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Ausgabe:

1909

Spalte:

607

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gardner, Alice

Titel/Untertitel:

Theodore of Studium, his life and times 1909

Rezensent:

Meyer, Philipp

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Seite 1

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6oy Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 22. 608

Gardner, Alice, Theodore of Studium, his life and times.
With illustrations. London, Edward Arnold 1905.
(XIII, 284 p.) gr. 80 s. 10.6

Nur mit Bedauern kann Referent es bekennen, daß
er nicht eher dazu gekommen ift, diefes Werk anzu- I
zeigen. Die Schuld liegt jedenfalls nicht an dem Buche,
das jeder, der Sinn hat für byzantinifche Politik und
Kultur, für fremdartige Auffaffungen von Chriftentum
und Religion, für gefchichtliche Perfonen mit ftarkem
Charakter und unbeugfamem Willen, mit Vergnügen
lefen wird. Damit ift fchon angedeutet, daß es nicht
die Abficht der Verfafferin ift, Ergebniffe neuer For-
fchungen zu bieten, fondern ,a sketcli of a notable man
who lived in notable times', wie fie im Vorwort fagt.
Das gefchieht auf Grund ausgebreiteter Literaturkennt-
niffe mit Gefchmack und in jener eigentümlich perfön-
lichen Darftellungsform, die bei englifchen Schriftftellern
häufig anzieht. Die Verfafferin hat auch die Quellen
ftudiert und gibt zur Illuftrierung des Erzählten an
mehreren Stellen des Buches Quellenauszüge in eng- 1
lifcher Überfetzung, auch Analyfen von theologifchen
Werken des großen Mönchs. Zu Illuftrationen dienen
auch einige hüblche Bilder, die fich meilt auf das berühmte
Klofter Studion beziehen. Ein Bild Theodors
aus einer Handfchrift läßt weniger ihn felbft erkennen, !
als die Verehrung, die er bei der Nachwelt genoß. In
einem der Athosklöfter exiftiert ein altes Bild des
Studiten, das ihn fehr charakteriftifch auffaßt. Ob es
nach dem Leben gemacht ift, erfcheint fehr fraglich.
Das Buch (teilt den Theodoros nach allen Seiten feines
Lebens und Wirkens dar und verfolgt diefen Gang, j
nicht ohne ftets den gefchichtlichen, religiöfen und i
kulturhiftorifchen Hintergrund des Bildes zu zeichnen.
Auch das ganz Perfönliche kommt zu feinem Recht,
wie denn das zwölfte der 14 Kapitel den Briefen Theo- I
dors gewidmet ift. Die Korrefpondenz des Mönchs mit
der Dichterin Kafia erwähnt die Verfafferin befonders.

Hannover. Ph. Meyer.

Collectio Weigeliana. Wertvolle Werke der Reformationsliteratur
aus dem Nachlaffe des verdorbenen Buch-
händlers Felix Oswald Weigel. (Auktionskatalog.) 1
Leipzig, Oswald Weigel 1909. (122 S.) 8° M. 3 —

Einem Wunlche der Verlagsfirma Oswald Weigel in
Leipzig gerne folgend, weife ich in Ergänzung meiner
Befprechung der ,Bibliothek Knaake' (f. diefe Zeitung
1909 Nr. 11) auf vorliegende Collectio Weigeliana hin. I
Man foll fie laut Vorwort mit der ,Bibliothek Knaake'
und dem bekannten Kuczynski-Weigelfchen ,thesaurus
libellorum lüstoriam reformationis illiisirantiam' (1870,
Supplement 1874) zufammennehmen. Die in der Collectio
verzeichnete Sammlung entflammt zum größten Teile
dem Privatbefitze des 1905 verdorbenen Buchhändlers
Felix Oswald Weigel, deffen Bild den Katalog ziert; in
langjähriger Arbeit hat er fie zufammengebracht, fein
Plan ging auf ein buchhändlerifches Handbuch zur
Bibliographie des Reformationszeitalters, er id nicht zur
Ausführung gelangt, wie die Knaakefche Bibliothek fo
zerfällt auch diefe, der forgfame Katalog aber wird
den Reformationshidorikern gute Diende tun als lite-
rarifcher Wegweifer. Es find wertvolle Stücke darunter,
vgl. z. B. die reiche Sammlung zur Antichridliteratur,
zum Augsburger Kalenderdreit, zum Trienter Konzil, zu
Erasmus, den Hugenotten, dem Interim, zu Luther, Me-
lanchthon, Ofiander u. a. Zahlreiche Titelblätter find ge-
fchmackvoll abgebildet. In Bedimmung der Drucke id
wefentlich Kuczynski, Knaake, Panzer maßgebend ge-
wefen, neuere Literatur kaum herangezogen. Dadurch
id manche irreführende Erläuterung untergelaufen; die
Angaben über die Brentiana z. B. wären alle nach meiner
Bibliographie zu berichtigen. Aber hier wird man an

Antiquariatskataloge nicht allzu hohe Anforderungen
dellen dürfen, die genaue bibliographifche Titelangabe
id das Wertvollde, und in dem Punkte id, foweit ich
nachprüfen konnte, der Katalog zuverläffig.

