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Ausgabe:

1909 Nr. 19

Spalte:

545-546

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schinz, Max

Titel/Untertitel:

Die Wahrheit der Religion nach den neuesten Vertretern der Religionsphilosophie 1909

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 19.

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hin entwickelt, in den verfchiedenen Abfchnitten des
Buches zur Geltung und Anwendung gelangt. Wollte
man mit dem Verfaffer in eine dogmatifche Diskuffion
treten, fo müßte man bei diefem Glaubensbegriff ein-
fetzen; eine folche Auseinanderfetzung wäre indeffen
zwecklos. Es kann bei einer Charakteriftik der zehn
Abhandlungen fein Bewenden haben.

Straßburg i. E. P. Lob Hein.

Schinz, Dr. Max, Die Wahrheit der Religion nach den neueren
Vertretern der Religionsphiloiophie. Habilitations-
fchrift. Zürich, Gebr. Leemann & Co. 1908. (X, 307 S.)
gr. 8° M. 6.50; geb. M. 7.50

Das Buch hat der philofophifchen Fakultät der Uni-
verfität Zürich als Habilitationsfchrift vorgelegen. Es
will eine Darfteilung und Kritik geben von den neueften
Verfuchen, die Wahrheit der Religion darzutun. Der
Autor unterfcheidet fcharf zwifchen der hiftorifch-pfycho-
logifchen Frage nach dem Wefen der letzteren und der
anderen nach ihrer Gültigkeit. Nur mit den auf dies
erkenntniskritifche Problem gerichteten Bemühungen hat
er es zu tun.

Er fchildert, analyfiert und beurteilt die einfchlägi-
gen Theorien (oder Anfätze zu folchen) von Eucken,
Dorner, Troeltfch, Wundt, Siebeck, James, Baumann,
Höffding. Daß er manche fonftige Verfuche, die doch
auch der Wahrheit der Religion gelten und ebenfo modern
find, wie etwa die von Cohen, Natorp, Kaftan,
Herrmann, Häring, Wendt, Claß, Paulfen und andere
ignoriert, wird man ihm nicht verübeln. Eine gewiffe
Befchränkung war durch den Charakter der Schrift geboten
. Es verfteht fich ferner von felbft, daß nicht alle
Partien gleich ausgefallen und in dem felben Maße gelungen
find. So ergibt fich beifpielsweife der Eindruck,
als ob die Theorien Baumanns oder Wundts oder felbft;
Dorners dem Verf., der augenfeheinlich dem kritifchen
Realismus huldigt, beffer ,gelegen' hätten, als etwa die
Gedankenwelt Euckens, die fchroff abgelehnt wird. Dennoch
läßt fich behaupten, daß die Berichterftattung, auch
wenn lie nicht immer alle in Betracht kommenden
Schriften der betreffenden Autoren berückfichtigt, im
großen und ganzen auf folider Grundlage beruht. Auch
die Beurteilung, mag man ihr nun zuftimmen oder nicht,
ift ftets fachlich und in ihrer Nüchternheit lehrreich.
Höchftens das könnte man als einen gewiffen generellen
Mangel bezeichnen, daß die Darfteilung bisweilen zu
aphoriftifch ift, weniger darauf ausgeht, jede der gefchil-
derten Theorien im ganzen und in ihrer relativen Berechtigung
überblicken zu laffen, als fie in ihre Teile zu zerlegen
und diefe genauer zu befchreiben. Demgemäß ift es mit
der Kritik beftellt. In einer Weife, wie fie neuerdings von
Hiftorikern der Religionsphilofophie aus der Herbartfchen
Schule beliebt wird, haftet fie vornehmlich an den Einzelheiten
, die gleichfam gefondert, Stück für Stück, durchgegangen
und befprochen werden. So wie aber heutzutage
nun einmal die Lage in der Philofophie ift, wäre es vielleicht
empfehlenswerter und billiger gewefen, fich zunächft
einmal rückhaltlos auf die Vorausfetzungen religionspfy-
chologifcher, erkenntnistheoretifcher und anderer Art der
herangezogenen Denker einzuftellen und unter vorläufiger
Konzeffion diefer Vorausfetzungen ihre Anfchauungen
im Zufammenhang zu kennzeichnen und zu würdigen.
Die fruchtbarfte, eindrucksvollfte Kritik metaphyfifcher
Syfteme — und um folche handelt es fich ja zum Teil —
befteht freilich auf dem Standpunkt des Realismus immer
darin, daß man den abgelehnten Syftemen ein neues
politives, in feinem Gefamtaufbau harmonifcheres und deshalb
wirkfameres gegenüberftellt.

