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Ausgabe:

1909 Nr. 22

Spalte:

604-606

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pohlenz, Max

Titel/Untertitel:

Vom Zorne Gottes. Eine Studie über den Einfluß der griechischen Philosophie auf das Christentum 1909

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 22.

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Brückner als wertlos erwiefen. Auch O. erkennt an, | Verfuch. Infofern mit Recht, als er, ohne die Hilfsmittel
daß der. Grundriß der paulinifchen Chriftologie der einer Bibliothek, auf die Heranziehung der in Betracht
jüdifchen Meffiasanfchauung entfpreche und wohl auch 1 kommenden Literatur zu verzichten fich genötigt fah.
entnommen fei. Er behauptet nur, daß die den präexi- Außer Harnacks Dogmengefchichte habe ich kein neueres
flenten und eschatologifchen Meffias Jefus zeichnenden Werk zitiert gefunden. Auch ift der Verfaffer dem EinLinien
erft nachträglich gezogen feien. Es bleibt alfo zelnen in der Abhängigkeit des Irenäus von der älteren
zum minderten dabei, daß manche auffallende Züge des 1 Theologie nicht nachgegangen. Aber mit viel Fleiß und
paulinifchen Chriftus fich wohl nur daraus erklären, daß ; feinem Verftändnis hat er die Schriften des Irenäus
Paulus die Perfon Jefu Chrifti, die ihm bei Damaskus j ftudiert, mit Umficht ihnen feine Gedanken zu entnehmen
erfchien, mit der Geftält des Meffias verband, an den und in gefchickter Gruppierung und mit gefundem Urteil
er fchon vor Damaskus feft glaubte. fie zu durchfichtiger Darfteilung zu bringen gewußt. Nach

I(t nun aber die bei Damaskus von Paulus fchöpferifch einer dogmengefchichtlichen Orientierung fchildert er die
erfahrene pneumatifche Chriftuserfcheinung wirklich als 1 Lehre des Irenäus von Gott, vom Menfchen (feiner Natur
die letzte Wurzel der paulinifchen Chriftologie anzufehen? und feiner Beftimmung), von Chriftus und von der Kirche.
Diefe Frage, die durch O.s treffende Ausführungen ; Original fei Irenäus in Hinficht feiner Chriftologie und
nun nahegelegt wird, fcheint mir noch nicht befriedigend Ecclefiologie. Die erftere, .der Eckftein feines theologifchen
gelöft. Hier ift O.s Behandlung des Themas noch er- Syftems', ift beftimmt durch die Soteriologie, die Frage:
gänzungsbedürfeig. Jene originelle und fchöpferifche Er- ! Quomodo possunt salvari hominesr Der Nachdruck liege
fahrung des Paulus muß doch ihre Vorbereitungen und auf der Menfchwerdung und auf der Wiedervereinigung
Vorftufen gehabt haben, und es ift nicht unftatthaft, des Menfchen mit Gott; Inkarnation und Rekapitulation
wie O. zu urteilen fcheint, diefe aufzufuchen. Die greif- i die beiden Pole, um die fich die Axe der Theologie des
barfte, zumeift nicht genügend beachtete Vorbereitung I Irenäus bewege (S. 129), während von einer Sühne nicht
für Paulus muß nach der m. E. hier zuverläffigen Über- j geredet werde (S. 117), und als Heilsmittel Glaube, Werke
lieferung von Apg. 7 die Haltung des Stephanus bei ( und kirchliche Riten neben einander flehen (S. 124). In
feiner Steinigung gewefen fein: hier hatte Paulus den ihrer Einwirkung auf die Folgezeit werde die Chriftologie
Anblick eines pneumatifch erregten Zeugen Jefu, der des Irenäus noch durch feine Lehre von der Kirche überbehauptete
, er fehe den Himmel offen und Jefus, den troffen (S. 131). B. unterfucht hier die Bedeutung der
Menfchenfohn neben Gottes Throne flehen. j Schrift, der Tradition, des Epifkopats und der Sakramente

Da haben wir ein den Zeugen Saul innerlich auf- 1 bei Irenäus. Auf Fragen wie die nach dem Umfang feiner
regendes Erlebnis, das ihn gewiß auf der Reife nach neuteftamentlichen Schrift, nach dem, was er unter der
Damaskus befchäftigte und feine eigne Vifion vorbe- Regula veritatis verfteht, und auf Ähnliches wird dabei
reitete: Es öffnete fich auch über ihm der Himmel und nicht eingegangen. Mir will auch der Kirchenbegriff des
der Menfchenfohn fuhr herab, gab fich ihm zu erkennen j Irenäus dem Cyprians etwas zu fehr angenähert erfcheinen,
und berief ihn an Stelle des Märtyrers Stephanus zu | und der Glaube für jenen als mehr denn ein Anhängfei
feinem geiftesmächtigen Zeugen. Diefe Verknüpfung der I der Lehre von der Kirche. Ich glaube, eine Vergleichung
Gefchehniffe zeigt auch, wie der Zufammenhang der 1 der Theologie des Irenäus mit der der Apologeten hätte
paulinifchen Chriftologie mit der Theologie der Urge- I ein für jenen günftigeres Refultat ergeben. Aber trotz
meinde doch noch ftärker zu betonen ift, als O. es tut. , folcher Differenzen in der Auffaffung kann ich nicht
Zugleich ergibt fich, wie gerade an den pneumatifchen umhin, die Darfteilung des Verfaffers innerhalb ihrer
Chriftuserfahrungen die jüdifche Meffiasanfchauung ihren '■ Grenzen als eine forgfältige und lehrreiche zu bezeichnen.
Anteil hat, nur das Gefchehnis felbft ift aus ihr nicht Güttingen. N. Bonwetfch.

