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Ausgabe:

1909 Nr. 6

Spalte:

179-180

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ernst, Richard

Titel/Untertitel:

Wie ich ein moderner Theologe wurde 1909

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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179 Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 6. I8ö

man fich über das Buch und über die mühfame Arbeit
der Überfetzerin nur freuen. Aber als ich die erften
fünfzig Seiten gelefen hatte, fragte ich mich bedenklich,
für wen in Deutfchland das Buch eigentlich gemacht ift.
D. Wernle hat eine Einleitung zu diefer Überfetzung
gefchrieben, feine Worte machen den Eindruck, daß er
die Geflalt von Fox den Menfchen unterer Tage empfehlend
vorführt — er, der ausgefprochene Religions-
hiftoriker den gänzlich ungefchichtlichen, verwilderten
Enthufiaften! Das ift mir eine intereffante Überrafchung.
D. Wernle fieht die Eigentümlichkeit von Fox ,gar nicht
in feinem Enthufiasmus, fondern in feiner moralifchen
Gefundheit und gründlichen Ehrlichkeit'. Nach meiner
Meinung ift aber grade das enthufiaftifche Prinzip des
,inneren Lichtes' das ausfchlaggebende des Quäkertums;
daß die Quäker dabei doch noch zu einer Art von Or-
ganifation und zu menfchlifch hochftehender Kulturarbeit
gekommen find, ift eine heilfame Inkonfequenz. Unfere
,Gemeinfchaftsleute', die ja mit den Anfangs-Quäkern
recht viel Verwandtfchaft zeigen, könnten viel von ihnen
lernen. — Abgefehen von den Hiftorikern werden die
Religionspfychologen an dem Journal von Fox ein lebhaftes
Intereffe haben; denn hier fpürt man den Hauch
lebendigfter Religiofität, fubjektive ,Religion aus erfter
Hand'.

Göttingen. Paul Tfchackert.

Ernft, Richard, Wie ich ein moderner Theologe wurde. Göttingen
, Vandenhoeck&Ruprecht 1908. (95 S.) 8° M. 1.50

Die Schrift ift das Tagebuch eines aus einem rechtgläubigen
Pfarrhaufe hervorgegangenen Theologie Studierenden
, welcher im Laufe der fieben Semefter, die er
auf drei verfchiedenen Univerfitäten, ftets zu den Füßen
.orthodoxer Profefforen', zubringt, fich allmählich von der
traditionellen Dogmatik, von der Lehre der Verbal- j
infpiration, von der überlieferten Chriftologie und Soterio- !
logie losfagt und fich einer freieren, doch durchaus
gläubigen, Auffaffungsweife zuwendet. Die redlichen
Abrichten, die lautere Gerinnung, der Eifer und der Fleiß
des mit Ernft und Gewiffenhaftigkeit feinen Weg buchenden
jungen Mannes gelangen in diefen anfpruchslofen
Bekenntniffen zu einem biedern, zuweilen etwas naiven, >
aber ftets befcheidenen und liebenswürdigen Ausdruck, j
Nicht durch tragifche Gewiffenskämpfe oder erfchütternde
Erfahrungen, fondern durch eine Reihe peinlicher Ver- j
legenheiten und Überrafchungen kommt der gegen fich
felber aufrichtige Student zu der Überzeugung, daß die
aus der Kinderzeit überkommenen Anfchauungen der
Wirklichkeit und dem gefchichtlichen Tatbeftande nicht
entfprechen. Die aphoriftifche Darfteilung, die bruchfiück-
artigen Mitteilungen aus den verfchiedenen Semeftern,
aus den Ferientagen, aus der Kandidatenzeit, weifen
manche Lücken auf, die der Lefer aber ohne große
geiftige Anftrengung und mit geringem Aufwand befondrer
Divination zu ergänzen imftande ift. An der Hand
einiger fpeziellen Probleme, des Dogmas von der Jungfrauengeburt
, das ihn feit feinem zweiten Semefter be-
fchäftigt, der Lehre von der Heilsbedeutung des Todes
Chrifti, des alles beherrfchenden Dogmas von der Infpiration
der heiligen Schrift, wird die innere Geiftesarbeit
veranfchaulicht, die allmählich die Befreiung des jungen
Theologen herbeiführt. Daß hier vieles aus dem Leben
gegriffen und der Wirklichkeit abgelaufcht fein muß, wird
kein Kundiger bezweifeln. Auch kann es die Wirkung
der Schrift nur erhöhen, daß der Verf. keinen Ausnahmefall
fchildert und zu feinem Helden einen nicht hervorragend
begabten, fondern einen braven, durch warme
Frömmigkeit ausgezeichneten, treuen, arbeitsfrohen, wahrheitliebenden
Durchfchnittsftudenten gewählt hat. Der-
felbe lieft fleißig feine Bibel im Grundtext, hat dagegen
von Philofophie kaum eine dunkle Ahnung, fcheint Feuerbach
und felbft Kant nur vom Hörenfagen zu kennen

