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Ausgabe:

1909 Nr. 11

Spalte:

347

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Menicke, Rudolf

Titel/Untertitel:

Maxim Gorki, seine Persönlichkeit und seine Schriften 1909

Rezensent:

Lülmann, Christian

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Seite 1

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347

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. Ii.

048

fchaften der Seele' die pfychologifche Literatur darbieten
.

Die Überfetzungen im einzelnen nachzukontrollieren
lag natürlich außerhalb des Möglichkeitsbereichs des
Referenten. Aber nach den angeheilten Stichproben
erwiefen fie fich als fehr treu, ohne darum undeutfch zu
werden, und es dürfte beifpielsweife dem Herausgeber
vorzüglich gelungen fein, einen empfänglichen Lefer auch
die formalen Eigentümlichkeiten des ,Discours de la me-
thode' nacherleben zu laffen. Große Mühe ift ferner auf
den kritifchen Apparat verwendet. Auf eine befondere
Biographie Descartes' ift mit Recht verzichtet worden.
Dagegen find, abgefehen von einer allgemeinen Einleitung
zu dem Ganzen, alle einzelnen Schriften mit einführenden
Vorreden und erläuternden Anmerkungen ver-
fehen. Namentlich die ,Meditationen' find dabei gut
weggekommen. Ihnen ift ein förmlicher umfangreicher
Kommentar beigefügt, in dem der Herausgeber es vor
allem darauf ablieht, den Philofophen durch fich felbft
zu erklären. Hier eben ift es, wo neben den ,Objectiones
et Resfionsiones' die Briefe Descartes' zu Worte kommen.
Wenn fich zugleich bei der Interpretation und Bewertung
vielfach der Einfluß der bekannten einfchlägigen Natorp-
fchen Schrift bemerkbar macht, fo wird das felbft derjenige
, der nicht in allen Einzelheiten rückhaltlos zuzu-
ftimmen vermöchte, nicht nur begreiflich, fondern auch
billigenswert finden.

Und fo kann denn das Ganze aufs befte empfohlen
werden. Gerade auf dem Gebiet der Philofophie ift das
Studium fchweren Gefahren ausgefetzt, wenn es nicht
auf die Quellen zurückgeht. Man weiß aber, daß felbft
die berühmteften nicht immer leicht zugänglich find.
Was bedeutet unter diefen Umftänden eine ebenfo billige
als handliche Ausgabe der Werke des Denkers, der nun
doch einmal der Begründer der neueren Philofophie ift!

Noch fei bemerkt, daß, um das Zitieren zu erleichtern,
vielfach die Seiteneinteilung der Originalsausgaben angedeutet
ift.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Meincke, Paft. Lic. Rudolf, Maxim Gorki, feine Perfön-
lichkeit und feine Schriften. Eine Studie zur Würdigung
feines Dichterruhms. Hamburg, O. Meißner
1908. (125 S.) kl. 8° M. 2 —

Paftor Lic. Dr. Meincke in Hamburg gibt eine recht
eindrucksvolle und warmherzige Charakteriftik Maxim
Gorkis, die er durch umfaffende Auszüge aus den Schriften
des berühmten ruffifchen Dichters, der fich aus der
tiefften Bevölkerungsfchicht emporgearbeitet hat, trefflich
zu beleben weiß. G. ift dem Verf. vor allem die
gewaltige Prophetennatur, die, erfüllt von heißem Sehnen
nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit und durchdrungen
von gewiffefter Hoffnung auf deren endlichen
Sieg, das arme geknechtete Volk zur Empfindung feiner
qualvollen und unwürdigen Lage bringen und dann über
alles Kleinliche, Niedrige, Gemeine auf Erden hinausheben
möchte in das Reich des Großzügigen, Erhabenen,
Heiligen. Doch erfcheint er mehr als Wegweifer, denn
als Lebenserneuerer, ihm fehlt die innerfte Kraft, das
religiös und fittlich Gefchaute in die Tat umzufetzen.
Wird der Prophet des Worts noch ein Prophet der Tat
werden?! Nicht mit Unrecht bezeichnet der Verf. das
vorliegende Schriftchen als theologifche Studie: fie ift
ein Beitrag zur Würdigung des Prophetentums. Von G.s
perfönlicher Stellung zum Chriffentum wird geurteilt: er
gehört zu denen, die wohl von der Kirche feines Landes
fich abgewandt haben, die trotzdem aber keineswegs
ferne flehen wollen vom Reiche Gottes auf Erden.

