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Ausgabe:

1909 Nr. 8

Spalte:

245-246

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Spaldings Bestimmung des Menschen (1748) und Wert der Andacht (1755) 1909

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 8.

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den Beiträgen und Mitteilungen über die gleiche Materie
erfchienenen Nachrichten verwertet, ergänzt und zu-
fammenfaßt. Er zeigt uns in einem 1. Abfchnitt Zinzen-
dorfs Verbindung und Zerwürfnis mit dem Hof in Kopenhagen
, in einem 2. Abfchnitt dann die Niederlaffungen
der Brüder im Fürftlichen Holftein, vor allem in Rinkenis,
bis fie, von dort 1735 ausgewiefen, im Königlichen Holflein
Zuflucht fuchten, für kurze Zeit auch fanden, endlich aber
ihre holfteinifche Kolonie gänzlich auflöfen mußten. Ein
3. Abfchnitt behandelt die Zeit von 1742 —1763, in der
eine Brüdergemeinde in Schleswig-Holftein nicht beftand,
wenn auch hier und da einige Brüder fleh aufhielten, und
ein 4. Abfchnitt, der bis zur Gegenwart führt, erzählt die
Gefchichte der Brüdergemeinde in Altona, die bis 1885
beftand, und die Entwicklung der 1771 gegründeten und
noch beftehenden Gemeinde in Chriftiansfeld.

Möge der Verein für fchleswig-holfteinifche Kirchen-
gefchichte in gleicher Rührigkeit und Fruchtbarkeit weiter
fleh entfalten!

Ilfeld i. Harz. Ferdinand Cohrs.

Spaldings Beltimmung des Menlchen (1748) und Wert der
Andacht (1755). Mit Einleitung neu herausgegeben von
Priv.-Doz. Lic. Horft Stephan. (Studien zur Gefchichte
des neueren Proteflantismus, herausgegeben von H.
Hoffmann und L. Zfcharnack. 1. Quellenheft.) Gießen,
A. Töpelmann 1908. (44 S.) gr. 8° M. 1 —

Schleiermacher's Sendrehreiben über reine Glaubenslehre
an Lücke, neu herausgegeben und mit einer Einleitung
und Anmerkungen verfehen von Priv.-Doz. Lic. Hermann
Mulert. (Studien zur Gefchichte des neueren
Proteflantismus, herausgegeben von H. Hoffmann und
L. Zfcharnack. 2. Quellenheft.) Gießen, A. Töpelmann
1908. (68 S.) gr. 8° M. 1.40

Toland's, John, Christianity non mysterious (Chriftentum
ohne Geheimnis). 1696. Überfetzt von W. Lunde.
Eingeleitet und unter Beifügung von Leibnizens An-
notatiunculae 1701 herausgegeben von Priv.-Doz. Lic.
Leopold Zfcharnack. (Studien zur Gefchichte des
neueren Proteflantismus, herausgegeben von H. Hoffmann
und L. Zfcharnack. 3. Quellenheft.) Gießen,
A. Töpelmann 1908. (VII, 148 S.) gr. 8° M. 3 —

Die lange vernachläffigte Gefchichte des neueren
Proteflantismus muß lernen, in Pietismus und Aufklärungstheologie
nicht nur überwundene Epifoden, fondern
die Anfänge einer dauernden Umwandlung des Proteflantismus
gegenüber feiner reformatorifchen und feiner
orthodoxen Geflalt zu fehen. Sie wendet beiden nunmehr
auch eine verftärkte Aufmerkfamkeit zu, und die
vorliegenden Neu-Publikationen find ein gutes Mittel,
diefe Studien zu erleichtern, um fo mehr, als fie mit
Einleitungen verfehen find, die gut in die hiflorifchen
Probleme und Aufgaben einer folchen Forfchung einführen
. Zunächfl liegt einer der bellen Erftlinge der
deutfehen Aufklärungstheologie, Spaldings ,Beftimmung
des Menfchen' nebft einem ihr in den fpäteren Auflagen
vom Verfaffer beigegebenen Anhang über den ,Wert der
Andacht' von 1748 vor. Es ift ein treffliches Mittel, fleh
von dem apologetifchen und kirchlichen Geilte der
theologifchen Aufklärung eine Anfchauung zu verfchaffen,
die fie der kirchlich indifferenten Spekulation wie dem
über das Chriftentum hinausfehreitenden Naturalismus oder
dem reinen Rationalismus als völlig felbftändige Richtung
gegenüberftellt. Stephan hat in der Einleitung eine kurze
Skizze der rationaliftifchen Theologie vorangeftellt. —
Nicht minder erfreulich ift es, nunmehr Tolands deiftifches
Grundbuch allgemein zugänglich zu haben, verbunden
mit den charakteriftifchen Anmerkungen Leibnizens. Die

Einleitung von Zfcharnack ift beinahe eine felbftändige
Unterfuchung, die fehr mit Recht den Unterfchied von
Locke und Leibniz als das hieran fleh knüpfende wich-
tigfte Problem auffaßt. Die von der Lockefchen Schule
abgeftoßenen Myfterien find das trinitarifch-chriftologi-
fche Dogma, das Leibniz in feine idealiftifche Spekulation
aufnehmen zu können glaubt.

