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Ausgabe:

1909

Spalte:

231-233

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hellmann, Siegmund

Titel/Untertitel:

Pseudo-Cyprianus de XII abusivis saeculi 1909

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 8.

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manche weitere Frage noch berückfichtigt wünfchte.
Und wir haben umfo weniger ein Recht zur Klage, als
der 3. Teil der Unterfuchung noch ausfteht. Er foll die
dogmengefchichtliche Würdigung der Schriften bringen,
die im Zufammenhange mit dem Streit entflanden.

Rühmenswert ift auch die 3. Abhandlung des Bandes.
Sie rührt von Felix Haafe her und ift überfchrieben:
,Patriarch Dioskur I. von Alexandria. Nach mono-
phyfitifchen Quellen' (S. 141—233).

H. gibt in einem erften Teile die Kritik und Analyfe
der für ihn in Betracht kommenden Quellen, zunächft
der fyrifchen Dioskurbiographie des Diakons Theopift
{Journal Asiatique 19O3, I, S. I ff. 240ff.). H. fucht, wie
ich glaube mit Glück, die Echtheit diefer Schrift nachzuwerfen
an der Hand innerer und äußerer Gründe, gibt
jedoch zu, daß uns nicht die genaue, urfprüngliche Faf-
fung erhalten ift. Das Urteil über die Echtheit führt
natürlich zu dem Ergebniffe, daß die eigenen Angaben
der Schrift über ihre Entftehungszeit und ihren Entfteh-
ungsort, wie auch ihr fonftiger Inhalt im allgemeinen
zuverläffig find. An zweiter Stelle behandelt H. die Gedächtnisrede
Dioskurs zum Lobe des Bifchofs Makarius
von Tköw, die uns am vollftändigften bohairifch erhalten
ift {Memoires publies par les membres de la mission ar-
cheologique francaise au Caire 4, 1, S. 92 ff.). Über diefe
Schrift urteilt H., ebenfalls wohl mit Recht, weniger
günftig: er betrachtet fie als gefälfcht. Ihren gefchicht-
lichen Wert muß er deshalb fehr niedrig einfchätzen.

Im zweiten Teile feiner Arbeit erörtert H. den ge-
fchichtlichen Gehalt beider Quellen. Er ift nicht zu groß.
Wir haben ja Parteilegenden vor uns, die von ungebildeten
Männern aus dem Volke niedergefchrieben wurden,
Männern, die weder für Theologie noch für Kirchenpolitik
befonderes Verftändnis befaßen. Diefer zweite
Teil hätte gewonnen, wenn er weniger weitfchweifig wäre
(das gilt befonders von § 2). Doch find wir H. dankbar
für feine Zufammenftellungen.

Einen Fehler fcheint mir H. nicht vermieden zu
haben: er überfchätzt wohl feinen Helden Dioskur. Man
kann Dioskur nicht den Begründer der ägyptifchen Nationalkirche
nennen (S. 233). Eine folche Kirche gab es
längft, ehe das Schisma eintrat.

Zu S. 168 bemerke ich, daß ich meine Anficht über
Schenutes Todesjahr (451, vgl. TU 25, 1 S. 44ff.) nicht
mehr fefthalten kann. Nach den Mitteilungen Bethune-
Bakers aus Neftorius' ,Markt des Heraklides' (Nestorius
and his Teacliing, Cambridge 1908) wird es wohl notwendig
, bis 466 herabzugehen (vgl. Bethune-Baker im
Journal of Theological Studies 9 S. 601 ff.).
Halle (Saale). J. Leipoldt.

Hellmann, Siegmund, Pseudo-Cyprianus de XII abusivis
saeculi.

Sickenberger, Jofeph, Fragmente der Homilien des Cyrill
von Alexandrien zum Lukasevangelium.

(Beides in: Texte und Unterfuchungen zur Ge-
fchichte der altchriftlichen Literatur. Herausgegeben
von A. Harnack und C. Schmidt. 3. Reihe 4. Band
Heft 1.) Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung
1909. (IV, 108 S.) gr. 8° M. 7 —

