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Ausgabe:

1909 Nr. 23

Spalte:

640-642

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Maier, Heinrich

Titel/Untertitel:

Psychologie des emotionalen Denkens 1909

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 23.

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wenig geboten ift und man zweifelhaft fein kann, mit
welchem Recht es in die Sammlung aufgenommen wurde.
Aber allerdings bietet es ein Stück Gefchichte des Reformationsjahrhunderts
, nämlich die Entwicklung derKreis- |
verfaffung im niederfächfifchen Kreis bis 1542. So weit
dem Ref. ein Urteil möglich ift, hat Neukirch eine auf
gründlicher Durchforfchung der einfchlagenden Quellen
beruhende, lichtvolle Darftellung der Entwicklung der
Kreisverfaffung von der Zeit Wenzels bis zu dem wichtigen
Eßlinger Entwurf 1526 gegeben, der dem Reich eigene
Einnahmen und damit Stärkung der Wehrkraft verfchafft
hätte, aber er blieb zunächft Entwurf und kam fchließ-
lich auf dem Reichstag zu Speier 1542 nicht zur vollen
Verwirklichung.

Eingehend behandelt Neukirch die überaus fchwie-
rige Ausgeftaltung der Kreisverfaffung in Niederfachfen.
Man ftaunt über die oberflächliche Kenntnis der Ver-
hältniffe im Schoß der Reichsregierung und die liederliche
Art, wie der leitende Standesvertreter, der Magdeburger
Erzbifchof Albrecht von Brandenburg, die Sache anfaßt.
Die Reichsregierung beauftragt Kurfürft Joachim I von
Brandenburg mit feinem Bruder Kardinal Albrecht dem j
Kreistag des oberfächfifchen Kreifes zu fchreiben, während
Albrecht feinem Bruder mitteilen muß, er habe nicht mit
dem oberfächfifchen, fondern mit dem niederfächfifchen
Kreis zu tun. Er überfieht aber im Ausfehreiben das
Erzftift Bremen, dem keine Einladung zugeht, und benimmt
Quedlinburg zur Malftatt, das doch nicht im
niederfächfifchen Kreife lag. Ebenfo unpraktifch irt
fpäter die Wahl des entlegenen Hannover flatt Braun-
fchweig zur Legeftatt für die Türkenfteuer. Sehr begreiflich
ifl, daß die Proteflanten der neuen Kreisverfaffung
nicht günflig gegenüberflanden, da ihre Verwirklichung
nur von oben betrieben wurde, um Öfterreich Hilfe in
der Not der Türkenkriege zu fchaffen und fie mit Recht
erfl Sicherung vor den Prozeffen des Kammergerichts
und Frieden verlangten, ehe fie den habsburgifchen
Brüdern, den gefährlichften Befchützern des Papfltums,
die Hände flärkten, welche diefe morgen eben fo gut
gegen die Proteflanten, wie heute gegen die Türken
erheben konnten. Die Stellung, welche Philipp von Heffen,
Straßburg unter Jakob Sturm und Moritz von Sachfen
in der ganzen Frage einnahmen, ift nur zu begreiflich,
wenn man z. B. das unehrliche Spiel betrachtet, das die
katholifchen Kreisftände bei der Wahl eines Feldhauptmanns
mit Herzog Ernft von Lüneburg trieben, indem
fie flatt jobft von Steinberg den Kurprinzen Joachim
von Brandenburg auf krummem Weg dazu beftellten.
Neukirch macht S. 89 darauf aufmerkfam, daß Rankes
Angabe 3,306 unhaltbar ifl, daß Joachim vom Kaifer
ernannt worden fei, weil fleh die Stände nicht einigen
konnten. Ganz verfländlich ift, daß die Proteflanten
planten, ihre Truppen im Türkenzug zufammenzuftellen,
wie ja H. Ernft feine Truppen dem Kurfürflen von Sachfen
zufandte. Denn wer bürgte ihnen bei der Haltung der
Habsburger für freundliche Behandlung ihrer Mannfchaften
mitten in katholifchen Gebieten und im Komplex mit
katholifchen Truppen, für genügende Seelforge im Lager
und bei den Verwundeten und Schutz für ihre Feldpre-
digerf Auffallend find die großen Anfprüche, welche
Joachim als Feldhauptmann an den niederfächfifchen
Kreis ftellte, der dadurch Mark belaftet wurde, während
die Leiftungen diefes Feldhauptmanns im Krieg fehr viel
zu wünfehen übrig ließen. Bezeichnend ift auch, wie
Heinrich der Jüngere von Braunfchweig, den Neukirch
einen ,regfamen und fcharf blickenden Politiker' nennt
(S. 109), die Leitung des Kreifes an fleh zu reißen und j
den Magdeburger Koadjutor fachte beifeite zu fchieben
flicht, was ihm jedoch nicht gelingt.

