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Ausgabe:

1909

Spalte:

209-210

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Drehmann, Johannes

Titel/Untertitel:

Papst Leo IX. und die Simonie. Ein Beitrag zur Untersuchung der Vorgeschichte des Investiturstreites 1909

Rezensent:

Mirbt, Carl

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 7.

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die Florilegien des L.) und in Kap. II (die Quellen des j
L., § 5: genannte und profane, §6: ungenannte patriftifche).
Wertvoll ift namentlich der Nachweis enger Beziehungen
zwifchen den Väterzitaten des Leontius und denen feiner
Zeitgenoffen Ephram v. Antiochien und Pamphilus (v.
Jerufalemr). Doch ift's nur ein Anfang der Arbeit, der
hier gemacht ift. Denn die Frage, ob Leontius aus Ephram
und Pamphilus gefchöpft hat, oder diefe aus ihm, oder
alle drei aus einer gemeinfamen Quelle, hat Junglas m. E. j
noch nicht definitiv beantwortet. Er tritt für die erftere j
Möglichkeit ein, ohne mit der dritten zu rechnen. Und
feine Beweife find nicht überzeugend. Denn wenn er
annimmt, Leontius habe erft nach 536 fein erftes Werk j
{c. Nest, et Eut.) gefchrieben, weil hier der erft 536 aus- I
gebrochene Streit zwifchen Severus und Julian bereits
vorausgefetzt werde, fo operiert er mit einer haltlofen
Vorausfetzung. Das Auseinandergehen der feverianifchen [
und julianifchen Partei in zwei verfchiedene bifchöfliche 1
Lager (Theodofianer und Gajaniten) erfolgte allerdings
erft nach dem Tode des Patriarchen Timotheus (535);
aber daß die dogmatifche Spaltung viel älter ift, kann
durch eine ganze Reihe ficherer Beweife dargetan werden.
Die von der Doctrina zitierten oxoXia AsovtIov wiffen
von raXavizai (Doctrina ed. Diekamp p. 112,3); aDer me
Schrift c. Nest, et Eut. fetzt nicht mehr voraus als das
kürzliche Hervortreten der dogmatifchen Differenz zwifchen
Severus und Julian.

Halle a. S. Friedrich Loofs.

Drehmann, Dr. Johannes, Papft Leo IX. und die Simonie.

Ein Beitrag zur Unterfuchung der Vorgefchichte des
Inveftiturftreites. (Beiträge zur Kulturgefchichte des
Mittelalters und der Renaiffance. Herausgegeben von
Walter Goetz. Heft 2.) Leipzig, B. G. Teubner 1908.
(IX, 96 S.) gr. 8» M. 3 -

Unter dem Pontifikat Leos IX. hat fich eine fo be-
deutfame und folgenreiche Wendung in der Gefchichte
des Papfttums vollzogen, daß die Herausarbeitung der
Stellung diefes Papftes zu den großen Problemen feiner 1
Zeit nicht nur für die rechte Würdigung diefes auch
nach der rein perfönlichen Seite intereffanten Mannes
von Wichtigkeit ift, fondern auch für die gefamte Vorgefchichte
des gregorianifchen Zeitalters. Der Verfaffer
will unterfuchen, ,welche Stellung Leo IX. zur Simonie
eingenommen hat, und wie er in diefer Richtung vorgegangen
ilt, im befonderen, ob er ganz und gar allein eine j
kirchlich religiöfe Befferung der durch die Simonie herbei- i
geführten Mißftände gewollt hat, oder ob er fich auch
bewußt gewefen ift, daß hiemit kirchlich-rechtliche An-
fprüche gegenüber dem weltlichen Staat verbunden feien'.
Zum Zweck der Löfung diefer gut formulierten Aufgabe
behandelt er in dem erften Abfchnitt die Maßregeln Leos
gegen Simonie innerhalb des geiftlichen Standes. Sie
beilanden in der Verurteilung der Simonie bei Erlangung
eines geiftlichen Amtes durch entfprechende Synodalbe-
fchlüffe und die Abfetzung fchuldiger Geiftlicher wie in
der Verurteilung der von Simoniften erteilten Weihen
und ihrer Amtshandlungen. Der zweite Abfchnitt fchil-
dert das Verhalten Leos zur Praxis der Befetzung geiftlicher
Stellen durch eine weltliche Macht, und zwar zu-
erft in Frankreich. Dann folgt die Erörterung der viel
verhandelten Ernennung Leos durch Kaifer Heinrich III.,
endlich wird das Verhalten Leos zum deutfchen Kaifer
während feines Pontifikats unterfucht. — Die forgfältig
und umfichtig geführte Unterfuchung ruht auf einer gründlichen
Kenntnis der Quellen und der einfchlägigen Literatur
und bietet in manchen einzelnen Punkten eine Weiterführung
der Forfchung. Die am Schluß in dankenswerter
Weife zufammengefaßten ,Ergebniffe' ftellen feft, daß
Leo IX. die kanonifche Wald bei Befetzung der höheren
Ämter gefordert und daher die einfache Einfetzung

