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Ausgabe:

1909

Spalte:

652-654

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Urkundenbuch zur Rheinischen Kirchengeschichte 1909

Rezensent:

Zillessen, Alfred

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65 r

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 24.

652

Turmel, Abbe Joseph, Histoire du Dogme de la Papaute des

origines ä la fin du quatrieme siecle. Paris, A. Picard
et Fils (1908). (492 p.) 8° fr. 4 —

Der Wert des vorliegenden Buches, das die römifche
Lehre von der göttlichen Einfetzung des Papfltums und
feinen einzigartigen Vorrechten mit den widerfprechenden
Tatfachen der älteften Gefchichte des Chriftentums verlohnen
will, befteht in der offenen Darlegung der gefchicht-
lichen Tatfachen und der gründlichen quellenkritifchen
Analyfe; aber der Wert diefer gefchichtlichen Erkenntniffe
verflüchtigt fleh für Turmel völlig, fobald die dogmatifche
Frage in Betracht kommt. Denn dann weiß er fleh mit
einem kühnen Saltomortale aus der heikelften Situation
zu befreien und aus dem bedenklichften Befund noch
eine Waffe für das Dogma des Papfttums zu fchmieden.
So gefleht er z. B. auf S. 290fr. offen ein ,Libere con-
damnait donc enfin l'Iiomoousins. Du meine coup il con-
datnnait indirectement Athanase et entrait en communion
avec /es eveques de la cour imperiale, notamment avec les
ariens Ursace et Valens qui joignirent leur Signatare a
la sienne'. Aber er geht über diefes fatale Zugeftändnis
mit den leichten Worten hinweg S. 307f. ,En tout cas
nous ne commettrons pas Panachronisme de chercher dans
la defaillance d'un pape en exil une arme contre l'infail-
libilite pontificale et nous rieleverons pas un simple in-
cident a la hauteur d'un problbne theologique''. Oder er
erklärt offen S. 414 ,11 faut bien reconnaitre que l'attitude
du saint Basile s'aecorde parfois asserc mal avec la Constitution
du concile du Vatican', oder S. 417 ,Basile
temoigne d'un singulier oubli des prerogatives de la papaute,
oder S. 425 , Tons les conciles, tous ceux du moins, qui
ont quelque impovtance, sont rassembles par l'empereur'.
Aber trotz deffen bleibt er dabei S. 220 ,Mais le pape
liest pas seulement auxyeux du catholique, la plus haute
autorite enseignantc, il est encore la source de tous les
pouvoirs ecclesiastiques. En renvoyant au concile d'Arles
une affaire deja jugee a Romc, Constantin a renverse
totalement Vordre des juridictions'. So kann er ferner
ruhig zugeftehen] S. 132 ,Rome! eile n'oecupe qiiune place
bien modeste dans cette coneeption de l'Eglise et de l'epi-
scopat', aber die Erklärung S. 133 ,le dogme de l'episcopat
a obscurci aux yeux de saint Cyprien le dogme de la
papaute1 hilft feinen Lefern wie ihm felbft über das Bedenkliche
diefes Zugeftändniffes völlig hinweg ufw.

Die Hauptfiationen auf dem Wege der Entwicklung
des Papftdogmas fleht Turmel in der berühmten Erklärung
des Irenäus über die Notwendigkeit der Übereinftimmung
mit Rom, in dem entfehiedenen Vorgehen Viktors gegen
die Quartodecimaner und Cornelius' gegen die Novatianc,
in den fcharfen, wenn auch noch verfrühten Maßnahmen
Stephans I. im Ketzertaufftreit, in den Befchlüffen der
Synode von Sardica und in der glücklichen Regierung
eines Damafus. Den größten Gegner des päpftlichen
Dogmas dagegen fleht er im chriftlichen Kaifertum Con-
ftantins und feiner Söhne, das dem Papfttum drei gefährliche
Gegner erweckt hat, die es aber fämtlich glücklich
überwunden und dadurch feine göttliche Wahrheit evident
erwiefen hat S. 228f.

Es wäre ein leichtes, diefe Beifpiele zu vermehren,
aber der Raum erlaubt es nicht; denn die Förderung, die
diefes Buch der Wiffenfchaft bringt, kann eben um diefer
Halbheit willen nur eine geringe fein. Denn auch die
radikalften Zugefländniffe an die gefchichtliche Wahrheit
werden auf diefe Weife wieder unfehädlich gemacht und
fo muß die Wahrheit fchließlich nur der Beteiligung des
Irrtums dienen.