abzuleiten, fondern ift in der urchrifitlichen Gemeinde 1

originell.

Ift nun aber bei der paulinifchen Chriftuserfcheinung

Pohlenz, Prof. Dr. Max, Vom Zorne Gottes. Eine Studie

der Eindruck von dem Ende des Stephanus als ein Faktor über den Einfluß der griechifchen Philofophie auf das

mit anzufehen, fo folgt, daß doch auch die von Holften Chriftentum. (Forfchungen zur Religion und Literatur

klaffifch auseinandergefetzten, von O. aber abgewiefenen des Alten und Neuen Teftaments, herausgegeben von

Meditationen über den gekreuzigten Pfeudomeffias pfycho- | w Bouffet und H Gunkd ,2 Heft } Götti Van-

logifch wahrfcheinhch lind. Gewiß ift dem Paulus nicht , , , 0 t> ,,,.„ , ,»

der gekreuzigte, wohl aber der vom Kreuz zum Hirn- denhoeck & Ruprecht 1909. (VIII, i56S.)gr.80 M. 5 -

melsthron erhobene, von Paulus wie von den jüdifchen Der Titel diefer intereffanten und gut gefchriebenen
Oberen zu Unrecht und vergeblich .verfolgte' Meffias j Abhandlung ift a potioj-i gewählt. Es ift darin von den
Jefus erfchienen. Die Schauung des Erhöhten fchloß eine 1 nä&i] deov überhaupt die Rede und in Verbindung damit
Offenbarung über das Geheimnis des Kreuzes in fich. | auch von den jcäQ-rj Xqiöxov. Den Ausgangspunkt nicht
Hier hätte der Verfaffer Holften gegen Brückner ausfpielen I nur, fondern auch das Herzftück bildet dabei das Profolien
. Es war eben nicht einfach der präexiftente j blem, das der,Zorn Gottes1 Frommen und Nachdenklichen
Menfchenfohn der jüdifchen Apokalyptik, der dem j feit den Zeiten Mofe und der Propheten geftellt hat. Wir
Paulus erfchien, fondern der vom Kreuz herkommende, folgen dem Verfaffer in feinem Gedankengang. Die

zum Meffias der Juden erhobene Meffias Jefus.

Dem Verfaffer fei gedankt für feine, die Diskuffion
über den wichtigen Gegenftand förderlich beeinfluffende
Unterfuchung: möchte er fie bald durch die angekündigte
Studie über das Verhältnis der paulinifchen Chriftologie
zu Jefus ergänzen.

Leipzig. Hans Windifch.

Beuzart, P., Essai surla Theologie d'lrenee. Etüde d'Histoire
desDogmes. Paris, E.Leroux 1908. (I78p.)gr. 8° fr. 4 —
Die Entdeckung der Epideixis des Irenäus mußte I fchon Philo in Gegenfatz zum Alten Teftament getrieben

anthropopathifche Vorftellung des pfychifchen Vorgangs,
die im Alten Teftament mit voller finnlicher Kraft wirkt,
wird im Neuen (nicht bei Jefus, deffen Predigt mit dem
Zorne Gottes gar nicht operiert) durch eine theologifche
Betrachtungsweife erfetzt, die nur noch die im Gericht
fich äußernde Reaktion Gottes gegen den Ungehorfam
des Menfchen betont. Griechifche Einflüffe haben dabei
nicht mitgewirkt. Für die Griechen war die anädeia in
der umfaffenden Bedeutung der Leidensunfähigkeit, fpeziell
aber der Freiheit von den xctfrT} als Affekten, ein notwendiges
Attribut der Gottheit. Diefe Erkenntnis hat

den Wunfeh nach einer erneuten Erforfchung von deffen Die Apologeten dagegen tragen fie unbefangen vor und
Theologie lebendig werden laffen. Beuzart hat eine folche ohne fich des Widerfpruchs mit den Anfchauungen des
unternommen. Er nennt feine Arbeit anfpruchslos einen A. T. bewußt zu werden. Für Celfus bildeten deffen