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Ausgabe:

1909 Nr. 11

Spalte:

324-325

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jacob, B.

Titel/Untertitel:

Die Abzählungen in den Gesetzen der Bücher Leviticus und Numeri 1909

Rezensent:

Steuernagel, Carl

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323 Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. II. 324

zu erinnern. Aber bei diefem Sichvordrängen hiflori-
fcher Gefichtspunkte kommt die fyflematifche Arbeit
m. E. nur dann zu ihrem Recht, wenn Tie genau an dem
Punkte einfetzt, an dem die Hiftorie endigt, d. h. da,
wo die Gefchichte felbft in ihrem ganzen Umfang oder
das hiftorifche Erkennen als folches zum Problem wird.
Wernle wird das zugeben. Denn wenn er als erfte Aufgabe
der fyftematifchen Theologie die Wefensbeftimmung
von Religion und Chriftentum faßt, fo will er damit, 281,
zu einer Theorie der Gefchichte fortfchreiten, ,zu der
diefe felber . . . führen muß'. Iß diefe Aufgabe ernftlich
in Angriff genommen, richtiger: iß fie dem Studenten in
ihrer Schwierigkeit wie Unumgänglichkeit deutlich gemacht
worden?

S. 279 ließ man: ,die ganze feitherige Gefchichte
der fyßematifchen Theologie [iß] eine fortlaufende Kette
von Vergewaltigungen der Gefchichte'. Dies Urteil fleht
offenbar auf einer Linie mit demjenigen über die isra-
elitifch-jüdifche Gefchichtsanfchauung, Dt., Hefek., PC.,
Chrom, von der es heißt: ,Das iß doch eine der größten
Gefchichtsfälfchungen, die je begangen worden find, die
Hinrichtung der ganzen eigenen Vergangenheit durch
ein fehr fpät aufgekommenes Ideal', 115. Man hört faß
Friedrich Nietzfche reden. Allein, da mittelalterlich-
römifche, altproteßantifche, deiflifch-aufgeklärte, Hegel-
fche ufw. Gefchichtsanfchauung demfelben Verdikt verfallen
muß, fo fleht man vor einer Erfcheinung der
Vergangenheit, die gerade in ihrer Allgemeinheit doch
wohl der Beachtung wert iß. Denn alle Einzelfälle als
folche zugeßanden, bedarf nicht ihre konßante Wiederholung
unter fo ganz verfchiedenen Umßänden dringend
einer über das Einzelne hinausreichenden Erklärung?
Und wird diefe, wenn anders eine folche möglich iß,
unfer heutiges Gefchichtsverßändnis gar nicht berühren?
Wenigßens kann man fich dem Eindruck nicht durchaus
entziehen, daß Wernle, indem er den Gefichtspunkt des
Abfalls in der Gefchichte fehr reichlich verwendet (114.
124. 207. 209 u. a.), eine Kritik an der Vergangenheit
übt, die qualitativ hinter derjenigen des ,unmenfchlichßen
Kritikers feines unglücklichen Volkes', Hefekiel (115),
nicht zurückfleht. Dabei aber wäre innerhalb jener
,Gefchichtsfälfchungen', bezw. Emanzipationen von der
Gefchichte, die entgegengefetzte Tatfache zu betonen,
wie auf dem Boden israelitifch-jüdifch-chrißlicher Religion
eben die Gefchichte allen Verdunkelungen zum
Trotz fich als eine vis sui generis behauptet.

Wernle hat mehrfach (107. 216. 233 u. a.) diefe in
fpezififchem Sinne gefchichtliche gegen alle myflifche
Religion — Elemente der Myßik in der erßeren ohne
weiteres vorbehalten — hervorgehoben. Aber er hat
m. E. die Konfequenzen daraus nicht gezogen. Er hat
es unterlaffen, in der Skizze der altgriechifchen Religions-
gefchichte vom Thrakifchen Orgiasmus bis zu Plato hin die
Grundlagen europäifcher Myßik im eigentlichßen Sinne
aufzuweifen. Myßik, nicht Efchatologie, hätte 57 neben
Kathartik und Asketik flehen follen. Dann wäre, meine
ich, der Gegenfatz zwifchen dem Jahwe der Propheten
und dem Gott der Trinitätslehre (113 vgl. 205 f.), ohne
aufgehoben zu werden, doch in ein anderes Licht getreten
. Bei der Befprechung der ,Religion aus erfter
Hand' (291) wäre deren Unterfchied zwifchen myßifcher
und efchatologifcher, d. h. gefchichtlicher Religion —
denn ,Weisfagung iß in ihren Augen auch Gefchichte
und beides garnicht voneinander zu trennen', Schleiermacher
, Reden, IOO — viel entfchiedener zu betonen
gewefen. Die trefflichen einfchränkenden Erinnerungen
über die Bedeutung der Ekßafe bei Jefus, Paulus, Luther,
295, hätten damit erß ihren weiten Hintergrund gewonnen.
Es hätte fich aber dann wohl auch verboten, James, The
Varieties of religious experience, 298, ohne jede kritifche
Bemerkung zu empfehlen. Denn Religionspfychologie
in allen Ehren, aber man foll vor Unkundigen — und
das find doch wohl Studenten zunächfl — nicht von ihr

reden, ohne fie fo fcharf wie möglich von dem zu unter-
fcheiden, was fich heute als experimentelle Pfychologie
gibt (vgj. 36). Und auch dann noch wird, wem es um
gefchichtliche Religion zu tun iß, die Pfychologie des
ifolierten religiöfen Subjekts nicht ohne weitgehende
Kautelen gut heißen.

