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Ausgabe:

1909

Spalte:

664-667

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schaeder, Erich

Titel/Untertitel:

Theozentrische Theologie. Eine Untersuchung zur dogmatischen Prinzipienlehre. 1., geschichtlicher Teil 1909

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Arbeit muß fie fich doch durchaus über Tie erheben.
Die religionspfychologifche Arbeit ift nun meines Erachtens
im Sinne der Pfychologie Nr. II zu betreiben,
fie ift vom fubjektivierenden Standpunkt aus (der die
geiftigen Erlebniffe nicht als Objekte behandelt, fondern
fie ftellungnehmend und wertend deutet) als Trans-
zendentalpfychologie zu betreiben, d. h. fie hat zu ver-
fuchen, die religiöfen Erfcheinungen in ihren letzten,
treibenden Kräften und Motiven zu verliehen und fo
diefe felbft zu erfaflen. Von religionspfychologifcher
Arbeit in diefem Sinne bietet uns das Buch Starbucks fo
gut wie nichts; es verbleibt faft durchweg auf dem Niveau
naturwiffenfchaftlicher Empirie. Unter den amerikanifchen
Pfychologen war vielmehr James der erfte, der die
religionspfychologifche Arbeit auf das höhere Niveau zu
zu heben begonnen hat. Konfequent ift freilich auch er
damit noch keineswegs gewefen. — Bei Starbuck aber
hängt mit dem Gefagten noch zufammen, daß fich
durch feine ganze Arbeit hin der Verfuch einer rein
phyfiologifchen Auslegung der betreffenden Erlebniffe
übermäßig breit macht. Eine einmalige prinzipielle
Erörterung der pfychophyfifchen Frage wäre
berechtigt gewefen. Das immer wiederholte Zurückkommen
auf ,Hirnbezirke' und ,Koordination der Nerven -
demente' ift überflüffig und erweckt, was fchlimmer ift,
den Schein, als follten auf diefe Weife die geiftigen Erlebniffe
erklärt werden.

Die Übertragung einer folchen Arbeit ins Deutfche
hatte fich naturgemäß auf eine bloße und möglichft genaue
Überfetzung zu befchränken. Schon eine folche bietet aber
nicht geringe Schwierigkeiten. Die Überfetzer haben die-
felben meift glücklich überwunden. Immerhin hätte dem
deutfchen Sprachgefühl vielfach mehr Einfluß geftattet
werden müffen. Schwerfälligkeiten und Unbeholfenheiten
machen fich teilweife, zumal im Anfang, recht ftörend geltend
. Gleich die Definition der (Bekehrung' auf S. 21 ift
infolge ungefchickter Wiedergabe des änvolved' faft oder
ganz unverftändlich. Aber ich will von bloßen Einzelheiten
abfehen und mich auf einige Bemerkungen allgemeiner
Art befchränken. Das englifche Wort feel hat
im Sprachgebrauch eine fo reiche und mannigfach
nüanzierte Verwendung, daß es notwendig zu Unzuträglichkeiten
führt, es überall gleichmäßig durch ,fühlen'
zu überfetzen; vgl. S. 24 (,in welcher Weife fühlten Sie
verfchieden gegenüber Menfchen, Natur, Ideen, Gott?'),
S. 66 (,ich fühlte verkehrt, geiftig und moralifch'), S. 69,
131, 191, 212, 237, 262, 279 u. a. Ähnliches gilt von der
regelmäßigen Wiedergabe des Ausdrucks point of view
durch ,Gefichtspunkt'; vgl. S. 4 (,fich auf den Gefichts-
punkt der Religionspfychologie ftellen'), S. 284, 300, 310,
334) 345)349-35°) 357 u-a- englifchen Begriffe tlieology
und theological lind viel allgemeiner als die deutfchen
,'Ineologie' und ,theologifch' und müßten vielfach dem Kontext
entfprechend durch Wendungen mit .kirchlich' oder
.Kirchenlehre' wiedergegeben werden; vgl. S. 242, 251,
256, 258, 294, 300, 311, 326 u. a. — Für die eigentlich
plychologifche Terminologie ift allein Vorbrodt verantwortlich
. Immer wieder begegnen z. B. (meift als Wiedergabe
des englifchen Adjektivpsychic) Begriffsbildungen
mit ,Pfychik': Pfychikleben, Pfychikfunktionen, Pfychikin-
ftinkt, Pfychikkomplex, Pfychikzentren u. a. Vorbrodts
Vorliebe für feftgeprägte, möglichft phyfiologifch oder
pfychiatrifch orientierte Termini ift bekannt. Er über-
fieht dabei nur, daß gerade für das Studium des höheren
Geifteslebens eine folche feite Schulterminologie die
Gefahr einfeitig-konftruktiver Deutung und Auslegung
in fich fchließt.

