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Ausgabe:

1909 Nr. 1

Spalte:

6-8

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nicolardot, Firmin

Titel/Untertitel:

Les Procédés de Rédaction des trois premiers Évangélistes 1909

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 1.

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das auch fchon im einzelnen Ausdrucke fich ftark mit
Darlegungen des ebenfalls 1904 erfchienenen .Paulus'
deckt. Doch ift die Antinomie: Paulus und Jefus, die
uns dort entgegentritt, hier nur angedeutet. Von den
Paulusbriefen hält W. außer den Paftoralbriefen noch j
II Theff. und Eph. für nicht paulinifchen Urfprungs.
Der zweite Abfchnitt behandelt die Evangelien mit fchar-
fer Trennung des 4. Evangeliums von den drei erften, j
der letzte die noch übrigen Schriften des NT. mit einem
fehr knappen und doch das Wichtigfte enthaltenen Aufriß
der Kanonsgefchichte. Als befonders gelungen, wenn 1
auch im manchen angreifbar, möchte ich, auf das j
Ganze zurückblickend, außer der Ausführung über Paulus
noch die über die evangelifche Überlieferung (43 ff), über
die Gefchichtlichkeit der fynoptifchen Überlieferung (57 ff),
über die Apgfch. (74 ff) und über die Offenb. (93 ff) bezeichnen
.

Der zweite Band ift eine Sammlung, wie fchon der
Titel andeutet. Eine knappe Lebensbefchreibung des
Abgefchiedenen, eine Würdigung feiner Arbeit und feiner
Perfönlichkeit durch Bouffet, der überhaupt dem Herausgeber
in der Drucklegung treu zur Seite geftanden hat,
das Charakterbild, das Karl Müller in der Rede am
Sarge entwarf, flehen in der Einleitung. Dann folgen
die fieben Vorträge und Abhandlungen, die den Inhalt
des Buches bilden. Die drei erften find allgemeinerer
Art: I. Der Prediger und fein Zuhörer; II. Die biblifche
Kritik innerhalb des theologifchen Studiums; III. Das
theologifche Studium und die Religionsgefchichte. Die
vier weiteren umfaffen Themen der Ntlichen Theologie
und Literaturgefchichte: IV. Die Predigt Jefu vom Reiche
Gottes; V. Judas Ifcharioth in der urchriftlichen Überlieferung
; VI. Jefus als Davidsfohn; VII. Charakter und
Tendenz des Johannesevangeliums. Von den fieben
Stücken find drei bereits früher im Drucke erfchienen:

I in der Zeifchrift für praktifche Theologie Bd. 14 (1892),

II in der Kartellzeitung akademifch-theologifcher Vereine
Febr. und März 1898 und VII felbftändig 1903 in der
Siebeck'fchen Sammlung gemeinverftändlicher Vorträge
und Schriften aus dem Gebiet der Theologie und Religions- i
gefchichte. Prachtvoll ift das erfte Stück, ein Vortrag,
den W. noch in feiner Göttinger Zeit im Wiffenfchaft-
lichen Predigerverein zu Hannover hielt, die einzige
Veröffentlichung, die als Frucht der kurzen praktifchen
Tätigkeit W. in einer hannöverifchen Landgemeinde
tntfproffen ift. Scharf dringt er hier auf die Berückfich-
tigung der Wirklichkeit, des Individuellen und Anfchau-
lichen, und er fagt hier jedem Geiftlichen und jedem, der
es werden will, wertvolle Worte. II und III find Vorträge
vor Studierenden gehalten, mögen fie Lefer unter unfern
Studenten finden. II fcheint mir der wertvollere, weil
er fein Thema vollftändiger behandelt. W. zeigt, wie
die Ergebniffe der Bibelkritik von der Dogmatik, der
Königin unter den theologifchen Disziplinen, beachtet
werden müffen, wie fie die Vorausfetzung aller neueren
Dogmatik ernftlich berühren. .Deshalb baut eine Dogmatik
, die hiftorifche Sätze aufhellt, ohne fie der hiftorifchen
Kritik gegenüber verteidigen zu können, ohne wirkliches
Fundament'. Und dem Studenten, der mit ernftem Wahr-
heitsfinn an die Fragen der hiftorifchen Kritik herangeht,
wird diefe Befchäftigung eine Schule des Charakters
und der inneren Wahrhaftigkeit fein. Die Kritik an
fich darf auch nicht das Einzige bleiben, eine pofitive,
durch die Kritik hindurchgegangene, große Gefamt-
anfchauung foll der junge Student fich zu erwerben trachten
, auf Luther, Schleiermacher, Fichte, Carlyle, Kings-
ley, Tolftoi, auf Prediger wie Robertfon, Klaus Harms,
Bitzius weift ihn W. hin. Aus dem größeren Kreis der
Fragen, die das Thema von III andeutet, fondert W.
zwei zur Behandlung aus: Die Frage nach der Bedeutung
außerchriftlicher Religionen für das Verftändnis des Ur-
chriftentums und die andere nach dem Studium der
allgemeinen Religionsgefchichte ohne Rücklicht auf die

