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Ausgabe:

1909 Nr. 22

Spalte:

615-618

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beth, Karl

Titel/Untertitel:

Der Entwicklungsgedanke und das Christentum 1909

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 22.

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theologifchen Intereffen und Motive des Reformators ein.
Noch viel unbefriedigender ift das erfte, dem Neuen
Teftament gewidmete Kapitel, in welchem die eigentlichen
Probleme, welche die Gefchichte dem Forfcher flellt, hinter
den dem Verf. am Herzen liegenden, vorwiegend rituellen
Präokkupationen zurücktreten.

Der Fleiß, mit welchem St. aus allen Vätern und
Lehrern der verfchiedenften Zeiten ein höchft anfehnliches
Material zufammengetragen hat, verdient alle Anerkennung.
Aber die Erwartung, aus dem Buche eine Förderung des
Verftändniffes der chrifflichen Abendmahlslehre zu gewinnen
, geht nicht in Erfüllung. Weder eine Einführung
in den Sinn und die Abficht des das Abendmahl mit
feinen Jüngern feiernden Herrn, noch eine Vertiefung
des Urteils über die Entwickelung des Euchariftiedogmas
in der Kirche, wird man in dem Werke des Verf.s finden.
Seine Schrift ift aber ein fehr wertvoller Beitrag zur
Kenntnis der durch Pufeys Einfluß beherrfchten Theologie
; fobald man nicht überjefus und Paulus, über die
Reformatoren und ihr Bekenntnis Auskunft fucht, fondern
über den Ritualismus und die Oxforder Bewegung, über
die in der High Cliurch fchwebenden Kontroverfen fich
zu informieren wünfcht, findet man in dem Buche, — nicht
etwa bloß in den hievon handelnden Kapiteln, fondern
auch fonft in häufigen gelegentlichen Äußerungen und
Frageftellungen, — eine fehr willkommene Ausbeute.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Beth, Prof. D. Dr. Karl, Der Entwicklungsgedanke und das
Chriltentum. Gr. Lichterfelde-Berlin, E. Runge 19C9.
(VII, 272 S.) gr. 8» M. 3.75; geb. M. 4.75

Das Buch hat zum eigentlichen Thema die Thefe,
daß der chriftliche Glaube nicht nur den Entwicklungsgedanken
vertrage, fondern daß er auch ein intenfives
Intereffe daran habe, ,Welt und Menfchheit, Gottes
Wirken und menfchliches Leben unter dem Gefichts-
punkt der Entwicklung zu betrachten': woraus hervorgehe
, daß ftatt der ,häufig konftatierten Feindfchaft
zwifchen Chriflentum und Entwicklungsgedanke eine
gewiffe Wahlverwandtfchaft beider' befteht. Das wird
in fehr eingehender und ausführlicher, manchmal faft
zu ausführlicher, Auseinanderfetzung dargelegt, fo daß
der Berichterftatter nur fchwer der Verfuchung wider-
fteht, einzelnes etwas anders zu gruppieren, um der Gefahr
läftiger Wiederholungen zu entrinnen.

Das Ganze zerfällt in vier Teile.

Der erfte, der es mit dem ,Entwicklungsgedanken
in der modernen Theologie' zu tun hat und zugleich
als Einleitung dient, gibt eine kurze Gefchichte des
Entwicklungsbegriffs, wobei zwei verfchiedene Eormen
desfelben ftatuiert werden: ein teleologifcher und ein
antiteleologifcher, mechaniftifcher (der Darwiniftifche)
Entwicklungsbegriff. Diefer, der im Grunde nur eine
,Entfaltung' behauptet, ift mit dem Chriflentum unvereinbar
; er wird aber auch von der jüngften Naturwiffen-
fchaft fchonungslos preisgegeben. Anders dagegen jener.

Der zweite Teil handelt von der ,Anwendung des
Entwicklungsgedankens auf die anorganifche Natur und
dem chriftlichen Gott-Welt-Verftändnis'. Er weift darauf
hin, daß die Übertragung des teleologifchen Entwicklungsgedankens
auf die anorganifche Natur und die
durch die neueften chemifchen Entdeckungen nahegelegte
Übertragung des gleichen Gedankens auf die
Materie mit der chriftlichen Weltanfchauung in harmoni-
fchem Einklang flehe, da ja doch die durch die Autorität
Jefu gedeckte Lehre der Immanenz Gottes die Vor-
ftellung einer von Anfang an fertigen, in fleh abge-
fchloffenen und Gott in dualiftifcher Weife gegenüber-
ftehenden Welt ausfchließt und umgekehrt die Vor-
ftellung einer durch ftetige Schöpfung Gottes werdenden
und einem Ziel zugeführten Welt geradezu fordert.
Etwas gewaltfam wird dann noch in die Erörterung

| das Entropiegefetz hereingezogen und gezeigt, wie dies
Gefetz, indem es mit der Vorftellung eines Endes der

j Welt auch diejenige eines Anfangs der Welt fuggeriert,

I dem chriftlichen Schöpfungsglauben entgegenkomme.