Das Schriftchen, dem Hellmann die erfte kritifche
Unterfuchung widmet, die es bisher überhaupt gefunden
hat, gehört nicht in dem Sinn zur pfeudocyprianifchen
Literatur wie de singularitate clericorum, de laude mar-
tyrii, de rebaptismate und andere Schriften. Es ift ein
frühmittelalterliches Produkt, das feit dem 9. Jahrh. unter
der Flagge Cyprians, Auguftins, Ifidors und — wenn man
einer zurzeit nicht zu kontrollierenden Behauptung Harteis
Glauben fchenken darf — auch des Origenes bekannt
war, bis in der fpäteren handfchriftlichen Überlieferung
der Name Cyprian die übrigen verdrängte. Warum gerade
er, vermag auch Hellmann nicht ficher zu beantworten
. Das Schriftchen ift übrigens beträchtlich älter
als man gemeinhin angenommen hat. Es wird bereits
um 775 in der Epiftel zitiert, die der Angelfachfe Kath-
vulf an Karl d. Gr. gerichtet hat {Mon. Germ. Epp. 4,
502 ff.), aber feine Benutzung läßt fich auch in der um
700 entftandenen irifchen Kanonenfammlung (hrsg. von
Wafferfchieben, 2. Aufl. 1885, 77) nachweifen. Da Ifidors
Etymologien dem Verfaffer bekannt find, diefe aber
um 630 zum Abfchluß kamen, fo ift die Zeit der Ent-
ftehung unteres Schriftchens ziemlich eng begrenzt. Bei
feinem erften Auftreten trägt es nicht einen der berühmten
altkirchlichen Namen, fondern den des Iren Patricius.

In der Tat fpricht, wie Hellmann ausführt, alles dafür,
es dem irifchen Literaturkreis zuzuweifen. Und zwar ift
es der Kanonenfammlung in mehrfacher Beziehung verwandt
: es kennt die Vulgata, benutzt gleiche Quellen
wie die Kanonen und fleht wie diefe, und zwar im Gegen-
fatz zu andern gleichfalls irifchen Denkmalen, unter der
Herrfchaft des gleichen ftiliftifchen Prinzips, nämlich des
Homoioteleutons. Seine Herkunft aus dem füdlichen
oder südöftlichen Irland wohl der 2. Hälfte des 7. Jahrh.
fcheint demnach als gefichert gelten zu dürfen.

Unter den Quellen des Traktates befindet fich auch
die Regel Benedikts. So auffällig das bei einem irifchen
Erzeugnis diefer Zeit ift, fo ift doch ficher, daß die berühmten
gradus humilitatis, von denen die Regel im
7. Kapitel redet, dem Verfaffer das Schema für fein
Werkchen gegeben haben. Das Schema, nicht den Inhalt
: denn die abusiva (übrigens in diefer fubftantivi-
fchen Verwendung ein Hapaxlegomenon in der gefamten
lateinifchen Literatur [vgl. Thesaurus lat. ling. 1,238])
saeculi, die er im Auge hat, decken fich nicht mit dem,
wovor Benedikt feine Mönche warnt. Die Themata
unferes Verfaffers find: sapiens sine opcribus, senex sine
religione, adulescens sine oboedientia, dives sine eleemo-
syna, femina sine pudicilia, domzhus sine virtute, christi-
anus contentiosus, pauper superbus, rex iniquus, episcopus
neglegens, plebs sine disciplina, populus sine lege. Woher
diefe Themen flammen, konnte auch Hellmann für jedes
einzelne nicht nachweifen. Der pauper superbus ift wohl
aus Sirach (25,4) entnommen. Vermutlich liegen bei
den meiften fpezififch irifche Vorbilder zu Grunde. Hellmann
verweift auf einen Satz aus dem Senchus Mor,
einem alten irifchen Gefetzbuch, in dem es nach Haddan
und Stubbs' englifcher Überfetzung heißt: There are
four dignitaries of a territory who may be degraded: a
false-judging hing, a stumbling bishop, a fraudulent
poet, an unworlhy chieftain who docs not fidfil his duties.
Es fcheint mir fehr vorfichtig geurteilt, wenn H. hier
nur von einer ,gewiffen Verwandfchaft' mit dem rex
iniquus, dem episcopus neglegens und dem dominus sine
virtute redet, und es bedarf gewiß nur des Appells, den
er felbft an die Kenner irifcher Verhältniffe und vor
allem der irifchen Sprache richtet, um uns bald Aufklärung
über die Vorgefchichte des in den abusiva vereinigten
Materials zu bewirken. Diefe felbft find übrigens
zu einem der meiftgelefenen Bücher des Mittelalters geworden
. Dabei hat das neunte Abufivum, der rex iniquus
, das befondere Intereffe der Expilatoren feit den
Zeiten der karolingifchen Streitigkeiten (Hinkmar!) erweckt
. Hellmann meint, daß unfer Traktat wohl mitgeholfen
haben möge, die mittelalterliche Anfchauung
vom Königtum zu beeinfluffen. Der Einfluß des Moralpredigers
blieb aber auf die lateinifche Literatur nicht
befchränkt. Er ift auch in die angelfächfifche, fpäter ganz
intenfiv in die deutfche Literatur eingedrungen, wovon
nicht nur Überfetzungen in die Volksfprache Zeugnis ablegen
, fondern zahlreiche Denk- und Sinnfprüche, in denen
die Schlechtigkeiten diefer Welt nach unferm Mufter
zufammengeftellt find.

Seinen Ausführungen über Gefchichte und Bedeutung
des Schriftchens hat Hellmann eine kritifche Aus-