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Ausgabe:

1909 Nr. 19

Spalte:

538-540

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Holzapfel, Heribert

Titel/Untertitel:

Handbuch der Geschichte des Franziskanerordens 1909

Rezensent:

Lempp, Eduard

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 19.

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aus einem inhaltlichen Gegenfatz zwifchen dem höchften
Ziel und den natürlichen Energien, fondern bleibt eine
unbegründbare dogmatifche Feftfetzung, die innerhalb
des geradlinigen inneren Entwicklungszufammenhangs
zwifchen den natürlichen Energien und ihrem Entwicklungsziel
an irgend einer Stelle einen Einfchnitt macht.
Damit ift der Spielraum gegeben, innerhalb deffen fich
die katholifchen Lehrbildungen über das Verhältnis des
Natürlichen zum Übernatürlichen bewegen können. Sie
können die verfchiedenften Geftalten annehmen, wenn
nur 1. der innere Zufammenhang zwifchen dem Natürlichen
und Ubernatürlichen, 2. der durch einen transzendenten
Faktor gemachte Einfchnitt feftgehalten wird. Das
katholifche Denken kann fich alfo, mathematifch ausgedrückt
, mit der größten Freiheit zwifchen zwei Grenzwerten
hin- und herbewegen, mit deren Erreichung der
Katholizismus verlaffen ift. Der eine Grenzwert nach
oben ift die Tridentinnm concilium sect. 5. c. V verurteilte
lutherifche und kalvinifche Ketzerei, die den inneren
Zufammenhang zwifchen dem Natürlichen und dem
Übernatürlichen zerreißt, indem fie behauptet, liberum
hominis arbitrium . . . velut inanime quoddam nihil
omnino agere, mereque passive se habere. Der Grenzwert
nach unten ift der reine Immanentismus bezw. die
von Pius V (1567), Gregor XIII (1579) und Urban VIII
(1641) verurteilte Ketzerei des Bai'us, die über der alleinigen
Betonung des inneren Zufammenhangs zwifchen
dem Natürlichen und Übernatürlichen den transzendenten
Eingriff ausfchaltet (/lumauae naturae sublimatio et exal-
tatio in consortium divinae naturae debita fuit integri-
tati primae conditionis et proindc naturalis dicenda est
et non supranaturalis). Man kann nicht fagen, daß Li-
geard die Skala der Formulierungen des Verhältniffes
zwifchen dem Natürlichen und Übernatürlichen, die
zwifchen diefen beiden Grenzwerten möglich find, voll-
ftändig dargeftellt hätte. Die franziskanifche Schule mit
ihren feinen Unterfchieden zwifchen Alexander Halefius,
Bonaventura und Duns Scotus ift gegenüber der thomifti-
fchen und auguftinifchen fiiefmütterlich behandelt. Doch
zeigt auch diefes unvollftändige Referat in intereffanter
Weife, wie weit fich die katholifche Lehre dem unteren
Grenzwert nähern kann, ohne fich felbft aufzugeben,
wie weit fie fich dem Modernismus und dem Evolutionismus
akkomodieren kann, ohne unter das Verdammungs-
urteil der Enzyklika Pascendi dominici gregis zu fallen,
Was zunächft die Frage nach dem Urfprung des Übernatürlichen
in der Menfchenfeele betrifft, fo tritt in der
fkotiftifchen Schule die unmodernere Anfchauung hervor,
daß das Übernatürliche eine gefchaffene Entität ift,
die von außen an die Natur herantritt. In der thomifti-
fehen Schule dagegen wurde diefe auch dort von den
erden Kommentatoren der Summa (wie Joh. Capreolus)
vertretene Auffaffung von Suarez zum erden Mal mit
voller Entfchiedenheit aufgegeben. Nach ihm id die
Gnade nicht die Erfchaffung eines neuen Seins, fondern
nur eine qualitative Veränderung oder Transfiguration
innerhalb eines bereits exidierenden Seins, die Erhebung
der menfehlichen Aktivität von einer niedrigeren auf eine
höhere Stufe, eine qualitative Modifikation der inneren
Aktivität des Subjekts. Der Unterfchied zwifchen dem
Thomismus und dem evolutionidifchen Monismus be-
deht dann (p. 103 Anm.) nur noch darin, daß bei dem
letzteren die Entwicklung zu einer höheren Stufe fich
unter dem vitalen Antrieb immanenter Energien, in der
Scholadik unter dem Einfiuß einer göttlichen Intervention
vollzieht. Sobald diefe göttliche Intervention nicht mehr
fubdantiell, fondern aktualidifch aufgefaßt wird, id fie
auf dem Wege, zu einem bloßen religiöfen Ausdruck
für einen Entwicklungsprozeß zu werden, den man eben
fo gut rein immanentidifeh befchreiben könnte. Dem
wird nur dadurch vorgebeugt, daß die zweite Frage,
ditjenige nach dem Verhältnis zwifchen dem Natürlichen
und Übernatürlichen, fo beantwortet wird, daß

