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Ausgabe:

1909

Spalte:

27-29

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heisenberg, August

Titel/Untertitel:

Grabeskirche und Apostelkirche. Zwei Basiliken Konstantins. Untersuchungen zur Kunst und Literatur des ausgehenden Altertums. 2 Tle 1909

Rezensent:

Bergner, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. r.

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indirekt etwa S. 67—68. 65 erfährt man etwas über die
Begründung diefes Glaubens. Hätte St. die gelegentlich
gegebenen Andeutungen zu umfaffenden Ausführungen
erweitert, fo würde feine Unterfuchung ohne Zweifel einen
noch tieferen Eindruck und eine höhere Befriedigung
zurücklaffen.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Heifenberg, Prof. Auguft, Grabeskirche und Apoftelkirche.

Zwei Bafiliken Konftantins. Unterfuchungen zur Kunft
und Literatur des ausgehenden Altertums. Zwei Teile.
Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1908.

M. 40—; geb. M. 45 —

Erfter Teil. Die Grabeskirche in Jerufalem. Mit 14 Tafeln und
14 Figuren im Texte. (VIII, 234 S.)

Zweiter Teil. Die Apoftelkirche in Konftantinopel. Mit 10 Tafeln
und 3 Figuren im Texte. (VIII, 284 S.)

Mit der Zerftörung Jerufalems 71 n. Chr. erlofch
jedenfalls die Erinnerung an die heiligen Stätten vollkommen
, fo gering auch bis dahin ihr Kultus gewefen
war. In der 135 neugegründeten Aelia Capitolina nahm
ein Aftarte-Adonistempel die Stelle ein, die man fpäter
Golgatha nannte. 326 gab Konftantin den Befehl, das
Grab des Herrn zu fuchen und zu feiner Ehre den erften
großen Staatstempel des Chriftentums zu bauen. Bifchof
Makarios ließ den ,dü(Iern Schlupfwinkel der Aphrodite,
ein wahres Seelenbegräbnis toter Idole' abbrechen und
fand unter dem Schutt, was er fuchte, eine Höhle des
urfprünglichen Adoniskultes, die mit Hilfe der Namensähnlichkeit
(Adon = kyrios) als Herrengrab proklamiert
und Mittelpunkt jener hochberühmten Bauten wurde, die
bis 336 unter der Leitung des Zenobios aufgeführt und in
Gegenwart des Kaifers eingeweiht wurden. Mit einem
Schlage wurde nun Jerufalem der erfte Kultort der Chriften-
heit. Und wo bis dahin die rührende Klage um Adonis
Tod und die Freudenrufe über feine Erweckung die Luft
erfchüttert hatten, erhub fich nun in religionsgefchicht-
licher Renaiffance mit gleicher Leidenfchaft Karfreitagstrauer
und Ofterjubel. Die ganze Herrlichkeit fiel 614
dem Perferfturm zum Opfer. Mit befcheidnen Mitteln
und faft völliger Nichtachtung des früheren Beftandes
errichtete Bifchof Modeftos 616—26 neue Kultgebäude,
die, fchon im 9. Jahrh. fehr baufällig, nach mehrfachen
Teilbränden 1010 durch den Sultan El Hakim vollends
zerffört wurden. Aus dem Trümmerhaufen erftanden j
dann die Kreuzfahrerbauten. Dies ift der hiftorifche Boden, j
auf dem fich Heifenberg's Unterfuchungen und Rekon-
ftruktionen der Grabeskirche (I) bewegen, und es gehört
der ganze Mut, Spürfinn und kritifche Scharfblick eines
zugleich nüchternen und einbildungsreichen Gelehrten !
dazu, um eine Aufgabe zu löfen, an der alle Vorgänger
gefcheitert find.

Heifenberg erörtert zunächfl die fchriftlichen |
Quellen. In einer meifterhaften Exegefe bringt er
den Bericht des Eufebius in Ordnung, der im allge-
meinen über die Lage und Bedeutung der konftantinifchen
Bauten orientiert. Das Ergebnis wird durch die fchönen
Katechefen Kyrill's (350) befeftigt und in bezug auf die j
liturgifchen Gewohnheiten erweitert. Wichtige Einzelheiten
ergibt der Reifebericht der Etheria (um 383). Maßangaben
liefert Theodofius (um 520). Die wachfende Bereicherung
der heiligen Stätten ergibt fich aus dem
Breviarius de Hierosolyma und die genauere Befchreibung
des hl. Grabes felbfit aus dem Itinerariinn Antonini Pla-
centini 570. Zu dem faft widerfpruchslofen Befund fiimmen
nun in unerwarteter Deutlichkeit die wenigen mo numentalen
Quellen, die Mofaikkarte der Stadt Jerufalem von
Madeba und das Mofaik von S. Pudenziana in Rom, die
von Strzygowski wiedererkannten konftantinifchen Refte
des Südportals mit der Exedra und die Säulenftümpfe

der Propyläen fowie für das Herrengrab die Ölfläfchchen
von Monza, die auf Taf. VIII. IX bildlich vereinigt find.

