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Ausgabe:

1909

Spalte:

688-689

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thieme, Karl

Titel/Untertitel:

Die Theologie der Heilstatsachen und das Evangelium Jesu 1909

Rezensent:

Lobstein, Paul

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68;

688

in Köln-Münfter. Aber in keiner diefer Fragen wußten
die preußifchen Minifter und Diplomaten ihre Vorteile |
zu nutzen und Rom zu erheblichen Zugefländniffcn zu j
nötigen, fondern mit geringen Ausnahmen begnügten fie j
fich in der Regel damit, ihre Niederlage zu verfchleiern
und das Peinliche derfelben mit mehr oder weniger Würde |
zu ertragen. Erft beim Beginn des neunzehnten Jahr- j
hunderts macht fich durch das Eintreten Wilhelms von
Humboldt, den Nachfolger Uhdens in den Staatsdienft, |
fporadifch ein etwas großzügigerer Geift in der preußifchen
Kirchenpolitik bemerkbar.

Der Verfaffer hat fich mit anerkennenswertem Fleiß
in das große Quellenwerk von Lehmann und Granier j
und in die ausgedehnte gefchichtliche, ftaat-wiffenfchaft-
liche und kirchenrechtliche Literatur über die behandelte
Zeit eingearbeitet, aber durch fein ganz eigenartiges
Zitationsfyftem erfchwert er es dem Lefer außerordentlich,
feine Angaben zweckentfprechend zu verwenden. So
muß der Lefer felbft nach mühfeligen Nachfchlagsverfuchen
die Entdeckung machen, daß W. das große Quellenwerk
von Lehmann und Granier nicht nach den Seiten der
einzelnen Bände, fondern nach den Nummern der darin
abgedruckten Aktenftucke zitiert, was bei der gelegentlichen
Länge derfelben ein entfchieden zweifelhafter Vorteil
ift. Fataler aber ift noch, daß die Anmerkungen nicht
auseinandergehalten, fondern daß durchgängig zu einer
ganzen Gruppe derfelben (i—4, 5—9, 4—7 uiw.) die dem
Verfaffer zweckmäßig erfcheinenden Quellen- und Literaturangaben
in einen unterfchiedslofen Haufen zufammen-
geftellt werden, fodaß der Lefer bei dem beften Willen
oft nicht weiß, zu welchem Satze im Texte diefe oder
jene Angabe gehört. Noch fchwieriger aber wird die
Sache dadurch, daß W. fich oft mit einer ganz allgemeinen
und darum beinahe Nichts tagenden Anfuhrung begnügt.
So z. B. S. 8 Anm. 1, 2: Troeltfch und Sehling a. a. O.
Hier ift der Lefer genötigt fich an S. 2 Anm. 1 zu
erinnern, wo im Allgemeinen auf die zahlreichen ein- ;
fchlägigen Artikel diefer beiden Gelehrten in der prote-
ftantilchen Rcalencyklopädie verwiefen wird. Doch foll
mit diefen Bemerkungen der Wert der forgfältigen Unter-
fuchung nicht herabgefetzt, fondern nur dem Verfaffer
die Frage nahegelegt werden, ob es fich nicht bei feinen
künftigen Publikationen empfehlen würde, ein anderes
Syftem der Zitierung einzuführen. An Druckfehlern find
mir nur zwei aufgefallen S. 74 und öfters Plozk ftatt Plock
und S. 20 Anm. 1 handelt § 167 nicht von dem Einfluß
,auswärtiger, geiftlicher Obern', wohl aber § 136. 137 und
169. Druck, Papier und Ausftattung find gut und dem
Preife entfprechend.

Bremgarten. A. Bruckner.

Kneller, Karl Alois, S. J., Gelchichte der Kreuzwegandacht

von den Anfängen bis zur völligen Ausbildung. Freiburg
i. B., Herderfche Verlagshandlung 1908. (X, 216 S.)
gr. 8° M. 3.50

Das Refultat diefer fleißigen, auf gründlicher Kenntnis
der einfchlägigen religiöfen wie kunfthiftorifchen Literatur
beruhenden Studie ift das, daß die Sitte der Kreuzwegandacht
(Anlegung von Stationenwegen und Herausgabe
von geiftlichen Führern zum würdigen Begehen derfelben) i
fich aus den verfchiedenartigften Anfätzen entwickelt und
namentlich durch die Gegenreformation einen ftarken
Auffchwung erhalten und dabei verfchiedene Entwicke-
lungsftadien durchlaufen hat. Unter den Orden der ka-
tholifchen Kirche, die fich um ihre Einführung befonders j
.verdient' gemacht haben, flehen in erfter Linie die Fran- i
ziskaner und Kapuziner (Salvator Vitalis und Leonhard
a Porto Maurizio), weshalb man diefe beliebte Andacht
vielfach auch nur den ,Franziskanerkreuzweg' genannt j
hat. Unter den Päpften war Benedikt XIII (1724—30)
ein Hauptförderer derfelben.

