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Ausgabe:

1909

Spalte:

486-487

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Usener, Hermann

Titel/Untertitel:

Vortäge und Aufsätze 1909

Rezensent:

Lietzmann, Hans

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dem Studenten zur Einführung recht gute Dienfte leifter.
können. Zur Gefchichte des Kanons hätte ich auch
gerne G. Hölfchers Schriftchen ,Kanonifch und apokryph'
genannt gefehen. Mit Recht ift namentlich Buddes Gefchichte
der althebräifchen Literatur verwertet (vgl. z. B.
S. 81. 188. 198. 235. 262. 269); fo fchließt fich Cornill in
der Faffung des Tnb als Pfalmenüberfchrift Buddes Erklärung
an. Die ausführliche Befprechung der literar-
kritifchen Verhältniffe von Lev 16 (S. 62 der vorigen
Auflage) ift in Rückficht auf N. Meffels zu abweichenden
Refultaten gelangende Unterfuchung(ZATW 27,1 ff. 1907)
kurzen Andeutungen gewichen; verändert ift übrigens
die Nomenclatur innerhalb P's: PhPgPs ftatt der Bezeichnungen
Kuenens P1 P2 Px. Auf die Befprechung des Jonabuches
haben Hans Schmidts einfehlägige Arbeiten
eingewirkt. Hieß es früher (S. 210): ,Ob der unbekannte
Verfaffer bei feiner Erzählung einzelne Züge einer Überlieferung
entnommen hat, läßt fich nicht fagen, ift aber
nicht gerade wahrfcheinlich', fo heißt es jetzt (S. 201):
,Der unbekannte Verfaffer hat mit weitverbreitetem Material
gearbeitet, wie die von H. Schmidt aus der ganzen
Welt zufammengetragenen Parallelen beweifen'. Auch
feine Ausfcheidung von i,3b/9 4a« 5a«b 6 8 9 ioaab/?
14 15 3,6—9 4,5ha aus der Elrzählung (abgefehen vom
Pfalm 2,3—10, der fo wie fo fchon als Fremdkörper im
Organismus des Buches anerkannt war) wird gebilligt,
dagegen allerdings feine Auffaffung, als gehörte diefe
gereinigte Jonalegende literargefchichtlich in die Zeit
unmittelbar vor dem Exil (Ninive = Deckname fürjeru-
falem), mit Recht abgewiefen. Zu einer durchgreifenden
Umarbeitung des Paragraphen über Habakuk hat das
Erfcheinen von Duhms neuem Löfungsverfuch geführt.
Cornill urteilt: ,Wenn eine Hypothefe ermöglicht, ein
bisher graufam zerfetztes Buch als Einheit zu faffen, fo
hat fie ein flarkes Präjudiz für fich und mutet an wie
das Ei des Kolumbus: ich geftehe das auch für Duhms
Hypothefe über Hab. zu. Aber fie ohne Weiteres anzunehmen
, hindert mich der Umftand, daß fie fich auf
zweifelhafte oder notorifch verderbte Stellen ftützt: auch
kann ich gegen einzelne der von Duhm vorgefchlagenen
Textesänderungen ernfte Bedenken nicht unterdrücken,
und es ift fchwer zu verftehen, wie ein damaliger Jude
in der Bekämpfung und Zertrümmerung des Perferreiches
durch Alexander d. Gr. einen folch ungeheuerlichen
Frevel gefehen haben follte. Lehnt man Duhms Löfung
ab, fo halte ich die Pofition Buddes für am beften begründet
' (S. 2iof.). — Natürlich ift zur Betätigung, daß
die Datierung Nehemias unter Artaxerxes I richtig fei,
der Fund der Papyrusurkunden aus Elephantine herangezogen
(S. 151). Bemerkenswert ift ein im Urteil über
das Alter der Pfalmen neu hinzugekommener Satz
(S. 243): ,Wir dürfen eben niemals vergeffen, daß wir
auf recht unficherm Boden flehen, wenn wir den urfprüng-
lichen Sinn und die Entftehungszeit der einzelnen Lieder
zu ermitteln fuchen ■— auch die Entftehungszeit: denn
infolge wiederholter Überarbeitungen kann manches jetzt
unverkennbare Merkmale fpäterer Zeiten an fich tragen
und doch feiner Grundlage nach wefentlich älter fein'.
Damit ift zufammenzuhalten, daß der Satz der früheren
Auflage (S. 125): ,von einer Entftehung des Liedes (der
Hanna) in der Königszeit kann nicht die Rede fein'
in der vorliegenden (S. 122) geftrichen ift; ich halte
ihn freilich trotzdem für richtig. Zu apodiktifch (noch
beftimmter als in der letzten Auflage S. 181) faßt Cornill
m. E. das Urteil über die Ebed-Jahvelieder (S. 173): ,fie
bilden einen integrierenden Beftandteil des Dtjefaja, von
ihm felbft verfaßt und ebenfo in dem Knechte Jahvcs
Israel fehend wie 41,8ff. und an allen dtjefajanifchen
Stellen außerhalb der Lieder'. Das kann ich ebenfo
wenig unwiderfprochen laffen wie Cornills Fefthalten an
der Echtheit der Elihureden. Der verräterifche Ausdruck
von der .ungefchickten Art' ihrer Einfügung (S. 267 der
vorigen Auflage) ift dabei allerdings jetzt glücklich umgangen
. Über die Anfetzung Deuterofacharjas, in der
fich Cornill an Stades Thefe hält (Zeit der Diadochen-
kämpfe, ca. 280), find die Akten noch nicht gefchloffen.
In der Beurteilung des Buches Hefekiels ift Cornill feit
der Ausgabe der vorliegenden Auflage felber weiter
gefchritten. Den Satz (S. i88f.): ,Eigentlich unächte
Stücke, Einbehaltungen von fremder Hand finden fich im
ganzen Buche überhaupt nicht' würde er heute, nach
dem Erfcheinen von Herrmanns Ezechielftudien, nicht
mehr aufrecht erhalten, vgl. Theol. Rundfchau XII (1909)
135, wo er darüber urteilt: ,daß Ez. 40—48 ein ganz
befonders kompliziertes Gebilde ift, welches fchwerlich
Eine Hand in langer Flickarbeit zufammengeftellt hat,
fcheint mir H. bewiefen zu haben'.

