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Ausgabe:

1909 Nr. 24

Spalte:

657-659

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hahn, Traugott

Titel/Untertitel:

Evangelisation und Gemeinschaftspflege 1909

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 24.

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fichtliches Bild erhalten, erft mit Hilfe des weltlichen
Armes größere Fortfehritte zu verzeichnen hat, ftellte
fich doch Ferdinand II. ganz in den Dienft Roms, und
mehrere Bifchöfe hatten die einflußreichften Staatsämter
inne, wie der Oflpreuße Georg Stobäus in Lavant, eine
fehr intereffante Geftalt, der Schwabe Martin Brenner in
Seckau, das Haupt der fürftlichen Reformationskommiffion,
und Melch. Klefl in Wien, der Wiener Bäckersfohn. Es
find daher einige Abzüge an der Behauptung zu machen
S. LXVI (nicht XLVI), die katholifche Kirche in Deutfchland
habe fich binnen kurzem aus fich heraus unter
ftetem Ringen mit Härefie und Korruptionzu einer vielleicht
feit Jahrhunderten unerreichten Höhe emporgearbeitet,
auf deren Nachwirkungen noch ihre heutige Stärke
beruhe. Noch flärkerem Zweifel wird das Wort auf der
erften Seite des Buches begegnen: ,Es ift bekannt und
anerkannt, wie quellenmäßig Janffen gearbeitet
hat'. Aber Schmidlins Arbeit ift trotz der obigen Aus-
ftellungen ein willkommener Beitrag zur Gefchichte des
Katholizismus vor dem dreißigjährigen Krieg, dem bald
die bayrifchen und füddeutfehen Bistümer folgen follten.

Stuttgart. G. Boffert.

Fleifch, Paft. coli. Paul, Die innere Entwicklung der deut-
fchen Gemeinrchaftsbewegung in den Jahren 1906 und 1907.

Leipzig, H. G. Wallmann 1908. (VIII, 124 S.) gr. 8°

M. 1.80; geb. M. 2.50

Hahn, Prof. Univ.-Pred. Mag. Traugott, Evangelifation und
Gemeinlchaftspflege. Mit befonderer Berückfichtigung
der Lutherifchen Kirche Rußlands. Teil I: Die
Evangelifation. Reval, F. Kluge 1909. (VIII, 229 S.)
gr. 8° M. 3.50

1. Seit dem Jahre 1903 hat Fleifch die moderne Ge-
meinfehaftsbewegung vornehmlich in üeutfchland zum
Gegenftande feiner Studien gemacht. Zu feinen auf ausgebreiteter
Literaturkenntnis und klarem und eindringendem
hiftorifchem Urteil beruhenden Schriften : ,Die moderne
Gemeinfchaftsbewegung in Deutfchland' (1903, 2. fehr
vervollftändigte Auflage 1906) und ,Die gegenwärtige
Krifis in der modernen Gemeinfchaftsbewegung' (1905)
hat er die vorliegende wertvolle Schrift hinzugefügt. Das
erfle Kapitel (1—39) fchildert die Entwicklung der Gemeinfchaftsbewegung
infolge der Erweckung von 1905.
Die Vorgänge in Wales hatten zu einer begeifterungs-
vollen Hoffnung auf eine allgemeine Erweckung in
Deutfchland geführt; fchon 1906 flaute die Bewegung
jedoch bis zum Erlöfchen ab. Der Allianzgedanke allein
erfuhr faft überall eine verhängnisvolle Verftärkung und
Ausbreitung; nur die Altpietiften in Württemberg, Baden,
in der Pfalz und in Heffen erhoben dagegen ihre
Stimme in freilich vergeblichem Kampf. In dem höchft
inftruktiven zweiten Kapitel (40—112) wird ,die Gemeinfchaftsbewegung
und das Zungenreden im Jahre 1907'
uns vor Augen geführt. Die Vorgänge in Los Angeles,
in Norwegen, in Caffel und benachbarten Städten
werden eingehend gefchildert. Während die Blankenburger
Konferenz, die Altpietiften, die älteren Gnadauer
und das ganze weltliche Deutfchland das Zungenreden
als befondere Gnadenheimfuchung Gottes nach und
nach ablehnten, wurde es im Often befonders durch die
Exzentrizitäten des Paftors Paul hochgehalten und gepflegt
. Jedoch der Kompromißbefchluß, auf den fich
die Führer der deutfehen Gemeinfchaften im Dezember
1907 in Barmen vereinigten, hatte fchließlich den Erfolg,
daß eine evangelifch nüchterne Beurteilung der ganzen
Bewegung fich durchfetzte und diefe damit zum Ab-
fchluß brachte. In dem Schlußkapitel: .Ergebniffe und
Ergänzungen, Urteile und Folgerungen'(113—124) macht
der Verfaffer darauf aufmerksam, daß im letzten Jahrzehnt
ein neuer Stand angeflehter berufsmäßiger Pfleger

