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Ausgabe:

1909 Nr. 20

Spalte:

566-568

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goltz, D.H. Freiherr von der

Titel/Untertitel:

Grundlagen der Christlichen Sozial-Ethik 1909

Rezensent:

Titius, Arthur

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 20.

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erhalten werden. Die vorliegende Studie von Joh. Warneck
ift geeignet, ein fehr günftiges Vorurteil für die ganze
Sammlung zu erwecken, denn Tie bedeutet auch neben
Kruyt (Het Anitnismc in den Indischen Archipel 1906)
eine fehr dankenswerte Bereicherung unterer Kenntnis.
Zugleich fehen wir, was bei Bezugnahme auf die primitiven
Völker unter ,Religions-Urkunden' verftanden werden
foll: ,Während meines faft vierzehnjährigen Aufenthalts
unter den Batak in Sumatra habe ich fo viel religions-
gefchichtliches und fprachliches Material gefammelt, als
mir möglich war. Auf meine Veranlaffung haben tüchtige
Eingeborene alte Sagen, Mythen, Sprichwörter, Fabeln,
Klagegefänge, Rätfei und ähnliches gefammelt. Später
veranlaßte ich batakfehe Lehrer zu mehr oder weniger
zufammenhängender fchriftlicherDarlegung der batakfehen
Religion und der ihr zugrunde liegenden Anfchauungen
von tondi [Seelenftoff] und bezu [Geift]. Die heften, zum
Teil ziemlich umfangreichen Arbeiten wurden gedruckt;
eine behandelt „das foziale Leben der Batak", eine andere
..Sitte und Recht der Batak". Diefen handfehriftlichen
und gedruckten Aufzeichnungen find die vorliegenden
Urkunden entnommen' (23). Daß fie auch in der Bearbeitung
ihren authentifchen Wert behalten haben, erkennt
man daran, daß der Standpunkt der einzelnen Erzählungen
nicht feiten ein etwas verfchiedener ift. ,Dreierlei Vor- ,
(tellungsgruppen und religiöfe Motive laufen innerhalb
der batakfehen Religion neben einander her: einmal das
Bild, das man fich von der Götterwelt macht, fodann die
von jener gänzlich unberührte Anfchauung von der Seele
als einer alles belebenden Materie, ur.d endlich die Furcht j
vor den Geiftern, Dämonen und Ahnen' (2). Ein wefent- J
liches Stück des Geifterkultus bildet auch hier der
Schamanismus. Intereffant ift, daß höchftgeftellte Ahnen
fchließlich unter die Götter aufgenommen werden: ,Wir I
bitten dich Gott, wir übergeben dir hiermit unfern Urahn
, damit du ihn an deine Seite aufnehmen möchteft.
Es höre dein Ohr, Großvater, es erreiche dich unfer
Wort, dir fei unfer Ahn übergeben; wir alle mögen i
glücklich werden. Höre uns, Großvater!' Die Folge ift,
daß nun der Urahn mit der Erde nichts mehr zu tun
hat, und die Nachkommen von jeder Verehrung und
jedem Opfer ihm gegenüber entbunden find (109). Am |
eigentümlichften ift die Seelenlehre, mit der übrigens
ein ftarrer Fatalismus fich verbindet, fofern an der Art
des tondi die ganze Geftaltung des Gefchickes unabänderlich
hängt; hier zeigt fich vielleicht eine Einwirkung des
Islam, da andrerfeits der tondi als durch Opfer und Bitten
beeinflußbar gedacht wird. Vermiffen muß man in dem
fonft fo gut gearbeiteten Buche eine Zufammenftellung
der Fefte (die nur zerftreut erwähnt find) und der
Zeremonien bei Geburt, Heirat, Pubertät (letztere überhaupt
nicht genannt) u. a. Auch eine Auseinanderfetzung
darüber, ob und inwieweit Totemismus vorkomme, fehlt.
Man glaubt z. B. in Schlangen und andern Tieren die
Ahnen verkörpert und betet fie als .Großvater' [fehr allgemein
angewendeter Titel| an (74); einzelne Stämme
werden auf Tier-Ahnen zurückgeführt (34), auch Spuren
von Matriarchat finden fich (ebenda), aber eine zufammen-
faffende Erörterung über den Belang diefer einzelnen
Notizen für die Gefamtanfchauung der Batak wird nicht
geboten. So dürfte überhaupt eine eingehendere Vertrautheit
mit den Gefichtspunkten und Methoden der
vergleichenden Religionswiffenfchaft den Wert der von
Mitfionaren zu erwartenden Darftellungen primitiver Religionen
noch erhöhen.

Göttingen. Titius.

