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Ausgabe:

1909

Spalte:

629-630

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oesterley, W. O. E.

Titel/Untertitel:

Codex Taurinensis 1909

Rezensent:

Rahlfs, Alfred

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629

Theologifche Literaturzeitung 1909 L'r. 23.

Man gewinnt damit zugleich eine ungefähre Vor-
ftellung von der freilich unvollkommenen Art, in der die
Juden von Elephantine das jüdifche Mondjahr durch
Schaltung mit dem Sonnenjahr ausglichen. Zwifchen den
Daten von Pap. A (18. Elul = 28. Pachon 15. J. des
Xerxes) und Pap. B (18. Kislev = 7. Thoth 21. J. des
Xerxes) haben fie gefchaltet innerhalb 6 Jahren 81—82
Tage, zwifchen den Daten von B und Ü in 6 Jahren
22 Tage, zwifchen denen von D und E in 13 Jahren
170 Tage, zwifchen denen von E und F in 6 Jahren
103 Tage, zwifchen denen von F und J in 23 Jahren 253
Tage, zwifchen denen von J und K in 6 Jahren 43 Tage.

Belleli ftellt nun in umftändlicher Unterfuchung feft,
daß eine folche Schaltung und fomit auch die Datierung
der Urkunden unvereinbar ift fowohl mit dem fpäterhin
bei den Juden üblichen 19jährigen Schaltzyklus als auch
mit dem fchon früher bei ihnen üblichen 8jährigen. Von
da aus erklärt er die Elephantine-Papyri famt und fonders
für Fälfchungen und ereifert fich gegen eine Reihe von
Gelehrten, die einem fo mangelhaften Kalender zum Trotz
an der allerdings unzweifelhaften Echtheit diefer Urkunden
fefthalten. In Wahrheit wäre es nicht verwunderlich, wenn
ein ebenfo mangelhafter Kalender, wie diefe Schismatiker
an den Nilkatarrakten ihn hatten, in jener Zeit (oder
auch noch in fpäterer) bei den orthodoxen Juden in
Judäa auftauchte. Der wohl etwas ältere Verfaffer des
Priefterkodex des Pentateuch fcheint 364 Tage (ein Mondjahr
plus IO Tage) als die Dauer des Sonnenjahrs anzunehmen
(vgl. Gen. 7, Ii; 8, 14), und noch das Buch Henoch
(70,32) und das Buch der jubiläen (6,32) fchreiben ausdrücklich
diefe Berechnung des Sonnenjahrs vor, die fich
urfprünglich auch wohl im jüdifchen Achikarroman fand
(Beihefte zur ZATW XIII 120). Erft in nachchriftlicher
Zeit haben die Juden es zu einem feften Kalender gebracht
(vgl. Schürer, Gefchichte des jüdifchen Volkes31 S. 745ff.).

Göttingen. R. Smend.

Oesterley, W. ü. E., DD., Codex Taurinensis (Y). Tran-
scribed and collated. Oxford, H. Frowde 1908. (IV,
IX a. 136 p.) gr. 80 s. 4 —

Das vorliegende Buch ift ein Sonderabdruck aus dem
6.—8. Bande des Journal of Theological Studies und hätte
aus bibliographifchen Gründen fchon auf dem Titel, nicht
erft im Vorwort als folcher bezeichnet werden follen
auch follten in folchen Separatabdrücken ftets die Seiten-;
zahlen der Zeitfchrift, der fie entnommen find, neben
den durchlaufenden Seitenzahlen angegeben werden. Am
Kopf jeder Seite fleht höchft unpraktifcherweife immer
nur ,Codex Taurinensis (Y)' ohne genauere Bezeichnung
des Stückes, um welches es fich handelt, fodaß man
immer erft blättern und den Anfang des Stückes fuchen
muß, um zu wiffen, wo man fich befindet.

Die Turiner Handfchrift, welche Oefterley herausgibt,
enthält die 12 kleinen Propheten. Man hielt fie früher
nach ungenauen Angaben für eine Unziale, daher hat
fie Lagarde in feiner Genesis graece (Lpz. 1868) in die
Lifte der damals bekannten Unzialen aufgenommen und
mit der Sigel ,Y' bezeichnet, und Swete und Oefterley
haben diefe Bezeichnung beibehalten. In Wirklichkeit ift:
fie jedoch eine Minuskel, in der nur gewiffe Stücke, die
durch andere Schrift von ihrer Umgebung unterfchieden
werden follen, z. B. die Überfchriften der einzelnen Propheten
, in großen Buchftaben gefchrieben find. Es wäre
alfo beffer, die irreführende Sigel ,Y' durch eine andere
zu erfetzen.

Die Handfchrift ift beim Turiner Bibliotheksbrande
von 1904 gut davongekommen, hat aber bei einem früheren
Brande im Jahre 1666 arg gelitten. Stroth fchilderte fie
in feiner Überficht über die Septuaginta-Handfchriften in
Eichhorns Repertorium als fehr unleferlich, und wohl
deshalb ift fie für die große Septuaginta-Ausgabe von
Holmes und Parfons nicht verglichen. Oefterley füllt

alfo durch feine Ausgabe der Handfchrift eine Lücke des
Holmes-Parfons'fchen Apparates aus.

