Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1909 Nr. 21

Spalte:

593-594

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wolf, Gustav

Titel/Untertitel:

Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegenreformation. II. Band, 1. Abt 1909

Rezensent:

Holtzmann, Robert

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

593

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 21.

594

von Schweden (II, 259f.). Mit Freuden wird man auch die
Vorrede zum Pfalmenkommentar in deutfcher Überfetzung
begrüßen (II, 175—181): enthält diefelbe doch die bekannten
, autobiographifchen Angaben Calvins, fein ergreifendes
Selbßzeugnis, in welchem er bekennt, daß er in
feinen perfönlichen Erlebniffen den Schlüffel zum Ver-
ftändnis des Pfalters gefunden hat. — Des Reformators
Teftament und das an den achtzigjährigen Farel am 2.
Mai 1564 gefchriebene Briefchen fchließen die fchöne
Sammlung ab. Das fehr ausführliche und recht praktifch
angelegte Perfonenregifter wird allen Lefern wertvolle
Dienfte leiften und erhöht wefentlich die Brauchbarkeit
des Werkes, das einen ganz unfchätzbaren Beitrag zur
Würdigung des Charakters und des Lebenswerkes Calvins
liefert, und den Herausgebern, vornehmlich dem Über-
fetzer zur höchften Ehre gereicht.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Wolf, Guftav, Deutfche Gerchichte im Zeitalter der Gegenreformation
. II. Band, I. Abt. Berlin, Brandus 1908.
(284 S.) gr. 8° M.'S —

Es ift keine ganz leichte Aufgabe, über die bisher
vorliegenden Teile von Guftav Wolfs Deutfcher Gefchichte
im Zeitalter der Gegenreformation ein nach allen Seiten
gerecht abgewogenes Urteil abzugeben. Daß das Buch
in der Anlage durchaus verfehlt ift, leuchtet wohl unmittelbar
ein. Es genügt in diefer Hinficht die Feftftellung,
daß in den erfchienenen erften anderthalb Bänden von
dem, was man gemeiniglich das Zeitalter der Gegenreformation
nennt, d. h. von dem Jahrhundert nach 1555,
noch mit keinem Wort die Rede war. Der Verf. hat
deshalb auch felbß ein etwas fchlechtes Gewiffen. Er
ahnt die Ungeduld feiner Lefer und fucht fie durch eine
Ankündigung auf der Umfchlagdecke nach Möglichkeit
zu befriedigen: ,Die übrigen Abfchnitte des zweiten
Bandes follen zunächft eine Rundfchau über die deutfchen
Territorien um die Mitte des 16. Jahrhunderts und dann
die Gefchichte von 1555—1576 enthalten'. Pefümißen
werden das mit gemifchten Gefühlen lefen; ,zunächft'
jedenfalls kommt wieder etwas anderes, und ob der
vollendete zweite Band wirklich bis zum Tod Kaifer
Maximilians II. gehen wird, fcheint mir vorderhand noch
einigermaßen fraglich. Gewiß wird eine Gefchichte der
Gegenreformation nicht einfach mit einer Erzählung der
Ereigniffe vom Abfchluß des Augsburger Religionsfriedens
an einfetzen dürfen. Aber es ift ein Unterfchied zwifchen
einleitender Betrachtung und felbßändiger Darftellung.
Die Fragen, die Wolf bisher in feinem Buch behandelt
hat, hätten alle in einer Einleitung Platz finden können,
jedoch in ganz erheblich konziferer Form und nicht als
Selbftzweck fondern nur in Rückficht auf die Entwickelung
der Gegenreformation. Brachte der erfte Band (1899)
auf 755 Seiten eine Schilderung der deutfchen Reichs-
verfaffung, der Lage der katholifchen Kirche vor dem
Tridentinum und der evangelifchen Kirche beim Tode
Luthers, einen Überblick über die Regierung Karls V.
bis zum Ende des Schmalkaldifchen Kriegs fowie eine
ganz ausführliche, ein felbftändiges Buch bildende Darftellung
der deutfchen Gefchichte von 1547— 1555» [°
verfolgt die erfte Abteilung des zweiten Bandes die
Entwickelung der deutfchen Landespolitik vom 13. bis
zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Man braucht den Band
nur aufzufchlagen, um zu erkennen, wie hier jeder Maß-
ftab für eine einleitende Betrachtung verloren gegangen
iß, und es find ganz beliebig herausgegriffene Beifpiele,
wenn ich in diefer Hinficht auf die langatmigen Erörterungen
S. 22 ff. über die Anlegung von Urbaren und
Lehnsregißern im 14. Jahrhundert, über die Ordnung des
Kanzleiwefens u. dgl. m., oder S. 192«". über den Bauernkrieg
, die Bedeutung des Regierungswechfels von 1525
in Sachfen und den Anfchluß "Philipps des Großmütigen
an die Reformation verweife. Wenig Abnehmer wird

