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Ausgabe:

1909

Spalte:

489-490

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Boulenger, Fernand

Titel/Untertitel:

Grégoire de Nazianze 1909

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Seite 1

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Stählin beraten, nur darauf bedacht, das Werk fo hinaus- j
zuführen, wie es Dombart wünfchte und vorbereitet hatte.
Am Text der zweiten Ausgabe von 1877 ift ohnehin
nicht viel geändert worden; den Apparat fo zu kürzen,
daß feine Ausdehnung die Benutzung der Stereotyp- |
platten nicht erfchwerte, ift offenbar keine geringe Auf- I
gäbe gewefen, einige Ergänzungen in den Prolegomena J
find auch noch von dem Herausgeber gefpendet worden.
Daß wir durch die vereinte treue Mühwaltung diefer
Männer nun wieder einen guten, bequemen und billigen 1
Text von Auguftins berühmtem Werk befitzen, ift jeden- j
falls erfreulich. Druckfehler find, felbft in Miuutien,
äußerft feiten; die Befchränktheit des Apparats ift für
den Forfcher, der ja doch E. Hoffmanns Ausgabe mit
benutzt, kein Schade, für den Studierenden eher heilfam.
Immerhin vermiffe ich z. B. S. 473 zu Z. 31fr. fchmerzlich
einen Verweis auf den erklärenden Kommentar Dombarts
in Texte u. U. 32, 2 p. 49 f., und daß durch die Klam- 1
mern < ) wieder einmal Lesarten herausgehoben werden,
quae, etsi haud inepta videntur, librorum mss. auetoritate ,
paruni ürniantur, ift ein fchon um feiner Zweideutigkeit
willen nichtempfehlenswerter Brauch. DennwennDombart
p. XIX zu S. 40,11 das bloße libidini ftatt des von
jüngeren Handfchriften und den Editionen vorgezogenen |
libidini hostili von A 1 ,solus rede' überliefert nennt, [
warum entfernt er es dann nicht aus feinem Text durch
die Klammer {hostili] ftatt (hostili)}

Sehr befonnen hat Dombart über die Schwierigkeit
geurteilt, bei de dvitate Bei eine Klaflifizierung der Zeugen 1
vorzunehmen. Wenigftens für Buch I (von cp. 13 an) und j
II glaubt er indes ein Stemma aufbauen zu können, und
diefe Konflruktion bildet den intereffanteften Abfchnitt
der Pracfatio. Mir fcheint auch der von Dombart viel
höher als von Hoffmann eingefchätzte codex A auf diefe
Weife fo ziemlich an den richtigen Platz gelangt zu fein:
wie vorfichtig man aber bei folchen Nachweifen verfahren !
muß, lernt der aufmerkfame Lefer gerade aus den Tabellen
Dombarts. Mehr als die Hälfte der Belegftellen .find fo 1
unerheblich, daß fie faft beffer fortblieben, die Uberein- I
ftimmung im Falfchen erfcheint bei diefer Methode gleich- 1
wertig mit der im Richtigen; und von Interpolationen I
ift fchon die Rede, wo vielleicht der harmlofcfte Verfuch, j
ein unleferliches Wort zu deuten, vorliegt. Proventum
75,24 im Corbejensis ftatt perventumiiisque ad bella civi-
tia) ift nach p. XXIV fchon zu den ftarken Belegen von
interpolatoruvi audacia zu rechnen; der codex Lugdunensis
foll dagegen ganz frei von folchen Interpolationen fein,—
und doch fchreibt er 77,9 inputant ftatt increpitant. Das
kann zwar in Gedankenloligkeit gefchehen fein, weil kurz
vorher imputant vorkam, aber diefe ift für die meiften j
.Interpolationen' im Corb. ebenfowenig ausgefchloffen.

So wird es wohl fein Verbleiben dabei haben, daß
der Text der Bücher de civitate, wie es bei Dombart j
gefchehen, nicht in genauem Anfchluß an eine einzige j
Handfchriftengruppe, fondern durch Auswahl aus den j
verfchiedenen Zweigen der Uberlieferung gewonnen wird,
und wer fich fo tief wie Dombart in Auguftin hineinge-
lefen hatte, mag am eheften mit unbewußtem Takt das
Richtige getroffen haben.

Marburg. Ad. Jülich er.

Boulenger, Fernand, Gregoire de Nazianze. Discours fune-
bres en l'honneur de son frere Cesaire et de Basile
de Cesaree. Text grec, traduetion francaise, introduc-
tion et index. Paris, A. Picard et Fils 1908. (XV, 252 p.)


