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Ausgabe:

1909 Nr. 9

Spalte:

280-283

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kähler, Martin

Titel/Untertitel:

Dogmatische Zeitfragen. Alte und neue Ausführungen zur Wissenschaft der christlichen Lehre. 2., gänzlich veränd. u. verm. Aufl. 2. Bd 1909

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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2/9

Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 9.

280

Denkens ihn bewahrt habe vor dem Verbuch, die Geltung
des Chriftentums aus einer gefchichtlichen Abflufung
begründen zu wollen. Allein eine folche Begründung
brauchte keine wiffenfchaftliche, fie konnte eine fpezififch
religiös argumentierende und doch zugleich eine vergleichende
, aus der Abflufung hervorgehende fein. Das j
Charakteriftifche ifl, daß Schleiermacher nicht bloß keine
,wiffenfchaftliche' Begründung, fondern überhaupt keine
Begründung unternommen hat, fondern neben die Stufen
und Kategorien einer gefchichtsphilofophifchen Gliede- j
rung der Religionen einfach die Überzeugung und Er- j
fahrung der Gemeinde von der allein erlöfenden Kraft
des Chriftusglaubens als eine völlig autonome und ifo-
lierte Überzeugung geftellt hat, die dann aber doch nicht
hindert, daß wenigftens der auf die fonftige Gefchichte
angewendete Kontinuitätsgedanke der natürlich-kritifchen
Erklärung auch auf das Chriftentum trotz diefer feiner
Sonderftellung übertragen wird. Die Glaubenslehre führt
lediglich in ihrer eigenen Durchführung den Beweis für j
ihre Wahrheit, aber das Gefchichtliche am Chriftentum ;
fteht unter den allgemeinen hiftorifchen Methoden. Die j
Gefchichtsphilofophie macht mit ihrem Entwickelungs- j
gedanken, den fie auf die nichtchriftlichen Religionen j
unbedenklich anwendet, Halt vor dem Chriftentum als
abfoluter Wahrheit und Offenbarung. Aber fie unterwirft
es zugleich der Univerfalität ihrer hiftorifchen Methode
in der Feftftellung feiner gefchichtlichen Tatfachen!
Andererfeits zeichnet die Gefchichtsphilofophie der Ethik
die Linien von Kategorien und Stufen des hiftorifchen |
Entwickelungs-Prozeffes famt einem als Beurteilungsmaß- ;
ftab dienenden Ideal, in welchen Rahmen dann das Chriftentum
als durch innere Erfahrung fich bezeugende Erlöfung
von den Theologen eingeftellt werden kann, aber von
Philofophen nicht eingeftellt wird. Das Chriftentum ift an
einem Ort eine eigentümliche Modifikation des allgemeinen
religiöfen Bewußtfeins, und es ift am anderen die allein
erlöfende, abfolute Religion zugleich. Während bei den
nichtchriftlichen Religionen ein Stufen- und Wertungs-
unterfchied gemacht wird, der aus der Vergleichung
folgt, wird das Chriftentum auf Grund der Gemeindeüberzeugung
dem allen als die Erlöfungsreligion gegen-
übergeftellt, der gegenüber die anderen keine Erlöfung
enthalten oder hervorzubringen vermögen.

Die darin liegenden Schwierigkeiten und Spannungen,
die Künftlichkeit eines derartigen Arrangements zwifchen
Philofophie und Theologie hat Mulert nicht hervorheben
wollen. Er fchildert vielmehr lediglich die Pofition, die
Schleiermacher in diefem Sinne einnimmt, und fcheint
das Ganze damit rechtfertigen zu wollen, daß Schleiermacher
damit in der Tat die nötige Fernhaltung eines
intellektualiftifchen Verfahrens und die Fefthaltung an
dem ,Idealismus des Glaubens' betätigt habe, dem es
als chriftlichen .genügt, daß die Offenbarung praktifch ;
dem religiöfen Erleben gegenwärtig ift', S. 2.

Es handelt fich bei Mulert alfo lediglich um Schil-
derung eines Verfahrens, deffen Gründe und Notwendigkeiten
felbft nicht erörtert werden, fondern das lediglich
als ein eben fo von Schleiermacher beliebtes hingenommen
wird. Für Schleiermachers Theologie gibt es eigentlich j
keine Gefchichtsphilofophie, fondern nur eine Einwirkung
der allgemeinen hiftorifch-natürlichen Denkweife auf feine ;
Auffaffung des Chriftentums; deshalb ift fein eigentlich
hiftorifches Problem die Bedeutung der Perfon Jefu für 1
die gegenwärtige religiöfe Erfahrung. Umgekehrt gibt !
er für Schleiermachers Ethik oder eigentliche Gefchichtsphilofophie
nur die Ableitung der Kulturpotenzen aus
der Vernunft, Schematifierungen ihrer möglichen Verbindungen
und die großen Hauptftufen der Entwicklung
des Bewußtfeins, ohne daß von ihnen eine das Chriftentum
einbegreifende Anwendung auf die Entwicklung des
religiöfen Bewußtfeins gemacht würde.