auch der reichhaltige Mußerkoffer finden, der in den
Anmerkungen aus der Literatur zur deutfchen Gefchichte
des 13.—16. Jahrhunderts ziemlich willkürlich und kunterbunt
zufammengeßellt iß: altes und neues, fchwer zugängliche
Spezialliteratur und die bekannteßen allgemeinen
Handbücher. Weniger wäre hier mehr gewefen. Und
da außerdem noch die Darßellung als folche wenig anziehend
gehalten iß und den inneren Zufammenhang oft
fchwer erkennen läßt, fo fürchte ich, daß ein harmlofer
Lefer gar bald in einige Verzweiflung geraten und nicht
fehr weit in der Lektüre gedeihen wird. Aiidererfeits
jedoch hat man mit der Feflßellung, daß wir es bei
Wolf bis jetzt noch nicht mit einer Gefchichte der Gegenreformation
zu tun haben, und mit anderen formellen
Bedenken nicht über den in praxi vorliegenden Inhalt
geurteilt. Der aber fcheint mir an fich der Beachtung
der Forfcher und Lefer durchaus wert zu fein. Ich
möchte mich auf Einzelheiten dabei nicht einlaffen, glaube
jedoch feßßellen zu dürfen, daß in dem hier zur Anzeige
gelangenden Teil die Entwickelung des deutfchen Landes-
fürflentums im fpäteren Mittelalter und in der Reformationszeit
in originaler und dankenswerter Weife gezeichnet
iß. Nicht als ob die Ergebniffe eigentlich viel
Neues enthielten. Aber fie find zufammengefucht aus
einer recht zerßreuten, nach Territorien und Verwaltungszweigen
auseinanderfallenden Literatur und, wenn auch
manchmal ungefchickt und etwas gezwungen, fo doch
immer vollßändig und in dem Beflreben, den Dingen
auf den Grund zu gehen, aneinandergereiht. Wer fich
über die Politik der deutfchen Landesfürßen vom 13.—16.
Jahrhundert, die allmähliche Feßigung ihrer Macht, den
wachfenden Kreis ihrer Intereffen und über ihre Stellung
zur Reichs- und Kirchenreform unterrichten will, findet
hier jetzt am beßen, was er fucht. Infonderheit wird
auch die kirchliche Landespolitik der Fürßen, der Kampf
zwifchen ßaatlicher und kirchlicher Gewalt in den Terri-
, torien, der erheblich älter iß als die Reformation und
diefe in mancher Hinficht beeinflußt hat, mit Verßändnis
befprochen.

Straßburg i. E. Robert Holtzmann.

Valentine, Milton, DD. LLD., Christian Theology. 2 vols.
Philadelphia, Lutheran Publication Society, o. J.
[1906]. (VIII, 476 and VII, 454 p.) gr. 8°

Valentine iß über der Fertigßellung feines Werkes
geßorben, hat aber fein Manufkript bis auf ein Stück
der Eschatologie und ein zurückgeßelltes Kapitel über
, Autorität und Infpiration der hl. Schrift (das auch von
j feinem Sohne nicht ergänzt iß) noch fertigßellen
| können. Mit den Problemen heutiger Wiffenfchaft zeigt,
| wenn wir von einer Auseinanderfetzung mit der Entwicklungslehre
, die zugunßen der alten Urßandslehre
abgelehnt wird, abfehen, das Werk keine Fühlung.
Lechlers ,Apoßolifches und nachapoßolifches Zeitalter'
bezeichnet etwa die Phafe wiffenfchaftlichen Bibelver-
fländniffes, von der V. berührt iß. Für die Gefchicht-
lichkeit des Sündenfalls genügt das Zeugnis des Paulus;
für Chrißi Anfpruch auf Präexiflenz werden, als ob
das felbßverßändlich wäre, ganz unbefangen die Zeug-
niffe des vierten Evangeliums verwertet ufw. Ebenfo
fehlt es durchaus an philofophifcher Schulung. Kants
Kritik der rationalen Theologie hat auf V. keinen Eindruck
gemacht; trotzdem lehnt er alle metaphyfifch-erkenntnis-
theoretifchen Probleme, auch wo er, wie bei Behandlung
des Gottesgedankens notwendig auf fie geführt
wird, ab; feine Haltung iß dezidiert unphilofophifch.
Auch der Anfchluß an die neuere fyßematifche Arbeit
bleibt zu vermiffen. V. hat Fühlung etwa mit Sartorius,
Liebner, Martenfen, Luthardt, Dorner; die Erlanger
Theologie (mit Ausnahme der Chrißologie von Tho-
mafius) exißiert kaum für ihn. Hofmann wird, foweit
I ich fehe, überhaupt nicht, Frank einmal erwähnt. Von