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Ausgabe:

1909

Spalte:

712-715

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grützmacher, Richard H.

Titel/Untertitel:

Studien zur systematischen Theologie. Drittes Heft: Eigenart und Probleme der positiven Theologie 1909

Rezensent:

Lobstein, Paul

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7"

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 26.

712

habe'. Mit fichtlicher Anteilnahme und innerer Wärme
arbeitet K. die edle Perfönlichkeit des Würzburger Theologen
heraus; gut find auch die Gegner charakterifiert,
Bifchof Schlör, .lediglich der Gefchobene', Dr. Braun und
Commer, die ,Hyänentheologen', Schells äußere Unterwerfung
, — kein Widerruf— wird richtig erklärt und ethifch
gewürdigt als ,Rückficht auf die Gemeinfchaft und Ge-
famtheit feiner Kirche'. An Schell ichließt fich Ehrhard,
Jofeph Müller (von dem es fehr richtig heißt [S. 66]: ,er
war nach feinem Wiffen und feinem Willen zu einem
Unterführer recht wohl gefchickt, er wollte aber Führer
fein, dafür waren feine Schwächen zu groß'), Sickenberger
(den ich gerne genauer charakterifiert gefehen hätte, denn
fein Reformverfuch ift dogmatifch fehr intereffant und
wertvoll; vgl. meine Anzeige in der .Chriftlichen Welt'
1907) und die liberale katholifche Preffe. Mit dem
richtigen Satze: ,Hier erft liegt eigentlich vor, was Pius X
Modernismus nennt', wird dann S. 74 ff- die Schilderung
der franzöfifchen Bewegung eröffnet, die Immanenzphilo-
fophie von Blondel-Laberthonniere und die Kritik Loifys
,des franzöfifch-katholifchen Wellhaufen und auch fran-
zöfifch-katholifchen Harnack' (S. 114) natürlich befonders
eingehend behandelnd. Es folgt der Modernismus in
Italien, England und den fonftigen Ländern, ein wenig
knapp, namentlich die Bewegung in Italien kommt zu J
kurz weg, Kübel hätte die reizvollen Stimmungsbilder
von Maria Seil in der ,Chriftlichen Welt' ausnutzen follen.
Nun fetzt ,der Kampf Pius' X gegen die Moderniften' ein,
gipfelnd in der von K. vortrefflich charakterifierten
Enzyklika. Ihre Disziplinarmaßregeln bedeuten, ,daß der j
Papft dem überlieferten katholifchen Chriftentum nicht I
mehr die Kraft zutraut, fich durch das Zeugnis feines I
Geiftes zu behaupten und den Modernismus wiffenfehaft-
lich zu widerlegen' (S. 175 f.). Die Reaktionen der Moderniften
gegen die Papftgewalt bis herunter zum Fall !
Wahrmund (von dem es fehr richtig heißt: ,er erhebt
fich wenig über Gemeinplätze und verfucht gar nicht,
demWefen der katholifchen Kirche gerecht zu werden1 ,
S. 194) befchließen den hiftorifchen Teil. Eine fyfle- !
matilche Betrachtung über ,die Zukunft des Modernismus
' fchließt das Buch. Hier weift K. treffend darauf
hin, wie die Lehre von der päpftlichen Unfehlbarkeit
dank ihrer Unficherheit die Antimoderniftenenzyklika nicht j
dogmatifiert, infolgedeffen, fo gewiß ,für den Augenblick
die Frage belanglos ift, ob die Enzyklika eine
Kathedralentfcheidung gefällt hat oder nicht' (S. 212) ein j
allmähliches Beifeitefchieben der Enzyklika möglich ift.
Wir Proteftanten erhoffen es. ,Der deutfehe Proteftan-
tismus hat kein Intereffe an der geiftigen Verelendung I
der katholifchen Kirche, .... wer die Wahrheit, wer
feine proteftantifche Kirche, wer fein Volk und Vaterland
lieb hat, kann gar nicht anders als wünfehen, daß
der Katholizismus, der uns umgibt, möglichft hoch ftehe,
den Forderungen der Ewigkeit und der Zeit nachkomme
und Gott im Geift und in der Wahrheit diene' (S. 217 ff).

Wie fchon gefagt, hat K., aus den bellen Quellen
(chöpfend (f. die .Belege' (S. 220 ff.) die Moderniltenbewegung
ausgezeichnet zu fchildern verbanden, fein Buch j
wird zur Orientierung unentbehrlich werden. Die Ent-
wicklung ift inzwifchen fortgefchritten und wird fort-
fchreiten (f. darüber Holtzmanns Anzeige des K.fchen
Buches in .Deutfche Literaturzeitung' 1909; hier nach
Nippold der überrafchende Nachweis, daß der Name j
,Modernismus' von dem holländifchen Ex-Premier Kuyper '
flammt und dann von belgifchen Jefuiten aufgegriffen
wurde), aber das nimmt dem Buche nichts an feinem i
Werte, es bleibt wichtigfter Beitrag zur neueften Kirchen-
gefchichte. Das gerechte Urteil K.s berührt allenthalben
angenehm, fehr richtig wird Leo XIII dem gegenwärtigen !
Papft gegenüber geftellt und die Tragik Pius' X in dem i
innern Konflikte zwifchen den beften Abfichten und den |
Anforderungen der Zeit erblickt. Wir werden es heute ;
wohl ausfprechen dürfen, daß die Chriftenheit unter dem

gefcheiten Rampolla als Papft beffer gefahren wäre, als
unter dem zwar frommen, aber doch einfältigen Kardinal
Sarto von Venedig, daß alfo der Proteft gegen Rampolla
verfehlt war. Nun, vielleicnt kommt feine Stunde noch!
Die erfolgte Rehabilitation durch Pius X. wäre dann die
erfte Stufe auf diefem Wege.