der innere Zufammenhang nicht zu einer Notwendigkeit
wird, mit der die Natur ihre Erhebung auf eine höhere
Stufe fordert. Im Gegenfatz zur proteftantifchen Irrlehre
muß ja immer fedgehalten werden, daß nach Thomas
die Seele eine natürliche Kapazität für die Gnade befitzt
, fo daß die iustificatio impii nicht wie eine Toten-
erweckung als Wunder bezeichnet werden darf. Der
appetitus naturalis ad veram beatitudinem, vermöge deffen
der Menfch nach jenem Ziele hintendiert, gleicht der
Schwere im Stein. In diefem Punkt bedeht zwifchen
der thomidifchen und fkotidifchen Lehre eine auffallende
Übereindimmung. Dies führte nun aber in der auguftini-
fchen Schule konlequenterweife zu dem Gedanken weiter:
Da Gott die visio beatifica als letztes Ziel der menfehlichen
Aktivität bedimmt hat, id er es fich felbd, nämlich
feiner Providentia fchuldig, feiner Kreatur die Hilfen
zuteil werden zu laffen, die notwendig find, um dahin
zu gelangen. So entdeht die Thefe von der
,moralifchen Notwendigkeit des übernatürlichen Lebens'.
Diefe fetzte fich dem Vorwurf der Identität mit der
Ketzerei des Bai'us und Janfenius aus. Sie kann fich
| gegen die letztere nur durch die fcharfe Didinktion
abgrenzen zwifchen einer in der Natur liegenden exi-
gence stricte du surnaturel, die die Ketzer behaupten,
und einer convenance morale, einem oportebat ex lege
providentiae, das noch kirchlich zuläffig id. Da aber
diefe providentielle Notwendigkeit fich in der Erfchaffung
der Kreatur ad imaginem Bei ausdrückt, fo id der
Unterfchied gegenüber einer in der Natur liegenden Notwendigkeit
nur fchwer deutlich zu machen.

So zeigt diefe Studie des Profeffors der Apologetik
in Lyon-Francheville, ohne es zu beabfichtigen, wie
nahe fich der Katholizismus mit dem myftifchen Monismus
der Gegenwart berührt, fobald man von den
hiftorifch bedingten dogmatifchen Einkleidungen abfieht
und auf die Werte zurückgeht, die in beiden zum Ausdruck
kommen.

Halle a. S. Karl Heim.

Holzapfel, P. Dr. Heribert, O. F. M., Handbuch der Ge-
fchichte des Franziskanerordens. Freiburg i. B., Herder
19/09. (XXI, 732 S.) gr. 8° M. 9.50; geb. M. 11.50

Handbuch — darauf muß der Ton gelegt werden.
Eine wiffenfehaftliche Gefchichte des Ordens zu fchrei-
ben, wie es einft Wadding unternommen hat, überfteigt
| heute die Kraft eines einzelnen Mannes. Das ift dem Ver-
faffer, der auf Geheiß des Ordensgenerals feine Arbeit
unternommen hat, völlig klar. Aber er hat gewiß recht,
wenn er den Wert eines folchen Handbuchs, wie das
vorliegende eines ift, nicht gering anfehlägt. Man hat
fo einen Überblick über das Ganze der Ordensgefchichte,
der gerade dem, dem es um wiffenfehaftliche Unter-
fuchung zu tun ift, eine fchnelle Orientierung ermöglicht
. Bcfonders erwünfeht find die Tabellen, die am
Schluß des Buches die große Reihe der Ordensoberen,
Protektoren, Heiligen, Seligen, Generalkapitel des Ordens
bringen, wie im Lauf der Abhandlung felbft die Provinzeinteilungen
des Ordens und feine Zweige tabellarifch
aufgeführt find. Eine wohl zu ftarke Vermehrung der
Arbeit und Seitenzahl, aber ein großer Gewinn wäre es
gewefen, wenn auch die einzelnen Klöfter, aber nicht
nur mit ihrem lateinifchen Namen, geographifch hätten
zufammengeftellt werden können. — Der Standpunkt,
von dem aus die Gefchichte gefchrieben wird, ift der
des Obfervanten oder, wie man feit 1897 fagen muß,
des Minoriten. Die Konventualen und Kapuziner werden
zwar nicht feindfelig behandelt, aber doch gilt die Vorliebe
des Verfaffers offenfichtlich feiner Familie. Dabei darf man
aber nicht an die Partei der Spiritualen denken, deren
Männer und Taten faft durchaus verworfen werden. Am
bellen kennzeichnet den Verfaffer vielleicht das Wort, mit
dem er den Übergang von den Idealen des Ordensftifters

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