der Einzelgemeinfchaften entftanden ift, die mit ihrer
theologifchen Halbbildung das Verhältnis der Gemeinfchaften
zur Landeskirche immer gefpannter werden
laffen. Ein befonderer Lehrftand, der zur Verkündigung
des Wortes vorgebildet und berufen ift, aber nicht
von der kirchlichen ordentlichen Obrigkeit, ift fchließlich
nicht zu dulden; die große Maffe der Gemein-
fchatschriften folgt ihnen blindlings, um fo mehr, je
fenfationeller die von ihnen ausgegebene Lofung lautet.
Daß diefe Lofung oftmals in ausgebildeter Dämonologie
fich bewegt, die zu der von vielen Führern ausge-
fprochenen Behauptung fich fteigert, daß Dämonen durch
Handauflegung auf andere übertragen werden, erweckt
bedenkliche Perfpektiven auf Hexenwahn und Zauber-

j wefen. Gleichwohl wird hervorgehoben, daß in den Gemeinfchaften
aller Richtungen eine nicht geringe Anzahl
einfacher Bibelchriften fich findet, die nichts weiter
wollen, als mit Ernft Chriften fein und mit ernften

! Chriften Gemeinfchaft pflegen; fie machen es der Landeskirche
leichter, die Gefamtbewegung zu ertragen und
die Gemeinfchaftschriften nicht hinauszudrängen.

2. Als erfter Teil des Gefamtwerkes: .Evangelifation
und Gemeinfchaftspflege' wird ,die Evangelifation' behandelt
. Wir haben meines Wiffens in der praktifch-
theologifchen Literatur kein Werk, das in folcher Gründlichkeit
und Ausführlichkeit alle Fragen über Evangelifation
, die von ftreng kirchlichem Gefichtspunkte fich
ergeben, auf das forgfaltigfte erwägt und zu beantworten
fucht. Die ,befondere Berückfichtigung der Lutherifchen
Kirche Rußlands', die im Titel des Buches verheißen ift,
tut der Allgemeingültigkeit für alle evangelifchen Landeskirchen
keinen Eintrag; die Verhältniffe in den Oftfee-
provinzen, die .Evangelifation' wünfehenswert machen,
find eben nicht viel anders, als die in unferm Vaterlande.
Nach einer kurzen Einleitung (1—7) wird Aufgabe und
Begriff der Evangelifation erörtert (8—12), worauf der
1. Teil die Frage beantwortet: ,Ift die Evangelifation
notwendig?' (13—115). Augenfcheinlich der eigentlich
prinzipielle Teil, von deffen Ergebnis alles Weitere abhängt
. Für die Methode der Arbeit ift es bezeichnend,
daß wie die Überfchrift diefes Teils, fo auch die der
fieben Kapitel, in denen er fich entfaltet, in Frageform
fich darftellt. Diefe Form hat den großen Vorteil, daß
von vornherein die Probleme, um die es fich handelt,
in genauer Formulierung fixiert werden; in Rede und
Gegenrede werden fie in aller Unbefangenheit und Weitherzigkeit
erörtert, ohne daß der ftets inne gehaltene
ftreng kirchliche Standpunkt des Verfaffers ihn zu Unbilligkeit
oder zu verftändnislofem Abfprechen verführt.
Die Formulierung der Probleme ift vornehmlich durch den
Widerftand lutherifcher Kreife gegen die Evangelifation,
aber auch durch die Aufftellungen der für fie eintretenden
Gemeinfchaftskreife veranlaßt. Die Probleme find diefe:

1. Ift die Erweckung einzelner Seelen zu wünfehenr

2. Ift die Erweckung ganzer Gemeinden und Länder zu
wünfehen? 3. Hat die Kirche auf eine Erweckung hinzuarbeiten
? 4. Hat die Kirche an der Wiedergewinnung
der Entkirchlichten zu arbeiten? 5. Ift neben der geordneten
paftoralen Tätigkeit der Kirche noch eine befondere
evangelifatorifche notwendig? 6. Bedarfes eines
befonderen Evangeliftenamtes? 7. Sind die Bezeichnungen
,Evangelifation', ,Evangelift' fachgemäß? Der zweite Teil
(126—229): ,Wie ift die Evangelifation zu geflalten?' fetzt
die Bejahung der Frage des erften Teils, alfo die Notwendigkeit
der Evangelifation, voraus, um die Bedingungen
namhaft zu machen, unter denen allein von Notwendigkeit
und Heilfamkeit der Evangelifation die Rede fein
kann. Namentlich das zweite Kapitel, das die Grundfätze
einer gefunden Evangelifation entwickelt, zeichnet fich
durch Klarheit der Darftellung wie durch die Überzeugungskraft
der vorgetragenen Grundfätze aus. Mit
den Erörterungen des Evangelifchen Überkirchenrates
in Berlin vom Jahre 1898 ftimmt der Verfaffer in der

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