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Ausgabe:

1909

Spalte:

345-346

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Furrer, Konrad

Titel/Untertitel:

Menschheitfragen. Ein letzter Gruß an seine Freunde 1909

Rezensent:

Köhler, Ludwig

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345

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. tl.

346

doch ein Stück Lebensbekenntnis des Verf. Sie beweift,
daß er fich feinen eigenen Standpunkt erarbeitet hat in
allen theoretifchen und praktifchen Fragen, die in den
Gefichtskreis feines Amts gehören. Mit Vorliebe hat er
fich den metaphyfifchen und den ethifchen Problemen
des Chriftentums zugewendet. Kr fucht fie zu löfen in
der von Kant, Schleiermacher und der neueren deutfchen
Theologie angegebenen Richtung. Da ihm Gotteserkenntnis
und Gottesdienft Korrelate find, fo liegen ihm die
praktifchen Aufgaben des kirchlichen Lebens gleichfalls
am Herzen. Sein Ideal ift die Volkskirche in der Form
des Gemeindelebens. Die Kirchenverfaffung hat nach
ihm vor allem die Pflicht, die religiöfe Freiheit rechtlich
zu fichern. Wenn er in feinen Darlegungen auch nicht
gerade neue große Gefichtspunkte aufbringt, wenn auch
manches Wichtige nur in kurzen Andeutungen berührt
wird, wenn auch hier und da mehr Paraphrafe als wiffen-
fchaftliche Erörterung obwaltet, wenn er feinen Gegen-
ftand auch nicht immer in fyftematifcher Form und Folge
behandelt, fo gibt er uns doch ein nachahmenswertes
Mufter, wie ,der Prediger für feine Predigt- und Lehrtätigkeit
eine eigene Theologie zum Hinter- und Untergrund
haben' müffe. Man könnte der Arbeit als Motto das
vom Verf. gelegentlich zitierte Wort R. Rothes beifügen:
Unfere eigene, auf unverdroffener und furchtlofer wiffen-
fchaftlicher Arbeit ruhende perfönliche Überzeugung
von den chriftlichen Dingen, das ift es, was heutiges
Tages unfere Gemeinden bei uns, ihren Pfarrern eigentlich
fuchen.

Stettin. Lülmann.

Furrer, Pfr. Dekan Dr. Konrad f, Mentchheitsfragen. Ein

letzter Gruß an feine Freunde. Mit feinem Bildnis.
Zürich, Zürcher «Sc Furrer 1909. (VIII, 196 S.) gr. 8°

fr. 3—; geb' fr- 4 —
Der am 14. 4. 1909 in Zürich verftorbene D. Konrad
Furrer bekleidete neben dem Extraordinariat für allgemeine
Religionsgefchichte, biblifche Geographie und Ge-
fchichte Israels noch ein Pfarramt an der Peterskirche
zu Zürich auf Lavaters Kanzel. Auf eine ganz eigenartige
und ausgezeichnete Weife verftand er es, in Vorträgen
fich über Tagesfragen wie über Fragen der Wiffen-
fchaft und frommen Lebensgeftaltung zu äußern, und
aus diefen Vorträgen ift eine Reihe von Büchern erwachten
; ich nenne nur ,Katholizismus und Proteftantis-
mus in acht Vorträgen dargeftellt' 4. Aufl. 1900 und
.Vorträge über das Leben Jefu Chrifti' 1902, vgl. diefe
Zeitfchrift 1902, 164t. und 1905, 396; von dem letzteren
Buch liegt bereits die 3. Auflage vor.

Auch das zur Befprechung vorliegende Buch bietet
folche Vorträge dar, welche der Sohn des Verftorbenen
für die Freunde und Zuhörer Furrers gefammelt hat.
Aber nicht bloß diefer engere Kreis, der fich Jahre hindurch
in immer gleicher Zahl und Treue um Furrers
Vortragskanzel fammelte, fondern auch weit darüber
hinaus werden viele mit Gewinn zu dem Buche greifen.

Nach einem fehr anfprechenden Vorwort des Herausgebers
eröffnet die Predigt, welche Furrer am 1. I. 1901
über Jef. 54, IO zum Beginn des Jahrhunderts gehalten
hat, das Buch, und die letzte Predigt des Verfaffers, am
9. 2. 1908 über I Kor. 2, 10 gehalten, fchließt es. Dazwischen
flehen dreizehn Vorträge: ,Die zerftörenden
Naturgewalten und Gottes Weltregierung' (12—24); .Bedarf
es zur Verkündigung des Evangeliums gelehrter
Prediger?' (25—41), die Art, wie F. ruhig und fachlich
und gründlich diefe Frage vor allem Volke aufwirft, erörtert
und bejaht, macht großen Eindruck; .Genügt eine
religionslofe Pflichtenlehre im Kampfe des Lebens?'
(42—54), diefer am 23. 11. 1902 gehaltene Vortrag hatte
<-s noch nötig, gegen den bekannten Sozialpädagogen Fr.
W.Förfter Stellung zu nehmen, der damals noch im Waffer

