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Ausgabe:

1909 Nr. 10

Spalte:

312-314

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hunzinger, August Wilhelm

Titel/Untertitel:

Probleme und Aufgaben der gegenwärtigen systematischen Theologie 1909

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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3ii Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 10. 312

Zieglers Befprechung des zweiten Lebens Jefu vom Standpunkte
der heutigen Theologie meift fachlich, gerecht und
einwandfrei nennen muß. Dies um fo mehr, als diefelbe
es heute mit Gegnern zu tun hat, mit welchen verglichen j
Strauß mit feinen Negationen nur wie ein Waifenknabe
erfcheint. Stehen wir doch heute mit ihm gemeinfam
auf dem Boden einer methodifch geübten Quellenkritik,
vermittels welcher, fo weit diefe Quellen es ermöglichen,
ein hiftorifcher Gehalt von Worten und Gefchicken Jefu
aus dem alle ältefte Erinnerung rafch überwuchernden,
hoch auffchießenden Dickicht der urchriftlichen Tradition
herauszulöfen ift Was hätte Strauß gefagt, wenn man '
ihm aufreden wollte, Jefus habe überhaupt nicht gelebt;
er fei nur ein Sammelname für Ideale der damaligen
Popularphilofophie oder ein von Proletarierphantafie erfundener
Held fozialiftifcher Revolutionäre oder eine rein
mythologifche Figur als Gegenftand eines fchon vorchrift-
lichen Kultus oder eine von den zahlreichen Formen, in welchen
ein uraltes mittelafiatifch.es Epos fein Nachleben feiert,
oder wenn ihm nicht bloß die fogenannten Vor- und Nach-
gefchichten, fondern die ganze Paffionsgefchichte als ein
gut heidnifches Myfterienfpiel vorgeftellt worden wäre?
Die Ablehnung aller diefer Neuigkeiten hätte ihm dazu
verholten, im Gefichtskreife nicht des ,alten' und nicht des [
,neuen', aber des ,neueften Glaubens' und der Verächter
aller ,Halben' unter die Kategorie der Apologeten zu
treten. Damals freilich waren wir die Apologeten und
haben es nicht ohne eigene Schuld zu büßen gehabt,
wenn wir es einmal auch tendenzmäßig gewefen find.
Weiter will und darf ich mich an diefer Stelle nicht in
Verhandlungen perfönlicher Natur über Dinge einlaffen,
die bald ein halbes Jahrhundert dahinten liegen, begnüge
mich daher mit dem Bekenntnis, daß ich mit der Dar-
Itellung, welche dem von Heilbronn aus gewagten Eingreifen
in unfere erfolgreiche badifche Bewegung gewidmet i
ift, fowohl was Perfonen als was Sachen betrifft, nicht '
einverfianden bin. Die wenigen Überlebenden, die damals
,auch dabei waren', werden es verftehen. Ich darf
auf Hausraths Buch über Rothe II, S. 5181. verweifen.
In diefem Stil müßte man überhaupt eine Gefchichte
der Theologie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
fchreiben, um das allmähliche Erwachen aus
dem bleiernen Schlaf der politifch-kirchlichen Reaktion
mit allen feinen Schwierigkeiten und Verhängniffen in ein
deutliches Licht zu fetzen und die Theologie von damals
gerecht zu würdigen.

Um fo erfreulicher und für Strauß in hohem Maße
ehrenvoll lautet der Bericht über,1866 und 1870' (Kap. 11):
Zank mit dem Landsmann und alten Freund Vifcher
wegen der Anfprüche Preußens auf Führerfchaft inDeutfch-
land, freundfchaftliche Aufnahme bei der Prinzefiin Alice,
der er feinen /Voltaire' widmen darf, gewiß ,weitaus
das Schönfte, was Strauß gefchrieben hat', ,ein Schmuck-
ftück unferer Literatur'. Aber freilich das Größte folgt
noch, die Auseinanderfetzung mit Renan, in der Strauß
als der berufene Wortführer und Sprecher feines Volks
erfcheint in einem der größten Momente, welche unfere
vaterländifche Gefchichte aufzuweiten hat. Ihm felbft
war es noch auf dem Sterbebett eine Genugtuung, feine
Briefe an Renan noch einmal zu lefen, und faft möchte
man es für ein Mißgefchick halten, daß fich dem von
jenen handelnden Abfchnitt nicht fofort ,das Ende' (Kap.
13) im Sinne von ,Ende gut, alles gut' anreihen darf,
fondern ,der alte und der neue Glaube' (Kap. 12) als
das nächft dem Leben Jefu meift angefochtene Buch da-
zwifchen tritt. Dem gegenüber dürfte es für alle, welche
für den Ernft der religiöfen Geburtswehen in unferer
Gegenwart Verftändnis haben und in die Tiefen diefes
Ringens einer ,gottfuchenden Zeit' hineinzulaufchen vermögen
, das intereffantefte, neben dem der Glaubenslehre
gewidmeten jedenfalls dasjenige fein, welches den Lefer
am intenfivften befchäftigt und viel weniger losläßt, als
die Erinnerung an das Strauß'fche Leben Jefu, die uns nur

