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Ausgabe:

1909

Spalte:

613-614

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nösgen, K. F.

Titel/Untertitel:

Das Wirken des heiligen Geistes an den einzelnen Gläubigen und in der Kirche 1909

Rezensent:

Titius, Arthur

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(5ig

Theologifche Literaturzeitung 190g Nr. 22.

614

Nösgen, Konfift.-Rat Prof. D. K. F, Das Wirken des heiligen
Geiltes an den einzelnen Gläubigen und in der Kirche.

Erörtert. (Das Wefen und Wirken des heiligen Geiftes.

Teil II.) Berlin, Trovvitzfch & Sohn 1907. (303 S.)

Lex. 8° M. 6.50

Nösgen hat feiner fpekulativen Konftruktion von
Wefen und Wirken des hl. Geiftes, die ich in diefer
Zeitfchrift 1907 Sp. 6g5—698 befprochen habe, eine Darfteilung
des Geifteswirkens am Einzelnen (Berufung,
Rechtfertigung, Wiedergeburt, Heiligung) und in der
Kirche mit ihren Gaben, insbefondere der Prophctie,
folgen laffen. Eine energifche Ablehnung läßt er nicht
nur der Schleiermacherfchen ,Bewußtfeinstheologie' mit
ihren ,deftruktiven' Tendenzen (3 ff. 204), die ja bekanntlich
in Rofiock ftets bekämpft ift, fondern auch dem
pietiftifchen Biblizismus eines Cremer und Schlatter zuteil
werden. Namentlich letzterem, der allerdings N.s
Aufftellungen als ,tief unterhalb des N. T.s' flehend beurteilt
hatte, wird befcheinigt, daß fich feine Lehre als
,eine Zurückftauung der n.t. Heilsökonomie in das Stromgebiet
der a.t.' erweife (15. 59). Daß die .naturaliftifchen
Vorausfetzungen' der neuern Kritik z. B. eines Wellhaufen
(266), die im Grunde auch in der Ritfchlfchen
Schule wirkfam find (204), abgelehnt werden, ift felbft-
verftändlich. Im Gegenfatz zu jenem ,latenten myftifchen
Standpunkt, auf dem Gott, Weltgeift und Menfchen-
geift fich nur als verfchiedene Konkretifierungen einer
und derfelben Weltpotenz darftellen', und daher ,gefchicht-
liche und individuelle Vorgänge der menfchlichen Selbft-
aufklärung' als Offenbarung gelten (217), betrachtet es
N. als ein Hauptanliegen, die Kraft des göttlichen Geiftes
über die Menfchen und die in diefen geweckte neue
Selbftbetätigung ftets genau auseinanderzuhalten (z. B.
27. 54. in. 114), und fo allen Vorgängen ihr fupranatu-
rales Vorzeichen ausdrücklich hinzuzufügen. Damit verbindet
fich jene Freude an möglichfter Diftinktion aller
durch die hl. Schrift dargebotenen Begriffe und Bilder,
die für die altproteftantifche Scholaftik fo bezeichnend
ift. Z. B. foll, was in der Wiedergeburt gefchieht, ,weit
mehr und ganz etwas andres' fein, als die in der Bekehrung
erfolgende vertrauensvolle Hinwendung des
Herzens zu Gott und feiner Gnade, worin fich die Berufung
vollzieht (108 f.). Ebenfo follen Rechtfertigung
und Wiedergeburt, wiewohl fich beide betreffs ihres
Vollzugs im Seelenleben nicht gefondert nachweifen
laffen (101), zwei von einander ganz unabhängige göttliche
Gnadenakte fein, fofern die Wiedergeburt ein andres
rechtliches Verhältnis zu Gott fetze, die Wiedergeburt
eine Umfchaffung in einen Zuftand realer Freiheit
(106 f.). Die Heiligung und Erneuerung wiederum foll
fich von den genannten Stufen des Gnadenwirkens durch
das einmütige Zufammenwirken des neuen Ich mit dem
es befeelenden hl. Geifte unterfcheiden (133).

