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Ausgabe:

1909 Nr. 10

Spalte:

299-301

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mingana, A.

Titel/Untertitel:

Sources syriaques 1909

Rezensent:

Diettrich, Gustav

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299

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 10.

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war, ablehnt, und an 2 Sterne als Abzeichen der Dios-
kuren gedacht wiffen will, S. 15; vergl. S. 34 über Caftor
und Pollux als infchriftlich beglaubigte Schiffsnamen.

Das Refultat des 2. Teils faßt der Verf. felbft dahin
zufammen: ,Eine direkte Fortfetzung der Dioskuren
als Retter zur See in der chriftlichen Heiligenlegende
konnte nicht feftgeftellt werden, aber ein Fortleben in
den chriftlichen Legenden läßt fich nicht verkennen'.
Sagen wir deutlicher: nirgends find die alten Götter als
folche in die Schar der chriftlichen Heiligen übernommen,
ihr Kult in einen chriftlichen verwandelt worden; aber
ihre Funktionen find vielfach auf chriftliche Heilige übergegangen
, auch auf folche, die urfprünglich gewiß nicht
dioskurifch waren, wie die Apoftelfürften Petrus und
Paulus. Auch bei den Heiligen mit Dioskurennamen
wie 1 Caftor von Coblenz und Polyeukt von Melitene
nimmt der Verf. (mit vollem Recht) Anknüpfung an
hiftorifche Perfönlichkeiten an, deren Namen Erinnerungen
an die Dioskuren wachriefen. Neben Caftor von Tarfus
hätte er als unftreitig gefchichtlich auch z. B. Caftor von
Apt nennen können. Anders liegt es bei dem h. Phokas,
in deffen Geftalt und Kult der Verf. Priapuszüge aufweift
: nachträgliche Bereicherung durch Dioskurenmotive
anzunehmen, erfcheint überflüffig, wenn man fich klar
macht, daß die Schiffsrettung Funktion der verfchieden-
ften Halbgötter und fehr verfchiedener Heiligen fein
kann (fo u. a. des h. Erasmus, von deffen Namen jene
Lichterfcheinung St. Elmsfeuer heißt, wie der Verf. im
Anfchluß an die alten Bollandiften erklärt und fprach-
gefchichtlich wahrfcheinlich zu machen fucht), daß an-
dererfeits das Bild von den Athleten einfach zum Schema
der Märtyrerlegende gehört (als Spezialfall hiervon dürfte
auch pugil in dem Hymnus auf Polycetes S. 51 aufzu-
faffen fein), ebenfo wie das auf jeden Heiligen anzuwendende
Bild von dem Stern (Dan. 12, 3). Nur vereinzelt
verfällt der Verf. der im Thema felbft liegenden Ver-
fuchung, mehr Parallelen aufzuweifen, als fich von felbft
ergeben: befonders bedenklich erfcheint die Konftruktion
S. 43, die fich auf den melitenifchen Polyeukt und den
fpanifchen Policet ftützt, von letzterem einen im Bilde
des erfteren vermißten Dioskurenzug entlehnend. Sonft
ift die befonnene Methode lobend anzuerkennen.

Straßburg i. E. von Dobfchütz.

Mingana, Prof. A , Sources syriaques. Vol. I. M§iha-zkha,
Bar Penkaje. Leipzig, ü. Harraffowitz 1907. (XI, 271
p. et VIII, 204 p.) gr. 8° M. 30 —

Abbe Mingana, Profeffor der fyrifchen Sprache am
fyro-chaldäifchen Seminar in Mofful, ift den Lefern der
,Theolog. Litztg.' nicht mehr unbekannt. Schon 1906
und 1907 hatte ich die Ehre, feine Ausgabe der Homilien
des Narfai und feine Grammatik der aramäifchen Sprache
in diefer Zeitfchrift anzeigen zu dürfen. Diesmal legt
uns der gelehrte Dominikaner zwei mehr oder weniger
wertvolle Quellen zur Kirchengefchichte des Orientes
vor: 1) Die Gefchichte der Kirche der Adiabene unter
den Parthern und Saffaniden von Msiha-zkha (fyrifcher
Text pag. 1—75, franzöfifche Überfetzung pag. 76—156.)
Anhang: Eine fehr intereffante, circa 820 gefchriebene,
anonyme Gefchichte des Klofters Mar Sabriso, de Beth
Qoqa, fieben Stunden weltlich von Arbela, nahe am Zab
(fyrifcher Text pag. 171—220, franzöfifche Überfetzung
pag. 221—267). 2) Den zweiten Teil des Summariums
der Weltgefchichte von Johannan bar Penkaje (fyrifcher
Text pag. 1—171, franzöfifche Überfetzung der i5.Homilie
pag. 172—197).