(63. 65), und erzählt gelegentlich, er habe von ,einem
Philofophen gelefen, der war mit dem Kopfe ein Heide
und mit dem Herzen ein Chrift. Ähnlich ift's bei mir
auch' (68). Die Profefforen, die unfer Student zu hören
kriegt, find zum Teil wunderliche Käuze; fie behandeln
ausführlich ganz nebenfächliche Dinge; an den Hauptproblemen
, auf welche alles ankäme und denen der
wiffensbegierige junge Mann mit großer Spannung entgegen
fieht, fchießen fie vorbei oder fie drücken fich um
die Fragen herum. Nicht in ihrer Schule, fondern durch
Privatlektüre und Selbftftudium weiß fich der junge Mann
befonders gefördert. Zwei Schriften haben erlöfend, aufklärend
und erbauend auf ihn gewirkt, Die Bedeutung
der heiligen Schrift für den evangelifchen Chriften, von
Haupt, und Herrmanns Verkehr des Chriften mit Gott
(77ff.; 82ff.). Das läßt ihn der gegen die ungläubigen
Profefforen fehr mißtrauifche Graf, in deffen Familie er als
Hauslehrer tätig ift, dadurch entgelten, daß er ihn nicht
zum Nachfolger des penfionierten Pfarrers an der Stelle
empfiehlt, die der Graf zu vergeben hat. Neben diefem
gefinnungstüchtigen Junker, der feinen Kaplanen Geld zu
Badereifen fchenkt, ziehen mancherlei Gehalten an den
Lefern vorbei, — disputierluftige Kommilitonen und Vereinsbrüder
, hochorthodoxe von keinem Hauch des modernen
Lebens berührte Pfarrer, einzelne Laien, die ihre
Pfarrer durch Strammheit der Überzeugungstreue noch
übertrumpfen, eine um den orthodoxen Ruf des Neffen
höchft beforgte Tante. Einen wohltuenden Abfchluß
bildet der Bericht über den langen Spaziergang mit
dem Vater. Ein aufrichtiges Gefpräch zwifchen beiden
führt zu einer freundlichen Verftändigung. ,Vater, ich
glaube: Dein Weg und mein Weg find gar nicht ganz
verfchieden. In der Dogmatik find wir verfchieden, aber
im Glauben nicht. Vater, bitte, erkenne mich an als einen,
der mit dir im Glauben einig ift. Und der Vater, mit
einem fetten Blick in meine Augen: Willft du über acht
Tage auf meiner Kanzel predigen?' (95). In diefen verhöhnenden
Akkord klingen alle Diffonanzen aus. Wir legen
das Buch mit den beften Hoffnungen aus der Hand: follte
die Tante auch nicht gewonnen werden, fo wird der
treffliche Kandidat fich gewiß zum tüchtigen Pfarrer
auswachfen, feine theologifche Bildung durch ein bißchen
Philofophie ergänzen, und durch feine Berufstreue, feine
Liebestätigkeit und feine Herzensfrömmigkeit fowohl den
orthodoxen Heißfpornen als den Nörglern, die ihn etwa
nicht modern genug finden follten, fchließlich doch noch
imponieren.

Straßburg i. E. P. Lobflein.

Grimm, Eduard, Theorie der Religion. Leipzig, M. Hein-
sius Nachf. 1908. (IX, 237 S.) 8° M. 4 —

Das Buch, das der theologifchen Fakultät zu Jena
zur dreihundertfünfzigjährigen Jubelfeier der Hochfchule
gewidmet ift, kündigt eine Theorie über das Wefen der
Religion an. Als feine Hauptaufgabe bezeichnet es die,
zu zeigen, ,aus welchen Wurzeln Religion erwächft und
immer wieder erwachfen muß'. Doch foll gleich hier
bemerkt werden, daß, was man das transzendentale Problem
' und was man das ,genetifche Problem' zu nennen
pflegt, nicht fcharf auseinander gehalten wird. Das heißt:
gemäß der älteren Praxis wird die Frage nach der Wahrheit
und Gültigkeit der Religion vielfach zugleich erörtert
mit der nach ihrer Entftehung und Entwicklung.

Eine kurze Einleitung betrifft die wiffenfchaftliche
Erforfchung der Religion und gipfelt in der Thefe, daß
die Religionsphilofophie einer befonderen Methode bedürfe
, die fich ,aus der Eigenart des Gegenftandes felbft
ergeben' müffe. Im übrigen zerfällt das Buch in drei Teile.

I. Allgemeiner Teil. Das Wefen der Religion. Hier
ift zunächft davon die Rede, wie der Menfch zur Religion
gelange. Es gilt alfo eine pfychologifche Analyfe. Drei
,formale' Triebe fpielen nach der Meinung des Autors