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Ausgabe:

1909

Spalte:

389-390

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Messikommer, H.

Titel/Untertitel:

Die Auferstehungssekte und ihr Goldschaz 1909

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 13.

390

Medikommer. II.. Die Auferftehungsfekte und ihr Goldfehatz.

Ein Beitrag zur Sektiererei im zürcherifchen Oberlande.
Mit zwei Anflehten und vier Tafeln des Schatzes.
Zürich, Art. Inftitut Orell Füßli 1908. (58 S.) 8°

M. 1.60

Die ,Auferflehungsfekte' gehört eher in den neuen
Pitaval als in die Kirchengefchichte. Denn Dorothea
Boller von Oetweil im Kanton Zürich, geb. 1811, geftorben
23. Febr. 1895, eine zweimal verheiratete Bauernfrau, treibt
es wie die 1 Tim. 6, 5 gezeichneten Leute. Sie fammelt
auf Grund von angeblichen Vifionen eine Schar von
Gläubigen, Männer und Frauen, um fich, die ihr vertrauensvoll
ihre Habe übergeben, fo ein Mann 38 000 Fr.
und 2 Schwertern je 80000 Fn, in ihrem Haufe wohnen
und hier in harter Arbeit früh und fpät, nach Meffikommer
felbft ohne Sonntagsruhe, die Seidenweberei betreiben,
wofür Dorothea Boller den Weblohn eindeckt. Sie weis-
fagt ihren Gläubigen, fie werde am 3. Tage auferftehen,
ja fie verfpricht ihnen dasfelbe Glück und nennt darum
ihr 1865 neuerbautes Haus zur ,Auferftehung', was aber
die Ortsobrigkeit nur in der verkürzten Form ,Aufftehung'
geblattet. Als einfaches Landkind weiß fie die reichen
Mittel nicht recht zu verwerten. Ihre Lebensweife bleibt
zwar für fie felbft und ihre Gläubigen einfach. Von
Wohltätigkeit aber ift nichts zu fpüren. Ja fie läßt ihre
Gläubigen felbft Almofen an der Kirchtüre und fogar
von Haus zu Haus fammeln, bis es die Obrigkeit wehrt.
Aber fie fchafft fich erft einen reichen Silberfchatz und
fpäter einen Goldfehatz (vergl. die willkommenen Abbildungen
) mit wertvollen Diamanten, Saphiren und
Smaragden im einfachen ländlichen Gefchmack an. Man
muß lefen, wie das Bauernweib, einen Marktkorb am
Arm, beim Goldfchmied in Zürich erfcheint, ihm eine
einfache Porzellantaffe, Suppenfchüffel oder Platte zeigt,
die fie in Silber oder Gold haben will, den entfprechenden
Betrag voraus hinterlegt, volle Verfchwiegenheit fordert,
und nach einiger Zeit die koftbaren Geräte abholt, wobei
der Goldfchmied keine andere Löfung für das rätfelhafte
Gebaren findet, als daß es fich um eine Arbeit für ein Klofter
in den benachbarten Urkantonen handle. Das merkwürdig-
fte Stück ift eine goldene, an den Täuferkönig Auguftin
Bader erinnernde, mit Edelfteinen befetzte Krone von
armfeliger, ja bizarrer Geftalt, ein goldener Gürtel und ein
wahrfcheinlich einem alten Militärfäbel nachgebildetes
Schwert. Dazu befaß fie 30 Kleider von beftem Seiden-
ftoffe. Zeitweilig flieg die Greifin im Silberhaar, die Krone
auf dem Haupt, das Schwert an der Seite auf das Dach
des Anbaus und zeigte fich ihren Gläubigen. Auch liebte
fie im nahen Bad Mönchaltdorf in Seide und Gold fich
zu zeigen. Bei ihrem Tod gerieten ihre Gläubigen in
große Aufregung. Da der dritte Tag verging ohne das
geweisfagte Wunder und die Verwefung fich ftark bemerklich
machte, ordnete die Behörde die Beftattung an,
aber die Gläubigen hofften jetzt ihre Auferftehung in der
dritten Woche, dann im dritten Monat, endlich im dritten
Jahr. Die eingelegten Gelder mußten nun teilweife zurückgegeben
werden, fanden fich doch bei ihrem Tode
100000 Fr. gemünztes Geld. Der Metallfchatz blieb noch
14 Jahre verborgen. Aber noch hat fie gläubige Verehrer.

Es ift ein feltfames Gemifch religiöfer Schwärmerei,
weiblicher Eitelkeit, gemeiner Habfucht, niedriger Ausbeuterei
und ungewöhnlicher Willensftärke, welche das
Gemeinwefen trotz des hohen Alters, trotz des entfagungs-
vollen Lebens, der ftrengen Arbeit völlig beherrfchen
konnte. Merkwürdig ift das neidlofe Schweigen zu dem
zeitweiligen Prunken ihres Überhaupts, das fich vielleicht
ein mittelalterliches Marienbild zum Mufter nahm.

