Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1909

Spalte:

177-179

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fox, George

Titel/Untertitel:

Aufzeichnungen und Briefe des ersten Quäkers. In Auswahl übersetzt von Marg. Stähelin 1909

Rezensent:

Tschackert, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

ijj Theologifche Literaturzeitung 1909 Nr. 6. 178

geglaubt, die nicht gegeben ifl, fondern deren Dafein
und Zuverläffigkeit man erft auf ihre eigene Auktorität
hin annehmen muß, ehe man ihre Ausfagen als auktori-
tative anerkennen kann. Der Zirkel, den diefer auf Gott
bezogene Auktoritätsglaube enthält, muß notwendig, wenn
der Skeptizismus vermieden werden foll, zur Annahme
einer irrationalen Gewißheitsquelle führen, die nicht
mehr auf theoretifchem Gebiete liegen kann, fondern
praktifch-religiöfer Art fein muß. Die fyflematifche Form,
die diefe unumgängliche Annahme erhält, ift gewiß bei
Kant eine andere als bei Duns Scotus. Im peripateti-
fchen Denkfchema ift es die göttliche causa efficiens, formales
und finalis, die in der Gnadeninfufion fich den
menfchlichen Intellekt affimiliert, fo daß in diefem das
inniti primae veritati propter se ipsam und damit die
apriorifche Einficht in die Wahrheit der theologifche n
Sätze zuftandekommt, im Kantifchen Schema ift es das
apriori der praktifchen Vernunft, deffen notwendige
Forderungen zu den religiöfen Poftulaten führen. Gerade
die völlige Verfchiedenheit der Denkformen läßt aber
die fachliche Parallele zwifchen Kant und dem Scharf-
finuigften unter den Scholaftikern nur um fo deutlicher
hervortreten.

Halle a. S. K. Heim.

George Fox. Aufzeichnungen und Briefe des erften Quäkers.

In Auswahl überfetzt von Marg. Stähelin. Mit einer
Einführung von Profeffor D. Paul Wernle. Tübingen,
J. C. B. Mohr 1908. (XX, 324 S.) gr. 8° M. 5 —;

geb. M. 6.40

Im Jahre 1691, am 13. Januar, ftarb George Fox,
der Begründer der Quäkerfekte. Die gefchichtliche Er-
fcheinung diefes Mannes und der von ihm beeinflußten
Gefellfchaft der ,Freunde' muß man aus den eigentümlichen
religiöfen und kirchlichen Verhältniffen Englands
verflehen. Die unter Eduard VI. und Elifabeth vollzogene
Reformation hatte die englifche Kirche im halben Katholizismus
flecken gelaffen; es fehlte die Freiheit der Gemeinden
, der Kultus war fchematifiert, das chriftliche
Leben veräußerlicht. Gewaltig machte im XVII. Jahrhundert
das Diffentertum dagegen Front; aber felbft der
Independentismus, wie ihn Oliver Cromwell vertrat, er-
fchien den freiheitsdurfligen Frommen noch nicht weitgehend
genug, weil er wohl die Selbftändigkeit der Gemeinden
, nicht aber die Freiheit des Einzelnen garantierte.
Da fetzt Fox ein mit feinem extremen fpiritualiftifchen
Individualismus, losgelöft von allem gefchichtlichen
Chriftentum, von der Kirche, ihrem Kultus und ihren
Sakramenten. Fox ift fleh bewußt, einen göttlichen
.Samen' (fo genannt nach I. Petrus 1) in fleh zu tragen,
das ,innere Licht', das ihn erleuchtet und leitet, Chriflus |
in ihm oder die Gnade, die ihn erfaßt und wie die Ausdrücke
fonft lauten. Aber was er da aus feinem ,inneren j
Lichte' in feinen Anfprachen und Briefen vorbringt, be-
fteht meift aus Reminiszenzen, Sprüchen und Bildern,
atts der Bibel, hauptfächlich aus den altteflamentlichen 1
Propheten, aus Sprüchen Jefu und Worten der Apoftel.
Ein unfludierter Laie, der er war, von dem nicht einmal i
ficher ift, ob er überhaupt eine einigermaßen beffere
Schulbildung genoffen hat, ift er in feiner Bibel zuhaute;
mit heiligem, wuchtigen Ernfte läßt er feine Stimme j
erfchallen ganz nach Prophetenart, und für fleh fucht er i
nichts, ein Menfch von makellofer Aufrichtigkeit, Frömmig-
keit, Selbftlofigkeit, erfüllt von dem Bedürfnis, ehrlich
Liebe zu üben und edle Menfchlichkeit zu fördern und 1
z-u verbreiten. Aber wenn er fleh und feine Hörer auf den '
.Geiff verweilt und nicht auf die Schrift, fo bewegt er fleh !
unbewußt beftändig in der Selbfttäufchung, als ob feine j
Rede rein aus dem unvermittelten .Geifte' flöffe, während ,
fie meift nur ein Echo aus biblifchen Schriftftellen ift. Er,
der gegen die Kirche Krieg führte, hat hauptfächlich mit