der ethifchen Kultur fchwamm und heute längft die Frage
energifch verneint; .Religion und Krankenheilung' (55—70);
,Der Zweck heiligt die Mittel' (71—83); .Die Naturnotwendigkeit
und die menfehliche Freiheit' (84—98); ,Ift
Zufriedenheit eine Tugend?' (99—114); .Der Tod der
Verzweiflung' (115-—128). Die vier letzten Vorträge behandeln
in einem Zyklus die verfchiedenen Stufen des
Menfchenlebens: .Der Frühmorgen des Menfchenlebens'
(129—144); .Der volle Morgen d. M.' (145—158); .Der
Mittag d. M.' (159—172); .Der Abend d. M.' (173—187).

Die Sprache ift edel, der Gedankengang fchlicht,
allen verftändlich, dabei doch nicht platt, fondern in die
Tiefe führend, wenn auch für uns Jüngere gelegentlich
die Schärfe der Probleme mehr he vortritt und uns
weniger rafch und weniger gefchloffen erlaubt, Luft und
Leid, Gott und Welt in eine Einheit zufammenzufchauen.
Das ganze Buch ift die reiche und köftliche Frucht eines
Manneslebens, das voll Arbeit, Kampf und Mühfal, aber
auch voll Friede und Harmonie gewefen ift. Wer es
lieft, wird auf den verewigten Verfaffer dankbar Ovids
qui colucre colunlur anwenden.

Aeugft (Zürich). I Aid wir; Köhler.

Descartes', Rene, Philofophi[che Werke. (Philofophifche
Bibliothek. Band 26, 2t5a, 27 und 28.) Leipzig, Dürr'-
fche Buchhandlung. 8° M. 10.40

I. Abteilung. Abhandlung über die Methode. Neu überfetzt
und mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Dr. Artur
Buchenau. — Regeln zur Leitung des Geides. Die Erforfchung
der Wahrheit durch das natürliche Licht. Cherfetzt und herausgegeben
von Dr. Artur Buchenau. [26 u. 26 a.] 1905. 06. (XII, 70
u. XVIII, 149 S.) M. 2.40

II. Abteilung. Meditationen über die Grundlagen der l'hilofo-
phie. In dritter Auflage neu überfetzt und mit ausführlichem, auf
Descartes' eigene Schriften geftützten Kommentar herausgegeben von
Dr. Artur Buchenau. [27.] 1904. (XVI, 312 S.) M. 3 ■—

III. Abteilung. Die Prinzipien der Philofophie. Mit 47 Figuren
im Text. Dritte Auflage. Mit einem Anhang enthaltend Bemerkungen
Rene Descartes' über ein gewilfes in den Niederlanden gegen
Ende 1647 gedrucktes Programm. Von Dr. Artur Buchenau. [28.]
1908. (XLVII, 310 S.) M. 5 —

Was hier beabfichtigt wird, ift nichts weniger als
eine deutfehe Ausgabe in vier Bänden fämtlicher eigentlich
philofophifcher' Schriften Descartes'. Alles, was in der
betreffenden Hinficht als ,bedeutfam' in Betracht kommen
kann, ift irgendwie berückfichtigt worden, darunter Publikationen
, die zum erften Mal in deutfeher Überfetzung
erfcheinen. Ausgelaffen find nur Schriften von der Art
wie die ,Geometrie', die .Dioptrik', die ,Meteore'. Dagegen
ift wieder der hochintereffante Briefwechfel, wenn
er gleich nicht ganz mit aufgenommen werden konnte, in
gefchickter Weife verwendet und zu Rate gezogen worden.
Insbefondere gilt das für die Korrefpondenz mit Descartes
' geiftvoller Schülerin, der Prinzeffin Elifabeth von
der Pfalz.

Der Stoff verteilt fich auf die drei bisher erfchienenen
Bände folgendermaßen: der erfte enthält die ,Abhandlung
über die Methode', die ,Regeln zur Leitung des Geiftes'
und die ,Erforfchung der Wahrheit durch das natürliche
Licht', alfo die wichtigflen Beiträge zur Erkenntnistheorie;
der zweite enthält die .Meditationen über die Grundlagen
der Philofophie', wobei der Text der lateinifchen Original-
Ausgabe von 1641 zugrunde gelegt und mit diefem die
von Descartes felbft durchgefehene franzöfifche Überfetzung
des Herzogs von Luynes verglichen wurde; der
dritte enthält wiederum eine metaphyfilch-fyftematifche
Hauptfchrift, die ,Prinzipien der Philofophie', und in
einem Anhang die Bemerkungen über ein gewiffes in
den Niederlanden gegen Ende 1647 gedrucktes (von
Regius herrührendes) Programm'. Der noch ausftehende
vierte Band wird mit der Publikation ,Über die Leiden-