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Ausgabe:

1909 Nr. 10

Spalte:

304-308

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hupfeld, Renatus

Titel/Untertitel:

Die Ethik Johann Gerhards 1909

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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303 Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 10. 304

fchen Dogmas mit der autoritativen Fortdauer der ka- i Wundercharakter als Einwirkung einer unpfychologifchen,
tholifchen Schulphilofophie wefentlich zufammenhängt. die geiftigen Vorgänge zu Naturvorgängen machenden
Die Päpfte wiffen, weshalb fie die ,gefunde Philofophie' | .Metaphyfik' anfieht. In Wahrheit handelt es fich hier
des Thomas allein dulden. Diefen Sachverhalt hat die um die Glaubensmetaphyfik des Wunders, das gegen die
genannte Schrift eingehend dargeftellt, freilich zugleich [ natürlichen Kräfte forgfältig abgegrenzt werden foll und
mit einem Beftreben der Ehrenrettung, das, foweit ich 1 gerade einer philofophifchen Metaphyfik direkt entgegen-
die Sache verftehen konnte, über die Intentionen der I gefetzt wird. Dabei geben die Dogmatiker fich alle
altproteftantifchen Scholaftiker mit allerhand Moderni- j Mühe, den Vorgang zugleich als einen menfchlichen Be-

fierungen weit hinausging und Philofopheme zum Leben
galvanifiert, die fchlechterdings tot find.

Die vorliegende Schrift behandelt nun den Einfluß
diefer Scholaftik auf die Dogmatik, gleichfalls äußerft
forgfältig und überaus kenntnisreich, durch den Gebrauch

wußtfeinsvorgang zu bezeichnen, nur daß vor allem fein
.hyperphyfifcher oder fupranaturaler' Charakter feftge-
halten werden foll. Freilich, wenn der Verfaffer die
Darlegungen der Dogmatiker echt pfychologifch nennt und
fie nur durch Formalismen und ungeeignete Kategorien

der von Tholuck gefammelten Bibliothek lutherifcher j entftellt findet, fo ift das eine Pfychologie, die mit keiner
Scholaftiker unterftützt. Das eigentliche Thema des j heutigen etwas zu tun hat. Zuletzt zeigt er den Ein-
Verf. ift dabei die Widerlegung der Thefen Ritfchls ! fluß der Metaphyfik auf die ungeheuerliche Ubiquitäts-
und feiner Schüler, die er als die eigentlichen Repräfen- Chriftologie, erkennt aber auch hier nur eine Verderbung
tanten der modernen Kritik der Orthodoxie anfieht. | des lutherifchen Intereffes an der Chrifti Wefen erft er-
Hatte Ritfehl fich auf die Lehre Luthers berufen und hellenden Göttlichkeit des Erhöhten durch Faffung diefes
die kirchliche Orthodoxie als Verderbung der lediglich 1 Intereffes in ungeeigneten Kategorien. Balthafar Mentzer
in Werturteilen fich bewegenden, metaphyfikfreien Theolo- i habe in der Zurückführung der Allgegenwart der menfch-
gie Luthers durch Rückfall in katholifche Metaphyfik er- liehen Natur Chrifti auf die Aktualität und den handelnklärt
, fo behauptet der Verfaffer, daß die Orthodoxie den Willen der PerfÖnlichkeit ftatt auf die Verbindung
im wefentlichen die lutherifchen dogmatifchen Anfätze j der Naturen den Ausweg einer rein biblifchen .Glaubenseinfach
fortfetzt und fyftematifiert, dabei freilich der metaphyfik', einer auf Heilserfahrung geftützten Glaubens-
,modernen' Metaphyfik und Schullogik fich bedient, aber 1 fpekulation, gezeigt. Darin fei ihm Leibnizens Aktualitäts-
wefentlich äußerlich und formell ohne irgend eine ftarke philofophie zu Hilfe gekommen, aber bei der Erfchöpfung
Modifikation des lutherifchen Dogmas felbft, nur aller- der Orthodoxie fei diefer richtige Ausweg nicht mehr zur
dings formaliftifch veräußerlichend und verkünftelnd fo- 1 Durchfetzung gekommen, fondern vergehen worden,
wie durch Einfchleppung metaphyfifcher Termini die ; Den Schluß bildet ein allgemeines Urteil über die
dogmatifchen Sätze mitunter bedenklich beeinfluffend. Bedeutung der Orthodoxie, ,Die Entwickelung war not-
Das ift ficherlich der wirkliche Sachverhalt, und, wie ich i wendig; nur durch fcholaftifche Vertiefung hindurch
ihn in meinem ,Melanchthon und Joh. Gerhard' feiner- konnte fich ein Fortfehritt anbahnen'. .Mitten in fcho-
zeit fchon im allgemeinen nachgewiefen habe, fo hat ihn laftifchem Formalismus und unter dem Banne der fcho-
der Verfaffer hier im befonderen weiter erhärtet. , laftifchen Metaphyfik flößen wir auf Anfätze zu einer