Das Ergebnis ift kurz dies. Die konftantinifche Kirche
war eine nach Werten orientierte dreifchiffige Bafilika
mit Emporen und Halbrundapfis, örtlich davor im hallen-
umfäumten Atrium lag das Grab, von einem Rundbau
(Anastasis) überdeckt, zwifchen beiden der Golgathafelfen
mit einem großen, edelfteingefchmückten Kreuz, das Grab
Adams und der Nabel (Omphalos) der Erde. Örtlich
vor dem Atrium eine Halle (Paradisus) und die Propy-
I läen. Bifchof Modeftos aber verlegte eigenmächtig das
I Grab an die jetzige Stelle in die zur Rotunde umgebaute
konftantinifche Apfis der Bafilika, den Kreuzesfelfen in
die neuerrichtete Golgathakirche mit einer Adamskapelle,
erbaute ganz neu eine Marienkapelle (&eoroxog rmv 2Zsiov-
öaimv) an Stelle des Südfchiffs der Bafilika und ein
Martyi'ium Constantini auf den Trümmern des alten Paradisus
. Diefe völlig veränderte Sachlage haben die Reife-
fchilderungen nach dem Perferbrand vor Augen, vor
allem des Iren Adamnanus .de locis sanctis1, (686) nach
Erzählungen und Plan des gallifchen Bifchofs Arculf, und
das Typikon der Anaftafis, deffen Grundftock auf Bifchof
Sophronios (629) zurückgeht. Indem die früheren Forfcher
diefe ganz unvereinbaren Quellen vor und nach dem
Perferbrand mit dem heutigen Beftande zu kombinieren
fuchten, verfielen fie jener unfruchtbaren Verwirrung der
Begriffe, von der Taf. II und III (19 verfchiedene
Rekonftruktionsverfuche) eine Vorftellung geben. Sehr
intereffant ift noch der Anhang S. 196—225, ,Aftarte und
Adonis', worin nach den jerufalemifchen und byblifchen
Münzen der Aftarte-Adoniskult, die architektonifche Ge-
ftalt des Hauptheiligtums, eines Ciboriums nach Art des
fogen. Abfalomgrabes, und deffen Nachwirkung auf die
Grabrotunde Konftantin's zu erhellen verfucht wird. Hier
öffnen fich ganz neue kunfthiftorifche Perfpektiven, wozu
man noch die viertorigen Gerichtsftätten ziehen kann (C.
Gurlitt, Handb. d. Architektur VIII. 1. 129).

So fehr man die rekonftruktive Phantafie des Verf.,
die Vorficht und Nüchternheit im einzelnen und die
zwingende Beweiskraft des Ganzen bewundern muß, fo
kann man das Gefühl der Unficherheit nicht ganz unterdrücken
. Der Verf. hat die Stätten feiner Unterfuchung
nicht felbft gefehen. Er hofft, daß (an fich fehr unwahr-
fcheinliche, faft unmögliche) Ausgrabungen feine Annahmen
beftätigen. Es ift aber leicht möglich, daß eine
einzige Ausgrabungskampagne vieles über den Haufen
wirft. Der ganze Umfturz des Modeftos, 2 Jahre nach
dem Perferbrand, ift recht fchwer glaublich, ebenfo die
teilweife Erhaltung der Südfaffade. Hierüber fcheint fich
doch Strzygowski fehr getäufcht zu haben. Das Ornament
foweit Abbildungen urteilen laffen, ift echte Kreuzfahrer-
kunft, worauf u. a. Hafak wiederholt die Aufmerkfamkeit
lenkte (Handb. d. Archit. II. 4. IV. 263).

Dürftiger und unbeftimmter lautet die Überlieferung
über die Apoftelkirche in Konftantinopel (II.), die Konftantin
bei feinem Tode 337 unvollendet hinterließ. Aber
Heifenberg macht auch hier fehr wahrfcheinlich, daß es
fich wie in Jerufalem um eine Bafilika (ohne Kreuzarme)
handelte, davor ein Atrium mit der Rotunde, worin
zwifchen den Kenotaphien der 12 Apoftel der Sarg des
Kaifers ftand. Juftinian ließ das abbrechen und feit 536
von den beiden Baumeiftern der Sophienkirche jene gewaltige
Kreuzkuppelkirche errichten, deren fchwächeres
Nachbild wir in St. Marco zu Venedig haben. Auch von
ihr ift kein Stein erhalten, doch erlauben die Befchreibung
Prokop's und die fchwülftigen Verfe des Conftantinos
Rhodios eine halbwegs fichere Rekonftruktion. Hierzu
kommt nun, ergänzend und berichtigend, als neue Quelle
die von Heifenberg 1898 in der Ambrofiana entdeckte
Ekphrafis des Nicolaos Mesarites um die Wende des 12.
Jahrh., der unglaublich wort- und blumenreich die Lage
und Umgebung der Kirche, den teilweis recht witzigen
Schulbetrieb ihrer angegliederten Unterrichtsanftalten