Der fpäteren Entwicklung der Dogmengefchichte
gehört der dritte Neudruck an, Schleiermachers bekannte
Auseinanderfetzung über feine eigene Glaubenslehre an
Stelle einer Vorrede zur zweiten Auflage. Es ift be-
fonders erfreulich, diefen wichtigen Text für Übungen
zur Verfügung zu haben, in dem Schleiermacher feine
eigene hiftorifche Stellung und die aus der modernen
Situation erwachfenden Hauptrichtungen des proteftanti-
fchen Dogmas mit glänzender Sicherheit angibt. Von
ihnen aus läßt fleh die moderne Dogmengefchichte des
Proteflantismus vortrefflich gliedern und überfehen.

Heidelberg. Troeltfch.

Kirchliche Bewegungen der Gegenwart. Eine Sammlung von
Aktenftücken, unter Mitwirkung von Lic. Alfred Ucke-
ley herausgegeben von D. Friedrich Wiegand. Jahrgang
I. 1907. Leipzig, Dieterichfche Verlagsbuchhandlung
1908. (V, 188 S.) gr. 8° M. 2.80; geb. M. 3.50

Auf Grund der Beobachtung, ,daß vielbefprochene
kirchliche Kundgebungen, auf welche die ftreitenden
Parteien gern und oft zurückgriffen, nur unzureichend zu
haben waren. Sie gingen mit der Tagespreffe verloren,
und fchon nach wenigen Monaten hielt es fchwer, über
fle eine fichere Kunde zu bekommen; wenn anders man
fie überhaupt je in einer zuverläffigen Form befeffen
hatte', entftand bei dem Herausgeber der Gedanke an
eine Sammlung zeitgenöfflfeher Urkunden kirchlichen Inhalts
. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Auswahl
des Stoffs nicht geringe Schwierigkeiten bereitet,
da fleh ein fefter Maßftab für das, was aufzunehmen oder
von der Aufnahme auszufchließen ift, nicht aufftellen läßt.
Wenn der Herausgeber in dem vorliegenden erden Jahrgang
fleh ,auf das befchränken zu follen geglaubt' hat,
,was im Laufe des verfloffenen Jahres die Allgemeinheit
der kirchlich interefflerten Kreife Deutfchlands befchäftigt
hat', fo umfehreibt er damit zugleich im Wefentlichen die
ihm auch in Zukunft zufallende Aufgabe. Die Tatfache
freilich, daß irgend ein kirchlicher Vorgang zunächfl:
.Bewegungen' erzeugt hat, id noch kein ausreichender
Beweis dafür, daß er für das kirchliche Leben eine
größere Bedeutung befitzt und als kirchengefchichtliches
Ereignis regifiriert zu werden verdient. Welche Un-
maffe von .Fällen' haben wir in den letzten 20 Jahren
erlebt! Mir fcheint, daß in der Berückfichtigung der
,Fälle' eine größere Zurückhaltung am Platz gewefen
wäre. Aber da der Herausgeber nach dem Abfchluß des
Druckes offenbar felbd die gleiche Empfindung gehabt
hat, indem er in dem Vorwort fchreibt: ,Wenn ich
einige Fälle heranzog, die minderwertig Rheinen oder
von den Tatfachen rafch überholt find(!), fo gefchah es in
der Abficht, von vornherein das Bild rnöglichft vielfeitig
zu gehalten und alle Richtungen und Gebiete vertreten
fein zu laffen', fo erübrigen fleh weitere Bemerkungen.
Und zwar um fo mehr, da das Buch als Ganzes mit
großer Freude zu begrüßen ift.

Von dem Reichtum des Dargebotenen gibt das Inhaltsverzeichnis
die befte Vorftellung. Die evangelifche
Kirche ift durch folgende Nummern vertreten: I. Der Fall
Jatho; II. der Fall Cefar; III. der Fall Goetz; IV. Delegiertenkonvent
der lutherifchen Freikirchen; V. Freikirchen
und Vereinslutheraner in der Allgemeinen evangelifch-
lutherifchen Konferenz; VI. Keplerbund; VII. Moniften-
bund und Kirche in Bremen; VIII. Schwarmgeifterei in
Heffen; IX. Innere Miffion und Arbeiterbewegung; — die