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Ausgabe:

1909 Nr. 1

Spalte:

540-542

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eckart, Rudolf

Titel/Untertitel:

Paul Gerhart. Urkunden und Aktenstücke zu seinem Leben und Kämpfen 1909

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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539

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 19.

zu der Periode der Regelerklärungen vollzieht. ,Die rauhe
Wirklichkeit ift flärker als der bewundemswürdigfte Idealismus
'. Er empfindet es als wohltuende Offenheit, daß
David von Augsburg gefleht, die Strenge der erften Zeit
könne nicht mehr beobachtet werden (S. 43). Er findet
beim Rückblick am Schluß des Buches, die Entwicklung
des Ordens, auch wenn fie dem äußeren Anfchein nach
nicht im Einklang mit feinen Anfängen flehe, fei eine
notwendige organifche Weiterbildung und verfichert, daß
trotzdem der Geift des h. Franz nicht von ihm gewichen
fei. Das ifl ja ein fehr ,vernünftiger' Standpunkt, der
Standpunkt der Mitte, der jedem Extrem nach rechts und
links abhold ifl, nur wird man nicht fagen können, daß
diefe ,vernünftige' Art gerade dem Geift des Ordensflifters
befonders nahestehe. Die nüchterne wiffenfchaftliche Dar-
flellung zeigt fich auch darin, daß die in anderen Ordensarbeiten
fo abfloßenden Superlative in Lob und Tadel mög-
lichft vermieden find. Die dunklen Partien in der Ordens-
gefchichte werden nicht verfchwiegen und das eigene
ungünflige Urteil felbft Päpfte n wie Martin V (S. 110) und
Alexander VI (S. 146) gegenüber nicht unterdrückt, aber
im Vorwort ausdrücklich hervorgehoben, daß die vorgetragenen
Urteile und Anflehten nicht offizielle, fondern
in mehr als einem Punkt von der Ordensleitung nicht
geteilt feien. Natürlich wird aber doch das Verhalten
des Ordens foweit irgend möglich verteidigt, fo z. B.
felbft das im h. Land (S. 545 ff.), das doch fonfl überall
als unwürdig gefchildert wird, und auf den Philippinen
(S. 533 ff.), wo die Mönchherrfchaft kläglich zufammen-
gebrochen ift.

Eine außerordentliche Arbeit ift in dem Buch
geleiftet: Fun Zeitraum von 700 Jahren, eine oft ruhmvolle
, öfters aber peinvolle Gefchichte von endlofen
Kämpfen, Streitereien und Abfplitterungen (die übrigens
nicht vollftändig aufgezählt find, z. B. fehlt Franz v. Paula
und die Minimen, die doch wohl fo gut wie die Cöleftiner
Eremiten hätten erwähnt werden können), eine Ausbreitung
über alle Länder der Firde, eine Betätigung auf
den weiteften Gebieten der Predigt und Miffion, Wiffen-
fchaft und Kunft waren zu verfolgen. Natürlich konnte
der Verfaffer nicht überall die primären Quellen durch-
forfchen, er mußte fich vielfach auf fekundäre Arbeiten
verlaffen. und konnte auch feine Auffaffung nicht begründen
, fondern nur darfteilen. Daher ift auch über
Einzelnes kaum mit ihm zu rechten. Aus dem verhältnismäßig
kleinen Ausfchnitt der franziskanifchen
Gefchichte, der mir quellenmäßig bekannt ift, möchte
ich nicht fowohl auf die Gefchichte des Ordensflifters
und der Anfänge eingehen; ich hätte da manches einzuwenden
, doch muß anerkannt werden, daß nicht nur
die Ausdrucksweife wohltuend abfticht von der Felders,
fondern daß auch die Schwierigkeiten, die in den
Quellen liegen und die, die im Leben des Heiligen fich
entwickelten, offener zugegeben werden. Aber die Darfteilung
der Gefchichte der Jahre 1230—1232, wie fie
hier gegeben ift und fich auf katholifcher Seite durch-
zufetzen beginnt, genügt nicht nur den Quellen nicht,
fondern widerfpricht namentlich jeder Pfychologie. Die
Stellung und Tätigkeit des Antonius von Padua wie
die des Elias von Kortona find ficherlich falfch aufgefaßt
. Ich kann dafür nur auf meine Ausführungen in
Briegers Zeitfchr. f. Kirchengefch. XIII, 1 ff und in
Frei'e Elie de Cortone hinweifen, die mir gerade in diefen
Partien durch die neue Arbeit Wilks in den kirchengefch.
Abhandl., aus der H. offenbar gefchöpft hat, gar nicht
erfchüttert fcheinen; auch die verhängnisvolle Bedeutung
der Bulle Quo clongati, von der man faft fagen möchte,
fie fei Grund und Anfang alles Elends in der Franzis-
kanergefchichte, ift m. E. nicht genügend hervorgehoben.
Ebenfo meine ich, daß in der Darfteilung der Kämpfe
zwifchen Konventualismus und Obfervanz Licht und
Schatten nicht ganz richtig verteilt feien; bei Kapiftrano
und feinen Bewunderern war des Allzumenfchlichen

I doch recht viel; (wie mehr als fraglich ift z. B. das,
was S. 221 f. von ihm gerühmt wird!) ich weiß nicht,
ob von ihm nicht auch der oft fo Hörende Gebrauch
runder Zahlen, die durch ihre vielen Nullen auffallen,
in die Miffionsgefchichte des Ordens eingeführt worden

J ift. Der Verfaffer aber — das müffen wir ihm zuge-
ftehen — bemüht fich auch da nüchtern zu bleiben in
den Zahlen der Bekehrten, Getauften, Märtyrer u. dgl.

