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Ausgabe:

1909

Spalte:

705-710

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dalton, Hermann

Titel/Untertitel:

Lebenserinnerungen 1909

Rezensent:

Sell, Karl

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JOS

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 26.

706

Sternen gewefen fei. Das Prinzip der Anfchauung jeden- duldige Fragen von Freunden, dient wefentlich den Befalls
ift bei Herder, foweit wir bisher das Material über- [ dürfniffen feiner fchreibfeligen Feder. Daß er fich dabei,
blicken, von vornherein zweideutig: es wird unwillkürlich ! wie die Vorrede bemerkt, /verpflichtet hielt, auch den
fowohl auf Jefus wie auf Gott felbft angewandt. Schlußband in der gleichen, meinetwegen breiten aber

Die Einfeitigkeiten und Übertreibungen rächen fich nachfichtig aufgenommenen Ausführlichkeit zu veröffent-
in der Antwort, die der zweite Teil der Arbeit auf die , liehen', ift nicht recht verftändlich, ift auch ein Mißbrauch
Frage des Themas gibt. Vollrath fucht meine Vermutungen jener Nachficht. Es gibt doch keine Pflicht, wider den
durch einen fichern Satz zu überbieten: das Prinzip der guten Gefchmack zu fündigen. Schon der Titel: ,um die
Anfchauung in Herders Theologie flammt aus Zinzendorf! Tagesneige' ift ungefchickt. Dauert diefe ,Neige' doch
Schon Eck hat in dem Gießener Univerfitätsprogramm , fchon 20 Jahre und ift ausgefüllt, wie uns erzählt wird,
,Über die Herkunft des Individualitätsgedankens' 1908 1 mit jährlich 15782 Kilometer Reifen (im Durchfchnitt),
für Schleiermacher auf diefen Zufammenhang hingewiefen. 1 mit etwa 25 Gaftpredigten jährlich in halb Europa, zahl-
Vollrath findet nun bei Herder und Zinzendorf eine Menge lofen Vorträgen, zahlreichen Büchern, Abhandlungen ufw.
analoger Motive, Gedanken und Ausdrücke und betont Die dargebotenen Mitteilungen bilden auch kein gefchlof-
mit Recht, daß der herrnhutifch geftimmte Trefcho (und - fenes Ganzes mehr, fie find eine Nachlefe auf früheren
Willamovius) ihn ftärker beeinflußt hat, als man in der • Erntefeldern, Ergänzungen, Nachträge zu feinen Reife-
Regel zugeben will. Aber all das befchränkt fich durch- ! büchern, häufig auch Wiederholungen und im weiteren
aus auf die Anfchauung Jefu und beweift nicht mehr, ; feuilletoniftifche Plaudereien über perfönliche Erlebniffe
als daß Herder auf diefem Wege zu ihr gekommen fein . und freiwillig übernommene geiftliche Amtsverrichtungen,
kann! Möglich wäre doch auch, daß Herder das Prinzip Vereins- und Redaktionsarbeiten. Stets derfelbe uner-
aus andrer Quelle hat und lediglich durch Anempfindung müdliche, beneidenswert rüftige arbeitsfreudige hilfreiche
an Bibel, Lieder oder eigene Erinnerungen gedrängt wird, Mann — das muß man bekennen!

es ähnlich wie Zinzendorf anzuwenden. Daß wir vor- In diefem dritten Bande erfahren wir den eigentlichen