noch bekanntes, fei es zu bejahendes, fei es zu verneinendes
, fagen kann. Aktuelle Bedeutung kommt dagegen
auch heute noch den im alten und neuen Glauben zur
Sprache gebrachten Problemen, zumal dem des fpinozi-
ftifchen Monismus zu, in welches fich dem Biographen
die Erörterung über den Materialismus der letzten Kundgebung
des ehemaligen Idealiften umfetzt. Die fchwachen
Seiten diefes, mit der Entwicklung der neuern Philofophie,
teilweife auch der Naturwiffenfchaft, keineswegs immer
gleichen Schritt haltenden Entwurfes einer einheitlichen
Weltanfchauung werden zwar vom Verfaffer offen und
unmißverftändlich dargelegt (Strauß ift ihm hier teils ,zu
naturaliftifch', teils noch ,zu fehr Hegelianer'), zugleich
aber die Stellen bezeichnet, die neben einer erforderlichen
Korrektur auch einer Fortbildung fähig und geeignet
find, uns Heutige zu lehren, die Augen teils für
die Wirklichkeit der Dinge, teils für die Begriffswerte
von Zweck, Zeit ufw. im Umkreis des religiöfen Gedankens
noch mehr zu öffnen. Infofern befonders fei gerade
diefer gehaltreiche Abfchnitt ungeachtet aller Schimpfreden
auf die vermaledeiten Theologen, ohne die es bei
Strauß nun einmal am Ende fo wenig wie am Anfang
abgehen kann, auch unferer ehrlichen Arbeit an der Fortbildung
der Religion' beftens empfohlen.

Baden. H. Holtzmann.

Hunzinger, Lic. Prof. Dr. A. W., Probleme und Aufgaben
der gegenwärtigen fyltematifcben Theologie. Leipzig,
A. Deichert'fche Verlagsbuchh. Nachf. 1909. (V,
199 S.) gr. 8° M. 3.60

Der Verf. hat in diefem Buche 5 Abhandlungen
programmatifcher Art, von denen die drei mittleren früher
fchon veröffentlicht waren, zufammengeftellt. In der
erften unter dem Titel: .Die philofophifchen Grundlagen
der religionsgefchichtlichen Methode' kritifiert er die Art,
wie Troeltfch vom religionsgefchichtlichen Standpunkte
aus die modernen Aufgaben der Religionsphilofophie
näher benimmt hat. Er fieht einen inneren Widerfpruch
darin, daß Tr. einerfeits auf die Religionen einfchließlich
des Chriftentums das Prinzip einer entwicklungsgefchicht-
lichen Erklärung konfequent angewandt haben will und
andrerfeits doch auch mit Nachdruck die tranfzendenten
Elemente im Chriftentum und überhaupt in der Religion
anerkennt. Aber H. findet diefen Widerfpruch doch nur
deshalb, weil er feinerfeits der religionsgefchichtlichen
Forfchungsmethode eine axiomatifche Tendenz auf reft-
lofe exakte Erklärung des religionsgefchichtlichen Ge-
fchehens aus innerweltlichen Faktoren zufchreibt. Gerade
das Beifpiel von Tr. hätte ihm zeigen können, daß die
religionsgefchichtliche Methode keineswegs notwendig
mit diefer axiomatifchen Tendenz verbunden ift. — Bei
feiner Befprechung der einzelnen religionsphilofophifchen
Aufgaben, die Tr. fordert: Religionspfychologie, religiöfe
Erkenntnistheorie, gefchichtsphilofophifche Bearbeitung
j der Religion und abfchließende Metaphyfik, fucht H.
darzulegen, daß fich diefe Aufgaben nicht in exakt-wiffen-
fchaftlicher Art, fondern immer nur unter Mitwirkung
von Glaubensurteilen löfen laffen, daß fie alfo nicht zu
1 folchen Ergebniffen führen, welche Anfpruch auf Not-
j wendigkeit und Allgemeingültigkeit erheben können.
I Darin hat er ganz Recht. Das wird aber auch Tr. nicht
j beftreiten. Aber ebenfowenig wird Tr. in diefem Einwand
einen triftigen Gegengrund gegen den wiffenfchaftlichen
Wert jener Aufgaben erkennen. Denn diefe Schwierigkeit,
nicht exakt beweisbar zu fein, teilen die religionswiffen-
fchaftlichen Unterfuchungen mit jeder Ethik und jeder das
höhere geiftig-fittliche Leben mit berückfichtigenden Metaphyfik
, ohne daß doch Ethik und Metaphyfik deswegen
aufhörten, wichtige wiffenfchaftliche Aufgaben zu fein.

Auch die zweite Abhandlung: ,Die Abfolutheit des
Chriftentums' ift gegen Tr. gerichtet. In ihr wird aus.
geführt, daß der Abfolutheitsanfpruch des Chriftentums