Im Ganzen gereicht diefe Arbeit, obgleich fie gewiß
in vielen Teilen noch der Ergänzung oder Berichtigung

! bedarf, wie das der Verfaffer felbft erkennt, feinem Orden

' zur Ehre; das überfichtliche Handbuch wird vielen For-
fchern fich brauchbar erweifen.

Freilich das Befte in der Gefchichte des Minoriten-
ordens läßt fich nicht wiffenfehaftlich feftftellen (S. 206 ff.),
das find nicht fowohl die Taten der gefeierten Heiligen
und Märtyrer und der gelehrten Scholaftiker, Prediger
und Kirchenkämpfer, als die fülle Arbeit der ungelehrten,
unberühmten, ungenannten Brüder, wie fie etwa in
Manzonis Promessi sposi eine ideale Darftellung gefunden
hat.

Stuttgart. E. Lempp.

Eckart, Waifenhausinfp. Rudolf, Paul Gerhardt-Bibliographie.

Stimmen und Schriften über Paul Gerhardt. Ein Nachklang
zum Jubeljahre 1907. Pritzwalk, A. Tienken(i909).
(58 S.) gr. 8"

Eckart, Rudolf, Paul Gerhardt. Urkunden und Aktenstücke
zu feinem Leben und Kämpfen. Glückftadt,
M. Hänfen (1909). (III, 120 S.) gr. 8° M. 2 —

Nr. 1 ift ein Verzeichnis der Ausgaben von P. G.s
Liedern nebft einigen Urteilen über den Dichter, fowie
j ein Verzeichnis der 1907 erfchienenen Schriften und
| Darbietungen über P. G., nämlich der Ausgaben feiner
Lieder und Predigten, der wiffenfehaftlichen Schriften
über P. G., der Volksfchriften, der dramatifchen Dar-
I bietungen und Volksabende, endlich der mufikalifchen
I und liturgifchen Gerhardt-Feiern, Der Herausgeber, ein
[ überaus warmer Verehrer Gerhardts, verfäumt es nicht,
die registrierten Schriften mit feinen Urteilen, die fämtlich
| feine freilich recht kindliche und kritiklofe Begeisterung
lebhaft widerfpiegeln, zu begleiten. Die Bibliographie ift,
i foweit ich fehe, einigermaßen vollftändig.

Nr. 2 gibt einen Neudruck der fich auf die Perfon
! des Dichters beziehenden Aktenftücke, die in den Werken
von E. C. G. Langbecker (Leben und Leiden von P. G.
Berlin 1841) und Otto Schulz (P. G.s GeifUiche Andachten
in 120 Liedern Berlin 1869) veröffentlicht wurden.
Der Herausgeber fcheint feiner Aufgabe wenig gewach-
fen zu fein. Der Neudruck reiht die Aktenftücke ohne
j Gliederung und ohne Einfchnitte mechanifch aneinander
und hält fich von zahlreichen Nachläffigkeiten und Fehlern
des Druckes nicht frei. In gefchichtlichem Intereffe darf
- man es begrüßen, daß die Aktenftücke gefammelt wieder
! zugängig gemacht find; fie gewähren einen näheren, ob
j auch nicht fehr wohltuenden Einblick namentlich in die
j Verhandlungen und konfeffionellen Streitigkeiten derjahre
1662—1667, die bekanntlich mit der Amtsentfetzung Ger-
! hardts endigten. Der Herausgeber hat jedoch nicht ein
j rein hiftorifches Intereffe; er kann es nicht laffen, fein
für G. blind parteiifches Urteil den Lefern unpaffender-
weife aufzudrängen. ,Der fanatifche, offenbar durch böfe
Ratgeber angestiftete Kurfürst' (82), ,G., ein Opfer des kurfürstlichen
Fligenfinns und Fanatismus, der Verleumdung
i feitens der reformierten Prediger' (100) und dergleichen
1 Ausfälle muß man in den Kauf nehmen.

Am 21. Auguft 1662 ordnet der Kurfürst, ,damit das
unchriftliche Verketzern, Verlästern und Verdammen, auch
falfche Deuteleien und erzwungene Befchuldigungen gotteslästerlicher
Lehren allerfeits eingestellt' werden, ein
| Kolloquium der lutherifchen und reformierten Prediger