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1909 Nr. 23

Spalte:

631-634

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Ecclesiasticus. The greek Text of Codex 248 1909

Rezensent:

Smend, Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 23.

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Ecclesiasticus. The greek Text of Codex 248, edited with I
a textual Commentary and Prolegomena by J. H. A. j
Hart.M. A. Cambridge, University Press 1909. (XVIII,
378 p.) 8° s. 10 —

Von jeher wurden die Vorzüge des Complutenfifchen j
Sirachtextes anerkannt. O. F. Fritzfche, der ihn ab-
fchätzig beurteilt hatte, wurde durch die Entdeckung der I
hebräifchen Fragmente völlig widerlegt. Der dem Complutenfifchen
Text zu Grunde liegende Cod. Vat. 346
wurde fchon für Holmes-Parfons verglichen (= Nr. 248), j
gleichwohl war eine neue Unterfuchung des handfchrift- j
liehen Textes erwünfeht, und Hart druckt ihn auf S. 1—71
auf Grund von Photographien ab. Verwunderung muß
es erregen, daß er fich damit begnügt und es dem Lefer
überläßt, das Verhältnis der Complutenfis zu ihrer Vorlage
und das Verhältnis der Angaben von Holmes-Parfons |
zu ihnen beiden feftzuftellen. Mir find nun bei Hart i
freilich mehr als 70 Lesarten begegnet, die bei Holmes-
Parfons als Complutenfifch notiert find, ohne daß dabei i
zugleich Cod. 248 angezogen wäre. Daneben fand ich ,
bei Hart über 20 Lesarten, die ebenfo in der Complutenfis
flehen, bei Holmes-Parfons dagegen entweder überhaupt
fehlen oder, wenn fie dort angeführt werden, weder als
Complutenfifch noch als Lesarten des Cod. 248 bezeichnet
find. Darunter find indeffen nur fehr wenige von Bedeutung
. So fehlen bei Holmes-Parfons, find aber anderweitig
fchon nachgewiefen, 22,7 ßad-eoq und 50,19 ovve-
ts/ieöO-i]. Endlich bietet Hart eine Anzahl von Lesarten,
die fich in der Complutenfis nicht finden, die aber zumeift
mit größerer oder geringerer Sicherheit auf Verfehen des [
Herausgebers zurückzuführen find. So 5, 14 xXr/irrjOnq,
10,21 oxXngiöuoq, 16,26 xvglov tgya, 22,26 fiov flatt 1101,
23, IO deco afiagxioöv, 24,4 xaxsoxrjvcooa fidvn, 24,15 dx/dj.
26,20 evyeov, 26,27 diax/j&rjosxai, 27,12 diavoovitevov,
3s, 15 tuctXrjd-rjOexai, 38,13 Evodia, 39,2 rgocpalq, 40,4
vdxivt>ov. 46,9 yrjoov, 47, 19 övv (ftatt aov) yvvai§l.
Anders fleht es möglicher Weife mit 17,28 fir/ötv, das
vielleicht auch vom Äthiopen gelefen wurde. Es ergibt
fich alfo, daß Cod. 248 in der Complutenfis im Ganzen
recht gut wiedergegeben ift, daß er dagegen für Holmes-
Parfons weniger gut verglichen wurde. Aber Hart bietet
kaum eine Lesart, die bis dahin überhaupt unbekannt
und für die Kritik und Erklärung des Textes von Belang
wäre. Von größerem Intereffe ift allein, daß das Bucli
in der Handfchrift (fowohl vor dem unechten Prolog als
auch vor dem Text) die Überfchrift 'ExxXnciaGxixoq trägt.
Diefer Name des Buches ift griechifch bisher, wie Hart
(S. 325) bemerkt, nur bei Photius belegt {Eibl. CXII).
Damit ift aber noch nicht erwiefen, daß er griechifchen
Urfprungs ift. Unter diefen Umftänden wäre ein erneuter
Abdruck des Cod. 248 nur dann gerechtfertigt gewefen,
wenn diefe Handfchrift für die Kritik des Textes einen
einzigartigen Wert hätte — was erwiefener Maßen nicht
der Fall ift.

Zur Ergänzung des von ihm Gebotenen hat Hart auf
S. 73 — 88 eine Kollation des fyrohexaplarifchen Sirach
beigefügt, der im Verein mit dem naheverwandten Cod.
253 dem Cod. 248 an Bedeutung nahe kommt oder ihn
gar übertrifft. Sonderbarer Weife übergeht Hart dabei
die Vorrede des Enkels, für die der Syrohexaplaris um
fo wichtiger ift, als fie im Cod. 248 fehlt. Im Übrigen
hat er die Abweichungen des Syrohexaplaris von B,
foweit fie ihm aufftießen, ins Griechifche retrovertiert.
Eine Retroverfion kann überall nur gelingen, wenn man
zuvor das Verfahren des Überfetzers forgfältig unterfucht
hat, wofür die Vergleichung der Parallelftellen das wich-
tigfte Kriterium abgibt. Im vorliegenden Falle bietet
daneben die Vergleichung des naheverwandten Cod. 253
ein bequemes Hilfsmittel. Hart verfchmäht beides und
greift deshalb auf Schritt und Tritt fehl. I, 2 ift ]iCioi_o
>oS^ nicht = xal r]a.tgaq tg alcövoq, fondern = xal

