Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1909

Spalte:

186-188

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meumann, E.

Titel/Untertitel:

Intelligenz und Wille 1909

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

i85

186

indem er unter dem flackernden Schein der Handlaterne
feinem Seelforger den Weg vertrat. ,Es war ein Bild untrer
Zeit, das die zwei an jenem Winterabend geftellt haben'.

In den Reden der biblifchen Männer über Gott hören
wir infofern Gottes Stimme, als die perfönliche Uberzeugung
der Redner wefentlich auf das göttliche Geheimnis
der menfchlichen Perfönlichkeit zurückzuführen ift. Das
Neue, was Gott in Jefu fagt, liegt nicht in feiner Verkündigung
, fondern in der Tatfache, daß in Jefu der Zugang
zu Gott erfchloffen ift: wer Jefum erkennt, erkennt
auch Gott. — In der Bibel ift die Gefchichte der Menfch-
heit die Gefchichte ihrer Gottbezogenheit, Gott als die
grundfätzliche Selbftmitteilung an den Menfchen, und der
Menfch als die von Gott gefchaffene Empfänglichkeit:
von diefen beiden Grundtatfachen geht die Bibel aus und
baut auf ihnen ihre ganze Offenbarungswelt auf. — Sie
ift der Schatz in irdenem Gefäß, und die doketifche
Leugnung ihrer menfchlichen Eigenart widerfpricht dem
leicht feftzuftellenden Tatbeftand. Die Gotteszeugen der
Bibel find Kinder ihrer Zeit. Darum ift es auch kein
Wunder, daß der Mythus, diefes echte Kind menfchlichen
Sinnens, Ahnens und Sehnens, in das Gottesreden der
Bibel Einzug gefunden hat. Damit ift unfre Uberzeugung,
daß Gott in der Bibel gefprochen hat, keineswegs gefährdet
. Denn auch in dem Menfchlichen der Bibel und
trotz feiner kommt das Göttliche zu feiner Geltung. Selbft
inmitten von Sünde und Irrtum behauptet und verherrlicht
fich das Göttliche: hätten wir doch niemals Römer 7
die gewaltige Befchreibung des Kampfes zwifchen Fleifch
und Geift, wenn nicht ein fündiger Menfch hier das Wort
führte! Die Hülle des Mythifchen, die viel weniger dicht
ift als die der Sünde und des Irrtums, läßt das Göttliche
erft recht mit feinem Glänze hervorleuchten: was ift bei-
fpielsweife im biblifchen Bericht aus der babylonifchen
Sage geworden? — Zur Löfung der von dem Verf. angeregten
Frage liefert die Unterfcheidung von Gehalt und
Form einen weiteren Beitrag. Wir müffen etwas Feftes
zur Hand haben, in das wir bei der Zerlegung des biblifchen
Berichtes den feiner Schale beraubten Inhalt auffangen
. Ohne das ginge der Inhalt verloren. Diefes
Fefte ift die Gottesanfchauung Jefu Chrifti, in welcher die
biblifche Entwicklung ihre Vollendung findet. In feinfinniger
Weife zeigt der Verf, wie wir nach diefem Maß-
ftab beurteilen können, was an der biblifchen Kundgebung
bleibender Wahrheitsgehalt und was bloß bedingte
vergängliche Form ift. In zahlreichen Fällen ift aber eine
Löfung von Inhalt und Form nicht mehr angängig. Den
religiöfen Wahrheitsgehalt bringt das Neue Teftament in
der Form gefchichtlicher, von Augenzeugen beglaubigter
Tatfachen. Hier hat alfo Gott fo gefprochen, daß er
etwas gefchehen ließ. — Auf Grund der vorausgehenden
Erwägungen wird die in der Uberfchrift formulierte Frage
in umfaffenderem Zufammenhange unterfucht. Es ift kein
Wahn, wenn Menfchen von heute auf den befonderen
Zufpruch Gottes warten; nur follen fie nicht meinen, daß
ihnen befondere Offenbarungen außerhalb des bereits
angebauten Offenbarungsgebietes und ohne oder gar
gegen das in der Bibel niedergelegte Gotteswort zuteil
werden könnten. Das Problem, inwiefern Gott gerade
in der Bibel fpricht, wird dahin beantwortet, daß wir die
h. Schrift in Sachen der Gotteskundgebungen deshalb
als oberfte Inftanz bezeichnen, weil in der Bibel immer
der rechte Mann das rechte Wort an der rechten Stelle
und zur rechten Zeit redet, weil ferner der heilige Gottes-
geift, der die einzelnen Kundgebungen veranlaßte, auch
über dem Zufammenfluß des Ganzen gewaltet hat. Das
Gottesreden außerhalb und innerhalb der Bibel ftellt
einen großen Gegenfatz dar. ,Dort im beften Falle ein
nachhallendes, fei es auch ahnendes Verklingen einer
urfprünglich mitgegebenen Gotteswahrheit, hier auch im
ungünftigften Fädle der Verflochtenheit in Sünde und Irrtum
ein verheißungsvoller Anfang und Aufftieg, als ob
fich ungeübte Stimmen verfuchen wollten, zu einem neuen

