Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1909

Spalte:

418-420

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Reden Jesu verdeutscht und vergegenwärtigt. 1. Bd. Von der Menschwerdung 1909

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

417

4i8

theologie, die der Storr, Süskind und Flatt, gefchildert, I
wie fie zwar durchaus die Pofition des Supranaturalismus
verteidigt, aber mit rationalen Mitteln, und wie fie in
ihrem Sich-Zurückziehen vom Dogma zur Schrift und in
ihrem Moralismus und Eudämonismus fich als eine J
Tochter der Aufklärung erweift. Unter den Gliedern j
des Kirchenregimentstritt als Vertreter der Aufklärung i
vor allem Griefinger hervor, von dem aber gezeigt i
wird, daß zwifchen ihm und feinen konfervativeren Kollegen
nicht der öfters behauptete tiefgreifende Gegenfatz
befteht. Dann folgt eine Darfteilung der kirchlichen
Neuerungen, des Gefangbuchs von 1791, der Liturgie
von 1809, der wieder eingefchlafenen Verfuche zur Veränderung
der Kinderlehre und einiger kleinerer Unternehmungen
diefer Art. Eingehend werden die vielfachen j
Anläufe zu ihnen, die lange dauernden Vorbereitungen, j
die Durchführung und der Widerftand, den fie finden,
gefchildert. Eine Darftellung des kirchlichen Lebens
in der Auf klärungszeit fchließt diefen zweiten, den Hauptteil
, ab. — Der kurze Schlußteil weift auf einige Nach- j
Wirkungen der Aufklärung (z. B. die Milderung der Bekenntnisverpflichtung
) und auf die neue Zeit hin, von der
doch zu fagen ift, daß fie die Wirkungen der Aufklärung !
nicht gänzlich befeitigte.

Der Schwerpunkt des Buches ruht auf der Dar-
ftellung des kirchlichen Lebens und der kirchlichen
Neuerungen, und es erhält fein Gepräge dadurch, daß |
es vorwiegend auf den Akten des Kirchenregiments fußt j
und diefe möglichft ausbeutet und ausbreitet. So werden
z. B. die vom Konfiftorium eingeforderten Meinungs- j
äußerungen und Entwürfe der Geiftlichen zu den kirchlichen
Neuerungen reichlich mitgeteilt, wodurch man fehr
inftruktive Einblicke in ihre Gedankenwelt erhält. Auch
fonft ift das Buch reich an Erfchließung wertvollen Stoffes, '•
der untere Kenntnis der ja fchon bisher mehr als die
anderer Landeskirchen bearbeiteten württembergifchen
Kirchengefchichte bereichert und an manchen Punkten
auch korrigiert. Aber das Buch ift nicht nur für die
württembergifche Kirchengefchichte von Intereffe,
fondern auch für die Gefchichte der Aufklärung. Gerade
auf dem Wege landesgefchichtlicher Forfchung wird die |
Bedeutung derfelben für das kirchliche Leben nach ihren
Leiftungen wie nach ihren fchädlichen Wirkungen am
beften richtig zu erfaffen fein. Durch folche Arbeiten j
wird auch deutlich werden, in welchem verfchiedenen 1
Maße fich die einzelnen Landeskirchen der Aufklärung
erfchloffen haben, und wahrfcheinlich wird fich zeigen,
daß es nicht in fo weitgehender Weife der Fall war, wie
man anzunehmen pflegt. Da nun im Gegenfatz zur Zeit
des Pietismus die landeskirchengefchichtliche Forfchung
der Aufklärungszeit noch wenig angebaut ift, ift Kolbs
Buch als einer der Erftlinge auf diefem Gebiete zu
begrüßen.

Der Verfaffer fucht für Württemberg die z. T. immer
noch herrfchenden allzu abfchätzigen Urteile über die
Aufklärung durch gerechtere zu erfetzen und manche
übertriebene Behauptungen durch exakte Nachweife zu
berichtigen. Vor allem ein Gefichtspunkt kehrt bei feiner |
Beurteilung der württembergifchen Aufklärung immer
wieder: es fei falfch, fie als eine dem kirchlichen Glauben
entgegengefetzte Bewegung anzufehen. Er konftatiert,
daß nirgends der Glaube an die göttliche Offenbarung
und die Schrift als ihre Urkunde angetaftet fei, ja auch
vom Dogma feien materielle Abweichungen feiten. Im
Sinne diefer Erkenntnis zeigt Kolb z. B., daß der neben
der Kinderlehre gebrauchte Braunfchweiger Katechismus
kein Machwerk des Rationalismus war, daß die Neuerungen
keineswegs nur und z. T. nicht einmal vorwiegend auf
den als entfchiedenen Aufklärer bekannten Griefinger
zurückgehen, fondern daß allgemein das Bedürfnis nach
Verbefferung empfunden wurde. Er zeigt ferner, daß
mit der Gefangbuchsänderung keineswegs eine Befeitigung
der Kirchenlehre im Sinne des Rationalismus beabfichtigt