Turmel fchreibt ein leichtes, elegantes Franzöfifch
und verfügt über die Gabe überflehtlicher Darftellung
und klarer Ausdrucksmittel, was die Lektüre feines Buches
zu einer angenehmen und intereffanten macht. Leider
aber ift es reichlich verfehen mit Druck- und Zitationsfehlern
, von denen nur einige der wichtigften hier noch

notiert werden follen. S. 33. Anm. 1 lies I Clem. LVIIl
ftatt LXIII. S. 35. Anm. 1. Eufeb. V 4,2 flatt IV 22,2.
S. 71. Anm. 2 Euf. V 24, 10 flatt V 24, 3. Anm. 3 V 24, 12
ftatt V 24, 10 ufw. Ferner ift zu lefen auf S. 127: la mise
en pratique ftatt ne pratique, Arles ftatt Aires, S. 208
promena ftatt premena. S. 232 ift ein beträchtlicher Teil
des Satzes ganz weggefallen. In dem deutfehen Zitat
S. 295, Anm. 1. finden fleh auf wenigen Linien nicht
weniger als 5 Druckfehler und ähnlich fteht es mit ver-
fchiedenen griechifchen Zitaten, von zahlreichen kleineren
Druckverfehen ganz zu fchweigen.

Bremgarten. A. Bruckner.

Urkundenbuch zur Rheinüchen Kirchengefchichte. 1. Band:
Synodalbuch. Die Akten der Synoden und Cjuartier-
konfiftorien in Jülich, Cleve und Berg 1570—1610, im
Auftrag der Rheinifchen Provinzialfynode und in Ge-
meinfehaft mit Pfr. Walther Wolff, Pfr. Friedrich
Brauneck, Walther Bösken, Pfr. Lic. Dr. Wilhelm
Reindell, Oberlehrer Max Goebel herausgegeben von
Prof. D. Eduard Simons. Neuwied, Heufer'fche
Verlagsdruckerei (J. Meincke) 1909. (XVI, 838 S.)
gr. 8° M. 10 —

Zwölf Jahre find es her, feit Eduard Simons mit
feinem ,Niederrheinifchen Synodal- und Gemeindeleben
unter dem Kreuz' — es darf ohne Uberteibung und ohne
Undank gegen C. Kraffts, Sardemanns, Wolters' u. a. gediegene
Leiftungen getagt werden — eine neue Ära
rheinifcher kirchlicher Gefchichtsforfchung und Gefchichts-
fchreibung einleitete. Nachdem er dann vor 4 Jahren
die wichtige umfangreiche Publikation der Kölnifchen
Konfiftorialbefchlüffe (Publ. der Gef. f. Rhein. Gefch.-K.
XXVI) hat folgen laffen, tritt er jetzt, umgeben von
einem Stabe tüchtiger, z. T. unter feiner Anregung in
die Arbeit hineingewachfener Mitarbeiter, mit diefem
Werke hervor, das grundlegend fein wird für alle künftige
Befchäftigung mit der Gefchichte der niederrheinifchen
evangelifchen Kirche und von fchwerwiegender Bedeutung
für die Gefchichte der deutfehen und nieder-
ländifchen reformierten Kirchen überhaupt.

Der ftattliche Band, der den Haupttitel: ,Synodalbuch
' mit doppeltem Rechte trägt — er ift im Auftrage
der Rheinifchen Provinzialfynode und mit ihrer namhaften
Unterftützung herausgegeben — bildet den erden
Teil eines .Urkundenbuches zur Rheinifchen Kirchengefchichte
', wie es bereits die Rh. Prov.-Syn. von 1871
auf A. Wolters' Anregung ins Auge gefaßt hatte. Er
kommt recht als eine Jubiläumsfchrift ins Jahr des 300.
Gedächtniffes der Einverleibung der klevifchen Lande,
indem er ein in feiner Sachlichkeit befonders eindrucksvolles
Bild jener höchften Leiftung des niederrheinifchen
reformierten Proteftantismus für die preußifche Landeskirche
darbietet: der presbyterial-fynodalen Gemeinde-
und Kirchenorganifation, deren lebendige Urzelle die zu
felbftändigem chriftlichem Leben erziehende Einzelgemeinde
ift. Die ganze religiös-fittliche und organifatori-
fche Kraft des Calvinismus im Ringen und Durchdringen
oder wenigftens Sichbehaupten gegen eine
feindliche Obrigkeit, unter durchweg ftreng katholifch
gewöhnter Bevölkerung, in unaufhörlichen Kriegsdrang-
falen und endlofen Friedensplackereien kommt in diefen
trockenen Verhandlungsberichten zu ergreifendem Ausdruck
. Die Bildung felbftändiger Perfönlichkeiten, bewußten
Chriftentums und tiefen religiöfen Verantwortlichkeitsgefühls
, das fleh in intenfiver Seelforge und weitgehender
äußerer Pflege äußert, fpricht trotz allem
gefetzlich Engen und Kleinlichen noch heute mächtig
an; ja der weife und in feinen Grenzen wirklich freie
Geift jener fchlichten Männer, in dem fie die fchwierig-
ften Fragen des Chriftenlebens behandeln, erweckt unfere