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Ausgabe:

1909

Spalte:

214-215

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schleiermacher, Friedrich

Titel/Untertitel:

Weihnachtsfeier. Kritische Ausgabe 1909

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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denen die hier angezeigten Arbeiten der Theologen nach
Umfang und Inhalt einen hervorragenden Platz einnehmen
. In der erften Abhandlung führt uns der bekannte
Forfcher auf dem Gebiet der heffifchen Kirchen-
gefchichte des 16.—18. Jahrb., W. Diehl, in die Gefchichte
der Gießener Stipendiatenanftalt ein, die in der gefchicht-
lichen Entwicklung deutfch-evangelifcher Theologenausbildung
über den Rahmen der heffifchen Landeskirche

richtig würdigende Bemerkungen — ich glaube doch,
daß weder das im Körper der Arbeit (bis S. 102) noch
das im ,Schlußurteil' felbft beigebrachte Material für fich
allein geeignet ift, das Schlußurteil wirklich zu tragen.

Wie wenig wir über den wiffenfchaftlichen Betrieb
der praktifchen Theologie an den deutfchen evangeli-
fchen Univerfitäten unterrichtet find, lehrt die zuverläffige
und großzügige Arbeit von P. Drews, zu der wir bis

hinaus Beachtung verdient. Im engften Anfchluß an die jetzt nur für die Univerfität Kiel ein 1825 von Köfter

1560 von Philipp dem Großmütigen reorganifierte Marburger
Stipendiatenanftalt fofort mit Gründung des
Gießener gymnasinm illustre eingerichtet, hat die Anftalt
unter der Leitung hervorragender Mitglieder der theo-
logifchen Fakultät (zuerft unter der von J. Mentzer) für
die wiffenfchaftliche Ausbildung des Kerns der heffifchen

herausgegebenes Gegenftück haben. Und doch fpiegelt
fich gerade in der Auswahl und im Betrieb der theologifchen
Disziplinen, die wir heute als ,praktifche Theologie
' zufammenfaffen,ein wichtigfies Stück der Beziehungen
zwifchen theologifcher Fakultät und Kirche wider, und
außerdem kann nur auf Grund gediegener gefchichtlicher

Theologenfchaft in der erften Hälfte des 17. Jahrhunderts | Einficht ein gefunder Fortfehritt in der Gegenwart geaußerordentlich
viel getan und auch in der zweiten Hälfte j fördert werden. Befonders eingehend fchildert D. das,
des Jahrhunderts ihre Aufgabe als Inftitut zur wiffen- | was der Pietismus und vor allem die Aufklärung zur
fchaftlichen Erziehung der Theologieftudierenden — Pflege der ,praktifchen Theologie' getan haben, und läßt
nicht etwa primär als Unterftützungsanftalt — in Ehren j dabei fehr intereffante Zufammenhänge zwifchen der allerfüllt
. Im 18. Jahrh. in den Streit zwifchen Pietismus und ] gemeinen theologifchen und kirchlichen Zeitlage und
Orthodoxie leidend hineingezogen finkt fie nach Über- dem Studienbetrieb fehen. Sehr kurz (S. 46—48) wird

fchreitung der Mitte des Jahrhunderts im Zufammenhäng

das 19. Jahrhundert behandelt. Das hängt damit zufam-

mit dem allgemeinen Niedergang des Gießener Univer- men, daß einerfeits bis 1882 die Fächer der praktifchen

fitätslebens mehr und mehr von ihrer Höhe herab, bis fie , Theologie keine felbftändige Vertretung in Gießen

feit 1780 den Charakter als wiffenfchaftliche Erziehungs- hatten und deshalb oft recht mangelhaft vertreten wur-

anftalt ganz verliert und lediglich zur Unterftützungsan- : den — und die Zeit nach 1882 ift zur gefchichtlichen

ftalt wird. — Man wird die forgfältige und fehr gut les- Darftellung und Würdigung noch nicht geeignet —, daß

bare Darftellung D.s (der neuerdings durch Herausgabe andererfeits die heffifche Landeskirche feit 1837 in ihrem

der Stipendiatenmatrikel eine wertvolle Ergänzung zur obligatorifchen Predigerfeminar ein Inftitut befitzt, das

Gefchichte der Stipendiatenanftalt geliefert hat) nicht bei einer erfchöpfenden Darfteilung der praktifch-theo-

ohne Refpekt vor dem, was fpeziell die Männer des j logifchen Schulung in Heffen nicht außer Betracht bleiben

17. Jahrhunderts auf dem Gebiet der wiffenfchaftlichen kann, während doch die Erörterung der Verhältniffe des

Erziehung des theologifchen Nachwuchfes geleiftet haben, Predigerfeminars über den Rahmen der Aufgabe, die

verfolgen; was für Württemberg das Tübinger Konvikt Verf. fleh geftellt hatte, hinausging,
heute noch ift, war zuzeiten für Heffen die Gießener Friedberg i. H. K. Eger.