dem Inhalte ihres heiligen Buches die Gegner niederzu-
fchmettern gefucht. Aber er lieft nur Individuelles, nur
Subjektives aus ihr heraus und verkündet das nur im
,Geifte', fobald er ihn über fleh gekommen fühlt. Da
predigt er Buße, erweckt die Sünder, wettert gegen die
Priefter, {traft die ungerechten Richter, fchont kein An-
fehen der Perfon, nennt jeden Menfcheu ,Du', nimmt
vor niemand den Hut ab, fchwört keinen Eid, kämpft
gegen das englifche Nationallafter der Trunkfucht, leitet
jeden, der zu ihm kommt, zu heiligem Leben an, fammelt
feine /Freunde' zu einer Gemeinfchaft, die allen Martyrien
trotzt und fleh fchließlich, wenn auch nur in kleinem
Umfange, ihrem eigenen Wefen gemäß durchfetzt. Sie
haben, hundert Jahre vor der franzöfichen Revolution,
in Pennfylvanien aus chriftlich-religiöfer Menfchenachtung
die allgemeinen Menfchenrechte nicht bloß theoretifch
verkündigt, fondern auch praktifch durchgeführt, indem
fie die Sklaverei abfehafften und den Frauen gleiche
Rechte mit den Männern gewährten. Die kulturelle Bedeutung
der ,Freunde' oder, wie fie von ihren Gegnern
genannt wurden, der .Quäker' (Zitterer, wegen ihrer kon-
vulfivifchen Bewegungen in Gerichtsverhandlungen), flieht
über allen Zweifeln feft; fie liefern auch heute noch den
Beweis, daß man in einem kleinen Gemeinfchaftswefen,
wo einer den anderen erzieherifch kontrolliert und leitet,
mit den Prinzipien der religiöfen Freiheit und der aufrichtigen
Menfchenliebe gut auskommt. Zur Durchführung
einer Weltmiffion aber, auf die Fox auch losarbeitete,
eignen fleh die quäkerifchen Prinzipien durchaus nicht:
die Quäker flehen gefchichtlich bis heute in einem füllen
Winkel, abfeits von Kirche, Staat und — moderner Kultur.

George Fox wurde 1624 zu Drayton in England von
armen rechtlichen Webersleuten geboren. Als er 12 Jahre
alt war, gab ihn fein Vater in die Lehre zu einem Schuhmacher
, der zugleich Viehzüchter, Woll-und Lederhändler
war. So wurde auch er Schaf- oder Viehzüchter. In
feinem 20. Lebensjahre fagte er fleh von feinen Verwandten
und Bekannten los, da ihr Leben ihm nicht
zufagte, und führte von da an ein unftetes Wanderleben
als Bußprediger unter härteften Entbehrungen und Kämpfen
, geleitet allein von feinem .inneren Lichte', gekleidet
in ein Wams und Hofen von Leder, weil er diefe Art
Kleidung für einfach und dauerhaft hielt. In reifen
Mannesjahren, als fein ftürmifcher Eifer fleh einigermaßen
abgeklärt hatte, begann er, wahrfcheinlich mit Benutzung
von tagebuchartigen Aufzeichnungen, fein Lebenswerk
in Form einer Autobiographie darzuftellen. So entftand
fein jjournal', das drei Jahre nach feinem Tode von
feinem Freunde und Anhänger William Penn herausgegeben
worden ift: A Journal 0/ the life etc. of G. Fox
iöp^; neue Ausgabe in zwei Bänden London 1827. Diefe
Hauptquelle des Lebens von G. Fox ift von den Forfchern
der Kirchengefchichte des XVII. Jahrhunderts, zuletzt von
Buddenfleg in feinem Artikel .Quäker' in RE.:! 16, 356 ff.
benutzt. Aber in Deutfchland werden außer den Spezial-
forfchern wenig Menfchen von diefer eigenartigen Ge-
fchichtsquelle Kenntnis haben. Darum ift es mit Dank zu
begrüßen, daß Fräulein Margarethe Stähelin, die
Tochter des Bafeler Kirchenhiftorikers, das Journal ins
Deutfche überfetzt und fo zur bequemen Kenntnisnahme
dargeboten hat.

Die Grundfätze, nach denen fle verfahren ift, wird
man nur billigen können. Da das Werk von Fox an
ermüdender Breite und monotonen Wiederholungen leidet
, mußte es in der Überfetzung verkürzt werden. Man
hätte der Überfetzerin den Rat erteilen follen, die Verkürzung
noch energifcher vorzunehmen. Um Fox' Eigenart
kennen zu lernen, hat man an 50 Seiten Lektüre
diefes Tagebuches gerade genug; nun follen wir über
300 Seiten lefen, immer über dasfelbe Thema, nur Orte
und Perfonen wechfeln; wem würde das nicht auf die
Dauer langweilig? — Aber die Überfetzung lieft fleh gut.
Druck und Ausftattung find anfprechend. Und fo kann