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Ausgabe:

1909 Nr. 1

Spalte:

23-25

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wolf, Karl

Titel/Untertitel:

Ursprung und Verwendung des religiösen Erfahrungsbegriffes in der Theologie des 19. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Geschichte der theologischen Erkenntnistheorie 1909

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. i.

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und feiner Lieder ift mit fichtlichem inneren Anteil ge- |
fchrieben, dabei verkennt K. die Schwächen G.fcher Poefie
keineswegs. Die finnliche Ausmalung des Kultus mit
Jefu Wunden ift für uns ,einfach unannehmbar' (S. 36),
und die Strophe: Hündifch ift mein Zorn und Eifer ufw.
,geradezu fürchterlich' (S. 60), aber alles in allem gleicht |
G.s Gefang doch ,der Blume, die ftets nach der Sonne i
der Ewigkeit gerichtet ift'. Für die Schlußbetrachtung
ift es lehreich, Wernles Gerhardtfchrift in den religions-
gefchichtlichen Volksbüchern zur Ergänzung heranzuziehen
. Wernle macht hier den Verfuch, G.s Lieder in
die Dogmengefchichte hineinzuftellen. Das follte für die
Methodik der Gefchichte des Kirchenliedes fruktifiziert
werden. Eine wirkliche Gefchichte des Kirchenliedes
muß Dogmen- und Religions-Gefchichte fein. —
Weftphal gibt einen Auszug aus einer größeren, von
ihm verfaßten Jubiläumsfchrift. Es ift ein anfprechendes
Lebensbild, das den frommen Fürften, Prediger und Seel-
forger fympathifch macht, foweit er das dem Lefer nicht
fchon längft war. Gruppiert ift nach den Abfchnitten;
Jugendzeit, Entfcheidung für die evangelifche Lehre, die
Reformation in Deffau, Wirkfamkeit nach außen, der
Koadjutor in Merfeburg, Kriegsnöte und Interim, der
neue Bifchof in Merfeburg, Lebensabend. Die Schrift
ift forgfam nach den Quellen gearbeitet, ohne gerade in
der Auffaffung und Beurteilung Originelles zu bieten.
Gern hätte ich die durch Sehling, deffen Buch zwar unter
den Literaturangaben zitiert ift, angefchnittenen kirchenrechtlichen
Fragen etwas genauer erörtert und weitergeführt
gefehen.

Last, not Last die Volksfchrift von Friedensburg.
Sehr klar und frifch gefchrieben, zeigt fie die erften
Anfänge des Jefuitismus in Deutschland, indem fie die
wechfelvollen Schickfale von Peter Faber, Nik. Bo-
badilla und Claudius Jajus vorführt. Auf dem Wormfer
Religionsgefpräch zieht Faber die Aufmerkfamkeit des
Nuntius Morone auf fich; diefer wünfcht als Gehülfen
einige diefer ,fpanifchen Priefter'. Sehr intereffant werden
die Hinderniffe der erften Jefuitenmiffion vorgeführt,
Bobadilla wird z. B. über die Grenze gefchafft, als er
dem Interim fich nicht fügen will. Selbft in Augsburg
unter Bifchof Otto v. Truchfeß geht es für Jajus nicht
ganz glatt ab, Faber freilich bereitet dann der künftigen
verheißungsvollen Entwicklung Bahn durch die Gewinnung
des Petrus Canifius. —

Reich ift die Belehrung, die durch alle diefe in edler
Popularität gehaltenen Schriften in weitefte Kreife getragen
werden foll. Wenn es nur in wünfchenswertem Maße gelänge
! Aber leider müffen die Jahresberichte des Vereins
für Reformationsgefchichte immer wieder einen Rückgang
an Mitgliedern melden. Das ift ein Armutszeugnis, das
das evangelifche Volk fich wirklich nicht ausftellen laffen
follte!

Gießen. Köhler.

Wolf, Pfarrer Karl, Urfprung und Verwendung des religiölen
Erfahrungsbegriffes in der Theologie des 19. Jahrhunderts.

Ein Beitrag zur Gefchichte der theologifchen Erkenntnistheorie
. Gütersloh, C. Bertelsmann 1906. (VIII,
134 S.) 8° M. 2.40; geb. M. 3 —

Woher flammt der Begriff der religiöfen Erfahrung?
und welche Verwendung hat er in der Theologie des
19. Jahrhunderts gefunden? das find die Fragen, die das
Buch von Wolf aufwirft und, unter Berückfichtigung bereits
vorhandener Literatur, auch beantwortet, fo jedoch, daß
es teils das Thema nicht erfchöpft, teils durch kritifche
Erörterungen und pofitive Gegenthefen über einen bloß
hiftorifchen Bericht hinausgreift.