fichtig fein müffen, zeigt fchon die Tatfache, daß Herder Grund, warum er verhältnismäßig frühe, bei völliger
bereits in Bückeburg kurz nach den Rigaer Jahren zwar ; körperlicher und geiftiger Rüftigkeit fein ihn fo beglücken-
die Anfchauung noch weit prinzipieller als bisher in ; des Pfarramt niedergelegt hat (S. 294ff.). Es war, um es
feiner Theologie verwertet, aber zugleich außerordent- kurz zu fagen, die Furcht, in geiftlichen Reden und auch
lieh fcharfe Urteile über Zinzendorf und die herrnhuti- in der religiöfen Empfindung ftereotyp zu werden. Allen
fche Frömmigkeit ausfpricht. Er felbft ift fich jedenfalls Refpekt vor diefer rechtzeitigen Einficht! Das ift ja eine
des Zufammenhangs nicht bewußt. Wichtiger fcheint, Gefahr, der unfere gefamte proteftantifche Geiftlichkeit
daß Herders ganze Betonung der Sinnlichkeit für das unterliegt, der aber die wenigften fo wirkfam zu begegnen
Seelenleben noch auf andere als Zinzendorfifche Ur- pekuniär in der Lage find. Dalton wählte dafür die
fprünge hinweift. Sofern es überhaupt anderer Wurzeln als Stellung eines unbefoldeten Wanderpredigers um die
der eigenen Anlage bedarf, ift vor allem Hamann zu : ganze Erde herum, des, wie er das P. a. D fich gern
nennen, der mit feurigen Zungen jene Wahrheit predigte, j überfetzen ließ, ,Paftors aller Deutfchen'. Ein anderer
Auch die Pädagogik käme bei dem jungen Herder, dem j Weg, um dem fchweren Übel, das auf unferem gefamten
Königsberger und Rigaer Lehrer, ftark in Betracht. Paftorenftand laftet, beizukommen, ftatt der Befriedigung
Und da die Eigentümlichkeit in der Herderfchen Ver- [ des ihm vom Vater her angeborenen Wandertriebes, wäre
wertung der Anfchauung gerade darin beruht, daß er fie der gewefen — und das hätte Vielen genützt! — alle
nicht nur auf relativ finnlich faßbare Größen, wie die Kraft zu fetzen an die Reform des öffentlichen prote-
Perfon Jefu, fondern auch auf Transfzendentes, auf ftantifchen Kirchentums, das diefen Schaden verfchuldet!
Gott anwendet, fo muß ich an meiner Vermutung philo- Daran hat der fonft fo reformeifrige Mann nicht gedacht,
fophifcher Einflüffe (Spinoza, Myftik u. a.) fefthalten, fondern nur feine eigene Seele gerettet. Wohl ihm! Aber
ohne fie näher präzifieren zu können. Was Vollrath ge- ! es ftimmt damit auch wieder nicht ganz der Wunfeh, den
leiftet hat, ift immerhin erheblich: er hat im allgemeinen : Dalton, wie er offen bekennt, bei der Überfiedelung
die Frühzeit Herders gut beleuchtet und manche ältere ! in die preußifche Hauptftadt hatte. Nämlich: er wäre
Irrtümer zurückgewiefen, er hat die Anwendung der An- , gern, bei feiner unbezähmbaren Reifeluft etwas wie ein
fchauung auf Chriftus eingehend dargeftellt und wahr- ; (da er das Wort .Superintendent* haßt, trotz feines ehr-
fcheinlich gemacht, daß hier irgend ein Zufammenhang würdigen Urfprungs in der Reformationszeit) Infpizient
mit Zinzendorf vorliegt. Damit hat er einen wichtigen und Vifitator aller deutfchen evangelifchen Auslandge-

blems geliefert. Gelöft aber hat er es nicht,

Marburg a. d. L. Horft Stephan.

Beitrag zur Löfung des im Thema ausgefprochenen Pro- meinden, der deutfeh-evangelifchen Änftalten innerer und

äußerer Miffion in der ganzen Welt geworden, wie folches
in der anglikanifchen Kirche gewiffen Bifchöfen aufge-

Dalton, Hermann, Lebenserinnerungen. III. Um die Tagesneige
1888 —1908. Berlin, M. Warneck 1908. (X, 474S.)
gr. 8° M. 5—; geb. M. 6 —

Nach Durchlefung diefes Buches hätte der Referent
am liebften auf feine Anzeige verzichtet, fo gemifchte | Perfönlicheiten deren Schwächen fo wenig fchont (z. B.

tragen wird. Und an mancherlei guten organifatorifchen
Gedanken fehlte es ihm nicht. Man lefe feine vollkommen
zutreffende Kritik des verfehlten Berliner Kirchenbau-
wefens und feine Anweifungen zur Gemeindebildung
(S. 2791.). Aber gewahrt man nun, wie fein Geplauder
über ihm befreundete hochftehende und einflußreiche

Empfindungen hat es in ihm erregt; und einem 76jährigen j Kögel S. 364fr. die Fürftin Bismarck S. 382; Urteil über

Autor fagt man nicht gern unangenehme Wahrheiten. ! von der Goltz S. 289), fo vermutet man, daß nicht bloß

Es reiht fich äußerlich dem, fo fchien es, in 2 Bänden j bureaukratifche .Rückftändigkeit' auf Seiten des Kirchen-

abgefchloffenen Werke gleichen Titels an, das in breiter, j regiments feine Verwendung zuDienften verhindert haben

oft allzubreiter Schilderung die Wirkfamkeit des nun i könnte, die äußerfte Diskretion erfordern. Macht doch

auch in ganz Deutfchland bekannten, ehemaligen Paftors
der deutfchen reformierten Gemeinde in St. Petersburg
behandelt und in diefem Blatte unter einigen Verwahrungen
empfehlend befprochen war (Jahrgang 32, Nr. 14, 6. Juli
1907). Die literarifche Bearbeitung der Schickfale eines
deutfchen evangelifchen Auslandgeiftlichen entfprach

fchon die Aufreihung fo zahlreicher Anekdoten und Ge-
fchichten von lauter fürftlichen, hochgeftellten, einflußreichen
, berühmten Leuten am Faden der eignen Lebens-
gefchichte ftark den Eindruck der Selbftgefälligkeit.

Doch flehe hier, um der Gerechtigkeit willen, der
Abfchnitt, in dem Dalton eine Art von Bekenntnis

einem Bedürfnis der Leferwelt, das gegenwärtige Buch, j über den religiöfen und theologifchen Erwerb feines
obwohl wie der Verfaffer mitteilt, veranlaßt durch unge- j Lebens ablegt, dem viele Lefer beiftimmen werden: ,Rück-