durch den weltlichen Herrfcher verworfen hat. Dem
entfprach fein Verhalten bei feiner eigenen Erhebung
und fein Vorgehen in Frankreich und in Deutfchland.
Jede Art von eigennütziger Erwerbung eines Amtes wie
Bezahlung für Amtshandlungen wurde von ihm verworfen,
die Unterordnung der unkanonifchen Einfetzung unter
den Begriff Simonie bahnt fich bereits an, ift aber noch
nicht vollzogen. Die von ihm vertretenen rigoriftifchen
Grundanfchauungen, von denen aus er die Verurteilung
der von Simoniften erteilten Weihen und die Abfetzung
der auf diefem Wege ins Amt gelangten Kleriker herbeizuführen
fuchte und folgerecht fich fogar nicht gefcheut
hat, Reordinationen vorzunehmen, hätten ihn, wenn fie
konfequent zur Anwendung gelangten, in unüberfehbare
Konflikte hineingeriffen. Aber er war Politiker genug, um
einen Bruch mit Heinrich III. zu vermeiden, und feine
Milde und Friedfertigkeit bildeten ein ftarkes Gegengewicht
gegen die Auswirkungen feiner Prinzipien in der prak-
tifchen Kirchenleitung.

Marburg i. Heffen. Carl Mirbt.

Fifcher, Dr. Hermann, Der heilige Franziskus von Alliii

während der Jahre 1219—1221. Chronologifch-hiftori-
fche Unterfuchungen. (Freiburger Hiftorifche Studien.
IV.) Freiburg (Schweiz), Univerfitäts-Buchhandlung
1907. (VIII, 144 S.) gr. 8° M. 3 —

Jedem, der Studien über das Leben des h. Franz
gemacht hat, ift es fchmerzlich zum Bevvußtfein gekommen
, daß gerade über die wichtigften Jahre, die Zeit der
Krifis, die Nachrichten fo dürftig find und fo wider-
fprechend lauten, daß insbefondere ein ficherer chrono-
logifcher Rahmen, in den die verfchiedenen Nachrichten
fich einfügen, fich nicht will herftellen laffen.
Der Verfaffer der vorliegenden Arbeit will dem Mangel
abhelfen und glaubt einen folchen Rahmen gefunden zu
haben. Es wird ihm das Zeugnis nicht vertagt werden
können, daß er mit Gründlichkeit, Sachkenntnis und
einer guten Kombinationsgabe an feine Aufgabe herangegangen
ift. Und der chronologifche Aufbau, den
er herftellt, ift in der Tat fehr einleuchtend. Darnach
haben die Wirren in der Gemeinde der Minoriten fchon
auf einem Seniorenkapitel im Sept. 1219 ihren Ur-
fprung genommen, Franz von Affifi ift fchon Ende
des Jahres 1219 vom Orient zurückgekehrt, war im
Januar 1220 in Bologna, ging fofort an den päpftlichen
Hof nach Viterbo, wo Hugolin zum Protektor des Ordens
ernannt wurde und die Zufammenkunft mit Dominikus
ftattfand. Im Mai 1220 war das entfcheidende
Generalkapitel, wo Franz nach dem Zufammenftoß mit
den Jratres scienciati die Leitung des Ordens in die
Hand des Petrus Catanii niederlegte und die Überarbeitung
der Ordensregel eingeleitet wurde, welche dann
auf dem Mattenkapitel 1221 ihre jetzige Geftalt erhielt.
So glatt diefe Darftellung alle die verfchiedenen Nachrichten
unterbringt, fo ift fie doch nicht möglich ohne
verfchiedene Gewaltfamkeiten und bedenkliche Vermutungen
: das Vorgehen Franzens gegen das Haus in
Bologna wird ins Jahr 1220 gelegt, ,weil wir uns nicht
vorftellen können, daß Franziskus zu einer Zeit, da
Petrus Catanii fchon Generalvikar des Ordens war (feit
Mai 1220) Maßregeln von folch einfchneidender Strenge
getroffen habe' (S. 62). Die Audienz Franzens beim
Papft muß in Viterbo ftattgefunden haben, obgleich
Thomas v. Celano und die ,drei Genoffen' Rom als Ort
derfelben bezeichnen (S. 76). Jordan v. Giano berichtet,
daß Franz gleich nach der Rückkehr aus dem Orient
das Pfingftkapitel von 1221 angefagt habe, aber das entfcheidende
Kapitel müffe vielmehr 1220 ftattgefunden
haben, wo die im Speculum perfectionis c. 68 gefchil-
derten Vorgänge fpielten.— Gewiß all diefe Vermutungen
des Verfaffers find möglich, aber die Gründe, die er bei-