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Ausgabe:

1909 Nr. 1

Spalte:

518-519

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Reinold

Titel/Untertitel:

Aus Religion und Geschichte. Zweiter Band: Zur systematischen Theologie 1909

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 18.

ausnehmen, die aber ein gewaltiges Stück Kultur- und
Sittengefchichte befchreiben. Wie es fcheint, hat der
Verfaffer die Zufammenftellungen vollftändig gegeben
und fo auch dem Hiftoriker ein bequemes Mittel ge-
fchaffen, um fich fchnell zu orientieren.

Hannover. Ph. Meyer.

Maumus, P., Les Modernistes. Paris, G. Beauchesne & Cie.
1909. (XV, 269 p.) 8° fr. 2.50

In diefer inhaltlich lehr fcharfen, formell höflichen
und vornehmen Abfertigung des Modernismus unternimmt
es der Verfaffer zu beweifen, daß der Modernismus
,keinen einzigen Stein des chriftlichen Gebäudes
flehen läßt, und daß diefes Zerflörungswerk fleh lediglich
auf nichtige, darum wertlofe Behauptungen flützt'
(S. 3. 261). Seine Angriffe richten fleh gegen das Programm
der italienifchen Moderniften, in erfler Linie aber
gegen Loify, deffen Schriften L'Evangile et l'Eglise, Autour
d'uu petit livre, Les Evangiles synoptiques, famt den
vor einem Jahre veröffentlichen Briefen, einer unerbittlichen
Kritik unterworfen werden. Auch mit Le Roy,
deffen nachherige Unterwerfung M. als grand exemple
de foi courageuse et simple rühmend erwähnt, fetzt
fich der Apologet in einer eingehenden Erörterung der
Erkennbarkeit und Beweisbarkeit Gottes (127—166)
auseinander.

In feinem Widerlegungsverfuch hat es M. fowohl
mit den prinzipiellen Pofitionen der Moderniften, als mit
dem Detail ihrer gefchichtlichen Beweisführung zu tun.
In vielen Fällen liefert ihm die Enzyklika Pascendi gre-
gis dominici die ßafis und die Richtung feiner Polemik.
Die Negation der göttlichen Autorität der Kirche, die
Unterfcheidung zwifchen Glaubenswahrheiten und Ge-
fchichtswahrheiten, die jede übernatürliche Kundgebung
Gottes ausfchließende Immanenztheorie, der modernifti- 1
fche Evolutionsgedanke, die Stellung der Neuerer zum j
Dogma und ihre oberflächliche Beurteilung der Scho-
laftik, ihre Auffaffung von der Gottheit Chrifti, die auf
eine durch die chriflliche Gemeinde vollzogene Apotheo-
fierung des Mefflas hinausläuft, das find die wefentlichen
Streitobjekte, um welche fleh die Diskuffion bewegt.
Wenn auch zugegeben werden muß, daß der Verf. einzelne
disputable Äußerungen aus Loifys Kommentar zu
den Synoptikern mit Gefchick bloßgelegt und auf ihre
Richtigkeit geprüft hat (z. B. 226—230), fo beruht doch die
Mehrzahl feiner Anklagen auf fchlimmenMißverfländniffen
(97—99. n7—12°- T8o- 247) oder auf dogmatifchen Vorurteilen
, die feiner theologifchen und philofophifchen Grund-
anfehauung entflammen. Maumus ift ein begeifterter Tho-
mifl. DieVerherrlichung der Thomiflifchen Scholaftik, die
den Mittelpunkt feiner Schrift bildet (167—197), liefert
auch den Schlüffel zum Verftändnis feiner Polemik. Die
prinzipielle Rückkehr zum Syftem des Doctor angelicus
wird der Kirche und der Philofophie die Waffen zur
erfolgreichen Bekämpfung der modernen Ketzer vermitteln
. Ifl doch die thomiflifche Philofophie durch ihren
unvergänglichen Wert allen andern Syftemen überlegen:
fie flellt fich auf den Boden der objektiven Realität, fie
zeichnet fleh durch wunderbare Klarheit und Nüchternheit
aus, fie ift intcllectualiste an supreme degre und
verfährt nur durch Brenge Demonflration. Im Vergleich
zu ihr bedingte die Philofophie des Cartefius keinen
Fortfchritt; befonders verhängnisvoll aber war Kant,
deflen Lebenswerk die Umkehrung aller Philofophie,
le renversement de tontephilosopliic (180) darftellt. Unter
feinem direkten oder indirekten Einfluß flehen die meiden
Moderniften (181). In diefem Anfchluß an eine Mode- j
philofophie, die bald abgewirtfehaftet haben und dem
glorreich verjüngten Thomismus Platz machen wird,
liegt eine Hauptfchwäche der modernen antikatholifchen
Bewegung. Was aber ihre endgiltige Niederlage herbeiführen
wird, ift ihre Trennung von der unfehlbaren