befonderen Probleme der chriftlichen Religionsentwicklung
. W. tritt entfchloffen dafür ein, daß fich der Student
der Theologie mit der Religionsgefchichte bel'chäftige,
und weift auf die Vertiefung hin, die fie für die An-
fchauung von Religion und Chriftentum bringt. IV find
Vorträge des Breslauer Ferienkurfes vom Jahre 1894.
Die Forfchung über das Thema ift feit diefer Zeit ralch
weitergegangen, W. felbft hat daran mitgearbeitet. Trotzdem
ift die Aufnahme des Stückes gerechtfertigt. Große
Erkenntniffe, an denen W. felbft auch fpäterhin feilgehalten
hat, find in ihm gut zufammengefaßt. ,Der
Begriff Reich Gottes muß rein religiös, rein fupranatural,
rein eschatologifch verftanden werden.' Mit fehr fein
gefchliffenem Meffer arbeitet W. in V, einem Vortrag
im Breslauer Theologifchen Zirkel 1906 gehalten. Von
der ganzen urchriftlichen Überlieferung über Judas bleibt
für ihn nur dies übrig, daß Judas irgendwie bei der
Gefangennehmung eine Verräterrolle gefpielt hat, und
daß er (wahrfcheinlich) Geld dafür bekommen hat. Alles
andere ift fpätere Bildung, darunter auch die Szene
beim letzten Mahl und der Bericht des Mt über den
Selbftmord Judas! Das apologetifche Beftreben, Jefus
zu rechtfertigen, daß er einen folchen Jünger wählte, die
Befchäftigung mit dem A. T., der Nachweis, daß der
Verräter feinen Lohn empfing, das find nach W. die
Wurzeln, aus denen die urchriftliche Judaslegende hervorwuchs
. VI ift Erweiterung eines Vortrages, den W.
bei der Eröffnung der evangelifch-theologifchen Sektion
der Vaterländifchen Gefellfchaft für fchlefifche Kultur
1904 hielt. Im erften Hauptabfchnitt beftreitet er die
Gefchichtlichkeit der Überlieferung von der Davidifchen
Herkunft Jefu: fie ift nicht hiftorifcher als die Geburt
in Bethlehem und entflammt wie diefe dem meffianifchen
Dogma des Judentums. Im zweiten Teil Hellt er die
Spuren der Tatfache zufammen, daß die Davidsfohnfchaft
in der alten Kirche von gewiffen Seiten angefochten
und bekämpft worden ift: Adamantius Dial. IV. ed.
Lommatzfch XVI 328 f; Homil. Clem. 18,13; Barn. 12;
Did. 10, 6 werden als Beweisftellen aufgezählt, und in
gleiche Beleuchtung rückt W. auch Mk. 12, 35 ff. und die
Parallelen. Das dort erhaltene Streitgefpräch ift für ihn,
entgegen der gerade in der kritifchen Theologie herr-
fchenden Anfchauung, nicht hiftorifch, und in der Exe-
gefe der Stelle ift die fogenannte orthodoxe Auffaffung
— ,wie in zahlreichen andern Punkten der Evangelienerklärung
' — in einer Hauptfache gegenüber der foge-
nannten liberalen im Recht: Davidsfohn und Gottesfohn
find dort im Gegenfatz zueinander gedacht. Die Stelle
bringt eine dogmatifche Reflexion der Gemeinde über
die Gottesfohnfchaft, die nachträglich zu einem Worte
Jefu gemacht ift. Die Davidsfohnfchaft wird in ihr abgelehnt
. Auf VII, das die antijüdifche Tendenz des Johannesevangeliums
ftark herausarbeitet, brauche ich hier nicht
einzugehen. Der Vortrag ift, weil er felbftändig erfchienen
ift, ohnehin bekannt geworden, vgl. H. Holtzmann Jhrg. 29,
Sp. 318 f. diefer Zeitfchrift.

Wien. Rudolf Knopf.

Nicolardot, Dr. Firmin, Les Procedes de Redaction des
trois Premiers Evangelistes. Paris, Librairie Fischbacher
1908. (XXI, 316 p.) gr. 8»

Ein gewichtiger Beitrag zur fynoptifchen Forfchung,
neben Loify's Kommentar und einigen Veröffentlichungen
der beiden Reville das Wertvollfte, was die franzöfifche
Mitarbeit geleiftet hat. An Fleiß und Sachkenntnis läßt
der Verf. nichts zu wünfchen. Die voranftehende Bibliographie
umfaßt alles heute noch einigermaßen in Betracht
kommende. Die Zwei-Quellen-Theorie fleht felbftver-
ftändlich feft, und zwar in ihrer neueften Form, fo daß
nicht bloß der kanonifche Markus den beiden fpäteren
Evangelien zugrunde liegt, fondern auch die Reden-
fammlung (,Les discours1) als von allen dreien benutzt