Die Zuverläffigkeit der Ausgabe kann ich nicht nachprüfen
. Man fieht aber aus Oefterleys Befchreibung der
Handfchrift, daß er von paläographifchen Dingen fehr
wenig verlieht. Unter den Zeichen hohen Alters der
Handfchrift (9. oder fpäteftens 10. Jahrhundert) fuhrt er
an, daß manche Buchftaben nicht miteinander verbunden
werden, daß die Worte, Verfe und fogar die Kapitel (er
meint unfere Verfe und Kapitel) nicht getrennt werden,
daß die Eigennamen nicht mit großen Buchftaben beginnen
u. dgl. Auf S. II unten und S. IV oben ver-
wechfelt er ,abbrcviations' und ,contractions' und bemerkt,
als ob das nicht felbftverftändlich wäre, daß in der Handfchrift
I(oarjq>, EcpQaifi und Iaxojß im Gegenfatz zu InX
ftets ausgelchrieben werden (S. IV Anm. 1). Bei folcher
Ignoranz fürchtet man natürlich, daß auch die Lefung
der Handfchrift mangelhaft fein wird.

Dem Texte der Handfchrift ift ein fehr umfangreicher
textkritifcher Apparat beigegeben. Er enthält einige
neue Kollationen, beruht im ganzen aber auf Holmes-
Parfons, Swete und Field. Auf diefen Apparat ift viel
Fleiß unnütz verwendet. Sinn hätte er nur, wenn er
lediglich dazu diente, die Ergänzung der Lücken der
Handfchrift zu motivieren, aber in dem Umfange, wie
er hier gegeben ift, fogar mit Einfchluß der Fragmente
von Aquila, Symmachus und Theodotion, ift er finnlos.
Denn jeder, der den Septuagintatext der kleinen Propheten
kritifch durcharbeiten will, muß doch auf Holmes-
Parfons, Swete und Field felbft zurückgehen und hat
dann nur das Vergnügen, außerdem noch Oefterleys
Apparat durchzufeilen, um die paar neuen Lesarten felbft-
kollationierter Handfchriften, die darin flecken, heraus-
zufuchen. Überdies wimmelt Oefterleys Apparat fo von
Fehlern, daß man vor feiner Benutzung aufs dringendfte
warnen muß. Hier nur einige Proben aus dem Anfang
des Arnos. Zu Arnos 1,1 bemerkt Oefterley, 36mg habe
die Lesart ev xayiad-ictQei/e; in Wirklichkeit hat fie 36 im
Texte, und 36mg hat die entgegengefetzte Lesart: Oefterley
hat die Angabe bei Holmes-Parfons mißverftanden
(dasfelbe Mißverftändnis wiederholt fich öfter). In dem-
felben Verfe führt Oefterley zu ,ev 201 als Variante ex
aus den drei von ihm zu Arnos verglichenen Minuskeln
22, 62, 147* an, aber ex fleht bei Holmes-Parfons im Texte
und muß in faft allen ihren Minuskeln geftanden haben,
da fie als Zeugen für die entgegengefetzte Lesart nur
49, 62, 147* (fo!) nennen; man bekommt alfo aus Oefterleys
Angabe ein total falfches Bild der Sachlage. In
Arnos 1,3 fchreibt Oefterley aus Swete die Notiz ,ev 2°]
om A' ab und führt dann A als Zeugen für die Lesart
xeov ev yaXaaö an, aber Swetes Text weicht hier von
Oefterleys Text ab, und gerade das ep vor ya?.aaö ift bei
Swete das zweite ev, welches A ausläßt.

Die Turiner Hf. enthält, wie Oefterley richtig feft-
geftellt hat, die lucianifche Rezenfion der 12 kleinen
Propheten, welche Ceriani und Field in den Handfchriften
22, 36 etc. nachgewiefen haben. Auch die nach meinen
Beobachtungen für den Luciantext charakteriftifche
hebräifche Reihenfolge der kleinen Propheten (Hofea, Joel,
Arnos ufw., nicht Hofea, Arnos, Micha ufw., wie fonft in
der LXX) findet fich in der Turiner Handfchrift. Auch
enthält fie am Rande den (faft ganz zerftörten) Kommentar
Theodorets, welchem der Luciantext zugrunde liegt.
Doch ftimmt der Text der Handfchrift nicht immer mit
dem fonft bekannten Luciantexte überein, z. B. hat fie in
Arnos 1, I nicht die von allen Lucianzeugen einfchließlich
des Theodor von Mopfueftia und desTheodoret überlieferte
Lesart ev xaQia&iaQei^, fondern die gewöhnliche LXX-
Lesart ev axxaQeifi.

Göttingen. A. Rahlfs.