Diefe Bemerkungen laufen aber dahin zufammen,
daß ich eine gründlichere Behandlung gefchichtlicher
Erkenntnistheorie gewünfcht hätte. Die Erörterung über
Naturerkennen und Gefchichtserkennen, 376L, mit dem
Hinweis auf Rickert und Tröltfch iß viel zu kurz, um
auf einen Studenten nachhaltigen Eindruck zu machen.
Freilich durchziehen Bemerkungen über das Einmalige,
Unwiederholbare, Individuelle, ,gerade das Beße und
Wertvollße an der Gefchichte' (297. 299. 349), das ganze
Buch, unzählige Male führt Wernle feine Lefer zu diefen
großen Einzelgeßalten hin, und in dem Einen Jefus weiß
er in ergreifender Weife die innerliche Autorität, die
Norm des chrißlichen Glaubens aufzuweifen (p. VIII,
121. 3iof. 321 f. u. a.). Aber eben das innere Recht diefer
Pofition wird der Syßematiker nicht bloß behaupten,
fondern aus der ganzen Struktur der gefchichtlichen
Wiiklichkeit abzuleiten und darum nicht am Ende, fondern
am Anfang, da wo die hißorifche in die fyßemati-
fche Theologie übergeht, gegen naturwiffenfchaftlich-
foziologifche undintellektualißifch-ideologifcheGefchichts-

! anfchauung ficher zu flehen haben. Diefe Probleme
müffen in den Vordergrund treten, wenn anders wir
nicht fortfahren wollen, Syßematik neben der Hißorie

! her zu treiben, ßatt die Gefamtarbeit der letzteren nur
zum Unterbau der erßeren zu machen.

S. 243 1. Rakauer 253 Pufendorf und Christiauity as
old as the creation, 443 ,fo mit Ernß Chrißen fein
wollen'. Baurs Vornamen lauten Ferd. Chrifl., nicht
Chr. Fr. (129. 133. 163). Schleiermachers Glaubenslehre
führt nicht den Titel ,Evangelifcher Glaube' (28s. 290.
3H- 353)-

Gießen. S. Eck.

Jacob, B., Die Abzahlungen in den Gefetzen der Bücher Leviticus

und Numeri. Frankfurt a. M., J. Kauffmann 1909. (35 S.)
gr. 8° M. 1.60

Jacob hat fich die Mühe gegeben, nachzuzählen, wie
i oft gewiffe Begriffe oder Wendungen innerhalb der einzelnen
gefetzlichen Abfchnitte von Lev. und Num. vorkommen
. Er kommt zu dem Refultat, daß gewiffe Zahlen,
die 12 und ihr Mehrfaches fowie die 70, das Ganze
! beherrfchen. Oft erhält man diefe Zahlen auch, wenn
I man die Einzelzahlen für verwandte Ausdrücke oder
Begriffe addiert. Z. B. in Lev. 1—5 werden 24 Fälle von
Opfern behandelt; die Opfertermini nbl3 tim)2, n^ttblD 'T,
tlSUn (abgefehen von den Zufammenfetzungen mit m
und 1ö) und DTSS kommen zufammen 70 mal vor
(21 + 16 + 8 + 16 4- 9). Die Gattungen jits und Ipa und
j ihre Unterarten find 48 (=4x12) mal genannt, Blut und
Fett 48 mal, die Beßandteile des vegetabilifchen Opfers
I zufammen 24 mal, IflrW in den beiden Gottesreden 48 mal.

In der erßen Gottesrede find 70 Handlungen pofitiv
I befohlen etc. Da das kein Zufall fein kann, ergibt fich,
i daß entweder der Verfaffer oder fpätere Redaktoren
! auf das zahlenmäßig beßimmte Vorkommen diefer Aus-
j drücke oder Begriffe aus irgend einem Grunde Gewicht
gelegt haben.

Dem Motto des Verf. aab nmSOI folgend habe ich
I mir die Mühe gemacht, nachzuzählen, wie oft gewiffe
! Worte oder Wendungen in Jacobs Buch vorkommen, habe
! mich allerdings mit Rückficht auf meine Zeit zunächß
auf das Vorwort (ohne Überfchrift, Unterfchrift und Fußnoten
) befchränken müffen. Ich bin zu dem gewiß fehr
beachtenswerten Refultat gekommen, daß auch hier ge:
wiffe Zahlen alles beherrfchen, die der Verf. durch die
Druckeinrichtung dem aufmerkfamen Lefer auch klar