Stettin. Lülmann.

Berichtigung.

Die durch H. Holtzmann gefchehene Anzeige meiner neuen Schrift
,Die Auferftehung Chrifti und die radikale Theologie' in Nr. 5 der Theol.
Literaturzeitung veranlaßt mich zu einer Entgegnung. Verbietet fich auch
das Eingehen auf alle einzelnen grundlofen Behauptungen, fo darf doch
folgendes nicht ungefagt bleiben.

Holtzmann verfichert, der wefentliche Inhalt meiner älteren Schrift
fei fo ziemlich Wort für Wort in das neue Werk übergegangen. Aber
das ftimmt doch ganz und gar nicht mit der Wahrheit. Meine jüngere
Schrift ift eine fortlaufende Auseinanderfetzung mit gegnerifchen An-
fchauungen, die erft nach dem Erfcheinen meiner früheren Arbeit veröffentlicht
worden find. Diefer Stoff kann doch füglich nicht fchon in dem
älteren Werk von 1897 geftanden haben. In Wirklichkeit find es außer
I der Wiedergabe einiger Vifionen im Ganzen nicht mehr als 8 Seiten und
j 7 Zeilen, deren Erörterungen, in der Regel unter ausdrücklichem Hinweis
i auf das ältere, in dem neuen, 258 Seiten Harken Buch reproduziert wurden,
weil fie auch in diefem m. E. nicht fehlen durften. Referent erklärt, der
' Zweck des neuen Werkes fei der, ,meine metaphyfifche Theorie' von der
j Auferftehung Chrifti, ,alfo Verfetzung der leiblofen und darum noch
j unkräftigen Seele in den Himmel, Venvefung des irdifchen Leibes und
Bildung eines neuen himmlifchen Leibes auf Grund eines Zwifchengliedes
zwifchen der immateriellen Seele und ihrem Nervenorganismus', als Heilmittel
gegen den ,Radikalismus' aufs neue darzubieten. In Wahrheit
[ aber erwäh 11 eich die fe von ihm genannten Dinge in der neuen
1 Schrift mit keinem Wort. Von der Verwefung des irdifchen Leibes
Chrifti rede ich weder im neuen noch im alten Buch, vielmehr behaupte
ich die Nichtverwefung desfelben in Folge der Auferftehung.

Als Dogmatiker ift Holtzmann von mir beurteilt worden, nicht wegen
I feines erkenntnistheoretifchen Standpunkts — diefe törichte Verknüpfung
legt er mir ganz mit Unrecht zur Laft —• fondern weil ihm trotz aller
I mißlungenen natürlichen Erklärungen des leeren Grabes, insbefondere auch
I feiner eigenen, die, lediglich feiner wunderleugnenden Weltan-
fchauung entflammende, unbedingte Gewißheit einwohnt, der Leib
; Jcfu fei durch Menfchenhände weggefchafft worden. Referent behauptet,
i Markus werde in meinem Buch als ein Evangelift dargeftellt, der, wie er
wörtlich fagt, ,die Legende von der Flucht der Jünger nach Galiläa' er-
I funden haben foll, während ich im Gegenteil auf fiebeu Seiten dartue,
I daß weder Markus noch die übrigen Evangeliften von der jüngerflucht
nach Galiläa etwas wiffen, und daß diefe Flucht lediglich eine Erfindung
der kritifchen Theologie fei. Wie unter diefen Umftänden eine Vcrkch-
j rung des Sachverhalts möglich war, ift mir unerfindlich. Schließlich bemerke
ich, daß ich gegen Holtzmanns und A. Meyers Aufftellungen in
der Auferftehungsfrage nicht l'hantafien, fondern nüchterne, klare Beweis-
| gründe geltend gemacht habe.