Meffikommers Arbeit befriedigt leider nicht. Gerne
würden wir auf die Einleitung, auf die Aufzählung aller
Sekten des Zürcher Überlands, die Weber als Träger
des Sektenwefens und die amtlichen Verordnungen gegen
diefelben verzichten, wenn wir fcharf das unbedingt

fichere Material von den leicht fich bildenden Mythen,
die ,man erzählt', ,es foll', gefondert fänden, wenn nach-
gewiefen wäre, wie die Kirche, die Obrigkeit und die
; Steuerbehörde fich zu diefem Gemeinwefen ftellten. Mag
I diefes fich von der Kirche fern gehalten haben, Pfarrer
und Presbyterien können doch unmöglich Aug und Ohr
gefchloffen haben, während man manches munkelte. Wie
äußerte fich die Kirche, als Dor. Boller doch ficher
zweimal kirchlich getraut, ihr erfter Gatte gewiß kirchlich
begraben wurde? Wenn fie wirklich noch zu Lebzeiten
ihres erften Gatten zum zweiten in ein intimes Verhältnis
trat, fo daß es zu einer Scheidung desfelben von feiner
Frau kam, fo müffen die Scheidungsakten doch Auskunft
geben, ob wirklich an dem Verhältnis etwas Wahres oder
ob es nur Gerede war. Meffikommer gibt nicht einmal
die Namen der beiden Gatten. Ganz unbegreiflich wäre
es, wenn die Steuerbehörde nicht nach dem ihr entgehenden
Betrag der Einlagen der Gläubigen gefragt und keine
Erhebungen für die Gewerbefteuer über die emiig betriebene
Seidenweberei gemacht hätte. Nirgends erfahren
wir ein Wort über das Verhältnis des Oberhaupts zu den
Gläubigen, ob es ein freundlich mütterliches, in Tagen
der Krankheit und innern Anfechtung wohltuendes war, ob
das Verhältnis der Gläubigen untereinander eiu fried-
J liches, gefchwiderliches war. Das hätte fich wohl von
den jetzt noch vorhandenen Mitgliedern erheben laffen.
Wie aber kommt der Glaube an die Auferftehung am
dritten Tag nach Oetweil, refp. nach Wildensbuch, wo
er fich fchon früher auch fand? Ift er ein weiter gebildetes
Plugkorn aus Mich. Hahns Theologie oder (lammt
er fonft woher? Unberechtigt ift es, Thom. Pöfchl .berüchtigt
' zu nennen S. 36. Er war ein geiftig anormaler,
aber im Grund edler Mann.

Stuttgart. Boffert.

Hügel, Baron Friedr. von, The mystical Element in religion

as studied in Saint Catherine of Genoa and her friends.
2 voll. London, Dent & Co. 1908. (XXIII, 466 u.
VI, 422 S.) gr. 8« sh. 22 -

Ein Buch von mehr als 900 Seiten über Leben und
Lehre einer in der Kirchengefchichte größern Stils ziemlich
unbeachtet vorübergegangenen Nonne kommt uns
fchon an fich als ein Phänomen vor. Und nun erft ein
folches Buch, nicht etwa gefüllt mit erbaulichem Gerede,
mit frommen Anekdoten und unglaublichen Legenden,
fondern fofort erkennbar als Produkt ausgebreitetften
Wiffens und gefchulter Kunft der Quellenverarbeitung!
Man darf nur vorn die Auskunft über des Verf.s Studien
gebende Vorrede, hinten die beiden reichhaltigen Regifter
über Sachen, Perfonen und Literatur anfehen, um die
überrafchende Entdeckung zu machen, daß Welt- und
Kirchengefchichte kaum einen großen Namen kennen,
der in diefer das Bild der Heiligen umfehwebenden
Gefellfchaft nicht feine Stätte fände, aber auch die
Philofophie und Theologie aller Zeilen kein Problem aufweifen
das hier nicht näher oder ferner berührt und beurteilt
würde. Einen zunächft zweifelsohne recht feltfamen
Anblick bietet vor allem derDoppelcharakter eines Werkes,
das ebenfo gut unter dem Gefichtspunkt einer Biographie,
wie unter dem einer religionsphilofophifchen Unterfuchung
verftanden und gewürdigt fein will. In erfterer Eigen-
I fchaft 'lehrt es uns eine Heilige recht nahe und genau
: kennen, welche bisher neben ihren nach Alexandria, Siena,
Bologna,Schweden undRicci benanntenNamensfchweftern
zurückgetreten, übrigens doch auch fchon von hier(I, S. 92)
nicht genannten Autoren der letztenjahrhunderte behandelt
worden war. Ihr Lebensbild (1447—1510) zeigt im Grunde
nur die typifchen Züge folcher Erfcheinungen: geftrandetes
Lebensglück, akute Bekehrung, Ekftafen, Kafteiungen,
im Klofter peinlich genaue Befchäftigung mit fich felbft,
häufige Kommunion, Flucht zum geiftlichen Liebesverkehr