ad 1.) Neuere Syrologen haben Msiha-zkha vielfach
mit Iso-zkha, einem Chroniften des VII. Jahrh.'s, identifiziert.
Mit Unrecht. Msiha-zkha, dem Namen nach fchon aus
Abdiso's Schriftfteilerkatalog bekannt, flammte aus der
Landfchaft Adiabene, ftudierte wahrfcheinlich unter
Abraham de Beth Rabban auf der Hochfchule zu Nifibis

und fchrieb feine Chronik fchon zwifchen den Jahren
I 550 und 569. Im Gegenfatz zu Iso-zkha fcheint er noch
ein felbftändiger Kopf gewefen zu fein. Zwar benutzt
auch er Vorarbeiten. So z. B. für die Gefchichte des
Abendlandes Eufebius von Caefarea und vielleicht auch
| Sokrates, und für die Gefchichte des Morgenlandes einen
fonft noch unbekannter Kirchenlehrer Habel (3 mal zitiert)
j und die damals fchon redigierten Akten der Märtyrer
j der Adiabene, die jetzt von Bedjan, Vol. IV pag. 128—65
I herausgegeben find. Aber im allgemeinen fcheint er
I mit felbftändigem Urteil in der noch frifch fprudelnden
{ Lokaltradition der Adiabene zu leben und zu weben.
; Der Aufbau feines Werkes ift einfach. Rein chronologifch
1 reiht er die Biographien von 25 Bifchöfen der Adiabene
I aneinander. Jede Biographie fchließt er, wenn er nicht
aus irgend einem Anlaß fchon vorher nähere chrono-
logifche Notizen gemacht haben follte, mit genauen
! zahlenmäßigen Angaben über die Dauer des Episkopats.
Im allgemeinen ruht fein Auge auf den Ereigniffen in
der Adiabene, doch läßt er's hie und da auch über die
Heimat hinausfchweifen. — Der fyrifche Text Minganas
beruht auf einer forgfältigen Eftrangelohandfchrift des
X. Jahrhunderts, die vor etwa 150 Jahren bei einem
Einfall der Gogaje von fliehenden Chriften in dem Dorfe
; Eqrur, circa 16 Meilen nordöftlich von Zakho und circa
20 Meilen nordweftlich von Asitha, vergraben worden
! war. Wie, wann und durch wen die Handfchrift dort
' wiedergefunden ift, verrät Mingana nicht. Wie hoch der
j hiftorifche Wert des Textes anzufchlagen ift, kann felbft-
! verftändlich erft nach eingehender Vergleichung mit dem
gefamten fchon vorhandenen Quellenmaterial gefagt
werden. Auf folgende Punkte darf indes fchon heute
verwiefen werden. 1) Msdha-zkha korrigiert zahlreiche
chronologifche Angaben des Synodikon Orientale und der
I Hiftoriker Amr und Mari. 2) Er liefert den Beweis, daß
I die Evangelifation der Länder jenfeits des Euphrat nicht
erft im dritten, fondern fchon im erften Jahrhundert unferer
Ära begonnen hat. 3) Er zeigt uns die Gegend und die
Zeit der Miffionstätigkeit des ,Apoftels' Addai. 4) Er
bringt neue, wertvolle Auffchlüffe über eine große Zahl
; von dunklen Einzelheiten aus der Gefchichte der Parther
und des Patriarchats von Seleucia-Ctesiphon. Aus all dem
geht hervor, daß fich Mingana mit der Veröffentlichung
diefer Chronik des Msiha-zkha ein großes Verdienft um
die Quellenkunde zur Kirchengefchichte des Orientes
erworben hat.

ad. 2.) Johannan bar Penkaje flammte, wie fein Name
ausfagt, aus Penk, einem am Tigris gelegenen Dorfe
nordweftlich von Djefire. Er war ein Mönch und" lebte
am Ende des VII. (nicht, wie Rahmani behauptet, des
IX.) Jahrhunderts. Die fieben Werke, die Abdiso ihm
! zufchreibt, müffen nach der richtigen, fchon von angli-
kanifchen Miffionaren vertretenen Äuffaffung des Textes
(Mingana teilt den Text falfch ab) alfo aufgezählt werden:
1) die Erziehung der Kinder, 2) das Summarium der
j Weltgefchichte, 3) wider die Sekten, 4) die fieben Augen
J des Herrn, 5) die Partikeln (der Grammatik?), 6) die Vollen-
j dung, 7) Quaeftiones. Ob mit einer in Urmia befindlichen
fyrifchen Handfchrift noch andere Werke ihm zugefchne-
ben werden dürfen, ift fehr fraglich. Das Summarium
{rü viele) der Weltgefchichte zerfällt in zwei Teile:
kam. 1—9 von der Weltfchöpfung bis auf Jefum Chriftum,
und liom. 10—15 vom Beginn der gegenwärtigen Ära bis
zum Ende des VII. Jahrh.'s. Der zweite Teil wird hier
j auf Grund von zwei fyrifchen Handfchriften, von denen
| die eine Mingana gehört, die andere fich noch während
! der Drucklegung des vorliegenden Werkes auf der Patriar-
I chatsbibliothek in Mofful befand, veröffentlicht. Von der
letzten (15.) Homilie des zweiten Teiles wird zwecks
Veranfchaulichung eine franzöfifche Überfetzung gegeben.
— Als Denkmal der fyrifchen Literatur- und Dogmen-
gefchichte wird diefe .Chronik' mit ihrer poetifchen
Sprache und ihren theologifchen Ergüffen immer