Stipendiatenanftalt mit Ruhm und Erfolg. Auch in der

Organifation finden fleh zwifchen beiden Einrichtungen Schleiermacher's, Friedrich, Weihnachtsfeier. Kritifche
manche Ähnlichkeiten — die heffifchen Stipendiaten- Ausgabe. Mit Einleitung und Regifter von Hermann
majoren können fleh zum guten Teil neben den Tübin- Mulert. (Philofophifche Bibliothek. Band 117.) Leip-
ger Repetenten mit Ehren fehen1 raffen. Und wenn die Dürr'fche Buchhandlung 1908. (XXXIV, 78 S.)

Anftalt nicht auf der Hohe bleiben konnte, fo lag das T" & » / ^9

neben perfönlichen Mängeln wefentlich an der unzu- M. 2

reichenden und nicht genügend gepflegten finanziellen Eine ganz vortreffliche Ausgabe der kleinen, für den

Fundierung. Es ift fchade, daß es dem Verf. nicht be- Theologen und Schleiermacherforfcher wie für den Liebliebt
hat, auch die Gefchichte der paar Jahrzehnte bis , haber verfeinerter religiöfer Literatur gleich intereffanten
zur Durchführung der gegenwärtigen Organifation des Schrift.

Gießener Stipendienwefens im Anfang des 19. Jahrhun- l Der fauber gedruckte Text ift nach der erften Aus-
derts zu behandeln. Kritifch zu bemerken wäre, daß gäbe hergeftellt unter Beibehaltung der Originalorthogra-
manchmal die Folgerungen aus einzelnen Notizen für die , phie, jedoch unter Befeitigung der Druckfehler und der,
allgemeine Charakteriüerung eines Ephorus u. ä. etwas 1 vielfach flnnlofen, urfprünglichen Interpunktion. Die
zu weitreichend fcheinen. Das macht zwar die Dar- .Änderungen und Zufätze' der zweiten Ausgabe fowie die
ftellung keineswegs weniger intereffant — im Gegen- ,Vorerinnerung' zu diefer find am Schluß in einer überteil
—• aber hier und da kann man fleh doch eines j fichtlichen Tabelle hinzugefügt.

leifen Mißtrauens nicht erwehren. Davon abgefehen, enthält der kritifche Apparat ein

Außerordentlich gründlich, dabei lebendig und Regifter, ein relativ vollftändiges Literaturverzeichnis und
intereffant, behandelt W. Köhler die Anfänge des 1 eine fehr lefenswerte Einleitung. Hier berichtet Mulert
Pietismus in Gießen von 1689—1695 auf Grund fehr über die Entftehung der .Weihnachtsfeier', dann über
reichlichen Aktenmaterials mit dem Ergebnis, daß er f deren Anlage und Form, indem er zugleich die beiden
für Gießen den Anfpruch geltend macht, noch vor ; Fragen ftreift, auf welchen Anregungen und Vorarbeiten
Halle, fchon 1693, die erfte Pietiftenfakultät gehabt zu die Schrift beruhe, und welche Perfonen aus des Autors
haben. Licht und. Schatten find zwifchen den Pietiften Bekanntenkreis Modell geftanden haben mögen. Ganz
und ihren orthodoxen Gegnern durchaus gerecht ver- befondere Beachtung verdient der letzte Abfchnitt, in
teilt- die Haltung der fich vorwiegend auf den landgräf- dem von der Stellung und Bedeutung der ,Weihnachts-
lichen Hof, insbefondere auf die fürftlichen Damen, feier' innerhalb der Entwicklung des Schleiermacherfchen
nützenden Pietiftenführer May und Bilefeld iftnicht geeignet, i Denkens die Rede ift. Die Unterfuchung gelangt zu dem
für fie übermäßige perfönliche Sympathien zu erwecken. Ergebnis, das nicht neu ift, aber noch immer als kontro-
Ein Schlußurteil' fucht die lokalen Gießener Vorgänge in , vers bezeichnet werden durfte, daß alle vier Redner im
die allgemeinen kirchengefchichtlichen Zufammenhänge Dialog ,Elemente' ,vertreten', ,die für Schleiermachers
einzugliedern und berührt dabei vor allem die Frage, ob Theologie damals von Wichtigkeit waren', und daß die
das Eindringen des Pietismus in Univerfität und Kirche Schrift, wenigftens unter gewiffem Vorbehalt, als ein
Heffens einen Fortfehritt bedeutet habe. Dabei finden Übergang vom Standpunkt der Reden über die Religion
fich viele gute, die pietiftifche Bewegung im allgemeinen zn dem der Glaubenslehre betrachtet werden könne.