Lied. Ohne uns anzumaßen zu vermuten, was jenfeit der
Gefchichte liegt, können wir mit unbedingter Zuverficht
die Überzeugung ausfprechen, daß innerhalb diefes Zeitlaufes
Gott in Jefu und in der neuteftamentlichen Offenbarung
fein letztes Wort gefprochen hat; fallen doch in
Chriftus vollkommene Selbftmitteilung Gottes und vollkommene
Empfänglichkeit für Gott zufammen. Die Bibel
kennt den Willen Jefu nur als reftlos im Willen Gottes
aufgehend, und die Kundgebungen des Vaters nur als
reftlos vom Sohne aufgenommen und angeeignet. — Das
Schlußwort ,eine Frage für Chriften unfrer Zeit' bringt
eine Reihe beachtenswerter Bemerkungen über wichtige
Probleme, z. B. unfre Stellung zur Wiffenfchaft, und
warnt vor einer vermeintlichen Bibelgläubigkeit, die mit
ihrer phantaftifchen Träumerei den Sekten in die Hand
arbeitet.

Dies der Inhalt der ,biblifchen Unterredung mit
Chriften unfrer Zeit'. Dem Verf. ift es gelungen, in
fchlichter vornehmer Sprache feinen überaus zeitgemäßen
Gegenftand zu behandeln. Dem Gefchlecht unfrer Tage,
das ,mit feinem befonders lauten Diesfeitsgeräufch die
Stimmen der Ewigkeit fo leicht übertönt', hat er mit zuweilen
ergreifender, aus perfönlicherErfahrungftammender
Überzeugungskraft dazu verholfen, in den Augenblicken
,eines bangen Gottfuchens' immer wieder zur Gewißheit
durchzudringen: ,Sei nur ftill, o Herz, Gott hat gefprochen!'

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Wasmann. Erich, S. J., Der Kampf um das Entwicklungsproblem
in Berlin. Ausführlicher Bericht über die im
Februar 1907 gehaltenen Vorträge und über den Dis-
kuffionsabend von W. — Freiburg i. B., Herder 1907.
(XII, 162 S.) gr. 8° M. 2 —

Im Jahrg. 1907 Nr. 20 diefer Zeitfchrift ift über die
Einführung in die Biologie von demfelben Verfaffer berichtet
worden. Derfelbe hielt im FTbruar 1907 drei
Vorträge in Berlin über die Entwicklungslehre als natur-
wiffenfchaftliche Hypothefe und Theorie, über theiftifche
und atheiftifche Flntwicklungslehre und über die Anwendung
der Defzendenztheorie auf den Menfchen. Daran
fchloß fich eine Diskuffion mit Plate, Bölfche, Friedenthal
, Hoensbroech, Schmidt und einigen anderen Opponenten
. Die Vorträge und die Diskuffion find in diefem
Buche abgedruckt. Sachlich bietet es über jene Einleitung

I nichts neues. Standpunkt und Gründe find diefelben.

| In der biologifchen Sachkenntnis zeigt fich Wasmann

! feinen Gegnern völlig gewachfen, in der Klarheit feiner
Stellung und der philofophifchen Allgemeinbildung den
meiften von ihnen überlegen. Das Grundfätzliche der

j Frage wird wenig gefördert, die Nutzlofigkeit eines
derartigen öffentlichen Paradeturniers ift bei dem Ganzen
noch das Einleuchtendfte. Als ein kleiner Auszug ver-
fchiedener Standpunkte hinfichtlich der Entwicklungslehre
ift das Ganze recht intereffant. Übrigens war Wasmann
ZU feinem Auftreten veranlaßt durch Vorträge und Angriffe
Häckels am gleichen Orte.

Göttingen. R Qtto.

Meumann, Prof. Dr. E., Intelligenz und Wille. Leipzig,
Quelle & Meyer 1908. (VII, 293 S.) gr. 8°

M. 3.80; geb. M. 4.40

Meumann ift einer der wenigen führenden Pfychologen
der Gegenwart, welche bei aller exakten Behandlung der
Einzelprobleme die großen Zufammenhange nicht aus
dem Auge verlieren. So ift fein Buch befonders wertvoll
, nicht bloß durch die Klarheit der Darfteilung und
die logifche Schärfe, mit welcher die häufig ineinanderfließenden
pfychologifchen Begriffe benimmt und von
einander gefchieden werden, fondern auch durch den
umfaffenden Überblick, den es über die neuefte experimen-