Einige Kleinigkeiten feien noch moniert. S. 2 fchreibt
K.: ,Aufs Ganze gefehen ift die Tragödie aus, der deutfche
Katholizismus hat feinen Nacken willig gebeugt'. Das
kann man aber doch kaum fagen, wenn ihm als folchem
eine Nackenbeugung gar nicht zugemutet wurde; denn
die Enzyklika ging, wie K. felbft betont, gegen Frankreich
hauptfächlich, für Deutfchland war fie ein Cavete!,
aber keine Nackenbeugung. Auch hinter den Satz (S. 16):
,In Deutfchland ift die katholifche Kirche während des
19. Jahrhunderts tief ins Mittelalter zurückgefunken', würde
ich in feiner Allgemeinheit ein Fragezeichen fetzen. Der
Satz: .dadurch (durch das Motu proprio vom 18. Nov. 1907)
hat der Papft fich felbft, vielleicht auch feinen Nachfolgern
jede Rückzugsmöglichkeit abgefchnitten; hinfort
nimmt das Schickfal der römifchen Kirche unerbittlich
den Lauf, den ihm die Enzyklika Pascendi aufgezwungen
hat' (S. 176) geht zu weit, ftimmt auch nicht mit K.s
Schlußhoffnung (f. o.). Den Ausdruck ,die größere ultramontane
Preffe' follte man für die .Kölnifche Volkszeitung
', auch für die .Germania' nicht gebrauchen (zu
S. 195), die beiden, namentlich die erftere, haben es wahrlich
fchwer genug, fich des Ultramontanismus zu erwehren
(vgl. meinen Artikel: Modernismus und Zentrum, in ,Chr.
Welt' 1909 Nr. 38), da wollen wir fie nicht ins feindliche
Lager treiben. Zu S. 231, Anmerkung zu S. 81, 18:
der Ablaß für Bibellektüre ift in einem Dekrete Leos XIII
vom 13. Dezember 1898 ausgefprochen, f. meinen Artikel:
Bibelverbot in: Die Religion in Gefchichte und Gegenwart I,
H70f Viel zu fagen wäre zu K.s Gegenüberftellung
proteftantifcher und katholifcher Handhabung der Lehrzucht
und den Sätzen, die ,für das Gefamtgebiet der
deutfeh-proteftantifchen Kirche' zutreffen follen, aber
ich begnüge mich mit der Bemerkung, K.s Optimismus
hier nicht teilen zu können, und glaube, daß Pfarrer
Vogl richtiger fieht, wenn er fchreibt: ,fo erlaube ich
mir denn zu vermuten, daß aus fo manchem lutherifch-
orthodoxen Hierarchen mehr der Neid als Gedankenklarheit
zu fprechen fcheint, wenn er gegen diefes Dogma
[der Unfehlbarkeit] polemifiert' (Der moderne Menfch
in Luther 1908, S. 195).

Zürich. Walther Köhler.

Grützmacher, Prof. D. Richard H., Studien zur fyftema-
tifchen Theologie. Drittes Heft: Eigenart und Probleme
der politiven Theologie. Leipzig, A. Deichert'fche Ver-
lagsbuchh. Nachf. 1909. (III, 132 S.) gr. 8° M. 2.60

Während Gr. in den zwei erften Heften feiner .Studien
zur fyftematifchen Theologie' einmal von der .Quelle und
dem Prinzip der theologifchen Ethik im chriftlichen
Charakter', zum andern von der .Forderung einer modernen
pofitiven Theologie' gehandelt hatte, fucht er in der vorliegenden
Schrift diefe modern pofitive Theologie zu
erfaffen und fie in ihrer Eigenart zu beleuchten. Er
bemüht fich, diefelbe in einen umfaffenderen Zufammen-
hang hineinzuftellen und fie dabei vor allem gegen die
liberale Theologie abzugrenzen: ,da nun innerhalb der
gegenwärtigen liberalen Theologie die Ritfchlfche und
die religionsgefchichtliche Richtung unterfchieden werden,
und es zunächft fraglich bleiben muß, ob beide überhaupt
auf einen von der pofitiven Theologie zu unterfcheiden-
den Generalnenner gebracht werden können, werden wir
meiftenteils beide Richtungen von einander getrennt zu
behandeln und das Maß ihrer öfters verfchiedenen Differenz
zur pofitiven Theologie herauszuarbeiten haben' (6).

Indem Gr. nun von der Definition der chriftlichen
Theologie als .Wiffenfchaft von der chriftlichen Religion'