfungsgnade hingewiefen fein müßte. In diefen beiden
Beziehungen habe Thomas von Aquino die Anfelmifche
Theorie verbeffert und ergänzt.

Luther habe diefe der Offenbarung und der Vernunft
gleich entfprechende Lehre wieder entstellt, erftens dadurch
, daß er in einer der Vernunft und dem sittlichen
Empfinden widerfprechenden Weife das Leiden Christi
bloß als stellvertretendes Strafleiden zur Befriedigung
des göttlichen Zornes aufgefaßt habe, zweitens dadurch,
daß er aus diefem Strafleiden Christi eine .Heilsgewißheit'
für alle Gläubigen ableite. Das von Luther proklamierte
Prinzip des religiöfen Subjektivismus habe dann im Protestantismus
weiterhin zu einer Zerstörung diefes Zentraldogmas
des Christentums geführt. Zuerst im Socinianis-
mus, dann im älteren und modernen Rationalismus, fpeziell
bei Kant, Schleiermacher, O. Pfleiderer, A. Ritfehl und
in der Ritfchlfchen Schule zeige fich dies, ,1m Ritfchlianis-
mus, der maßgebenden Richtung der proteftantifchen
Theologie der Gegenwart, haben wir den prinzipiellen
Bruch mit dem Christentum. Es ift ein Christentum ohne
Christus, ein Christentum ohne Erlöfer, das Harnack bietet
in feinem „Wefen des Christentums". Es ift eine radikale
Leugnung aller Heilstatfachen' (S. 255f.). Während diefer
Rationalismus aber wenigstens noch den Schein des Christlichen
auch in der Erlöfungslehre zu wahren fuche, vollziehe
der Hauptvertreter des modernen Monismus E. von
Hartmann den völligen bewußten Bruch mit dem Zentraldogma
des Chriftentums. Seine Lehre von der Auto-
foterie wolle ein moderner Erfatzverfuch für diefes chriftliche
Dogma fein. Ebenfo unhaltbar wie diefes Unter-