! Dabei ergibt fich freilich der Eindruck, als ob die
beiden einander widerftrebenden Begriffe der Entwick-

| lung und der Entropie in den angeflehten Erwägungen

I nicht völlig gegeneinander ausgeglichen wären, auch in der
fich anfehheßenden Abrechnung mit demPeffimismusnicht.

Der dritte Teil trägt den Titel: ,Die Anwendung
des Entwicklungsgedankens auf die organifche Natur
und die chriftliche Wertfehätzung des Menfchen'. Er
gliedert fich in zwei Unterabfchnitte und konftatiert zu-
nächft noch einmal, daß der Darwinismus überwunden,

j daß aber auch Fleifchmanns Ablehnung der Deszendenztheorie
nicht- durchführbar fei. Des weiteren wird feft-

i geftellt, daß der auf die Lebewelt angewandte Entwicklungsgedanke
fich infofern der chriftlichen Weltanfchauung
bequem eingliedere, als er es ermöglicht, ,das
ganze gewaltige Werden und Sichentwickeln der Natur-

I weit bis auf das Werden der Menfchheit felbft hin als
den Prozeß' zu ,verftehen, mittels deffen die vernünftige
und ethifch veranlagte Kreatur fich bildete, um nunmehr
in fich felbft eine neue, eigenartige Entwicklungsftufe

I des geiftigen Seins zu erklimmen'. Welches Verftändnis

freilich keineswegs eine Antwort auf fämtliche Fragen
der Spekulation nach dem .Warum alles einzelnen Ge-
fchehens' involviere. Ift nun aber auch der Entwicklungsgedanke
fpeziell mit der chriftlichen Wertfehätzung

j des Menfchen vereinbar? Zur Beantwortung diefer Frage
wird vorerft in längerer Verhandlung über das Wefen
und den Urfprung der Sprache dargelegt, daß der

J Menfch durch geiftiges Leben vom Tiere fich unter-

! fcheide und fomit durch einen Sprung von dem letzteren

I getrennt fei. Aber auch die teleologifche Entwicklungs-

| lehre rechnet wohl (Halmatogenefis, Mutation) mit einer

! fprunghaften Entwicklung. Sie widerfpricht daher nicht
der chriftlichen Wertfehätzung des Menfchen, um fo
weniger, als fie zugleich die Auffaffung begünftigt, daß
,alle übrige Kreatur' als die .notwendige Vorftufe' des
Menfchen zu begreifen fei. Weshalb der Schluß berechtigt
ift: ,Der konfequente Deszendenzgedanke mit Anwendung
auf den Menfchen ift das Poftulat der chriftlichen Betrachtung
und Wertfehätzung von Welt und Menfch'.

Der vierte Teil befpricht unter der Überfchrift: ,Die
entwicklungstheoretifche Betrachtung der gefchichtlichen
Werte und die chriftliche Auffaffung von Gefchichte und

Offenbarung' eine Reihe von Einzelfragen.

Inbezug auf die Theodizee wird ausgeführt, daß der
auf das fittliche Leben angewandte Entwicklungsgedanke
etwas beitrage, zur Löfung des Problems der Theodizee.
So könne beifpielsweife die Heimfuchung auch des Ge-

j rechten mit Übeln verftanden werden als ein göttliches
Mittel, die wahre Sittlichkeit, die das Gute um des Guten
willen tut, zur Entwicklung zn bringen. Inbezug auf die
Lehre von der Sünde wird unter gelegentlicher Auseinanderfetzung
mit Hegel und Darwin dargelegt, daß im

! Lichte des mit dem chriftlichen Glauben kombinierten

'■ Entwicklungsgedankens die Sünde als ,Abkehr von der
göttlich gefetztenEntwicklungsrichtung'erfcheine, während

| die Behauptung einer Erbfünde neuen Halt gewinne.

S Dagegen müffe fich die Lehre vom Urftand angefichts des
erwiefenen Rechts der entwicklungstheoretifchen Betrachtungsweife
eine Umwandlung gefallen laffen: nicht religiös-

i fittliche Vollkommenheit, fondern lediglich die Anlage
dazu fei beim erften Menfchen anzunehmen. Ebenfo fei
eine Umbildung der Lehre vom leiblichen Tode geboten:
der phyfifche Tod kann als folcher nicht Folge der Sünde
fein: er ftellt fich dar als der von Gott gefetzte .Regulator
der ftetigen Entwicklung, der ermöglicht, daß neue Wefen
mit neuen Kräften Platz gewinnen, um im Glanz der von

[ den Vorfahren errungenen Lorbeern weitere Siege zu

I erringen' (S. 196).