Schließlich will ich Cornills Vorwort nicht unerwähnt
laffen, in dem er fich über ,die modernfte Gnofis, die in
den Myfterien des Alten Orients das Heil der Welt fieht',
in der ihm eigenen temperamentvollen Weife ausläßt.
Er konnte nicht ahnen, daß Baentfch, gegen den fich
feine Worte namentlich richten, fie nicht mehr werde
lefen können Cornill hätte feinem Proteft fonft eine
andere Faffung gegeben; aber fachlich allerdings ift m. E.
daran nichts zu ändern. — Als Druckfehler ift mir aufgefallen
ZaW 7,112 ftatt 4, 112 als Herkunftsort einer
Zitation aus einem Artikel Wurfters (S. 61).

Ohne Zweifel wird die vorliegende neue Auflage dem
Cornillfchen Grundriß zu feinen alten Freunden neue
hinzugewinnen.

Bafel. Alfred Bertholet.

Ufener, Hermann, Vorträge und Auflätze. (Herausgegeben
von Albrecht Dieterich.) Leipzig, B. G. Teubner 1907.
(V, 259 S. m. Bildnis.) gr. 8° M. 5—

Hermann Ufeners Name ift erft mit dem Jahre 1889,
in dem fein ,Weihnachtsfe(V erfchien, weiteren theologi-
fchen Kreifen bekannt geworden. Seitdem find die
zwanzig Jahre verfloffen, welche die neuefte Phafe der
Entwickelung unferer kritifchen Theologie zur vollen
Erfcheinung gebracht haben, die man als die ,religions-
gelchichtliche' zu bezeichnen pflegt. Heute braucht kein
Theologe mehr darüber belehrt zu werden, daß Ufeners
Lebensarbeit von beftimmendem Einfluß auf diefe Um-
geftaltung und Bereicherung unferer Arbeit gewefen ift;
die Bedeutung feiner Perfönlichkeit wird von allen anerkannt
, mögen fie nun in der modernen religionswiffen-
fchaftlichen Arbeit einen Fortfehritt oder eine Verirrung
erblicken. Es ift deshalb freudig zu begrüßen, daß fein
ihm nur allzurafch im Tode gefolgter Schüler Dieterich
einen noch von U. felbft gefaßten Plan ausgeführt und eine
Reihe befonders wichtiger und auch für die Intereffen
weiterer Kreife berechneter Auffätze zufammengeftellt hat.
Es find die folgenden: 1. Philologie und Gefchichtswiffen-
fchaft (Rektoratsrede 1882). 2. Mythologie (aus Archiv f.
Rel.-Wiff. 1904). 3. Organilation der wiffenfehaftlichen
Arbeit (Preuß. Jahrb. 1884). 4. Über vergleichende Sitten-
und Rechtsgefchichte (Heff. Blätter f. Volkskunde 1902).
5. Geburt und Kindheit Chrifti (Preufchens Zeitfchr. f.
neut. Wiff. 1903). 6. Pelagia (Einleitung der Ausgabe
von 1879, ohne die Texte). 7. Die Perle (Theol. Abh.
f. Weizfäcker 1892). 8. Die Flucht vor dem Weibe
(Wettermanns Monatshefte 1894. Novelle nach der Legende
des hl. Martinian). Die urfprüngliche Form ilt
unverändert geblieben, nur eigenhändige Änderungen
im Handexemplar U.s find ausgeführt worden.

Eine Kritik des Inhaltes an diefer Stelle wäre übel
angebracht: es ift die Aufgabe der jetzt arbeitenden
theologifchen Generation, fich mit diefer Art, die Probleme
anzufaffen, in eindringender Arbeit auseinander-
zufetzen. Wer da meint, fie leicht widerlegen oder gleich
nachmachen zu können, der vergeffe nicht, daß vor jedem