Autorität der Kirche. Denn der Modernismus ift nur
dem Namen nach eine neue Erfcheinung: die Sache
felbfl ift fo alt wie die Welt; fie heißt: ,die Empörung
des Menfchen gegen Gott'.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Seeberg, Reinhold, Aus Religion und Gefchichte. Ge-
fammelte Auffätze und Vorträge. Zweiter Band: Zur
fyltematilchen Theologie. Abhandlungen und Vorträge.
Leipzig, A. Deichert'fche Verlagsbuchh. Nachf. 1909.
(VII, 395 S.) gr. 8° M. 6.60

Diefer zweite Band der ,Abhandlungen und Vorträge
aus Religion und Gefchichte' behandelt zum großen Teil
brennende oder aktuelle Fragen der Kirche und der Theologie
der Gegenwart. Während der erfte Band (f. Theol.
Litzeit. 1907, Nr. 3) Beiträge zur Gefchichte des Urchriflen-
tums und der kirchlichen Entwicklung enthalten hatte,
ift der vorliegende ausfchließlich Problemen der Apologetik
, der Dogmatik und der Ethik gewidmet. Auch die
zwei erften Stücke, die gefchichtsphilofophifchen Gedanken
zu Chamberlains .Grundlagen des 19. Jahrhunderts'
(1—33) und die Schilderung des Lebensund derWirkfam-
keit des baltifchen Theologen AI. von Oettingen (34—58)
find nicht durch rein hiftorifche oder biographifche Inter-
effen eingegeben und beherrfcht, fondern laffen fich ungezwungen
in die Reihe der vorwiegend apologetifch orientierten
Auffätze eingliedern. Die meiften derfelben find
bereits im Druck erfchienen. Neu ifl, wenn ich nicht
irre, die Trinitatisprecigt über 2 Kor. 13, 13; der Verf. hat
fie aufgenommen, weil es ihm daran lag, ,gerade den
trinitarifchen Gedanken einmal in ganz praktischer Form
zur Darfteilung zu bringen'. Daß ihm dies ganz gelungen
fei, wird man kaum behaupten können. So lange der
Prediger aus den göttlichen Heilswirkungen eine Offenbarung
des Vaters durch den Sohn im Geifte dem
Bewußtfein feiner Zuhörer nahe zu bringen fucht, werden
die meiden den hier ,von unten nach oben' führenden
Weg mitgehen können. Wird dasfelbe der Fall fein,
wenn am Schluffe der Rede folgende Erklärung gegeben
wird? ,Lieben ift Wollen, und Wollen ift Persönlichkeit.
Gott will uns einzelne als Heiliger Geift, Gott will die
Gemeinde der Erlöften in der Gefchichte als der Sohn,
Gott will die Kräfte und das Leben und die Befriedigung
der Welt als der Vater. In diefem dreifachen Wollen
erleben wir ihn als dreifachen Willen oder dreifache
Perfon. Und doch ift es wieder der eine Gott, der
Liebe ifl, den wir in den großen Gebieten des Dafeins,
in die unfer eigenes Leben verflochten ift, kennen lernen'.
Gehört nicht ein ftarker Mut dazu, um dann fortzufahren:
,Es ift alles fo einfach und klar'? (173).

Sehr lockend und verheißungsvoll nimmt fich das
in verfchiedenen Auffätzen entworfene Programm der
modern-pofitiven Theologie aus. Man lefe z.B. die Stücke
3—5 (Die Moderne und die Prinzipien der Theologie,
Die Wahrheit des Chriflentums, Die Kirche und der Fortfchritt
) fowie die zwei letzten (Die kirchlich-foziale Idee
und die Aufgaben der Theologie der Gegenwart, Die Zukunft
der Kirche). Vielen Ausführungen werden auch
die Modern-Kritifchen ihre Zuftimmung gewiß nicht ver-
fagen. ,Nicht nur, was einft war und wirkte, fondern
was jetzt ift und wirkt, nicht nur kritifierte Gefchichte,
fondern erlebte gegenwärtige Wirklichkeit ift das Objekt
diefer Dogmatik. Nicht foll fie ihre Kraft erfchöpfen
in der gefchichtlichen Wiedergabe und Kritik der mancherlei
Meinungen über die Religion, die es gegeben hat,
fondern fie hat es zu tun mit der Religion felbft, wie
fie von uns erlebt wird' (343). Ja keine Partei, keine
Schule wird folgende Zeilen unbeachtet laffen wollen.
,Wer eine große Aufgabe vor fich fleht, der wird, wenn
er fie wirklich fleht, innerlich frei werden von dem
Kliquenwefen mit feinem kleinlichen Dünkel und feiner