Begnügt man fich mit diefer Problemftellung, fo ift
das Buch forgfältig und umfichtig, jedenfalls lehrreich |

und, wie ich glaube, in allem wefentlichen zutreffend.
Mulert hätte nur noch hinzufügen müffen, daß Schleiermacher
dann fchließlich doch Chriftentum und Nicht-
chriftentum aufeinander bezieht, indem er im letzteren
die Auswirkung der Schöpfungsfphäre und im erfteren
die Überwindung der Schöpfungsfphäre oder die zweite
Schöpfung, die Emporhebung der Schöpfung auf die
Stufe der Erlöfung fieht. Das ift auch eine Gefchichtsphilofophie
und zwar die letztlich entfcheidende. Denn
fie erfetzt die alte Gegenüberftellung von Natur und
Offenbarung, Vernunft und Erlöfung durch den Gedanken
eines Aufftiegs von der erften Schöpfung zur zweiten,
in welcher letzteren die Angelegtheit der Natur auf die
Erlöfung zur Erkenntnis kommt. Es ift dies eine Gefchichtsphilofophie
, die in die alte Unterfcheidung des
Logos spertnaticus und des Logos incarnatus, der unfertigen
Vernunft und der vollendeten Vernunft einmündet
und von der Vermittlungstheologie als wichtigftes
Erbftück übernommen worden ift, freilich zugleich ein
Gedanke, der in Schleiermachers eigener Konzeption die
fchwächften Wurzeln hat.

So ift das Thema diefer fleißigen Arbeit nirgends
in der nötigen Weite gefaßt und fein eigentlichftes Inter-
effe durchaus nicht erfchöpft. Es ift dies vermutlich mit
Abficht gefchehen, da Mulert offenbar perfönlich der
Meinung ifl, daß Schleiermachers Sonderung einer auf
fefte Konftruktion verzichtenden Gefchichtsphilofophie
und einer auf autonomer Erfahrungsgewißheit beruhenden
Würdigung des Chriftentums als erlöfender Religion die
klare und gereifte Löfung des Problems ift, während die
anfängliche Geftaltung des Gedankens aus einer ent-
wicklungsgefchichtlichen Totalanfchauung eine ,roman-
tifche' Velleität fei. Diefe ,klare' Löfung des Problems
beruhe auf Schleiermachers überlegener pfychologifcher
Scheidung des wiffenfchaftlichen und religiöfen Erkennens,
worin Ritfehl und Herrmann Schleiermachers Pofition erfolgreich
fortgefetzt hätten. Ich kann freilich meinerfeits
eine fo befriedigende Löfung des Problems hierin nicht
erkennen und finde, daß Mulerts Darftellung Schleiermachers
Widerfprüche und Unbeftimmtheiten empfindlich
klar macht, gerade indem er fie als Löfung des Problems
preift.

Heidelberg. Troeltfch.

Kahler, Prof. D. Martin, Dogmatische Zeitfragen. Alte
und neue Ausführungen zur Wiffenfchaft der chriftlichen
Lehre. Zweite gänzlich veränderte und vermehrte
Auflage. Zweiter Band. Angewandte Dogmen.
Leipzig, A. Deichert'fche Verlagsbuchh. Nachf. 1908.
(XII, 531 S.) gr. 8" M. 10 —

Kähler hat dem zweiten Bande der zweiten Auflage
feiner ,Dogmatifchen Zeitfragen' den befonderen Titel
,Angewandte Dogmen' gegeben, um den Inhalt als Probe
einer folchen dogmatifchen Theologie zu kennzeichnen,
welche nicht in toter und ertötender Lehrüberlieferung
befteht, fondern eine wirkliche Kraft für das Chriftenleben
darbietet. Es ift eine Sammlung von Vorträgen und
Abhandlungen populär-belehrenden und erbaulichen
Charakters, teils von früher bereits publizierten, teils von
jetzt zuerft veröffentlichten. Vier diefer Auffätze: ,Das
fchriftgemäße Bekenntnis zum Geifte Chrifti', Berechtigung
und Zuverfichtlichkeit des Bittgebetes', ,Die richtige
Beurteilung der apoftolifchen Gemeinden nach dem NT.',
,Die Bedeutung der letzten Dinge für Theologie und
Kirche', waren fchon in der erften Auflage der .Dogmatifchen
Zeitfragen' enthalten. Über ihren Inhalt habe ich
früher in diefer Zeitfchrift (Jahrg. 1899, Nr. 8) referiert.
Aus den übrigen Auffätzen hebe ich Folgendes als
charakteriftifch heraus.

Der Vortrag: .Gehört Jefus in das Evangelium?'
(S. 51—78) ift durch Harnacks bekannte Äußerung im