Gegenüber all den kläglichen Verhältniffen, welche
Neukirch in der Gefchichte des niederfächfifchen Kreifes
zu behandeln hatte, tut die Anerkennung wohl, welche
dem fchwäbifchen Kreis zu teil wird, der fleh auf dem |

Kreistag zu Ulm mufterhaft organifierte (S. 179). Und
an der Spitze diefes Kreifes ftand der viel angefochtene
Herzog Ulrich von Württemberg und zu diefem Kreis
gehörten eine ganze Reihe evangelifcher Reichsflädte.

Dankenswert ifl, daß Neukirch den von Hans von
Erfurt 1526 in Reutlingen gedruckten ,Entwurf des Eßlinger
Reichsregiments über die beharrliche Türkenhilfe'
wieder zum Abdruck brachte und den Kreistagsabfchied
zu Helmftedt 1542, Juni 2, veröffentlichte. Leider gibt er
nur ein Regifter über die Kreisämter und was fonft zur
Kreisverfaffung gehört, aber kein Orts- und Perfonen-
regifter. S. 83, Anm. 3 ift das auch von Neukirch angezweifelte
Datum ,am Tage Mariae' unmöglich, denn
fo nackt wird kein Marientag bezeichnet. Der 25. März
Annuntiatio Mariae ift zu früh, der nächfte Marientag
2. Juli Visitatio Mariae zu fpät. Wahrfcheinlich ift Marci
(25. April) zu lefen. Der Mufterplatz Egenburg 8 Meilen
oberhalb Wien ift Eggenburg Bez. H. Horn. S. 112,
Anm. 2 ift ftatt Borwin Barnim zu lefen.

Stuttgart. G. Boffert.

Maier, Prof. Dr. Heinrich, Pfychulogie des emotionalen

Denkens. Tübingen, J. C. B. Mohr 1908. (XXVI, 826 S.)
Lex. 8° M. 18 —

Das vorliegende Buch gehört zu den wenigen Werken
der neueften philofophifchen Literatur, die wirklich neue
fruchtbare Bahnen einfchlagen. Ein bisher vernach-
läfflgtes Gebiet wird mit umfaffender Kenntnis der Literatur
und eindringender Schärfe bearbeitet und dient
dazu, faft das Ganze der philofophifchen Probleme von
einer neuen Seite her zu beleuchten. Die Befprechung
eines Werkes von fo weitreichendem Inhalt muß fleh
naturgemäß, foll fie nicht zu unverhältnismäßigem Umfang
anfchwellen, auf die Hervorhebung einiger Hauptpunkte
befchränken, die zur Charakteriftik dienen können.

Die neuere Reform der Logik ift durch den Gedanken
beftimmr, daß Wahrnehmungen, Erinnerungsbilder,
Phantafievorftellungen, Begriffe an fleh weder wahr noch
falfch find. Sie erhalten vielmehr logifchen Wert erft
als Beftandteile des Urteils. Für die Aufhellung von
Normen des Denkens wurde daher das logifch vollkommene
Urteil maßgebend, und damit naturgemäß
diejenige Urteilsform, die im grammatifch ,vollftändigen'
Ausfagefatz, alfo in Sätzen von der Form ,die Sonne
leuchtet', ,der Himmel ift blau', ,Gott exiftiert', zum Ausdruck
gelangt.

Diefer ungerechtfertigten Einfchränkung der logifchen
Betrachtung gegenüber will nun der Verf. ,die in den
emotionalen Vorftellungen wirkfamen logifchen
Funktionen auffuchen und das Wefen und die hauptfächlichen
Betätigungen des emotionalen Denkens
pfychologifch beftimmen' (S. 1). Er bricht alfo mit der
herrfchenden Auffaffung nach zwei Seiten hin. Einmal,
fofern er den ,bloßen' Vorftellungen logifchen Wert zuerkennt
und von logifchen Funktionen fpricht, die im
Rahmen der Vorftellungen vollzogen werden. Die
elementaren Erfcheinungsformen des Denkens, die der
bisherigen Analyfe verdeckt blieben, und die z. B. in Sätzen
oder Satzfragmenten von der Form: ,es donnert', ,ein
Löwe', ,der Kaifer', ,es hat geblitzt' zum Ausdruck kommen,
follen aufgedeckt werden. In Wirklichkeit find folche
elementare Urteile in jeder Wahrnehmung, in jedem
Erinnerungsbild, in jeder Vorflellung der erkennenden
Phantafie enthalten, fo gewiß alle diefe Vorftellungen
wirkliche Objekte, wirkliche Vorgänge, Zuftände, Dinge
u. f. f. zum Gegenfländ haben, ja die in folchen Vorftellungen
enthaltenen Urteile find geradezu die fundamentalen
Betätigungen der Uiteilsfunktion. ,Ihre Form ift
der Typus des-Urteils fchlechtweg, der Typus, auf den
zuletzt auch das Urteil des grammatifch vollftändigen
Ausfagefatzes zurückgeht' (S. 3). Das zweite und Hauptmerkmal
aber, in welchem der Standpunkt diefes Werkes