Die Darflellung geht davon aus, daß die theologifche
Würdigung der Erfahrung auf religiöfem Gebiet längft
vorbereitet war einerfeits durch das größere Verftändnis

einzelner Philofophen für die Bedeutung der Empirie
innerhalb der Sphäre des wiffenfchaftlichen Erkennens,
anderfeits durch die eigentümliche Stellungnahme Luthers
und durch den Pietismus. Erft Schleiermacher aber fei
es gewefen, der in feinen ,Reden' der aller Frömmigkeit
zugrunde liegenden Erfahrung nachgeipürt, eine förmliche
Theorie darüber ausgearbeitet und daraus weit
tragende Folgen abgeleitet habe. Freilich waren die getroffenen
Beftimmungen nichts weniger als befriedigend,
weil fie nicht nur die Unmittelbarkeit des Erlebniffes
und das Gefühl einfeitig betonten, fondern auch das fitt-
liche Element einfach ignorierten. Erft recht war es ein
Fehler, die religiöfe Gewißheit ausfchließlich in der, als
rein fubjektivem Vorgang begriffenen, Erfahrung begründen
zu wollen. Eine ähnliche Bewandtnis wie mit den
,Reden' hat es mit der Auffaffung der Glaubenslehre;
doch hat diefe wenigftens die Art der religiöfen Erfahrung
als fchlechthiniges Abhängigkeitsgefühl etwas genauer
determiniert; und auch das ift beachtenswert, daß fie die
letztere in Beziehung gebracht hat zu ,dem gefchichtlichen
Bilde, durch deffen Anfchauung die Aufhebung der Un-
feligkeit und der Erlöfungsbedürftigkeit bewirkt wurde'.
Der Verf. fchildert nun weiter ganz kurz, wie fich die
von Schleiermacher gegebenen Anregungen widerfpiegeln
in den Anfchauungen Hofmann's, fowie bei Plitt, deffen
1 Ausführungen übrigens als ziemlich belanglos bezeichnet
I werden. Ein längerer Abfchnitt ift der Lehre Frank's
! gewidmet, für den an Stelle des Gefühls der Abhängigkeit
! die Erfahrung der Wiedergeburt und Bekehrung tritt als
I die einzige Grundlage der chriftlichen Gewißheit. Hier,
I meint der Autor abgefehen von andern Ausheilungen,
| tritt ,uns die ganze Brüchigkeit des theologifchen Sub-
i jektivismus entgegen'. J. A. Dorner, fo fährt er fort, hat
j die Fehler im Syftem des Erlanger Dogmatikers wohl
I erkannt, fie aber felbft nicht alle überwunden; doch zeigt
i fich wenigftens infofern bei ihm ein erheblicher Fort-
fchritt, als er die Entftehung der inneren Erfahrung auf
die Einwirkung Jefu zurückführt und diefe in .einem
übermächtigen Ergriffen- und Überwältigtwerden' fieht.
[ Noch deutlicher tritt der genannte Vorzug zu Tage bei
! Köftlin, der zugleich fehr nachdrücklich auf die fittlichen
; Erfahrungen neben den fpezififch religiöfen hinweift, und
: dem deshalb eine ausführlichere Befprechung zuteil wird.

Nachdem dann noch ziemlich fummarifch über die
' Anfchauungen Petran's berichtet worden ift, zieht der
Verf. die Konfequenzen feiner hiftorifch-kritifchen Studie
für die Löfung wichtiger Probleme der Gegenwart. Den
! Ertrag der nicht immer eindeutigen Auseinanderfetzung
j darf man wohl wagen in folgenden Sätzen zufammenzu-
faffen: Das ,Hauptmittel der Berufung', das Wort, das
heißt die Verkündigung der neuteftamentlichen und alt-
i teftamentlichen Heilstatfachen, ift es vor allem, das, in-
I dem es zunächft auf den Intellekt einwirkt, Gefühle und
Wollungen hervorruft und fo, in einem freilich niemals
völlig durchfichtigen Prozeß, den Glauben erzeugt. Deshalb
kann auch die chriftliche Gewißheit keinenfalls nur
auf fubjektiven Erfahrungen, fondern immer nur zugleich
auf objektiven Heilstatfachen begründet werden. Das
Rechtfertigungsprinzip als ,die Synthefe zwifchen Objektivität
oder Autorität und Subjektivität', als ,der Punkt,
wo im Chriftentum gefchichtlich fich vermittelnde Offen-
| barung Gottes und der aneignende Glaube des einzelnen
1 zufammentreffen', bildet den geeigneten Ausgangspunkt
für die Entwicklung der chriftlichen Lehre.

Es ift nicht eben fchwer, Lücken in der Schrift Wolfs
aufzuweiten. Wo davon die Rede fein follte, wie dieTheo-
| logie des 19. Jahrhunderts über die religiöfe Erfahrung
geurteilt hat, mußte mindeftens auch die Theologie Ritfchl's
und feiner Schule, auf die lediglich mit einem Fingerzeig
hingedeutet wird, eingehender befprochen werden. Anderfeits
durften bei der Erörterung der chriftlichen Gewißheit
Schriften wie beifpielsweife die von Ihmels, A.
| Schwarze ufw. nicht unerwähnt bleiben. Verhängnisvoller