Erfichtlich ftehen diefe unhaltbaren Sätze im Dienfle
des Beftrebens, möglichfte Fühlung mit der altlutheri-
fchcn Dogmatik zu halten. Nichtsdeftoweniger fieht
fich auch N. zu ftarken Änderungen gezwungen. Dahin
find fchon die Abfchwächung der Wirkungen der Kindertaufe
(90. 115 f.) fowie die Ablehnung einer fubftantiellen
Auffaffung der unio mystica (118. 122) zu rechnen.
Wichtiger ift die Erkenntnis, daß die .Individualrecht-
fertigung', welche N. als .Zueignung der durch Chrifti
Tod erwirkten und durch feine Auferweckung aller Welt
bekundeten Rechtfertigung der gefamten Sünderwelt an
den Einzelnen' auffaßt, als .innerzeitlicher Gnadenakt
Gottes' und als .perfönliches Erlebnis' verftanden werden
müffe (80). Indes fchwerer als alle Einzelheiten wiegen
N.s prinzipielle Zugeftändniffe. Wenn er ausfpricht. die
Seele habe keineswegs im Erkenntnisvermögen ihr Wefen,
ihr Denken und Wollen empfange vielmehr durch das
im menfchlichen Ichleben gipfelnde Selbftgefühl feine
Richtung (51), fo ift das eine Konzeffion an Schleiermachers
Grundgedanken, die von fundamentaler Bedeutung
ift und in feiner Auffaffung vom Heil und von
der Offenbarung wirkfam zu werden beginnt. Nicht minder
wichtig ift die Anerkennung, daß die Infpiration den Menfchen
nicht knechte, fondern ihn über fich felbft erhebe
(227), eine ,allfeitige Steigerung' der Kräfte des Seelenlebens
herbeiführe und fich der Individualität völlig anpaffe
(274). Ja, es wird von Paulus geurteilt: ,Was feiner
individuellen Gnadenerfahrung nach allen Seiten ent-
fprach, gerade das gab ihm Gottes Geift in aller Reinheit
, Klarheit und Vollkommenheit auszufprechen' (253).
Hier ift der Dualismus von Menfchlichem und Göttlichem,
durch den fich N. im allgemeinen leiten läßt, durch die
Anerkennung ihrer Wefensverwandtfchaft (293. 255) überwunden
. Zugleich hat N. durch eine fehr eingehende
Unterfuchung der prophetifchen Infpiration eine neue
Begründung der Schriftautorität zu gewinnen gefucht,
welche Freiheit in kritifchen Fragen gewährt (235.
280 ff.), die gefchichtliche Bedingtheit der Autoren (260.
276. 284), fowie die menfchliche Art ihres Zeugniffes
,der ganzen Form nach' zugefteht (267), aber doch zugleich
den fpezififch göttlichen Urfprung des prophetifchen
Wortes feftftellt. Ich vermag freilich nicht zuzugeben
, daß das N. in dem von ihm beabfichtigten Umfange
gelungen fei, wonach die prophetifche Infpiration
die in allen Beziehungen muftergiltige und daher unüberbietbare
Deutung der göttlichen Manifeftation in der
Heilsgefchichte bieten foll. Aber erfreulich bleibt, daß
auch er die alte mechanifche Infpirationstheorie in aller
Deutlichkeit aufgegeben hat.

Göttingen. Titius.

Stone, Darwell, M. A., A History of the Doctrine of the Holy
Eucharist. Intwo Volumes. London, Longmans, Green,
and Co. 1909. (XII, 410 and X, 664 p.) gr. 8° s. 30 —

Das fchön ausgeflattete, zwei llarke Bände umfaffende
Werk ift zunächft aus einer Reihe von Artikeln entltanden,
die unter der Überfchrift The holy Eucharist: an historical
Inquiry in den Jahrgängen 1901—1904 der Church Quar-
terly Review erfchienen find. Diefe Artikel liegen der
zufammenfaffenden Verarbeitung The holy Communion zugrunde
, die einen befondern Teil der Oxford Library of
Practical Theolov;y bildet. Die vorliegende Schrift hat
die genannten Beiträge zu einer vielfach bereicherten
Gefamtdarftellung geftaltet, die von dem erden Abendmahl
jefu bis zur Gegenwart reicht.

Um dem Buche gerecht zu fein, muß fofort erklärt
werden, daß der Urfprung desfelben fich in der Behandlung
des Stoffs fehr bemerklich macht. Es ift dem Verf.
darum zu tun, in den Kollektaneen, die er fich angelegt
hat, die Lehrer, deren Anflehten er wiedergibt, felbft
zum Worte kommen zu laffen. Die umfangreichen Zitate,
die er in feine Unterfuchung einfiieht, erftrecken fich nicht
in gleicher Weife auf alle Epochen der gefchichtlichen
Lehrentwicklung. Trotz der Verficherung St.s, daß er
einen hiftorifchen Zweck verfolgt, blickt die apologetifche
Abficht des in den Bahnen Pufeys wandelnden Theologen
immer wieder durch. Dem deutfehen Lefer kann die
Ausführlichkeit, mit welcher die Kirche und Theologie
englifcher Zunge berückfichtigt ift, nur willkommen fein;
es muß ihn allerdings befremden, daß die neuere und
neuefte Arbeit der deutfehen Theologie nur durch ein
Zitat Dorners, dem man noch eine Seite Martenfens
hinzufügen kann, vertreten ift. Wohin die Neigungen
St.s hinftreben, zeigt fich auch in der Ausführlichkeit, mit
welcher er die katholifche, tridentinifche und nachtriden-
tinifche Abendmahlslehre, famt allen damit zufammen-
hängenden Problemen, behandelt. Dagegen nimmt fich
die Darftellung der Lehre Luthers ziemlich dürftig aus:
St. gibt zwar eine beträchtliche Zahl von Äußerungen
Luthers aus feinen verfchiedenen Werken, aber nirgends
dringt er in das tiefere Verftändnis der religiöfen und