war, wie fehr auch das neue Gefangbuch eine morahftifche
Religionsauffaffung atmet, daß bei dem Widerftande gegen
das neue Gefangbuch und die neue Liturgie neben dem
unbeftimmten Gefühl, daß fie den Glauben antafteten,
auch Aberglaube, ftarres Hängen am Alten, pekuniäre
Gründe und Widerfpruchsgeift ftark beteiligt waren, und
daß das neue Gefangbuch doch auch zahlreiche Freunde
fand, befonders unter den Gebildeten. Von den Geiftlichen
jener Zeit zeigt Kolb, daß fie im ganzen durchaus
tüchtig waren, und daß fie keineswegs nur Vernunft
und Moral predigten (von Predigten über Stallfütterung
z. B. und dgl. würde, was Württemberg betrifft, mit
Unrecht geredet). Der Zuftand der Gemeinden zeige
nicht das Bild eines allgemeinen Niederganges in Glauben
und Leben. Auch direkte Fortfehritte durch die Aufklärung
werden aufgezeigt, die nach des Verfaffers Auf-
faffung wert gewefen wären, mehr gepflegt zu weiden,
vor allem eine Verbefferung des Religionsunterrichtes,
der bis zur Aufklärung in geifttötendem Auswendiglernen
beftanden und kaum den Namen Unterricht verdient
habe. Bei alledem ift der Verfaffer nichts weniger als
blind gegen die Fehler der Aufklärung, hebt z. B. die
Schwächen der neuen Liturgie fehr ftark hervor, ja, fein
Urteil ift ein fehr behutfames. Wenn es für die württembergifche
Aufklärung fo relativ günftig ausfällt, fo dürfte
das wohl vor allem auch darin feinen Grund haben, daß
diefelbe eine äußerft milde Form der Aufklärung ift.
Eigentliche Rationaliften wie Duttenhofer, Braftberger
und Gamm find hier ja nur vereinzelte Ausnahmen. Auch
Griefinger entfernt fich, wie Kolb zeigt, nicht weit von
dem rationalen Supranaturalismus der Tübinger, der fich
zu dem in anderen Ländern herrfchenden Rationalismus
in entfehiedenem Gegenfatz wußte. Vieles, was der Verfaffer
für eine günftigere Beurteilung der württembergifchen
Aufklärung geltend macht, würde von den
minder konfervativen Formen derfelben in anderen
Kirchen fich nicht fagen laffen, obwohl auch in manchen
anderen Kirchen die kirchliche Aufklärung milder und
pofitiver fein dürfte, als man annimmt.

Es wäre intereffant gewefen, wenn der Verfaffer
Ausblicke auf parallele und andersartige Entwicklungen
in anderen deutfehen Ländern fich nicht ganz verfagt
hätte, mit anderen Worten, wenn er die Landeskirchen-
gefchichte in den großen Rahmen der Gefamtentwicklung
hineingeftellt hätte. Auf folcher Folie würde die fo überaus
milde Eigenart der württembergifchen Aufklärung
noch deutlicher hervorgetreten fein, es würden auch die
Wurzeln ihres rationalen Supranaturalismus noch weiter
als auf Pfaff und Canz (S. 9 und 64) fich haben zurückführen
laffen. Vorerft kommt es aber vor allem auf
folide Durchforfchung der einzelnen Gebiete an. Daß
wir nun für Württemberg eine fo wohl gegründete und
lehrreiche Darftellung erhalten haben, dafür find wir dem
Verfaffer zu Dank verpflichtet.

Leipzig. Heinrich Hoffmann.

Titius, Prof. D. Arthur, Der Bremer Radikalismus. Vortrag
in der Verfammlung der Freunde der chriftlichen
Welt zu Marburg am 10. Oktober 1907. (Sammlung
gemeinverftändlicher Vorträge und Schriften aus dem
Gebiet der Theologie und Religionsgefchichte. 54.)
Tübingen, J. C. B. Mohr 1908. (III, 132 S.) gr. 8°

M. 2 —

Müller, Dr. Johannes, Die Reden Jefu verdeutlcht und vergegenwärtigt
. Erfter Band. Von der Menfchwerdung.
München, C. H. Beck 1909. (IX, 330 S.) 8° Geb. M. 4 —

Diefe beiden Bücher kann ich zufammen behandeln
fo verfchieden fie find, weil fie nach dem Wunfeh der
Redaktion unter dem praktifchen Gefichtspunkt be-
fprochen werden follen. Die Praktifche Theologie hat