Das inhaltsreiche Buch würde aber noch an Interefle
und Lesbarkeit gewonnen haben, wenn die gefchichtlichen
Zufammenhänge fchärfer herausgearbeitet worden wären
und die Darfteilung nicht öfters einen allzu fprunghaften
Charakter befäße. Aber auch fo verdient es namentlich
vom religiöfen und kulturhiftorifchen Standpunkt aus ein
warmes Interefle, da es durch die Vermittlung eines
reichhaltigen, entlegenen Materials uns wertvolle Einblicke
in die Gefchichte der katholifchen Sitte und Frömmigkeit
eröffnet.

Bremgarten. A. Bruckner.

Thieme, Prof. D. Karl, Die Theologie der Heilstatfachen und
das Evangelium Jehl. Ein Wort zur Beruhigung über
die moderne Theologie im Kampf um die Zwickauer
Thefen der fächfifchen Lehrerfchaft. Gießen, A.Töpel-
mann 1909. (48 S.) 8° M. —80

Diefe Schrift ift durch den am 4. Februar im Kampf
um die Zwickauer Thefen der fächfifchen Lehrerfchaft
auf der öffentlichen Verfammlung des Dresdener Pro-
teftantenvereins gehaltenen Vortrag des Herrn Dr. Karl
Kautzfeh, Paftoran der reformierten Gemeinde zu Dresden,
veranlaßt worden. Kautzfeh vertritt in jenem Vortrag die
Anficht, ,daß die kirchliche Theologie von dem alten,
fchlichten Plvangelium Jefu abgefallen ift, und daß fie
mit ihrer Dogmatik der Heilstatfachen das unwiffendc
Volk in beklagenswertefter Weife in die Irre führt' (S. 33).
Mit jenen Heilstatfachen meint K. die metaphyfifche
Gottesfohnfchaft Jefu, feinen ftellvertretenden Opfertod
und feine leibliche Auferftehung.

Der Zweck des im beften Sinne irenifchen Wortes
Thiemes ift, die durch jene Sätze erregten Geifter über
die moderne Theologie zu beruhigen, welcher Th. felber
,mit herzlicher Freude und unauslöfchlicher Dankbarkeit'
angehört. Während K. in zuweilen ftürmifcher Art die
Zufammenhänge der modernen Theologie mit der foge-
nannten kirchlichen aufgelöft hatte, will Th. diefelben
wiederherftellen und im einzelnen aufweifen. Diefe
wirklich pofitive Stellung zur Vergangenheit ift der
modernen Theologie möglich, weil fie .entwicklungsge-
fchichtlich denkt', und daher aus der Gefchichte felbft zu
zeigen vermag, in welchem Maße die Pflege jener drei
Heilslehren zur Erftarkung des Chriftentums in der heid-
nifchen Welt während der erften Jahrhunderte beigetragen
hat. Im Gegenfatz zur .äußerlichen Dogmen-
ftürmerei', die ein beklagenswertes Unvermögen an den
Tag lege, fich in die alten Kirchenlehren einzufühlen,
unternimmt esTh., zwar die vor Zeiten felbftverftändliche
mythologifche Form der intellektuellen Ausprägung des
Evangeliums abzuftreifen, dabei aber doch darzutun, daß
,diefe Dogmen noch immer modernen Gottesfuchern als
Ausdruck von Heilswahrheiten gelten können, die fie,
überwältigt von Jefus und feinem Evangelium, für wahr
fühlen' (12). In diefem Sinne muß auch eine am gefchichtlichen
Jefus und feinem Evangelium normierte
moderne Theologie eine Theologie der Heilstatfachen fein.
Diefen Grundgedanken führt Th. an den drei von K. befonders
perhorreszierten Lehren durch.

Das Beftreben, fowohl den geiftigen als den gefchichtlichen
Charakter der chriftlichen Religion zu beleuchten,
wird ein jeder billigen, der, gerade im Namen der modernen
Theologie, das Abtun der in den Bekenntniffen
aufrecht erhaltenen Denkformen der Apoftel, Kirchenväter
und Reformatoren nur in dem Sinne innerlicher
Freilaffung des Glaubens aus dem Fürwahrhalten ihres
echten gefchichtlichen Sinnes (11) deutet. Allein bei
aller Zuftimmung zu dem Programm des Verf.s, deffen
religiöfes Verftändnis mit dem abftrakten Verftandes-
rigorismus K.s einen wohltuenden Kontraft bildet, wird
der Lefer durch die Form der apologetifch gehaltenen
Schrift unangenehm berührt. Die immer wiederkehrende