Schließlich noch ein Wort zu Vorbrodts ,Über-
fetzungs-Vorwort'. Seine Erörterungen beruhen auf
einer meines Erachtens fehr beträchtlichen Überfchätzung
des Starbuckfchen Buches und diefer ganzen Art .experimenteller
Religionspfychologie'. Auch das Fragebogenverfahren
hat eine gewiffe Berechtigung. Aber welche

Vorficht hier nötig ift, zeigen gerade Vorbrodts Ausführungen
— ich denke an feine Mitteilung über feine
,fauber ausgearbeiteten Fragenzufammenftellungen betr.
Einwirkung des heiligen Abendmahls auf das körperliche
Befinden' (S. XVI)!

Im übrigen befchäftigt fich Vorbrodt mehrfach mit
meiner Übertragung von James' Yarieties. Dabei verkennt
er aber die Motive und die Abzweckung diefer Übertragung,
wie er denn auch den Abftand des Jamesfchen Werkes
von einer Arbeit, wie es diejenige Starbucks ift, verkennt.
Daß fich über Einzelheiten meinerÜbertragung breiten läßt,
weiß ich wohl. Aber Vorbrodts Bemängelung der von
mir fehr abfichtlich gewählten Titel- und Untertitelfaffung
und meiner ebenfo abfichtlichen Kürzung des Originals
ift meines Erachtens fachlich unberechtigt. Doch ift hier
nicht der Ort, näher darauf einzugehen. Ich werde dem-
nächft anderwärts (in der Zeitfchrift für angewandte
Pfychologie) Gelegenheit haben, darauf ausführlicher
zurückzukommen.

Von Druckverfehen fei angemerkt, daß die S, 447
zitierten Talks to Teachcrs on l^sychology von W. James
1899 (nicht 1909) erfchienen find.

Breslau. Georg Wobbermin.

Schaeder, Prof. D. Erich, Theozentrifche Theologie. Eine
Unterfuchung zur dogmatifchen Prinzipienlehre. Erfter,
gefchichtlicher Teil. Leipzig, A. Deichert'fche Verlagsbuchhandlung
Nachf. 1909. (V, 197 S.) gr. 8"

M. 4 —

Schaeders Buch ift eine gegen die gefamte fchleier-
macherfche und nachfchleiermacherfche Dogmatik gerichtete
Anklagefchrift. Die vor das Forum des geftrengen
Richters zitierten Theologen fallen zwar nicht alle unter
ein gleich fcharfes Urteil, es gibt unter ihnen Stufen-
unterfchiede in der begangenen Schuld, allein es ift hier
keiner, der völlig rein fei, auch nicht einer. Ja es wäre
nicht fchwer, den Nachweis zu führen, daß, an dem von
dem Verf. angewandten Kanon gemeffen, Luther durch
den ftrafenden Spruch des Anwaltes einer ,theozentri-
fchen Theologie' getroffen werden müßte.

Jener Kanon felbft ift allerdings, trotz feiner fchein-
baren Klarheit und Einfachheit, keineswegs unmißver-
ftändlich und vollkommen durchfichtig. Sobald man
ihn in feiner Allgemeinheit faßt, ergibt er einen Sinn,
den der Lefer ohne weiteres zu verftehen meint. Der
Gott der Bibel, der Gott des Wortes, der Geift ift, und
fein Chriftus, der zu ihm gehört, haben in der von
Schleiermacher beeinflußten Theologie ihre Herrfchaft
verloren. Wir leiden an einer Verkleinerung Gottes in
der Theologie. An Gottes Stelle hat fich der Menfch
gedrängt; er hat feinen Schatten auf Gott geworfen, die
Herrlichkeit Gottes verdunkelt und demgemäß, fowohl
im Glaubensleben der Gemeinde als auch im theologi-
fchen Lehrfyftem, alles verfchoben und verkehrt. Aufgabe
der Theologie ift es, den Gedanken des Offenbarungsgottes
wieder zur uneingefchränkten Geltung zu
bringen, und durch diefe theozentrifche Geftaltung der
Dogmatik alle einzelnen Grundgedanken der Kirche zu
neuer religiöfer Lebendigkeit zu wecken. Im vorliegenden
erften Teil feiner Unterfuchung geht Sch. den Wegen
nach, auf denen in der fchleiermacherfchen und nach-
fchleiermacherfchen Theologie diefe ,Verkürzung der
Wahrheit Gottes' erreicht wurde. Ein zweiter, pofitiv
entwickelnder Teil wird den Entwurf einer theozentri-
fchen Theologie bringen, deffen deutlich offenbare Ab-
fätze und Keime bereits in diefem erften Bande enthalten
find.

Es lohnt fich zu zeigen, wie der Verf. feine fchwere
Anklage im einzelnen darlegt und begründet. Leider
ift es unmöglich, die fämtlichen durch ihn angeführten
Namen hier zu wiederholen, und die verfchiedenen Va-