Das fehlt begreitlicherweife. Soweit fich jedoch erkennen
läßt, neigt der Verf. in religionspfychologifcher
Hinficht zu einer mehr oder weniger intellektualiftifchen

Auffaffüng der Religion. Daher hält er wohl auch einen
Beweis ihrer Wahrheit durch eine Argumentation der
bloß theoretifchen Vernunft als folcher, will fagen, durch
eine rein auf diefe fich gründende Metaphyfik für möglich
und — nötig; welche Metaphyfik dann zugleich als
eine Norm für die Religion, als eine Art Normalreligion
(S. 226f.) zu gelten hätte. Und zwar reflektiert Verf.
augenfeheinlich darauf, daß eine folche Metaphyfik (S. 89)
durch eine Ergänzung des bereits erkannten Weltbruch-
teils nach vorwärts und rückwärts unter Ausfchluß aller
Werturteile über das Gegebene (S. 213) zu gewinnen
wäre. Ift aber eine derartige Metaphyfik von Thaies an
bis auf Drews je erftellt worden? ift fie realifirbar? Und
wenn es heißt: ,eine Ergänzung nach der transzendenten
Seite' fei ,am vernünftigften in dem Sinne vorzunehmen,
daß man den gegenwärtig erreichten Zuftand in derfelben
auffteigenden Entwicklung weiter fortgefetzt denke, wie
fie im vorliegenden Segment des Weltganzen fich als
Tatfache gezeigt hat': ja, involviert denn der Begriff
einer ,auffteigenden Entwicklung' nicht fchon ein Werturteil
? und was für eines!

Die letzten Ausftellungen unter allem Vorbehalt,
da doch der Verf. feine eigene Pofition nur andeutet
und nicht unzweideutig darlegt, fondern, was fchließlich
fein gutes Recht bleibt, fich mit Referat und Kritik
begnügt.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Otto, Prof. DD. Rudolf, Naturaliltiiche und religiöfe Weltan-
licht. Zweite verbefferte Auflage. Tübingen, J. C. B.
Mohr 1909. (IX, 296 S.) gr. 8° M. 3—; geb. M. 4 —

Das Buch erfcheint nach fünf Jahren erfreulicherweife
in zweiter Auflage. Es ift feinerzeit in diefem
Blatt (Nr. 1, 1905) von Reifchle ausführlich befprochen
worden in ganz ähnlichem Sinn und mit ebenfo anerkennender
Zuftimmung wie feitens des Unterzeichneten
in der Theologifchen Rundfchau. Es hat inzwifchen
einige Veränderungen erfahren, wenige Streichungen,
mehr Ergänzungen unter Bezugnahme auf die neuefte
Literatur, auf feither erfchienene Publikationen von
Chwolfon, Plate, P. Krapotkin, Pauly, Friedemann,
Schneider, Wasmann und anderen. Im wefentlichen aber
ift es fich gleich geblieben.

Unter diefen Umftänden bedeutet eine verkürzte
Befprechung keine Verkennung des Wertes, den die
ihrer Form nach populäre, ihrem Inhalt nach ftreng
wiffenfehaftliche Schrift für fich in Anfpruch nehmen
kann. Sie Hellt eine außerordentlich intereffante und
gediegene apologetifche Auseinanderfetzung mit dem
Naturalismus oder, vielleicht noch einfacher ausgedrückt,
mit dem Materialismus vor. Sie hält zwar grundfätzlich
daran feft, daß, felbft wenn eine reftlofe kaufal-mechani-
fche Erklärung alles Gefchehens geglückt wäre, daneben
doch die religiöfe Weltanfchauung mit ihrer Behauptung
eines Geheimniffes des Dafeins, mit ihrer Vorftellung von
der Abhängigkeit, Bedingtheit und Zweckmäßigkeit der
Welt zu beliehen vermöchte. Aber fie geht nun weiter
und zeigt in den Abfchnitten, in denen gerade das
Schwergewicht des Ganzen ruht, daß jene reftlofe kaufal-
mechanifche Erklärung, durch die der fromme Glaube
zwar niemals widerlegt, aber doch wenigftens froiffiert
oder beunruhigt werden könnte, bis jetzt keineswegs
gelungen ift, und daß die moderne Naturforfchung in
der Zuverficht auf ihre Möglichkeit eher erfchüttert als
befeftigt erfcheint. Das wird ausführlich dargetan am
Problem von der Entwicklung der Organismen, am
Problem des Lebens, das Wort zunächft im rein phyli-
fchen Sinne genommen, und am Problem des geiftigen
Lebens. Ein kurzes Schlußkapitel deutet unter entfehie-
dener Ablehnung aller pantheiftifchen Gedanken in zart
fkizzierten Umriffen an, auf welche Weife wohl fromme
Spekulation eine Brücke fchlagen könnte zwifchen einer