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Ausgabe:

1909

Spalte:

416-418

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kolb, Chr.

Titel/Untertitel:

Die Aufklärung in der Württembergischen Kirche 1909

Rezensent:

Hoffmann, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 14.

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von der dinglichen Gnade und von der Ungewißheit des
Heils (S. 18). Daß diefe drei Bollwerke der mittelalterlichen
Theologie unfichere Stützen find für die Seele, die j
,einen gnädigen Gott kriegen' will — in diefer Erkenntnis
beftand das Kloftererlebnis Luthers. Von einem einzelnen
Faktum als .Kloftererlebnis' Luthers zu fprechen, ift nicht
angebracht. Es ift ein vergebliches Unternehmen, Jahr
und Tag beftimmen zu wollen, an dem das eigentlich
Reformatorifche in Luthers Seele aufblitzte (S. 19—84).
Zunächft läßt er die Verdienftlehre fallen. Nicht aus ■
littlichem Bankerott, fondern aus peinlicher Gewiffenhaftig-
keit fieht er fich dazu getrieben, die Konkupiszenz als |
die Sünde anzufehen und fie für unüberwindlich zu erklären
; die egoiftifche Sünde bleibt auch im Frommen;
der Verdienftgedanke ift dadurch negiert. In feiner
Römerbriefvorlefung 1515/16 hat Luther feine Theologie
diefer feiner Erfahrung angepaßt. Diefe Vorlefung zeigt
Luthers tief religiöfen Sinn, der in der h. Schrift lebt.
So vertieft Luther das Mönchideal der Demut und ver-
innerlicht es. Auch die fakramentale Gnade kann die
Konkupiszenz nicht hinwegzaubern; ftatt ihrer lehrt Luther
Gnade als den gnädigen Blick Gottes auf den, der fich
vor ihm als ungerecht bekennt. Wir find Sünder in der
Wirklichkeit, in der Betrachtung des gnädigen Gottes aber
gerecht — um Chrifti willen (Römerbriefkommentar fol. 142
und 104). Iuslificatio wird alfo von Luther im imputativen
Sinne gebraucht. Aber zur Heilsgewißheit ift er im
Römerbriefkommentar noch nicht hindurchgedrungen.
Die erfte Spur von Heilsgewißheit findet fich bei Luther
in der [bis jetzt noch ungedruckten] Hebräerbrief-Vor-
lefung vom Jahre 1517, zitiert hier S. 62 f. aus Denifle
662, Ann). 1. 2 und 613, Ann). 6, ebenfo aus Loofs'
Dogmengefch.4 711: Ein gutes Gewiffen gibt es nur im
Glauben an die Vergebung der Sünden, die man nur auf
Grund des Wortes Gottes hat, das uns verkündet, daß
Chrifti Blut zur Vergebung der Sünden gefloffen ift ufw.
— Wie gegen die fcholaftifche Verdienft- und Gnadenlehre
, fo richtet fich die Römerbriefvorlefung 1516 auch
gegen die einfeitige Myftik, und obgleich Luther 1516 die
Deutfche Theologie' entdeckte und herausgab, enthält
die gleichzeitige Vorlefung doch fchon auch die gefunde
Orientierung gegenüber aller einfeitigen Myftik: fol. 158b
kritiliert er ablehnend die myltifchen Theologen, ,die das
ungefchaffene Wort hören und betrachten wollen, während
die Augen ihres Herzens noch nicht gerechtfertigt und
gereinigt find durch das fleifchgewordene Wort'. — Die
paulinifche Grundlage der Lehre von der Konkupiszenz
(S. 85 ff.) kommt zu dem Refultat, daß öapg die materielle
Natur des Menfchen bedeute, und daß deren Formen die
finnlichen und die felbfüchtigen Sünden feien. — Es folgen
Kapitel über den Einfluß Auguftins (127 fr.), die Stellung
zur Scholaftik (174fr.) und die Verwandtfchaft mit der
Myftik (273fr.); am wichtigften ift dabei das Verhältnis
Luthers zum Occamismus, den Luther in wichtigen Beziehungen
zeitlebens nicht aufgegeben hat. Den Schluß
bildet die fyftematifche Behandlung des eigentlichen
Themas, eine Zufammenfaffung aller der Hauptpunkte,
die durch induktive Forfchung gewonnen worden find
(304fr.): Luther erkannte grundlegend die erbfündliche
Verderbtheit des ganzen Menfchengefchlechts; infolge-
deffen mußte das ganze Heilswerk, der objektive und
fubjektive Faktor der Heilsökonomie, korrigiert werden.