Zürich. W. Köhler.

Lang, Lic. Augud, Johannes Calvin. Ein Lebensbild zu
feinem 400. Geburtstag am 10. Juli 1909. (Schriften
des Vereins für Reformationsgefchichte. Heft 99.)
Leipzig, R. Haupt 1909. (IV, 222 S.) gr. 8°

M. 2.40; geb. M. 3.50

Es id eine fchöne Gepdogenheit des Vereins für
Reformationsgefchichte, die großen Jubiläen der Reformationszeit
durch Biographien der betr. Jubilare fedlich
zu begehen; fo haben wir 1904 die Biographie Bullingers
durch v. Schultheß-Rechberg, fo 1906 die Knoxens durch
Mulot erhalten, fo jetzt das Lebensbild Calvins durch
Lang, wohl den derzeitig beden Kenner des großen
Franzofen in Deutfchland. Man merkt es feinem Buche
an, daß es aus dem Vollen gefchöpft id; es find nicht
die landläufigen Zitate, die man anläßlich des Jubiläums
zum Uberfluß lefen konnte und die Einer vom Andern
abgefchrieben hatte, die man hier lieft, vielmehr liegt
eine felbdändige Verarbeitung des Materiales vor, und
es waltet über dem Ganzen der Reiz der Neuheit, trotzdem
von neuen ,Ergebniffen' nicht die Rede fein kann
noch will (f. die Vorbemerkung). Die Stoffgruppierung
id gefchickt, fo, daß alle wesentlichen Momente klar
heraustreten. In die chronologifche Ordnung (Kp. 1:
Calvins Jugend und Bekehrung; Kp. 2: Calvin in Genf
und in Straßburg) fchiebt fich ein größeres (drittes) Kapitel
über Calvins Theologie und Religiofität ein, dann
wird der chronologifche Faden wieder aufgenommen
(Kp. 4: Calvin und die Genfer Kirche bis zum Jahre 1548;
Kp. 3: Die großen Lehrprozeffe und der Sieg Calvins in
Genf), endlich am Schluffe mit dem Lebensausgange des
Reformators ein kurzer Überblick über die Ausbreitung
des Calvinismus geboten. In den beigegebenen Anmerkungen
gibt L. einmal die rundorte feiner Quellen
an, um fodann manche eigene Aufdellung zu rechtfertigen
. Ich hebe einige Punkte aus der Darftellung
heraus: S. 5 ff. charakterifiert Lang die Frömmigkeit
Margaretens von Navarra, fehr vorfichtig gegenüber Le-
franc (vgl. die Bemerkung S. 202 Anm. 7), aber m. E.
doch noch zu weit gehend in der Beftimmung ihrer Religiofität
als Proteftantismus. L. nennt fie ,eine wirkliche
evangelifche Chriftin', die auch ,den reformatorifchen
Kerngedanken' des alleinigen Heilsvertrauens auf Chriftus
vertreten habe, aber ich glaube, alles das ,Evangelifche'
und ,Reformatorifche' erklärt fich ohne Schwierigkeit
als Myftik, und die andersartige Beurteilung kommt nur
daher, daß wir die Myftik gemeinhin zu wenig kennen.
Man lefe nur einmal die Ausführungen von Heep in
feiner foeben erfchienenen Arbeit über Valdes, um zu
erkennen, wie viel ,Evangelifch.es' doch auf katholifch-
myftifchem Boden fich finden konnte! Sehr richtig fagt
L.: ,es ift noch eine ungelöfte Aufgabe der Forfchung,
das Durcheinander von Myftik und reformatorifchem
Chriftentum an der Hand ihrer (Margaretens) geiftlichen
Dichtungen näher zu erforfchen und zu charakterifieren'.1
Die Bekehrung Calvins formuliert L. fo (S. 19): ,Es ift
keine Rede von einem längern Schwanken, von einer
( Vorbereitungszeit, in welcher Erkenntnis und Willenshingabe
miteinander gekämpft, evangelifche Gcfinnung
und äußerliches Beharren im Papfttum nebeneinander
hergegangen wären'. Gewiß, er hat von ,dem Werk
und Ziel der Reformation' etwas erfahren, aber es
kann fich nur um oberflächliche Kenntnis' gehandelt
! haben, zum Standpunkt Le Fevres und Rouffels ift er

1) Das Thema ift inzwifchen in Angriff angenommen worden.