Charwoche 1909. Theodor Kor ff.

Erwiderung.

Einer Zurechtftellung bedarf in meiner Anzeige höchftens die dem
Verf. zugefchriebene Vorftellung .Verwefung des irdifchen Leibes, Bildung
'. eines neuen, himmlifchen Leibes'. Unmißverftändlich formuliert und feiner
j Auffaffung genau entfprechend find dagegen fofort darauf folgende Auslagen
wie ,aus dem irdifchen Körper hervorgegangene himmlifche Leiblichkeit
'. Die erftere Faltung würde etwa dem nach meinem Dafürhalten
paulinifchen Gedanken entfprechen, daß das gefäete Weizenkorn erft derben
i muß, bevor Gott es durch ein neues Pflanzenbild erfetzt (vgl. die richtige
J Auslegung von I Kor. 15.36—3& bei Bouffet in .Schriften des Neuen
Teftaments' von Joh. Weiß II2 S. 154: .kein urfächlicher, fondern nur
ein zeitlicher Zufammenhang'). Korff dagegen fpricht mit der älteren
Exegefe von lebendigem Keim, von Kontinuität und organifchem Zufammen-
I hang zwifchen irdifchem und himmlifchem Leib (S. 125f.) und erfindet
einen Begriff von .Geiftleiblichkeit', zu deren Aufbau die Grundelemente
des alten, begrabenen Leibes verwendet worden feien. So fchon, wie S. 225
j ausdrücklich bemerkt wird, in dem früheren Buch, daraus zwar die Hilfs-
1 konftruktion des .Zwifchengliedes' (vgl. darüber Eck in diefer Zeitfchrift,
Jahrgang 1898, Sp. 577) im neuen Werke übergangen, alle wefentlichen
| Behauptungen aber wiederholt und zur Widerlegung der .radikalen Theo-
I logie' verwendet werden. Selbftverftändlich konnte, was hier in letzterer
Richtung gefchieht, nicht fchon gefagt werden, ehe die betreffenden
i gegnerifchen Veröffentlichungen vorlagen. Daraus erft noch ein Streitobjekt
zu machen, hat daher keinen Sinn. Rückverweifungen auf das alte
Buch, zumal auf die .Vorverhandlung', durchziehen das neue von Anfang
| bis zu Ende, wenn auch nur etwa 100 Zeilen wörtlichen Abdruck erfahren
1 haben (S. 10. 98. 203 f. 224. 240. 243). Den ,Geift freiefter Forfchung',
der darin walte (S. 94), bewährt der Verf. darin, daß er die gefamte
) Darfteilung der beiden älteren Evangeliften von den galiläifchen Erfchei-
] nungen für ein .freigefchaffenes repräfentatives Gefamtbild der Offenbarung
des Herrn' hält (S. 29. 31. 48), von Markus im verlorenen Schluß aus
j rein apologetifchen Motiven (S. 24. 57. I04f.) erfunden, trotzdem daß er
t ,mit den Erfcheinungen nach Ort, Zeit und wefentlichem Verlauf zweifellos
wohl vertraut war' (S. 41), alfo eigentlich hätte erzählen müffen, wie
| der ihn hierin berichtigende Lukas tut (S. 74. 77 f.). Sonach ift fall die
j gefamte kritifche Theologie, wenn fie die Jünger nach Galiläa flüchten
läßt, auf die von Markus konftruierte .fubjektive Wahrheit'(andere würden
[ es anders nennen) hereingefallen, und ich durfte daher fchön von diefem
als dem Veranlaffer der modernen ,Fluchtlegende' (S. 101. 121, 146. 196)
reden. Doch ift dies immerhin Nebenfache angefichts der ungeheuerlichen
Theorie von der Abforption materieller, an fich verweslicher Körperbeftand-