rjiiegaq alcövoq. Der Überfetzer fetzt für dies alcövoq
gewöhnlich freilich >asN? (z. B. I, 15; 17,12; 49,12), hier
aus begreiflichem Grunde vaLi. ^=>- r>8 ift i^* -»<no£_)
nicht = xaieöxi xvgtoq, fondern = xal xvgievcov (= Codd.
253, 70, 106, 55). 1,9 ifK,_o nicht = xal lyvco, fondern
= xal bIösv (vgl. 18,12).' 1,10 ift oi_=(ji_o nicht = xal
iöcoxev avxr]v, fondern =xal exogvynosv avxnv (vgl. 1,26;
!8> 31). 1,12 ift )*.jsie nicht notwendig = xtgjiei, es
kann ebenfowohl = xi'gipsi fein, da der Überfetzer das
Partizipium nicht nur für das Präfens, fondern auch für
das Futurum und fogar für den Aorift fetzt. In dem
Zufatz hinter v. 12 ift ).-ia.^o nicht = öco&i, fondern =
xsgixoiEl (= Cod. 253). 1,29 ift |JsT= ■ Iobi.«: |J

nicht = firj ylvov tv ngoömjtoXrjurpu/., fondern einfach =
[irj vjtoxgi& fjq (vgl. Syroh. zu 35,15; 36, 2). Daß 1, 11 Uor-?
= %agäq, und 1, 19 Lujoj = jrsTgav fei, find voreilige
Schlüffe. Hiernach ift diefe Kollation — namentlich für
des Syrifchen Unkundige — unbrauchbar.

Es folgt S. 89—-228 ein textual commentary, der nach
der Vorrede (S. VIII) includes all the available evidence
und fchon im September 1903 gedruckt war. Hart bemerkt
dort weiter: in revising my copy J considted some
of the books enumerated in the list of editions and u/ade
a few alterations which are distinguished by initials. Ein
derartiges Selbftvertrauen ift erfreulich und fruchtbar,
wenn es fich auf allfeitige Sachkenntnis und überlegenes
Urteil gründet. Indeffen verrät der textkritifche Kommentar
, daß Hart bezüglich des Griechen lediglich die Ausgaben
von Holmes-Parfons, Fritzfche undSwete, bezüglich
des Lateiners nur Lagardes Ausgabe des Amiatinifchen
Textes und bezüglich des Hebräers nur die Kairiner
Fragmente benutzt hat. Das reichhaltige anderweitige
Material, das fehr viel ,available evidence' enthält und das
er felbft z. T. in fpäteren Anhängen erörtert (S. 321—370),
war ihm damals entweder unbekannt oder gleichgiltig.
Er ignoriert fogar die talmudifchen und rabbinifchen
Zitate aus Ben Sira, die auch nach der Entdeckung der
Kairiner Fragmente ihre Bedeutung behalten haben, und
zwar fchon deshalb, weil (ie nicht alle durch die Fragmente
gedeckt find. Er ahnt daher z. B. nicht, daß den
von ihm zu 3,21 angeführten griechifchen Varianten
altbekannte talmudifche und rabbinifche Varianten ent-
fprechen. Den Äthiopen hat er überhaupt nicht verwertet.
Die Eigenart der einzelnen Überfetzungen und derZuftand
ihrer Überlieferung machen ihm wenig Sorge. Bald
nimmt er für bare Münze, was er an Lesarten findet,
bald emendiert er leichthin. Er retrovertiert aufs Geratewohl
(gelegentlich in fonderbarem Hebräifch, z. B. 17,30
bfcOD = wie in Gott), ohne die Überfetzungsart und Ausdrucksweife
der Vertenten unterfucht zu haben, und gleicht
die Differenz der Überfetzungen mit der Annahme von
verfchiedenen hebräifchen Lesarten aus, die unter einander
in keiner vernünftigen Beziehung flehen. Soweit ich den
Kommentar verglichen habe, konnte ich kaum irgendwo
Belehrung finden.

Auf S. 231—271 unterfucht Hart in fehr unglücklicher
Exegefe die Vorrede des Enkels. Er behauptet
mit Recht,, daß im erften Satze die Vulgärlesart rovq
cpiXoiiaQ-ovvraq nur auf die Schüler der Schriftgelehrten
gedeutet werden dürfe (vgl. fpäterhin oi (piXof/adsiq und
xolq ■ . ßovXouivoiq cptXoua&slv). Aber das führt ihn zu
einer in fich unmöglichen Deutung des Weiteren, und
wegen der unverkennbaren Gegenüberftellung von Schriftgelehrten
(avxovq rovq dvayivcoOxovxaq) und Laien (aXXd
xal rolq sxxoq) ift rovq rpiXofiafrovvraq zu verwerfen.
Aus dem Syrohexaplaris hätte Hart die richtige Lesart
toüc cpiXoxovovvxaq (vgl. 307 cpiXoriuovvraq) kennen
follen, das auf die Schriftgelehrten (vgl. fpäterhin jtscpi-
Xoxovtjusvcov und cpiXonovlav) geht und alle Schwierigkeiten
hebt. — Unter ov fiixgäq exaiöelaq ctrpoiioiov verlieht
Hart in halsbrechender Exegefe ein Exemplar (vgl.