Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1909 Nr. 20

Spalte:

559-563

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Berguer, Georges

Titel/Untertitel:

La notion de valeur, sa nature psychique, son importance en théologie 1909

Rezensent:

Lobstein, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

559 Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 20. 560

fpüren, wenn er auch deffen Übertreibungen in der zu-
fammenhängenden Erklärung von Gruppenbildern abweift
(p. 221). Auch in der differenten Auffaffung der Mahl-

Ausfchließung des normalen Kriteriums des Wertes
(295—352). Neun Schlußthefen (353—355) faffen den
Inhalt des erflen Teils in knapper und lichtvoller Form

darftellungen geht er nicht mit ihm (p. 2121.). Die feit- | zufammen. Das Literaturverzeichnis (357—361) führt
liehe Stellung des fogen. Epiphaniebildes in Priscilla wird mehr als hundert Veröffentlichungen, umfangreichere
auch von B. nicht angemerkt (p. 105). Übrigens kann, Werke und Zeitfchriftartikel an, in der Mehrzahl von

wer die Cappella greca dafelbft gefehen hat, doch nicht
zugeben, daß fie eine einfehiffige Coemeterialbafilika fei
(p. 105). Die Einteilung des gefamten Freskenzyklus
p. 201 trifft mit der von mir feinerzeit (Altchriftl. Malerei
S. 290) vorgefchlagenen zufammen.

Betheln (Hann.). E. Hennecke.

Berguer, Georges, La notion de valeur, sa nature psychi-
que, son importance en theologie. Geneve, 1908. (365 p.)
8° fr. 6 —

Der Verfaffer vorliegender Schrift hatte fich bereits
im Jahre 1903 durch feine Lizentiatendiflertation in vorteil-
haftefter Weife bekannt gemacht. In diefer Erftlings-
fchrift (L application de la mEthode scientifique a la theologie
) hatte er den Begriff der wiffenfehaftlichen
Theologie feflzuftellen und zu umgrenzen gefucht.
Die Theologie iff ihm Wiffenfchaft, fofern fie durch ein
objektives und unabhängiges Studium die religiöfen
Tatfachen beobachtet und konftatiert; fie verfährt lediglich
befchreibend; fie umfaßt daher die Gefamtheit der
hiftorifchen Disziplinen; zu ihr gehören aber auch die
erft vor kurzem felbftändig konftituierten Wiffenfchaften
der religiöfen Pfychologie, Biologie und Soziologie. Die
Signatur der wiffenfehaftlichen Theologie liegt darin,
daß fie in Seinsurteilen verläuft; fie befchränkt fich
darauf, die Wirklichkeit zur Darfteilung zu bringen, enthält
fich aber jeden Urteils über den Wert des beobachteten
und feftgeftellten Tatbeftandes.

Die wiffenfehaftliche Theologie aber erfchöpft nicht
das Gefamtgebiet der Theologie. Neben dem Bereich,
der den Namen der Wiffenfchaft in Anfpruch nehmen
darf, gibt es ein weites Gebiet, das fich dem objektiven
Verfahren und der unintereffierten Unterfuchungsmethode
der Wiffenfchaft entzieht. Gegenftand diefer außer-
wiffenfchaftlichen (extrascientifique) Theologie ift
das geiftliche und religiöfe Leben vom Standpunkte des
Wertes, den es für das religiöfe Subjekt hat. Hieher
gehören alle religiöfen Bewegungen und Erlebniffe des
Chriften, Glaube und Sündenvergebung, Bekehrung und
Wiedergeburt; auch alle fpezififch religiöfen Probleme,
der Wunderbegriff, der Erlöfungsgedanke ufw. fallen in
den Bereich diefer außerwiffenfehaftlichen Theologie, in
welcher der Wertbegriff die grundlegende, alles be-
herrfchende Stelle einnimmt.

Diefe Doppelgliederung der Theologie ift die konfe-
quente Anwendung und Durchführung des von Kaftan ' fie vermag es nicht, die Tatfache der Verpflichtung
(Das Wefen der chriftlichen Religion, S. 38) geäußerten j felbft zu erklären. — In den nun folgenden Ausführungen
Gedankens: ,Zu allem, was für uns ift, befinden wir uns j (S. 145 fg-) fucht der Verf. die moralifche und religiöfe
ftets in dem doppelten Verhältnis, daß wir es mittelft j Berechtigung des von ihm aufgeftellten Kriteriums der
der Vorftellung objektiv auffaffen und im Gefühl als Werte nachzuweifen. Zunächft erblickt er in der obli-
lebendige Wefen fubjektiv Stellung dazu nehmen', gation morale eine wefentlich religiöfe Erfcheinung. Es
Während Berguer fich in feiner Lizentiatenarbeit mit i drängt fich das Sollen in unmittelbarer und unbedingter

deutfehen Verfaffern; aber auch England, Amerika,
Frankreich, die Schweiz, felbft Italien und Rußland
(Tolftoi) find vertreten. Diefe Aufzählung ift nicht ein
Paradeftück; fchier alle genannten Schriften find im
Buche B.s berückfichtigt. Unter den deutfehen Theologen
vermiffe ich Reifehle (Werturteile und Glaubensurteile
, 1900).