Es war ein glücklicher Gedanke der Herausgeber
der Textes et documents, die Reden Gregors von Nazianz
auf feinen Bruder Caefarius und auf Bafilius von Caefarea
in ihre Sammlung aufzunehmen. Mit Recht macht der
Bearbeiter in der Einleitung darauf aufmerkfam, daß diefe j

Reden ein großes literarifches und gefchichtlich.es Intereffe
befitzen. So lohnt fich denn auch die Mühe, die Boulenger
auf feine Arbeit verwendet hat. Seine einleitenden Bemerkungen
unterrichten vortrefflich, insbefondere der
Überblick über die genera elogiorum ift fehr willkommen
und zeugt von guter Sachkenntnis. Auch die Anmerkungen
zum Texte enthalten viel Beachtenswertes (z. B. zur
Erklärung wichtiger Termini, wie rprtoöocpia, olxovouia,
äOTqoZoyia, u6xrjr?]Qia, luyäöeq, opoovöioq, über Gregors
Eschatologie, über den Gebrauch der siaoasteräopata
in den Kirchen). Als Grundlage des Textes diente die
Benediktinerausgabe. Eine abfchließende Ausgabe ift
vorläufig unmöglich, da die Unterfuchungen über die
handfehriftliche Überlieferung, mit denen Mifier feit 1902
befchäftigt ift, noch nicht abgefchloffen find. Zur Kontrolle
des Benediktinertextes hat Boulenger zwei Handfchriften
der Parifer Nationalbibliothek herangezogen, den
Cod. 510 saec. IX und den Cod. Coislin. 51 saec. X, diefen,
weil die Unterfuchungen Mifiers feine Wichtigkeit wenigftens
für die theologifchen Reden bereits herausgeftellt
hatten, und die Vergleichung diefes Ergebnis auch für die
Reden auf Caefarius und Bafilius beftätigte. Außerdem
konnte Boulenger die Ausgabe der Caefariusrede durch
Sinner von 1836 (er nennt fie eine ,edition aujonrd'hui
introuvab/e') mit Vorteil benutzen. So hat er denn den
Text an einer Reihe von Stellen verbeffern können und
jedenfalls nützliche Vorarbeit für eine künftige kritifche
Ausgabe geliefert. Schon Dräfeke hat gelegentlich der
Befprechung von Meridiers in der gleichen Sammlung
erfchienenen Ausgabe der katechetifchen Rede Gregors
von Nyffa (diefe Zeitung 1908, 531) darauf hingewiefen,
wie wertvoll bei fchwierigeren Texten die Beigabe einer
Überfetzung ift. Boulenger hat feine Überfetzung nach
dem Grundfatz angefertigt: ,Le devoir d'un trciducteur
c'est de seffacer rcligieusement derriere son texte'. So
viel ich urteilen kann, ift er ihm treu gewefen. Auf den
billigen Preis diefer franzöfifchen Ausgaben muß immer
wieder hingewiefen werden. Einen kritifch gereinigten
Text mit Überfetzung, ausführlicher Einleitung, Anmerkungen
und Regifter mit teilweife recht fchwierigem Satz
auf zufammen 370 Seiten für 3 Francs, alfo für etwa
2 M. 50 Pf., zu liefern, wäre in Deutfchland tatfächlich
unmöglich.

Gießen. G. Krüger.

Jugie, M., O. Aug., Histoire du Canon de l'Ancien Testament
dans l'Eglise Grecque et l'Eglise Russe. (Etudes de Theologie
Orientale. I.) Paris, G. Beauchesne & Cie. 1909.
Ü40 p.) 8° fr.

Die Abficht des Verfaffer ift nachzuweifen, daß feit
dem Trullanum von 692 bis zum 16. Jahrhundert die
katholifche Kirche mit der orthodoxen, der griechifchen
wie ruffifchen, in der Anerkennung deffen, was den alt-
teftamentlichen Kanon ausmacht, eins gewefen fei. Für
die fogenannten kanonifchen Bücher fleht das außer
Zweifel. Pur die Übereinftimmung hinfichtlich der fogenannten
Apokryphen in der Septuaginta foll es eben
bewiefen werden. Erft durch den Einfluß der Reformatoren
, näher durch die Vermittlung des Kyrillos Lukaris
und einiger anderen proteftantifch gefinnter griechifchen
Theologen fei die proteftantifche Irrlehre bei den Griechen
eingezogen. Aber den erften xhoc de Pheresie habe die
orthodoxe Kirche namentlich in den Konzilien des 17.
Jahrhunderts wacker abgewehrt. Leider fei unter Peter
dem Großen der Proteftantismus in Rußland eingedrungen,
und ebenfalls am Ende des 18. Jahrhunderts in Griechenland
. Es fei Rußland augenblicklich in den Banden der
falfchen Lehre, und in Griechenland herrfche die größte
Konfufion. So fei in der orthodoxen Kirche nicht allein
die Autorität der alten Konzilien gefährdet, fondern auch
die Lehrgewalt der heutigen orthodoxen Kirchen flehe

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