Die Arbeit zerfällt in zwei Teile. Der erfte behan- I neuen Theologie und einer neuen Philofophie'. ,Die
delt den Einfluß der formaliftifchen Methodik, vor allem orthodoxe Theologie hat die Begriffsformen der alten
die Subfumtion der Theologie unter die analytifche Me- Metaphyfik zu fprengen begonnen, nicht nur, indem fie
thode. Er erkennt darin die dem reformatorifchen Anti- i an ihren Axiomen, an den unmittelbaren aus der Schrift
rationalismus entfprechende und mit den Mitteln der erhobenen Glaubensausfagen fefthielt, unbekümmert um
Schullogik nur fo ficher zu (teilende Tendenz auf die j die Konfequenz eines metaphyfifchen Schemas, fondern

volle Selbftändigkeit der Theologie oder der Wiffenfchaft
von dem geoffenbarten, aller menfchlichen Vernunft
fchlechthin gegenüberftehenden Heil. Sicherlich mit
Recht; der unphilofophifche und rein autoritative Charakter
der Theologie ift nie fchroffer betont worden. Der Verfaffer
erkennt darin ein bleibendes Wahrheitsmoment
auch für die heutige Theologie, nur daß er die reine

auch durch pofitive Arbeit an der Neugeftaltung der
metaphyfifchen Begriffsmaterials. Es ift der Orthodoxie
nicht befchieden gewefen, die Früchte diefer ihrer Arbeit
einzuheimfen'. ,Die Frage, ob die Orthodoxie prinzipiell
einen Irrweg, ein Zurückbiegen in katholifche Scholaftik
bedeute', haben wir ,das gute Recht zu verneinen'.
In der Tat ift diefe letztere, von Ritfehl geftellte und

Bibelautorität durch die pietiftifche Erfahrungstheologie bejahte, Frage trotz aller feiner Verdienfte um die Auf-
des Heilstatfachen erfetzt. Der Jenenfer Theologie aus hellung des lutherifchen Gedankens zu verneinen, aber
der Schule des Mufäus rechnet er es fehr zum Tadel dieFortentwickelungderorthodoxen,Glaubensmetaphyfik',
an, daß fie nicht bei diefer Faffung des Objektes der wie fie der Verfaffer im Auge zu haben fcheint, wird
Theologie blieb, fondern neben dem noch eine rationellere j ebenfo wie die fcholaftifche Schulmetaphyfik wohl nur
Sicherftellung des Objektes der Theologie in der Aus- I für fehr enge Kreife noch Bedeutung haben,
einanderfetzung mit der natürlichen Theologie fordert, j Heidelberg. Troeltfch

Wichtiger noch ift die Frage nach den inhaltlichen !__

Beeinfluffungen des Dogmas durch die neue Metaphyfik. j

Er erläutert das zunächft an der Lehre von der unio mystica, Hupfeld, Lic. Renatus, Die Ethik Johann Gerhards. Ein
wo er gegen Koch in diefer Lehre nur ein in inadäquate Beitrag zum Verftändnis der Lutherifchen Ethik
Formeln eingekleidetes lutherifches Frömmigkeitsintereffe ; Herliri) Trowitzfch & Sohn 1908. (VII, 261 S.) gr. 8"
fleht, dem im Grunde an den gebrauchten Subftanzfor- | m r; s

mein gar nichts liegt. Auch das fcheint mir durchaus °°
richtig. Ein Intereffe, an diefem Punkte die verderb- Die Ethik Joh. Gerhards ift hier als Typus der

liehe Tendenz der Orthodoxie zur Metaphyfik zu entlarven, orthodox-lutherifchen Ethik mit großer Umficht und eingibt
es nur dann, wenn man die lutherifche Frömmigkeit dringendem Verftändnis behandelt. Der Verf. unter-
auf die Anfchauung der perfönlichen Gefinnung Gottes fcheidet mit Recht im Sinne jener Zeit zwifchen der
in der menfchlichen Erfcheinung Chrifti einfehränken will, fog. Ethik d. h. der ariftotelifch-philofophifchen Moral-
was eine von fehr modernen Motiven eingeflößte Ver- wiffenfchaft, die der kirchlichen Moral als Unterbau und
dünnung der Wunderatmofphäre ift, in der Luther fich Vorausfetzung diente, und der fpiritualen chriftlichen
noch unbefangen bewegt. Ähnlich fleht es mit dem zweiten : Gnadenmoral, welche erft auf diefe Ethik als das eigent-
Punkte, der Bekehrungs- und Erneuerungslehre, in der lieh fittlichen Wert im chriftlichen Sinne begründende
die .moderne Kritik' die Fixierung der Stationen, die Moment aufgepfropft wurde. Nur das letztere will der
Ausfchließung des menfchlichen Wirkens und den reinen Verf. darftellen, da es erft die chriftliche Moral der