Der Wert ift weder etwas bloß objektives, noch
etwas lediglich fubjektives. Es Bellt fich uns dar als
eine Beziehung (rapporf) zwifchen dem Subjekt und
dem Objekt. Diefe Beziehung ift nicht intellektueller
Art, fondern gehört der Sphäre des Gefühls und des
Willens an (est d'ordre affectif): ,der Wert eines Dinges
ift feine Begehrbarkeit' (Ehrenfels). ,Alles Gewertete
wird gefühlt, alles Gefühlte wird gewertet' (Kreibig).
Jede der Gefühlsordnung angehörige Beziehung ift fähig,
eine Wertbeziehung zu werden, unter der Bedingung, daß
fie mit andern verglichen werde. Diefer fubjektive
Vergleich der Gefühlsbeziehungen verwandelt diefelben
in Wertbeziehungen. — Als das auf diefem Gebiete
entfeheidende Grundproblem bezeichnet B. die Frage
nach dem Kriterium der Werte. Der Maßftab, nach
welchem der fühlende und wollende Menfch die Wert-
beftimmung vornimmt, ift ein fittlicher. Das Kriterium
der fubjektiven Wertung liegt in dem ,Du follft' (dans le
fait de l'obligation morale). ,Nie ift etwas gut, weil
wir es wollen, fondern weil wir uns bewußt find, es zu
follen, nennen wir es gut' (Kaftan, a. a. O. 54). Diefe
Tatfache der moralifchen Verpflichtung fchafft den Wert,
indem fie dem Subjekt das Mittel gibt, nach einem
abfoluten Maßftab, die gefühlsmäßigen Beziehungen
(rapports affectifs) zu ordnen, die es mit den Gegen-
ftänden feiner Erfahrung behauptet. In der Betrachtung
der Werte gilt es daher, zwei verfchiedene Stufen (de-
ges, niveaux) zu unterfcheiden: einmal die fubjektive
Wertung (Evaluation), die den wefentlichen, grundlegenden
Wert bedingt; zum zweiten, die moralifche Verpflichtung
, die valeur par excellence, welche die Gefühlsbeziehungen
zu Wertbeziehungen macht. Die Frage
nach der fubjektiven Schätzung der Wertbeziehung entzieht
fich, der Sache nach, jeder rein wiffenfehaftlichen
Beurteilung. Die Wiffenfchaft ift zwar imftande, den
verpflichtenden Charakter, den die Wertung für das moralifche
Subjekt befitzt, zu konftatieren; fie kann auch
daraus fchließen, daß die moralifche Verpflichtung in
den faits de valeur eine maßgebende Rolle fpielt; aber

,dem mittelft der Vorftellung objektiv Aufgefaßten' be-
fchäftigt hatte, wendet er fich nun in feiner, der theo-
logifchen Fakultät von Genf zur Erlangung des Doktorgrades
vorgelegten Schrift, der Unterfuchung über den

Weife dem menfehlichen Bewußtfein auf. ,La valeur est
Pimprcssion de caractere obligatoire qui s'attache ä cer-
tains rapports affectifs entre l'etre moral et les objets de
son experience, les qualifie et leur confere un droit au

Wertbegriff zu. triomphe sur les autres1 (157). Die Urfprünge der Ver

Das Buch zerfällt in drei Teile. In dem erflen I pflichtung und des Wertes fallen für uns mit den Ur-
handelt B. von dem Wefen (la nature essentielle) und dem j fprüngen der menfehlichen Perfönlichkeit zufammen, und
Kriterium des Wertes (15—184). Der zweite Teil liefert j ihre Wurzeln reichen bis in die unterbewußten Schicheine
pofitive Gegenprobe des gewonnenen Ergebniffes: j ten (couches subconscientes) der Individualität; deshalb ift
diefe befteht in der Unterfuchung der religiöfen Tat- ; auch die Evaluation obligatoire eine fpezififch menfehliche
fache der Bekehrung (185—294). Der dritte Teil gibt ; Funktion. In der empirifchen natürlichen Menfchheit ift
eine negative Gegenprobe des im erflen Teil erzielten j die Auflehnung gegen die verpflichtende Autorität der
Refultats: es handelt fich um den durch Nietzfche ge- i moralifchen Werte die Regel; dem von ihm prinzipiell
machten Verfuch einer Wertfchätzung der Dinge, unter ; anerkannten Kriterium räumt der fündige Menfch nicht