Busseil, F. W., Christian Theology and Social Progress. The

Bampton Lectures for 1905. London, Methuen & Co.
(1907). (XL, 343 PO flr- 8° s- 106

Buffell liefert einen Beitrag zur Apologetik des
Chriftentums gegenüber dem modernen Agnoftizismus. |

Nicht von feiten der logifchen Konfequenz und Ver-
ftändigkeit, wie das 18. Jahrhundert, will er das Chrifter.-
tum prüfen, auch nicht auf die Glaubwürdigkeit feiner
hiftorifchen Überlieferung, wie das 19. Jahrhundert, fondern
dem berrfchenden Utilitarismus gemäß auf feine
Brauchbarkeit für das menfehliche Leben. Diefer Maß-
ftab entfpricht auch der Sache felbft, weil Religion nicht
Philofophie ift, nicht Sache eines engern ariftokratifchen
Kreifes von Gebildeten, fondern wie der .moralifche In-
ftinkt' ganz unreflektiert aus dem unbewußten Seelenleben
des gemeinen Mannes hervorbricht. Als freie
Sprache des Herzens fucht fie nach einem Sinn des
Lebens, einem ewigen Wert für die Seele; Theologie ift
nur ihre Grammatik und ihr Syftem. Es gibt freilich
eine Religion, die im Aufgeben des Individuellen, in der
Leugnung des Wertes des Lebens befteht; das ift die
in der heutigen wiffenfehaftlichen Forfchung weit verbreitete
religiöfe Stimmung des Agnoftizismus. Aber
die Religion der Gefchichte, die chriftliche, lehrt den
ewigen Wert des Menfchen, läßt ihn auf Gottes Hilfe
vertrauen, macht ihn zum Gliede des triumphierenden
Gottesreiches. Diefer Glaube bildet die Grundlage für
die heutige Geftaltung der wefteuropäifchen Kultur, die
ohne ihn fich nicht erhalten kann. Ihre Eigenart läßt
fich damit bezeichnen, daß fie ,demokratifch' ift, d. h.

1. jeden Menfchen als Zweck an fich felbft anerkennt,

2. demgemäß keine bloße Gewaltherrfchaft verträgt,
fondern eine innere Solidarität von Herrfchern und
Untertanen verlangt, 3. die Menfchen nicht auf eine
zukünftige Glückfeligkeit vertröfttt, fondern ernften
Kampf gegen vorhandene Notflände führt (130). Mit
diefen .fundamentalen Maximen der Aufklärung' berühit
fich der religiöfe Begriff vom Menfchen auf das aller-
engfte. Denn das Chriftentum war von Anfang an
,univerfal und demokratifch, in dem einzig wahren Sinne
der Anpaffung an die gemeinen Nöte der Durchfchnitts-
Menfchheit' (34). So ergibt fich, daß Evangelium und
Demokratie, weit entfernt, Gegenfätze zu fein, auf einander
angewiefen find. Leider ift die Durchführung diefes,
wenn cum grano salis verftanden, durchaus beherzigenswerten
Gedankenganges keine glückliche. Die Straffheit
der Unterfuchung leidet empfindlich unter der Neigung
zu hiftorifchen Überfichten, die mit der Sache
felbft nur lofe zufammenhängen und in dem dargebotenen
Rahmen von acht Kanzelvorträgen über den Wert bloßer
Apercus doch nicht hinauswachfen können. Dazu find
dann .Supplemente' geboten, die den Umfang der Vorträge
felbft erheblich überfchreiten und die Überficht-
lichkeit des Ganzen nicht vermehren, aber an fich dankenswerte
Beigaben und Weiterführung der wefentlichen
Gedanken bringen. Eine fehr ausführliche Inhaltsangabe
und ein Index erleichtern die Orientierung.

Göttingen. Titius.

Goltz, f Propft Prof. D. Hermann Freiherr von der,
Vizepräf. d. Ev. Oberkirchenrats, Grundlagen der Chrift-
lichen Sozial-Ethik. Aus feinem Nachlaß herausgegeben
von Pred.-Sem.-Dir. Prof. Lic. Ed. Frhr. von der Goltz.
Mit einem Bildnis des Verfaffers. Berlin, E. S. Mittler
& Sohn 1908. (X, 332 S.) gr. 8° M. 6.50

Die vorliegende Schrift, die Frucht .kurzer Ferien-
paufen' eines überaus befchäftigten Mannes, an die er
felbft nicht mehr die letzte Hand anlegen konnte, wird
gewiß, wie fein Sohn hofft, ,fein Charakterbild im Kreife
feiner Freunde lebendig werden laffen'. Denn er hat
fich felbft, feine innerliche Vornehmheit, feine gründliche
und vielfeitige Bildung, feine umfaffende Lebenserfahrung
, die warme Liebe zu feiner Kirche und fein
echtes Mitgefühl mit dem kleinen Mann, mit deffen
Nöten er fehr genau bekannt war, in feine DarftelluiiCT
hineingelegt. Von konfervativer Grundftimmung (93.