Die vorliegende Schrift verdient eine ganz befondere
Beachtung. Selten wird es wohl einem jugendlichen
Schriftfteller zuteil werden, daß er fich fo vorteilhaft in
die Reihe der Mitarbeiter einführt wie Wilhelm Braun
durch feine Leiftung. Man muß zuerft Reinhold Seeberg
danken, daß er ihn zu diefer Arbeit angeregt, und J.
Ficker, daß er ihn feine Luther-Manufkripte für fie hat
gebrauchen laffen. Da J. Ficker in feiner .vorläufigen'
Luther-Edition vom Jahre 1908 nur die Gloffa und den
Scholienkommentar, aber noch nicht die eigentliche Vorlefung
Luthers zum Römerbrief ediert hat, fo befinden

wir uns heute zum Teil noch immer in derfelben Kalamität
wie vor 1908: wir find für diefen Hauptteil des
römifchen Manufkripts auf Denifles und jetzt auch auf
Brauns Zitate angewiefen — fo lange, bis endlich einmal
Fickers .definitive' Ausgabe kommen wird. Schon aus
diefem äußeren Grunde ift Brauns Buch fehr willkommen.
Die Hauptfache ift aber die Art feiner Arbeit: mit großem
Fleiß hat er fich in die Quellen eingelefen, nicht bloß
in Luther, fondern auch in die Scholaftiker, fodaß man
hier faft auf Schritt und Tritt mit Lefefrüchten ,aus erfter
Hand' befchenkt wird; das Quellenmaterial ift fodann mit
befonnenem, fcharffinnigem theologifchen Urteil bearbeitet;
nie verliert fich der Verfaffer in Äußerlichkeiten, fondern
hat ftets den Blick auf fein Thema gerichtet: die innere
Entwicklung Luthers, die Jnitia Lutheri' empfangen
neues und in der Hauptfache helles klares Licht. Luther
ift vom Occamismus ausgegangen, hat auguftinifche und
myftifche Einflüffe auf fich wirken laffen, aber im Biblizis-
mus (jetzt als religiös vertiefter Occamift) fein entfeheiden-
des Prinzip gefunden. Daß endlich in Luthers Kloftererlebnis
Klarheit gebracht wird, erfcheint befonders
dankenswert. — Was ich an diefer ausgezeichneten Schrift
zu beanftanden hätte, betrifft meift Nebenfächliches: den
franziskanifchen Lehrtypus wird man lieber aus Skotus
als aus Bonaventura nehmen können; über die S. 85fr.
gegebene .paulinifche Grundlage' der Konkupiszenzlehre
wird fich ftreiten laffen; ich glaube nicht, daß Braun die
ö<xq§ richtig deutet: fie bedeutet m. E. die materielle
Natur in ihrer Diesfeitigkeitsrichtung, alfo doch irgendwie
ethifch beftimmt; S. 191 ift der Occamismus wohl
unrichtig beurteilt: ,Primat der Religion über die Sittlichkeit
' — ift doch zu modern. Ich erwähne dies nur aus
Rezenfentenpflicht. Den Wert der Schrift foll es nicht
beeinträchtigen. Ich fchließe mit beftem Dank an den
Verfaffer: er hat die Lutherforfchung und die Dogmen-
gefchichte des Reformationszeitalters ein gut Stück vorwärts
gebracht.

Göttingen. P. Tfchackert.

Kolb, Prälat. Obcrhofpred. D. Chr., Die Aufklärung in der
Wiirttembergifchen Kirche. Stuttgart, W. Kohlhammer
1908. (VII, 231 S.) gr. 8° M. 4 —

Kolb, der fich fchon mehrfach um die kirchliche
Gefchichtfchreibung feines Vaterlandes verdient gemacht
hat, insbefondere durch feinen Anteil an der Calwer
Kirchengefchichte und durch feine Schrift über die
Anfänge des Pietismus und Separatismus in Württemberg
, bietet nun eine Gefchichte der Aufklärung in der
württembergifchen Kirche.

Der erfte Teil feines Buches fchildert Vorbereitungen
und Hemmungen der Aufklärung. Als Vorbereiter
erfcheinen vor allem Weismann und Pf äff, der zwar dem
Pietismus eingereiht, aber bei dem doch gegenüber
Ritfehl m. E. mit Recht die der Aufklärung angehörigen
Seiten ftärker betont werden, die in Württemberg mannigfach
angefochte nen Wblffianer Bilfinger und Canz, die
von der Kirchenlehre in keiner Weife abweichen, fie aber
doch durch den philofophifchen Beweis ftützen, und der
biblifche Realismus, infofern er den ftrengen Dogmenglauben
erweicht. Selbft bei einem Gegner der Aufklärung
wie Otinger find doch nicht wenige Züge hervorzuheben
, die er mit der Aufklärung gemein hat. Als
j Hemmung erfcheint vor allem das Generalrefkript von
1780, das alle Abweichungen vom typus doctrinae ftreng
verbietet. Dabei wird auf den Fall des Dekan Weiß,
] der die Veranlaffung zu diefem Refkript bot, und auf
den etwas fpäteren des Diakonus Braftberger eingegangen
. — Der zweite Teil wendet fich der Aufklärung
felbft zu, zunächft ihrem Auftreten in der Theo-
; logie, im Kirchenregiment und in weiteren Kreifen,
letzterem nur ganz kurz. Es wird in treffender Weife
i die fpezififch württembergifche Form der Aufklärungs-